Reread: Tad Williams – Der Drachenbeinthron

Diesen Beitrag gibt es auch auf Fantasyguide.de. Dort hat sich mein Chefredakteur Ralf die Mühe gemacht, all die AutorInnen, die ich nennen mit Links zu Rezensionen und Autorenseiten zu verlinken. Wer also mehr darüber wissen möchte, sollte den Artikel auf dem Fantasyguide lesen. (Ist übrigens spoilerfrei bzw. verrät nicht mehr als der Klappentext).)

Als ich dieses Buch zum ersten Mal Mitte/Ende der 90er Jahre las, war mir gar nicht bewusst, dass es bereits 1989 erstmals erschienen ist. Im Rückblick stellt das einen interessanten Zeitpunkt dar. Man könnte von einem Wendepunkt in der Fantasyliteratur sprechen. Die 70er und 80er Jahre sowie die erste Hälfte der 90er waren durch jene Fantasy geprägt, in denen ein einfacher Bauern/Küchen-oder-sonstwas-Junge verborgene Kräfte entdeckt und damit die Welt vor dem Bösen rettet. Dazu begibt er sich unter Anleitung eines älteren, weisen Mentors (oft mit magischen Fähigkeiten), der mehr ist, als er auf den ersten Blick zu sein scheint, auf eine Reise (Quest) um einen magischen Gegenstand zu finden, der ihm beim Kampf gegen den Oberbösewicht helfen soll. Unterwegs trifft er dann noch unterschiedliche Gefährten, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die somit eine bunte Heldengruppe bilden.

Die bekanntesten Autoren dieser Schiene sind David Eddings (Belgariad-Saga), Raymond Feist (Midkemia-Saga), Robert Jordan (Das Rad der Zeit) und Terry Brooks (Shannara). Alle von Tolkien beeinflusst – mal mehr, mal weniger. Dabei bewegen sie sich häufig in leicht romantisierten Fantasywelten, die noch weit von den brutalen und zynischen Grim-and-Gritty-Werken entfernt sind, wie sie heute gerne gelesen werden (George Martin, Joe Abercrombie, Mark Lawrence). Wobei es das bei Autoren wie Michael Moorcock(Elric, Corum), Fritz Leiber(Fafhrd und der graue Mausling) und Karl Edward Wagner (Kane) in gewissem Maße auch schon gab und vor allem bei Stephen Donaldsons Chroniken von Thomas Covenant, mit seinem ambivalenten Antihelden. Aber die Bauernjungenfantasy weist auch deutliche Märcheneinflüsse auf und geizt in der Regel nicht mit Magie und magischen Wesen. Politische Intrigen finden durchaus statt, halten sich aber in Grenzen und besitzen meist nur eine überschaubare Komplexität.

Die übliche Fantasyrichtung wurde deutlich vom Rollenspiel beeinflusst (das wiederum von den Fantasywerken Tolkien und Robert E. Howards beeinflusst wurde). Die Werke von R. A. Salvatore (Die Saga vom Dunkelelfen), Ed Greenwood (Elminster) und Margaret Weis und Tracey Hickman (Die Drachenlanze) spielen häufig in Welten, die auf Rollenspielen wie Dungeons and Dragons basieren. Es gibt ein festes Regelwerk für Magie, von Tolkien beeinflusste Rassen wie Zwerge, Orks und Elfen, und meist eine Heldengruppe, die aus Vertretern der unterschiedlichen Rassen mit speziellen Fähigkeiten besteht.

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Standing on the shoulders of giants

Und hier kommt jetzt Tad Williams mit einem Küchenjungen als Helden … Moment mal, hatte ich nicht weiter oben etwas von Wendepunkt in der Fantasy geschrieben? Ja, Williams bedient sich durchaus klassischer Elemente. Simon Mondkalb ist ein einfacher Küchenjunge auf dem Hochhorst, der Burg des Königs. Der einzige Drache, gegen den er kämpft, ist die Küchenchefin Rachel. Simon ist ein Waisenjunge, der sich orientierungslos durch den Alltag träumt, bis der Hofgelehrte Doktor Morgenes auf ihn aufmerksam wird und ihn als Lehrling zu sich nimmt. So weit so bekannt, die Prämisse kennt man auch schon von Raymond Feists Midkemia Saga. Nur dass Magie in Osten Ard, der Welt in der Simon lebt, nicht so offensichtlich ist und direkt beim Namen genannt wird. Morgenes ist vor allem Arzt und Schriftgelehrter, der Simon mit allerlei langweiligem Zeugs traktiert, wie z. B. lesen lernen.

Was Williams Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt von seinen Vorgängern unterscheidet, ist der Detailreichtum, mit dem er das Leben auf der Burg ausführlichst über mehrere Hundert Seiten beschreibt. Da fühlte ich mich teilweise schon an Mervyn Peaks Gormenghast erinnert. Wobei es zwischendurch durchaus auch schon um Politik ging. Vor allem um den steinalten König, der schließlich stirbt, und dessen Platz auf dem Thron sein Erstgeborener Elias einnimmt. Ein einst starker und selbstbewusster Krieger, der nun unter dem unheilvollen Einfluss des zwielichtigen Priesters Pyrates steht, der sich mit dunklen Mächten eingelassen hat.

Und hier geht es jetzt (nach etwa 250 richtig los): Simon muss alleine aus der Burg fliehen, findet erste Verbündete und begibt sich auf eine Queste. Währenddessen steigert Williams aber auch den Anteil an den politischen Geschehnissen. Immer öfters wechselt die Handlung von der Hauptfigur Simon zu einem der unzähligen Adligen, die sich mit dem repressiv werdenden König und dessen Schergen rumschlagen müssen, bis schließlich alle Anzeichen auf Krieg stehen.

Und genau diese Mischung macht den Unterschied. Hofintrigen, Diplomatie, große Schlachten usw. gab es auch in der Fantasy der 70er und 80er Jahre, aber nicht in diesem Ausmaß und mit dieser Detailtreue auf solch komplexe Weise miteinander verwoben, wie es danach erst wieder George R. R. Martin gelingen wird. Wobei Williams auf dessen Grad an Brutalität und Zynismus verzichtet. Vom Tonfall und der Stimmung her, ist er das deutlich näher an Eddings. Martin nannte Tad Williams übrigens auch als einen seiner Einflüsse für Das Lied von Eis und Feuer.

Obwohl Williams mit viel Aufwand und Können seine eigene Welt erschafft, ihr eine eigene Historie und eine eigene Mythologie verleiht, löst er sich nicht ganz von Tolkien. Die langlebigen schönen Sithi sind eindeutig mit Elben/Elfen verwandt. Die Trolle erinnern zumindest ein wenig an die Hobbits, auch wenn sie mit dem Eifer von Zwergen kämpfen. Der Sturmkönig Ineluki erinnert stark an Sauron, der einst in einem gut aussehenden Körper auf Erden wandelte und im zweiten Zeitalter den »Ring sie alle zu beherrschen« schmiedete; Ineluki erschuf ein Schwert, seine rote Hand, die aus fünf Getreuen besteht, erinnert an die Nazgûl, die Ringgeister. Aber Williams gelingt es, diese Ähnlichkeiten auf Oberflächlichkeiten zu beschränken bzw. sie so zu verfremden und mit anderem Material (germanische Mythologie, japanische Sprache usw.) anzureichern, dass es kaum auffällt.

Ich habe Der Drachenbeinthron vor ca. 15 Jahren das erste Mal gelesen. Dass er nicht zu meinen absoluten Lieblingsbüchern avanciert ist, die ich alle paar Jahre wieder lese, lag vermutlich an unglücklichem Timing, aber Feist, Tolkien, Moorcock, Salvatore und Goodkind fielen mir einfach früher in die Finger. Damals hatten mich Bücher auch um so mehr fasziniert, je mehr Magie sie enthielten. Und ähnlich wie bei Martin, wurde die hier im ersten Band nur sehr spärlich eingesetzt. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch als sehr gut in Erinnerung.

Mit Rereads ist das so eine Sache. Häufig spielt ein gewisser Nostalgiebonus eine Rolle, da man sich an die behüteten, sorgenfreien Tage seiner Kindheit bzw. Jugendzeit erinnert, in der man die Bücher zum ersten Mal las. Man ist also emotional mit dem Buch verbunden und liest es eventuell durch die rosarote Nostalgiebrille. Was ich nicht unbedingt als schlecht empfinde. Ist doch schön, wenn ein Buch ein Stück Kindheitsatmosphäre zurückbringt. Es ist aber auch riskantes Unterfangen, da man (zumindest ich) in der Kindheit und Jugendzeit als relativ unerfahrener Leser sehr viel unbefangener und unkritischer gelesen hat. Was bedeuten kann, dass man beim Reread feststellt, dass man das Buch inzwischen total furchtbar findet, was die positive Erinnerung ein wenig trüben kann (ging mir bei der Drachenlanze so).

Bei den meisten Büchern, die ich noch einmal lese, stelle ich aber fest, dass sie mir noch genauso gut gefallen wie damals. Das ist auch bei Der Drachenbeinthron der Fall. Da ich mich nur noch an einzelne Schlüsselszenen und wage Handlungsverläufe erinnern konnte, ist die Lektüre auch zu (fast) keinem Zeitpunkt langweilig gewesen. Und sobald mir ein Name bekannt vorkam (wie z. B. Camaris, von dem ich noch weiß, dass er eine wichtige Rolle spielen wird) habe ich mich über die zurückkehrende Erinnerung gefreut. Ich hatte also immer noch einen Riesenspaß, mit Simon durch die Wildnis zu fliehen und allerlei schreckliche Abenteuer zu erleben. Die Szenenwechsel zu Protagonisten, die nur ein oder zwei Mal überhaupt im Buch vorkommen, empfand ich allerdings als etwas langweilig, aber diese Kapitel waren zum Glück immer recht kurz gehalten. Das ist eventuell auch dem Charakter des Auftaktbandes zu dieser vierbändigen Serie geschuldet, der vor allem als Prolog für die eigentliche Geschichte dient.

Der Drachenbeinthron ist gut gealtert und macht auch noch 25 Jahre nach Ersterscheinung viel Spaß und kann locker mit aktueller Fantasy mithalten. Ich würde sogar so weit gehen, dass es heutzutage nur wenige Werke gibt, die es schaffen an Williams Werk heranzukommen.

Ich habe übrigens die alte Ausgabe von Fischer gelesen, in der Übersetzung von Verena C. Harksen. Eine andere gibt es auch nicht, aber zumindest eine von Andy Hahnemann überarbeitete Fassung, die vor einigen Jahren bei Klett/Cotta erschienen ist. Obwohl mir die ursprüngliche Fassung der Übersetzung ganz gut gefällt, kann ich mir gut vorstellen, was da zum Teil vielleicht überarbeitet wurde, da sie sich stellenweise doch etwas holprig liest – nicht im Sinne von schlecht, sondern eher als Geschmacksfrage, vor allem was den Stil angeht.

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5 Gedanken zu “Reread: Tad Williams – Der Drachenbeinthron

  1. Großartiges Buch. Schön, dass sich noch wer daran erinnert 🙂

  2. Interessante Überlegungen. Bei Gelegenheit sollte ich mich wohl auch einmal an Osten-Ard versuchen.
    Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob man wirklich sagen kann, die 70er Jahre seien bereits von der Küchenjunge-Questen-High Fantasy geprägt gewesen. So richtig los ging’s mit dieser Welle doch eigentlich erst nach dem phänomenalen Erfolg von Terry Brooks‘ „Sword of Shannara“ (1977). Davor wurde die Fantasy meines Wissens nach eher von den Conans & Clonans beherrscht. Und die Strickmuster der Sword & Sorcery unterscheiden sich doch deutlich von dem „bescheidener Bauernjunge wird zum auserwählten Retter der Welt“ – Prinzip.

    • Ich weiß ja nicht wie erfolgreich und bekannt es war, aber ich dachte da vor allem an Lloyd Alexander und seine Reihe um den Schweinehirten Taran („Taran und das Zauberschwein“). Wobei die Verfilmung erst Mitte der 80er Jahre kam.

      Die 70er waren natürlich auch geprägt von den „New Wave“ um Michael Moorock und der „Sword and Sorcery“

      Da ich aufgrund meiner späten Geburt erst in den 90er Jahren bewusst Fantasy gelesen habe und erst im neuen Jahrtausend zum Fandom kam, kann ich natürlich nur eingeschränkt aussagen darüber treffen, wie es in den 70ern und 80ern wirklich war. Da gibt es andere Leute, die dafür besser qualifiziert sind.

      • An Lloyd Alexander hatte ich überhaupt nicht gedacht, aber du hast natürlich recht. Dessen Prydain-Zyklus stammt ja sogar bereits aus den 60ern. Ein weiteres Beispiel für tolkieneske Fantasy vor der großen Welle wäre Joy Chants „Red Moon and Black Mountain“ von 1970. Dennoch denke ich, dass mit „Shannara“ ein deutlicher Umbruch einsetzte.

  3. Pingback: Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt? Die Programme von Fischer/Tor und Knaur Fantasy | translate or die

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