Buchempfehlung: „Der goldene Schwarm“ von Nick Harkaway

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Crazy Joe ist gar nicht so verrückt. Zumindest anfangs nicht. Der Uhrmacher, der die Tradition und das Geschäft seines Großvaters fortführt und ein beschauliches, unauffälliges Leben führt, um ja nicht die Tradition seines Vaters fortzuführen, der in London eine Gangsterlegende war, landet durch seinen nicht ganz so betulichen Einbrecherfreund Billy plötzlich mitten in einer Verschwörungsgeschichte, in der ein diabolischer Bösewicht-Diktator nach einem Bad-Hair-Day versucht ihm eine Weltuntergangsmaschine abzujagen, um mit ihrer Hilfe zum Gott aufsteigen zu können.
Hilfe erhält er von einer fast hundertjährigen ehemaligen Agentin, die zwar nicht aus dem Fenster steigt, dafür aber den ungebetenen Schlägerbesuch in ihrer Wohnung mittels Revolver und einzahnigem Hund umnietet. Und dann gibt es da noch die Blümchen und die Bienen, und Polly, die mit Joe dank eines ratternden Güterzugs neue sexuelle Höhen erreicht und ihm aus Dankbarkeit und Verbundenheit tapfer zur Seite steht. Der naive, friedfertige Joe hat keine Chance gegen den Diktator mit seinen Ruskeniten-Kampfmönchen und die skrupellosen Handlanger der Regierung (der man und frau niemals trauen sollte – Niemals!!). Um lebend aus der Geschichte rauszukommen, muss er sich mit der ebenso zwielichtigen wie auch glorreichen Vergangenheit seines Vaters auseinandersetzen.

Endlich mal wieder ein richtiger Abziehbild-Klischeebösewicht wie aus einem Groschenheftroman der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts; so ein Pulpschurke, der bei Rot über die Ampel geht (besonders wenn es kleine Kinder sehen), seine Schuhe mit einem Knoten zu macht, von den letzten zwei Wurstscheiden beide nimmt, Elefanten foltert!, Priester foltert und sich eine über 5 Jahrzehnte dauernde Fehde mit der inzwischen fast hundertjährigen Eide Bannnister leistet. In Zeiten ambivalenter Schurken, denen die Zuschauer und Leser durch clevere Erzählstrukturen und Biographien Empathie entgegenbringen, ist das richtig erfrischende Schwarz-Weiß-Malerei. Trashige Pulp-Literatur, aber mit den erzählerischen Mitteln eines sehr begabten Autors und einer phantastischen Ideenvielfalt, die den Leser auf beinahe jeder Seite förmlich erschlägt.

Dabei ist das Buch nicht ganz so rasant und abgedreht wie Nick Harkaways Erstling Die gelöschte Welt, und es gibt zu meiner Enttäuschung keine Ninjas (dafür besagte Weltuntergangsmaschine). Im Mittelteil hat das Buch auch die ein oder andere Länge, vor allem während Joes Institutionalisierung, trotzdem habe ich es innerhalb weniger Tage verschlungen. Der gemächliche Einstieg über die ersten hundert Seiten, auf denen gar nicht so viel passiert, hat mir trotzdem viel Spaß beim Lesen gemacht. Das war ein gemütlich, fröhlicher Einstieg in eine sich dann rasant entwickelnde Räuberpistole.

Abwechslung erhält der Roman auch durch die zahlreichen Rückblenden, die sowohl Edies abenteuerreiche Lebensgeschichte im Geheimdienst ihrer Majestät erzählen, als auch Joes Familiengeschichte, ohne den eigentlichen Plot zu verlangsamen. Familie ist das richtige Stichwort. Der goldene Schwarm ist vor allem ein Familienroman. Es geht um Väter, Söhne und Großväter, ihr Verhältnis untereinander, Familientradition und Familiengeheimnisse. Joe kann sich nur aus dem Schlamassel befreien, wenn er sich seiner Familiengeschichte stellt.

Anfangs dachte ich noch, das Buch würde in Richtung Neil Gaimans Neverland und China Miévilles Kraken gehen, was sich aber zum Glück als Irrtum rausstellte. Statt sich an diesen großen Vorbildern zu orientieren, zieht Nick Harkaway sein eigenes Ding durch, schafft sein eigenes selbstständiges Universum, das nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Der goldene Schwarm ist ein weiteres rasantes Ideenfeuerwerk voller Fabulierkunst, nicht ganz so abgedreht wie Die gelöschte Welt, aber nicht minder lesenswert.

Ich habe die Übersetzung von André Mumot zwar nicht mit dem Original verglichen, aber sie liest sich sehr flüssig und stimmig, inklusiver kleiner, passender Schrulligkeiten wie dem »Frickelstab«.

Das Einzige, was ich kritisieren könnte, ist der Preis. 19.99 Euro ist doch ziemlich happig für ein Paperback. Da erwarte ich eigentlich ein Hardcover (wobei ich das Buch direkt beim Verlag gewonnen habe). Aber wir können schon froh sein, dass Harkaway überhaupt auf Deutsch erscheint.

P.S. Das auf Deutsch im Knaus Verlag erschienene Buch heißt im Original übrigens The Angelmaker. Auf Englisch ist gerade Nick Harkaways drittes Buch Tigerman erschienen.

P.P.S. Schön, dass man das Originalcover beibehalten hat.

Ein Gedanke zu “Buchempfehlung: „Der goldene Schwarm“ von Nick Harkaway

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