Moxyland von Lauren Beukes

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In den 80ern hatte der Himmel die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war, während die Menschen eilig im Regen durch die von Neonlicht beleuchteten Häuserschluchten huschten und die ersten Cyberpunks sich durch grün schimmernde Einsen und Nullen hackten. Seit dem Erfolg von William Gibsons Neuromancer wurde der Cyberpunk ein wenig von der Realität eingeholt und teilweise sogar übertroffen. Doch die damaligen Voraussagen über die Macht der Konzerne, ausgeübt über Technologien, die unseren Alltag scheinbar erleichtern, hat nichts an Aktualität verloren.

Mit dem Smartphone sind das Netz und die virtuelle Realität praktisch bei jedem angekommen. Während die EZB mit der Abschaffung des 500-Euro-Scheins den nächsten Schritt zur Abschaffung des Bargelds und damit zur Abhängigkeit aller Bürger vom Internet und der Technik gemacht hat, wirkt Lauren Beukes Debütroman aus dem Jahr 2008, indem alles von der Bezahlung bis zur Identifikation über das Smartphone läuft, bedrückend prophetisch.

Vier Menschen begleiten wir als Ich-ErzählerInnen durch ein dystopisches Südafrika, in dem die schlimmste Strafmaßnahme die Zwangsabschaltung des Handys ist, da sie einen vom gesellschaftlichen Leben im Prinzip vollständig ausschließt. Doch nicht alle wollen sich das gefallen lassen, die junge Programmiererin Lerato, die als Waisenkind innerhalb eines Konzerns aufgewachsen ist, versucht, das System von innen heraus zu torpedieren, während der idealistische Sozialarbeiter Tenko einen radikaleren Weg auf der Straße einschlägt. Die junge Fotografin Kendra – die tatsächlich noch mit analogem Film arbeitet – lässt sich ein wenig durchs Leben treiben, ausgehalten von einem Sugar Daddy und ausgenutzt von einem Konzern, der sie als Werbefläche für eine „lebendige“ Tätowierung verwendet, die auf Nanobasis funktioniert. Der Vierte im Bunde ist der Draufgänger Toby, der alles als Witz zu sehen scheint, seinen Alltag rund um die Uhr mit einem Monitormantel filmt, auf dem die Bilder kunstvoll arrangiert dargestellt werden, und der vor nichts Respekt hat.

Die Wege dieser vier jungen Menschen kreuzen sich immer wieder in einer Welt, die immer unmenschlicher zu werden scheint, und in der Hunde dank Nanomanipulationen mit polizeilicher Autorität ausgestattet sind. Das Buch steckt voller toller und faszinierender Ideen, entwirft eine plastische und erschreckende dystopische Zukunft, aber die Figuren bleiben mir ein wenig zu distanziert und größtenteils unsympathisch. Doch das war ja auch bei Gibsons Neuromancer nicht anders. Die Geschichte braucht ein wenig, bis sie in die Gänge kommt, aber wenn sich die Puzzleteile ineinanderfügen, wird es richtig spannend und gruselig.

Man merkt Moxyland an, dass es sich um Beukes Debütroman handelt, von der großartigen Schreibe mit den tollen Charakterzeichnungen, die man zum Beispiel in Shinning Girls findet, ist sie hier noch ein Stück entfernt. Trotzdem lohnt sich die Lektüre dieses ausgezeichneten Cyberpunkromans in bester Tradition von William Gibson.

Mit der Übersetzung bin ich allerdings nicht so ganz glücklich; schlecht ist sie nicht, hätte aber hier und da noch mal ein ordentliches Lektorat benötigt. So heißt es auf Seite 293 zum Beispiel: Fußball und Graffiti sind nicht gerade typisch für Terrorismus 101.

Im Original steht: Soccer balls and graffiti aren‹t exactly terrorism 101.

Was ich doch anders übersetzt hätte, da Terrorismus 101 auf Deutsch überhaupt keinen Sinn ergibt: Fußbälle und Graffiti gehören nicht unbedingt zum Einmaleins des Terrorismus. Oder: Fußbälle und Graffiti gehören nicht unbedingt zur Grundausstattung von Terroristen.

Solche Mängel treten allerdings nur vereinzelt auf und trüben den Lesespaß nur wenig.

Man beachte übrigens das tolle Cover von Joey Hi-Fi im Detail (habe es extra in hoher Auflösung hochgeladen).

Und wer sich mehr für Südafrika interessiert, den möchte ich auf meine Besprechung von Niq Mhlongos Dog Eat Dog hinweisen.

3 Gedanken zu “Moxyland von Lauren Beukes

  1. Hat dir „Shining Girls“ gefallen? Mich schrecken einige Rezensionen doch ein wenig ab, muss ich gestehen.

    • Zu „Shinning Girls“ schrieb ich seinerzeit: „Wichtige Erkenntnis: Klappentexte lügen! In diesem Fall gleich mehrfach. Der Bösewicht wird Lee Harper genannt, obwohl er im Buch Harper Curtis heißt. Es wird auch behauptet, dass sein Opfer Kirby den Serienkiller durch die Zeit jagen würde. Das stimmt auch nicht. Sie ist ihm zwar (ausschließlich in der Gegenwart 1993) auf der Spur, aber eine spannende Jagd durch verschiedene Epochen, wie der Klappentext hier suggeriert, findet nicht statt.
      Das Buch erinnert an eine Mischung aus Serienkillerroman und „Die Frau des Zeitreisenden“. Zu Beginn ist das auch ein faszinierendes Konzept, das vor allem auch wegen der aufwendigen Recherchearbeit der Autorin so gut funktioniert, die man fast jeder Zeile anmerkt. Hier wird ein dichtes Porträt von Chicago in unterschiedlichen Zeiten geliefert. Auch die junge Protagonistin weiß mit ihrer rebellischen Art und ihrer sympathischen Hartnäckigkeit zu begeistern. Irgendwann verpufft die Wirkung des Konzepts aber ein wenig, weil es sich zu häufig wiederholt, ohne interessante Variationen aufzuweisen. Von der raffinierten Konstruktion Audrey Niffeneggers „Die Frau des Zeitreisenden“ ist „Shinning Girls“ weit entfernt. Das zeitreisende Haus, das von Harper fordert, bestimmte Mädchen zu töten, entpuppt sich als McGuffin. Das Finale enttäuscht. Kein schlechter Roman, aber man hätte deutlich mehr daraus machen können.“

      Wobei sich die Kritik rein auf die Konstruktion der Handlung bezieht. Beukes Schreibe (in der Übersetzung) ist großartig. Anders als in Moxyland, gelingt es ihr hier mit wenige Sätzen faszinierende Personen und Epochen zu zeichnen.

      • Das bestätigt in etwa das, was ich mir nach den anderen Rezis schon gedacht hatte: Story und Schreibe hätten eine gute Novelle ergeben, aber auf die Romandistanz geht Beukes etwas die Puste aus.

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