Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?

… dass der Markt für „anspruchsvolle“ SF & Fantasy (was eben nicht automatisch mit „langweiliger“ oder „anstrengender“ SF & Fantasy gleichzusetzen ist) in Deutschland voll und ganz im Arsch ist, um es mal drastisch auszudrücken.

Das schrieb mir ein Freund – den ich für einen ausgezeichneten Kenner der Phantastik und des Buchmarkts in Deutschland halte -, per E-Mail in einer Unterhaltung über die aktuellen Verlagsvorschauen Phantastik. Und nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, kann ich ihm nur zustimmen. Den großen Publikumsverlagen wird oft (auch von mir) vorgeworfen, sie würden zu wenig anspruchsvolle, originelle und oder besondere Phantastik abseits der Mainstreams veröffentlichen. Und wenn sie es dann mal tun, kauft es keiner.

Im folgenden Artikel werde ich zunächst definieren, was ich unter anspruchsvoller Phantastik verstehe. Ich werde einige Beispiele von gefloppten Titeln anführen und auch AutorInnen vorstellen, die leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, es aber eigentlich gehören. Des Weiteren werde ich versuchen, darauf einzugehen, warum solche Titel es so schwer haben und ob es dafür bei uns überhaupt noch eine Leserschaft gibt.

Was ist mit anspruchsvoller Phantastik gemeint?

Unter anspruchsvoller Phantastik verstehe ich Bücher, die komplex und herausfordernd geschrieben sind, die auf einer intellektuellen Ebene zum Denken anregen, die gesellschaftliche, moralische oder sonstige Gegebenheiten hinterfragen. Aber auch Bücher, die auf einer ästhetischen und stilistischen Ebene fordern und sich von der breiten Masse abheben, die Außergewöhnliches leisten, das man nicht alle Tage liest. Oder Romane, die einfach aus den üblichen Klischees ausbrechen, die nicht zum xten-Mal Tolkien oder Lovecraft nacheifern. Die nicht einfach die klassische Heldenreise oder Questenfantasy mit Orks, Elfen und Zwergen reproduzieren, oder in einem typischen Mittelalterszenario spielen. Das soll nicht heißen, dass ich andere Phantastik als anspruchslos oder in irgendeiner Form als minderwertig abtue. Sie hat einfach einen anderen Anspruch und ein anderes Zielpublikum. Und ich lese sie auch immer wieder gerne. Aber je mehr Phantastik ich in den letzten 25 Jahren gelesen habe, desto mehr sehne ich mich nach Originellem jenseits der üblichen Schemen.

Bücher von AutorInnen wie China Miéville, Neal Stephenson, Becky Chambers, Greg Egan, Seth Dickinson, Ursula K. Le Guin, Carolyn Ives Gilman, Hal Duncan, Mervyn Peake oder Gene Wolfe.

Warum hat sie es so schwer?

Seit 1995 lese ich Fantasy, Horror, Science-Fiction und alles, was dazwischen fällt und darüber hinausgeht. Was ich, vor allem seit Erfolg der Herr der Ringe-Filme und der boomenden Völkerfantasy immer wieder beobachten konnte: Viele FantasyleserInnen möchten immer mehr vom Gleichen lesen. Bücher, die so ähnlich sind wie XYZ. Brechen Bücher aus diesen Schemen aus, sind sie irritiert und enttäuscht, weil sie nicht das erwartete Leseerlebnis in relativ vertrauten Welten erhalten haben. Bei Science Fiction scheint die Bereitschaft für Neues aufgrund der spekulativen Natur des Genres etwas größer zu sein, aber nicht ohne Grund hat eine Endlosserie wie Perry Rhodan seit 50 Jahren großen Erfolg.

Man möchte zum einen ein vertrautes Lesegefühl reproduzieren, zum anderen nach einem anstrengenden Tag beim Lesen nur entspannen und abschalten, nicht noch komplizierte Schachtelsätze lesen und sich mit großen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.

Deshalb folgten nach dem Erfolg von Stan Nicholls‘ Die Orks auch Die Zwerge, Die Elfen, Die Trolle, Die Goblins, Die Drachen, Die Vampire, Die Werwölfe, Drachenelfen, Orks vs. Zwerge usw. Bei scheinbaren Endlosserien wie das Rad der Zeit, Die Saga vom Dunkelelfen, Shannara, Das Schwert der Wahrheit uvm., kehrt man wie bei einer Daily Soap immer wieder in vertraute Gefilde zu vertrauten Figuren zurück, wie zu einer Familie.

In der Flut dieser Titel und der Kapuzen-Heini-Assassinen-auf-dem-Cover-Fantasy wurden immer wieder einzelne Stimmen laut, die anspruchsvollere, originellere oder einfach andere Fantasy forderten. Und wenn die Verlage dem nachgekommen sind, floppten diese Titel oft.

Hier ein paar Beispiele:

Als The Grace of Kings von Ken Liu 2015 im englischen Original erschien, kaufte ich es mir sofort in der teuren Hardcoverausgabe und war ganz fasziniert von diesem chinesischen Setting; der ungewöhnlichen Erzählweise, die von distanzierter Panoramasicht, immer wieder ins epische Geschehen hereinzoomt, und der Komplexität der Geschichte. Als das Buch 2017 dann auf Deutsch unter dem Titel Die Schwerter von Dara: Seidenkrieger erschien, floppte es gewaltig. Auf Amazon erhielt es gerade mal 2 Rezensionen. Die Fortsetzung, in zwei Bände aufgesplittet, erscheint immerhin noch, aber nur als Taschenbuch.

Nun könnte man natürlich hinterfragen, ob es eine kluge Entscheidung war, ein so sperriges Buch mit so ungewöhnlichem Setting als teueres Hardcover auf einen Buchmarkt zu werfen, der vor allem auf Taschenbuch und Trade Paperback ausgerichtet ist (außer man ist Klett Cotta). Das setzt die Hemmschwelle zum Kauf, die aufgrund des eben ungewöhnlichen Settings, schon sehr hoch ist, noch ein paar Stufen höher. Ein ähnliches Schicksal wiederfuhr auch David Mealings Die Seele der Welt, mit einem kolonialistischen Setting.

Aber auch im Trade Paperback (Klappenbroschur) können solche Titel floppen. Wie zum Beispiel Die Verräterin von Seth Dickinson. Im Original hat das den verführerischen Titel The Traitor Baru Cormorant, der mich direkt neugierig gemacht hat. Warum ist Baru eine Verräterin und wenn verrät sie? Ebenfalls ein ungewohntes Setting, mit noch ungewöhnlicherer Protagonistin und einer sehr distanzierten Erzählweise. Ein sehr aufregender und brandaktueller Roman, der viele gesellschaftliche Normen hinterfragt. Hat auch nicht ausreichend Käufer gefunden. Band 2, The Monster Baru Cromorant, der gerade auf Englisch erschienen ist, wird nicht ins Deutsche übersetzt.

Aber auch Fantasyreihen/serien, die nicht ganz so außergewöhnlich sind, aber doch originell genug, um nicht als Stangenware zu gelten, werden oft nach einigen Bänden wieder eingestellt. Zum Beispiel Dolch und Münze von Daniel Hanover (Abraham) oder Legende von Isaak von Ken Scholes.

Von Robert Jackson Bennetts The Divine Cities-Trilogie sind immerhin alle drei Bände erschienen, erhielten aber auch nur sehr verhaltene Aufmerksamkeit.

Und warum ist Michael Marraks wunderbar originelle Zukunftsvision Der Kanon mechanischer Seelen nicht in einem großen Verlag mit viel Marketing erschienen? Nicht, dass ich Amrun, den Erfolg nicht gönnen würde.

Fehlt der lange Atem?

Fehlt den Verlagen der lange Atem, die LeserInnen anspruchsvoller Phantastik zurückzugewinnen (so es sie den gibt)? So in etwa fragte mein Freund. Geht es um übersetzte Reihen und Serien werden diese immer schneller eingestellt. Was dazu führt, dass immer mehr Leser mit dem Kauf von Band 1 warten, bis alle Teile erschienen sind. Was ein Teufelkreislauf ist, denn je weniger Band 1 kaufen, desto geringer sind die Chancen, dass es mit der Reihe weitergeht. Weshalb viele Verlage inzwischen verschweigen, dass es sich um den ersten Band einer mehrteiligen Reihe/Serie handelt. Was die Leser aber auch immer misstrauischer werden lässt, die sich dann verarscht vorkommen. Inzwischen arbeiten Verlage auch lieber mit Trilogie als mit Endlosserien. Da kann man notfalls bei Erfolg noch weitere Trilogien nachschieben, sie bei Mißerfolg aber als abgeschlossene Geschichte betrachten. Einzelromane sind in der Fantasy leider immer noch eine Seltenheit, in der Science Fiction trifft man sie öfters an.

Die wirklich großartige und außergewöhnliche Craft-Sequence von Max Gladstone umfasst in der amerikanischen Originalausgabe sechs Bände, obwohl sie sich schon von Band 1 an nicht gut verkauft hat. Warum hat der Verlag Tor sie trotzdem gebracht? Weil alle im Verlag sie so toll finden. Und da Tor mit Tom Doherty noch einen Verleger der alten Schule als Chef hat, können sie sich das erlauben. Obwohl Tor inzwischen zu Macmillan gehört, die wiederum Holtzbrinck gehören, so wie auch S. Fischer und Droemer Knaur. Tor Books kann sich deswegen auch eine so umfangreiche Seite wie Tor.com leisten, die inzwischen auch herausragend originelle Novellen veröffentlicht. In Deutschland undenkbar (zumindest zwei Novellen-Mehrteiler davon erscheinen demnächst als Sammelband in Deutschland, jene von Martha Wells bei Heyne und von Seanan McGuire bei Fischer Tor).

Da wird viel mit Querfinanzierung gearbeitet, wenige Besteller finanzieren die anderen Liebhabertitel. Das hat Heyne früher zum Beispiel auch unter Wolfgang Jeschke gemacht, der von Rolf Heyne freie Hand erhalten hatte. Doch die meisten Verlage gehören inzwischen zu großen Konzernen, Heyne gehört ebenso wie Blanvalet zu Random House und die wiederum zu Bertelsmann. Da übernehmen immer mehr die Controller das Kommando, der Spielraum für die Lektoren und Redaktionen wird immer enger. Prestigetitel werden eine Seltenheit, die Ansage lautet: mit immer weniger Titeln mehr Gewinn/Umsatz zu generieren.

Für Experimente bleibt wenig Spielraum, und wagt man es doch mal und fällt auf die Schnauze, wird man in Zukunft noch vorsichtiger. Natürlich erscheinen immer wieder löbliche Ausnahmen. Wie z. B. Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie im Kunstmann Verlag, oder die Bücher von David Mitchell (Der Wolkenatlas, Die Knochenuhren) und Matt Ruff (Fool on the Hill, Lovecraft Country) bei Verlagen, die keine speziellen Phantastikprogramme haben, sondern diese unter der allgemeinen Belletristik mitführen. Oft sind es engagierte Kleinverlage, die sich was trauen, wie Kunstmann mit VanderMeer, von dem sich auch noch Borne gebracht haben. Oder Kein & Aber, die Das Buch der seltsamen neuen Dinge von Michael Faber veröffentlich haben, das ich zwei Jahre zuvor schon im Original gelesen habe, als Amazon einen Serienpiloten dazu produzierte. Ein sehr literarisches, ruhiges und poetisches Buch, toll geschrieben, aber nicht so leicht zugänglich.

Aber, wenn der deutschsprachige Buchmarkt für anspruchsvolle Phantastik nicht im Arsch wäre, warum ist dann noch kein Buch von Max Gladstone auf Deutsch erschienen? Warum noch nichts von Sofia Samatar, Kameron Hurley, Elizabeth Bear und Nina Allan. Warum noch keine Hard-SF von Yoon Ha Lee oder Tom Toner? Warum gibt es The Vorrh von Brian Catling nicht auf Deutsch – für mich ein Meisterwerk der modernen Phantastik? Warum erscheint China Miévilles neuestes Werk in einem Kleinverlag (immerhin noch)?

Apropos Kleinverlag

Seit seiner Gründung 2010 hat sich Golkonda zu einer der Topadressen für anspruchsvolle und außergewöhnliche Phantastik entwickelt. Das hat vor allem funktioniert, weil der Verlag von Übersetzer und Buchhandlungsbesitzer Hannes Riffel nebenher als Liebhaberprojekt betrieben wurde, der zwar darauf abgezielt hat, mit keinem Titel rote Zahlen zu schreiben, aber auch nicht auf die gleichen Verkaufszahlen angewiesen war, wie ein großer Verlag mit festen Mitarbeitern. Golkonda hat mit einem großen Netzwerk von Freunden und Bekannten gearbeitet, die aus Liebe zur Literatur auch mal zum Freundschaftspreis mitgemacht haben, aber keine Honorare erhielten, von denen man leben konnte. Um mal deutlich zu machen, wie Kleinverlage in Deutschland funktionieren. Hinzu kam mit Karlheinz Schögl noch ein leidenschaftlicher Investor. Inzwischen wurde Golkonda an den Europa Verlag verkauft, hat festangestellte Mitarbeiter und muss mit anderen Zahlen operieren als bisher. Bringt bisher aber immerhin noch so außergewöhnliche Werke wie John Crowleys Ka.

Als zweites Beispiel möchte ich noch den Arctis Verlag anführen, der 2017 mit einem anspruchsvollen Phantastikprogramm an den Start ging, das mich an Golkonda erinnerte. Da erschien zum Beispiel Der Klang der Erinnerung von Anna Smaill, Gewinnerin des World Fantasy Award 2016. Doch nur ein Jahr später gab Arctis bekannt, ganz auf Jugendbuch umzusteigen. Das anspruchsvolle und originelle Programm hat offenbar nicht funktioniert.

Gibt es die Leser solcher Phantastik überhaupt noch in Deutschland?

Weiter oben erwähnte ich schon, dass viele LeserInnen mehr vom Selben oder zumindest Ähnliches lesen möchten. Was aber nicht heißt, dass es keine LeserInnen gibt, die aus den üblichen Schienen ausbrechen möchten. Schaue ich mir entsprechende Titel, die noch nicht auf Deutsch erschienen sind, bei Amazon an, finde ich fast immer auch ein paar deutschsprachige Rezensionen dazu, die von LeserInnen verfasst wurden, die es im Original gelesen haben.

Ich vermute mal, viele lesen direkt auf Englisch, weil sie entweder Übersetzungen nicht vertrauen; oder nicht auf die Übersetzung warten wollen; oder einfach gerne auf Englisch lesen, weil sie die Sprache mögen und ihr Sprachgefühl lebendig halten wollen. Was bei mir der Hauptgrund ist. Manchmal will ich aber auch nicht warten, vor allem, wenn gar nicht feststeht, ob überhaupt eine Übersetzung kommt. Solche LeserInnen hat man vermutlich auf Dauer verloren. Mich zum Glück nicht, da ich immer wieder gerne lese, was meine Übersetzerkolleginnen so verfassen. Und da gibt es richtig tolle Übersetzungen in phantastischem Deutsch.

Der Buchmarkt

Hört man sich in der Buchbranche um, dann ist gar der gesamte Buchmarkt im Arsch (nicht nur der für anspruchsvolle Phantastik). Sechs Millionen LeserInnen sollen an Netflix und Co. verloren gegangen sein. Gleichzeitig ist aber der Umsatz gleich geblieben, weil die verbliebenen Leser mehr gekauft haben. Ich habe ja kürzlich behauptet, es erscheinen zu viele Bücher, und das denke ich noch immer. Aber es erscheinen (in der Phantastik) vor allem die falschen Bücher, viel zu viel austauschbare Stangenware, der das Alleinstellungsmerkmal fehlt und die zu schnell geschrieben wurde, weil die Autoren zu niedrige Honorare erhalten und zu viele Bücher pro Jahr schreiben müssen oder die Verlage vermeintlichen Trends hinterherhecheln.

Die Verlage kürzen ihre Phantastikprogramme immer weiter (obwohl paradoxerweise insgesamt trotzdem mehr Bücher erscheinen), legen lieber Klassiker neu auf oder Bücher, die vor ein paar Jahren schon einmal unter anderem Titel erschienen sind. Für uns Phantastikübersetzer wird die Auftragslage immer schwieriger, wie ich inzwischen vermehrt von Kollegen mitbekommen habe. Es wird insgesamt viel gespart und gekürzt bei den Verlagen.

Aber es erscheinen natürlich weiterhin Bücher, es wird immer noch einiges übersetzt, doch der Anteil der anspruchsvollen und originellen Phantastik scheint mir in den Programmen zu schwinden, was man eben auch daran festmachen kann, was alles nicht übersetzt wird. Man muss sich nur mal anschauen, wie viele der Gewinnerinnen des World Fantasy Awards nicht ins Deutsche übersetzt wurden.

Was tun?

Kein Ahnung.

Wie sieht es bei euch aus? Lest ihr gerne anspruchsvolle, originelle, außergewöhnliche Phantastik abseits der üblichen Klischees und Szenarien? Und wenn ja, seit ihr mit dem deutschsprachigen Angebot zufrieden? Lest ihr mehr auf Englisch?

 

Nachtrag: Ein Magazin oder Rezensionsportal das einen Schwerpunkt auf diese Literatur gesetzt hat und sie regelmäßig vorstellt, fällt mir jetzt nicht ein. Aber die Phantastik Bestenliste hat jeden Monat einige interessante Titel dabei. Und Josefsons stellt in seiner SF & F Rundschau auch immer ein paar originelle Bücher vor, vor allem, was englischsprachige Titel angeht.

15 Gedanken zu “Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?

  1. Ich habe bereits vor einigen Jahren aus erster Hand von einem namhaften und großen deutschen Verlag erfahren, dass die wichtigste Person im Verlag nicht mehr die Programmleitung, irgendwelche leitende Lektor/innen oder andere Verantwortliche sind, sondern der Key Account Manager, der die Preise mit Amazon aushandelt.

    Es ist daher nur konsequent, dass in der zunehmenden Konsolidierung des deutschen Verlagswesens freie Entscheidungen für künstlerisch anspruchsvolle Produkte zunehmend in den Hintergrund treten, weil die Reihenproduktion in der Regel (und das heißt nahezu ausnahmslos, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier) mehr Geld einbringt, als die kleinen Versuchsballons in Richtung ungewohnter Stile oder Inhalte.

    Ich bin der Überzeugung, dass auch heute noch immer großartige Bücher herausgebracht werden, weil es Einzelkämpfer/innen gibt, die sich für ein Thema stark machen – aber die Konkurrenz wird nicht geringer, sondern immer stärker, auch weil die technologische Entwicklung dem Buch an vielen Stellen den Rang abläuft.

    Menschen konsumieren Inhalte, und je mehr Medien es gibt, umso härter ist der Konkurrenzkampf. Im direkten Vergleich zu Kinos, TV& Radio, dem Netz im Allgemeinen, Netflix & Co. im Besonderen schneidet das Buch zunehmend schlechter ab.

    Und wenn wir ganz ehrlich sind – wieviele deutsche Verlage gibt es, die über den Tellerrand hinausschauen? Wieviele Buchhandlungen, die über den üblichen Kosmos hinausblicken? Wieviele Medien, die über das Buch noch ernstnehmend und positiv berichten?

    Überall gibt es Ausnahmen – es gibt die leidenschaftlich geführten und erfolgreichen Buchhandlungen; Verlage, die Neues probieren und Erfolg haben; Medien, die dem Buch offen und begeistert gegenübertreten und berichten.

    Aber im Großen und Ganzen?

    Tja.

    Vielen Dank für Deinen wohldurchdachten Beitrag zu diesem Thema; ich glaube, er fasst gut zusammen, was viele zu dieser Frage seit geraumer Zeit denken. Allerdings weiß ich im Augenblick auch nicht genau, wie man diesem Problem soll – ich kenne einige vielversprechende oder bereits gut funktionierende Projekte, bei dem ich mich, so weit ich kann, beteilige. Aber das sind in der Regel Liebhabereien, von denen der normale Mensch nicht leben kann.

    • „Ich bin der Überzeugung, dass auch heute noch immer großartige Bücher herausgebracht werden, weil es Einzelkämpfer/innen gibt, die sich für ein Thema stark machen“ – Das bin ich auch. Aber es ist wohl schwieriger für sie geworden. Hier und da habe ich mitbekommen, wie schwierig sie es haben, manche Titel im Verlag durchzusetzen. Meine Hochachtung dafür.

  2. Guter Artikel, für mich vor allem deshalb, weil Du einfach mal zusammenfasst, was man Deiner Meinung nach mal anschauen sollte, wenn man den Einheitsbrei satt hat.
    Hast ja in der Vergangenheit oft genug Recht gehabt.

    So. Nenn ich das jetzt SuperSUB?

  3. es gibt keine Art, wie das jetzt nicht als Werbung rüberkommen kann, aber aus ebensolchen Überlegungenn heraus haben wir von Whitetrain/Nighttrain (Kleinst“verlag“) uns einige aktuelle Weird-Autoren zur Übersetzung vorgenommen 😉 Viele Leser interessiert das wohl nicht, trotzdem muss es gemacht werden.

    • Auf dem Bucon hatte ich in Michael Schmidts Exemplar reingeschaut. Fand ich ganz interessant, vor allem, weil ich gerade selbst eine Kurzgeschichte von Laird Barron übersetzt habe. Ich schrieb ja schon im Horrorforum: „Im Artikel vergaß ich es zu erwähnen, aber ich warte immer noch darauf, dass John Langans The Fisherman übersetzt wird. Paul Tremblay ist jetzt immerhin bei Festa und Heyne gelandet. Von Laird Barron ist noch ganz viel unübersetzt (bisher sind ja nur vereinzelte Kurzgeschichten erschienen und nur eine Kurzgeschichtensammlung). Das gleiche gilt für Victor LaValle, der mit The Changeling so einige Preise abgeräumt hat, wie zuletzt z. B. den World Fantasy Award. „

  4. Vielen Dank für den wunderbaren Artikel! Bezeichnend für die Situation ist, dass die einzige namhafte Literaturagentur, die auf Fantasy spezialisiert war (Schmidt & Abrahams), 2014 aufgelöst wurde (zumindest konnte ich keine andere finden). Weshalb dieser Schritt nach 10 Jahren unternommen wurde und 90 Autoren aus dem fantastischen Genre zu anderen Agenturen wechseln mussten, konnte ich nicht recherchieren. Meine Vermutung: es hat sich nicht mehr AUSGEZAHLT, eben wegen den im Artikel beschriebenen Umständen.

    Weiteres Symptom: nur wenige Agenturen erklären sich bereit Fantasy zu vertreten und ohne Agentur gibt es nur sehr schwer einen Platz am Tisch der großen Verlage. Es scheint also, dass sich Fantasy für den Mainstream-Markt nicht rentiert. Ich kann die Verlage verstehen – sie müssen positiv wirtschaften um überleben zu können, da ist die nächste Bilanz näher als der mögliche Erfolg in ein paar Jahren. Sie können es sich schlicht nicht mehr leisten den Nachwuchs behutsam heranwachsen zu lassen – zu stark ist der Wettbewerbsdruck. Da ist es einfacher einen Titel eines bekannten Autors frisch aufzulegen, als etwas Neues zu riskieren. In anderen Bereichen, wie z.B. der Musik, ist es ähnlich.

    Gleichzeitig erleben wir derzeit eine neue Vielfalt an Sub-Genres, Selfpublishern und Kleinstverlagen (zu denen ich gehöre), die es ohne die Digitalisierung nicht geben würde. Der Dschungel an Neuerscheinungen ist unüberschaubar, die Qualität sehr unterschiedlich, dennoch lassen sich auch hier Perlen finden, wenn man danach sucht.

    Mein Fazit: Es gibt den Markt für die breite Masse, das ist der Teich in dem die großen Verlage fischen, von diesem ist wenig wirklich Neues zu erwarten. Daneben gibt es viele kleine Märkte für Fantasyfans der unterschiedlichsten Subgenres, in denen es jedoch wirtschaftlich schwierig ist zu überleben.

    Wie kann es weiter gehen? Diese Situation bietet gleichzeitig eine großartige Chance: alles was von „den Großen“ liegen gelassen wird (seien es unübersetzte Schätze oder deutschsprachige Perlen) kann relativ leicht „eingesammelt“ werden. Dazu braucht es mutige Verleger, Agenturen, Autoren und Portale, die über den Tellerrand blicken, neues versuchen und etwas riskieren. Helden eben! Ich denke, es wird sich lohnen, denn die Fans warten bereits sehnsüchtig darauf. Mein Beitrag dazu: http://element8-fantasy-buecher.com/

  5. Meine Beobachtung ist, dass es da 2 Gruppen gibt. Gruppe 1 schweigt im Internet. Die kauft kommentarlos „eher anspruchslose“ Bücher. Wie auch immer sie davon erfahren. Sie machen sich schlau. Sie kaufen.
    Mitglieder von Gruppe 2 tauschen sich im Internet aus, sagen welche Autoren z.B. sie gut finden, was sie kaufen wollen/würden. Erscheinen die Bücher, kaufen die Nur-Leser (die ja auch davon wissen müssen) diese nicht UND die die vorher meinten, sie würden, kaufen auch nicht.

    Wonach sonst soll ein Verlag irgendwann _überwiegend_ gehen, wenn nicht nach den Bestellungen des Barsortiment? Natürlich probiert man „abseits der Norm“ schon mal, natürlich hört/liest man in Foren mit, was Mann/Frau toll findet und was sie kaufen wollen, gäbe es das. Aber darauf setzen darf/kann man nicht.

    • Ich glaube auch, dass die Rezeption im Internet, auf Blogs wie diesem, in Foren und sonstwo nicht wirklich repräsentativ für die Leserschaft ingesamt ist. Ich würde es nicht als Filterblase bezeichnen, aber wir, die wir gerne über Bücher diskutieren und besondere Bücher vorstellen, haben da eventuell eine leicht verzerrte Wahrnehmung.

      • Man muss halt nur „die Erwartung“ abstreifen, dass Meinungen in SF-Foren z.B. anschließend auch nur ansatzweise Auswirkung auf Verkäufe haben. Dann ist das auch okay, der Austausch – anders kriegt man ja auch keinen Input. Man MÖCHTE aber halt trotzdem bestimmte Bücher nicht „nur“ dann verlegen, sondern auch _verkaufen_. Also, ich zumindest. Und wenn das nicht passiert OBWOHL der Roman „gut“ oder „anspruchsvoll“ ist und der Autor vielleicht noch Mehr davon hat, dann ist das halt alles doof…

  6. Ein wirklich guter Artikel, ich mag mittlerweile auch lieber etwas „anderes“ als das typische Mainstream Angebot, bei dem sich jede Geschichte in der Grunstruktur gleich … aber da sollte man etwas über den Tellerrand schauen und auch mal Selfpublisher ausprobieren, die sind nämlich keinen Verlagsnormen unterworfen und haben teilweise wirklich richtig was auf dem Kasten!

    Bestes Beispiel: Der Fourfold Clan von Melanie Meier – Sci-Fi-Fantasy
    und die Salkurning Trilogie von Loons Gerringer

    Beide komplex, anspruchsvoll und mit sehr genialen Ideen. Kennen noch viel zu wenige. Gerade Salkurning, die drei Bände haben immens viele Seiten, ich hab sie in den letzten Monaten alle drei gelesen und die sind absolut genial! So schade, dass diese Reihe kaum Aufmerksamkeit bekommt!

    Liebe Grüße, Aleshanee

  7. Sehr schöner Beitrag! Man könnte fast einen ganzen Roman dazu schreiben. Aber es ist nicht nur die Phantastik, der es so geht. Im letzten Jahr meinte eine Bekannte von mir, ebenfalls Lektorin (allerdings im LiRo-Bereich), „liest halt keiner mehr, konsumieren nur noch alle“. Das geht mir seither auch nicht aus dem Kopf und ich will noch einen Beitrag dazu schreiben.
    Was mich persönlich davon abgehalten hat, einige der obigen Bücher zu lesen obwohl ich es gern würde, ist schlicht und ergreifend der Buchpreis. Ich frage mich jedes Mal, ob die Titel im Einkauf so teuer sind oder man damit einfach ihre „Besonderheiten“ hervorheben will. Wenn sie dann gebraucht oder über Tausch zu bekommen sind, ist der Verlag meist schon davon überzeugt, keiner interessiert sich dafür, dabei kann ich mir gut vorstellen, dass es mehreren Leuten, gerade auch Viellesern so ähnlich ergeht. Und selbst ist die Enttäuschung groß, wenn nach Band 1 schon Sense ist (z.B. „Die Verräterin“, die ich sehr gern gelesen habe.).
    Neben den üblichen Gründen wie Zeit, netflix und Co. überlege ich übrigens schon eine ganze Weile an der Qualität der meisten Werke auf dem Markt, einfach sprachlich, herum. Vieles wird auch zu schnell produziert, die entsprechenden Mitarbeiter werden mittlerweile so arg im Preis gedrückt, dass sie kaum noch davon leben können bzw. so viele Aufträge annehmen müssen, dass auch hier zwangsläufig die Qualität auf der Strecke bleibt.
    Es ist ein ziemlich negativer Kreislauf, auf den ich schon vor einigen Jahren hingewiesen habe, auch dass ich glaube, er und der Markt werden quasi in sich zusammenfallen. Und sechs verlorene Leser in nur drei Jahren sprechen da schon für sich. Mein einziger Lösungvorschlag nach einem nur sehr kurz angerissenen Gedankengang wäre ebenfalls, wieder die Leute Bücher machen zu lassen, die an die Texte selbst rangehen und eben nicht jene, die sie schlicht verkaufen, egal wie. Denn egal ist das eben gerade nicht.

  8. Moin moin Ihr Orchideen-Schnupperer;
    lieber Markus.

    »Ha-ha! Nun ist Deine Meinung/Empfindung was Lage des deutschen Phantastik-Markts angeht auch da angekommen, wo ich mich seit Jahren (Jahrzehnten?) befinde«, bin ich versucht ernsthaft zu höhnen, aber nein — ich kenne diese Mischung aus Verwunderung, Ratlosigkeit & Frust. Fühlt Euch umarmt, Kammeraden.

    Hab ja seit letzter Woche (Burnout Baby, Burn) viel Zeit zu nachdenken, und nutze die Gelegenheit mich ein wenig von meinen akuten Sorgen zu erholen, indem ich alte Sitten wieder aufleben lasse und etwas ins Internetz kommentiere.

    Ich bin/war ein typischer ›auf Englisch‹-Leser, wenn es um meinen ›anspruchsvolle Phantastik‹-Fix geht. ›War‹, weil ich schon letztes Jahr gemerkt habe, wie wenig Prosa ich auf Deutsch lese, und dass ich deshalb weite Literaturgefilde vernachlässigt habe (Klassiker, Bücher aus Sprachen, wo ich auf deutsche Übersetzungen angewiesen bin). Seit dem habe ich eingelenkt und beschränke mich darauf, nur noch Comics, Hör- & Sachbücher auf Englisch zu verköstigen (bei Goodreads kann man sehen, wie ich mich seit Ende 2017, 2018 gehörig winde, um diesem Vorhaben zu folgen).

    {Einschub imaginärer TEDx-Talk mit Konsumenten-Milieu-Cluster-Grafiken}

    Meine Einschätzung: wer gut genug Englisch kann, um Autoren wie Vandermeer, Miéville, Danielewski, Gladstone, Kelly Link ect pp ff im Original zu lesen, macht das halt einfach. Manche aus dieser Gruppe gönnen sich freilich auch hie & da (aus verschiedensten Gründen) ergänzend deutsche Ausgaben solcher Stoffe, aber das macht das Kraut nicht fett. Die weitaus größerer Gruppe derer, die Phantastik lesen scheinen ja mit dem Angebot auf Deutsch zurecht zu kommen. Zwischen der großen ›Stangenware‹-Leserschaft und der kleinen Gruppe literarischer Feinschmecker klafft eine für die deutsche Gesellschaft immer noch markante U-&-E-Lücke, kurz: hier schlägt die ›Middle Brow‹-Leere zu Buche. Anders gesagt: die Gebildeteren sind nicht angewiesen auf Übersetzungen, und die anderen zu einem Gutteil in vielerlei Hinsicht mit anspruchsvoller Phantastik überfordert.

    Derartige scharfkantige Trennungen mit wenigen Berührungs/Überschneidungs-Flächen ist natürlich eine von vielen Folgeerscheinung des hiesigen Bildungswesens mit seinem vom Stände-Vorurteilen geprägten Klassismus.

    Die Blödmaschinen der Unterhaltungsindustrie (hier vor allem: Kultur & Selbstverständnis der Marketing- & Vertrieb-Abteilungen) tun das Übrige, solche Gräben zu vertiefen bzw. zu verfestigen.

    Als Gegenbeispiel zieh ich gern die franko-belgische Comic-Kultur heran (stay with me): es ist doch verwunderlich, daß sie nach dem anglo-amerikanischen und japanischen den dritt-produktivsten/größten Markt stellt, trotz des bemerkenswerten Abstands bzgl. des Umfangs an potentieller Leser/Käuferschaft dieses Marktes. Und das hat mit allgemeiner Wertschätzung, Traditions-Pflege, Nachwuchsförderung und nicht zuletzt darauf fußendem gesundem Selbstbewußtsein zu tun. Alles Merkmale, die in unserer Phantastik-Szene nur als Spurenelement vorhanden sind.

    Unsere Szene ist zB nur in kleinen (halb)öffentlichen Nischen diskursiv — und kritisches, analytisches Babbeln, bei dem man nicht ratz-fatz als elitär ausgebuht wird, nur weil man sich auch reflektierend mit Belletristik beschäftigt, entsprechend rar. Das Gros der deutschen Phantastik-Kundschaft nähert sich affirmativ und passiv dem Markt: bestätige und bediene mich! Und wie in der Forstwirtschaft führt die daraus entspringende Monokultur zu einer Schrumpfung der Biodiversität.

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