Parallellesen: Wie mir mein verändertes Leseverhalten wieder mehr Spaß am Lesen brachte

Bisher war ich vor allem Ein-Buch-Leser. Sprich, ich habe immer nur an einem Buch zur gleichen Zeit gelesen. Es ist durchaus vorgekommen, dass ich ein Buch mittendrin zur Seite gelegt habe, um erst ein anderes komplett zu lesen, das mich noch mehr interessiert, bevor ich mit dem zur Seite gelegten weitergemacht habe. Und manche dieser zur Seite gelegten Bücher liegen dort noch immer, aber wirklich mehrere Bücher gleichzeitig gelesen, zwischen ihnen hin und her springend, habe ich nie.

Das hat sich im September dieses Jahres geändert. Ausgangspunkt war, dass ich mehr Sachbücher lesen will. Angesichts der anstehenden US-Präsidentschaftswahlen regte sich in mir das Bedürfnis, mich wieder intensiver mit den aktuellen politischen, technologischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Welt zu beschäftigen, um diese besser zu verstehen.

So ganz ohne Roman ging das dann aber nicht, wie ich feststellen musste. Nur ein Sachbuch zu lesen, reicht mir nicht. Zum Ausgleich brauche ich auch den eskapistischen Ansatz einer fiktiven Geschichte, in die ich mich zur Erholung begeben kann. Die Lösung: Beides gleichzeitig lesen.

Und zu meinem eigenen Erstaunen zeigte sich, dass das nicht nur sehr gut funktioniert, sondern, dass ich dadurch auch viel mehr gelesen bekomme, als in den Monaten zuvor. Meine Vermutung: Lese ich ein einziges Buch, das zwischendurch die ein oder andere Länge hat, oder für das ich nicht immer rund um die Uhr in Stimmung bin, lege ich es zur Seite und mache etwas anderes. Schaue drei Serienfolgen statt nur einer am Tag, oder zocke ein Computerspiel.

Lese ich mehrere Bücher parallel, kann ich, wenn obiger Fall eintritt, einfach zu einem anderen Buch springen, das meiner aktuellen Stimmung eher entspricht, das gerade spannender ist, oder mich durch die thematische Abwechslung bei der Stange hält. Das führte nicht dazu, dass ich eines der Bücher vernachlässigt habe, sondern alle gleichzeitig kontinuierlich schnell gelesen bekomme.

Bis September habe ich im Monat durchschnittlich vier Bücher gelesen. Im September waren es dann neun, im Oktober acht. Wobei noch hinzukommt, dass ich seit September samstags immer internetfrei mache, dass Smartphone komplett ausgeschaltet lasse und generell nicht mehr so viele Serien auf einmal schaue. Auch schalte ich mein Handy abends ab. 20.00 Uhr konsequent aus und schaue tagsüber nicht mehr so häufig drauf und in den sozialen Netzwerken von Twitter und Facebook) vorbei.

Ein weiterer Grund fürs Parallellesen ist die oft unnötig kleine Schrift bei gedruckten Büchern. Wenn ich den ganzen Tag beruflich intensiv Texte am Bildschirm bearbeitete, kann es sein, dass mir bei kleiner Schrift nach einigen Seiten die Buchstaben vor den Augen verschwimmen, oder es mir einfach zu anstrengend wird, in Reclamheftschriftgröße zu lesen. Dann wechsel ich zum E-Book-Reader, wo ich mir die Schriftgröße selbst einstellen kann und nie Ermüdungserscheinungen beim Lesen habe (sehr schade, dass es keine E-Book-Variante zum gedruckten Buch dazu gibt).

Und so sieht meine Lektüre aktuell aus

Peter Akroyds London: Die Biografie habe ich mir Anfang des Jahres zur Vorbereitung auf meinen London-Urlaub im Mai zugelegt. Da aus dem nichts wurde, habe ich das Buch zur Langzeitlektüre umgewandelt, von der ich jeden Tag nur ein paar Seiten lese. Inzwischen bin ich fast durch. Tolles Buch, das ein lebendiges Bild der englischen Hauptstadt über die Jahrhunderte zeichnet.

Die Masterpieces of Fantasy Art sind eine Sonderlektüre, die ich mir ausnahmsweise zum letzten Geburtstag selbst gegönnt habe. Da lese ich immer nur ein Kapitel über eine (n) Künstler*inn am Stück. Der Text hält sich in Grenzen, vor allem geht es um die Bilder, die ich so intensiv genießen kann.

Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft von Steffen Mau ist meine eigentlich aktuelle Sachbuchlektüre. Hatte einen Artikel im Spiegel darüber gelesen, wie der Soziologe seine eigene Autobiografie dafür verwendet, einen soziologisch-analytischen, aber auch persönlichen Blick auf die Gesellschaft der ehemaligen DDR vor und nach der Wende zu werfen. Sehr interessante Lektüre, die Taschenbuchausgabe hat allerdings doch eine sehr kleine Schrift.

Durch mein Sachbuchinteresse ist auch mein Interesse an Romanen wieder angestiegen, die sich mit den aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft beschäftigen. Und der gerade erschienene Near-Future-Roman Ministry for the Future von Kim Stanley Robinson ist dafür doch mit seiner durchaus optimistisch gestimmten Behandlung des Themas Klimakrise bestens geeignet. Auch, wenn es sich über weite Strecken eher wie ein Sachbuch liest, da die Infodump-Kapitel ohne Handlung (die er schon immer gerne vereinzelt eingestreut hat) einen sehr großen Anteil haben, das Lesevergnügen aber in keiner Weise beeinträchtigen.

Und da ich gerade die Suche nach den 100 besten Fantasybüchern aller Zeiten koordiniere, habe ich auch Lust darauf bekommen, wieder mehr Fantasy zu lesen. Sofia Samatars A Stranger in Olondria steht schon seit seinem Erscheinen 2013 ganz oben auf meiner Leseliste, hat es aber dann doch nie an die Spitze geschafft. Da es für die Liste nominiert wurde, nutze ich die Gelegenheit, dieses außergewöhnlich, wunderbar poetisch geschriebene Buch, das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde, endlich zu lesen.

Doch wie sieht es bei euch aus? Wie ist euer Leseverhalten?

Ein Gedanke zu “Parallellesen: Wie mir mein verändertes Leseverhalten wieder mehr Spaß am Lesen brachte

  1. Ministry of the Future ist ein gewaltiges Experiment von KSR, das sich beinahe wie eine Essayreihe liest. Ich wäre großzügig und würde es als Sachbuch gelten lassen 😁
    Seit diesem Jahr lese ich zwei Bücher jeweils parallel, nämlich täglich eine Kurzgeschichte und daneben ein Roman. Ganz ohne Roman geht es nicht und viele Kurzgeschichten hintereinander wäre mir zu mühselig beim Rezensieren. Die Kombination funktioniert bei mir hervorragend, und so komme ich beim Blog auf einen Post täglich.
    Kindle ist gut für die Augen, Lesebrille aber auch. Vielleicht brauchst Du ne Monitorbrille!

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