Phantastikvorschauen Herbst/Winter 2016: Wo sind die Frauen?

Auf dem PAN-Branchentreffen letzte Woche gab es abends eine Lesung und Diskussionsrunde mit Kai Meyer, Bernhard Hennen und Markus Heitz, moderiert von Karla Paul, die dann fragte: »Wieso sitzen hier eigentlich nur Männer?« Sie hakte dann noch nach, darauf hinweisend, dass sich im neuen Phantastikprogramm von Fischer/Tor (das auf dem Treffen verteilt wurde) unter den zwölf Neuerscheinungen nur drei Titel von Autorinnen befand. Bei Droemer/Knaur seien es zumindest sechs von fünfzehn.

Eine berechtigte Frage. Warum nur so wenige Frauen? Ich bin mir sicher, dass die Auswahl bei Fischer/Tor völlig unabhängig vom Geschlecht getroffen wurde. Ich kenne den Geschmack und Anspruch von Programmchef Hannes Riffel ein wenig und weiß, dass es ihm vor allem um die Geschichte, die Sprache und jetzt bei einem großen Publikumsverlag natürlich auch ein wenig um die Verkaufbarkeit geht. Bei Droemer/Knaur besteht das Team und Programmleiterin Natalja Schmidt zum größten Teil aus Frauen.

Aus diesem Grund habe ich mir mal angesehen, wie es insgesamt in den kommenden Vorschauen der größeren Phantastikverlage aussieht. Ich schreibe die Zahlen im Folgenden als Zahlen, damit man die Verhältnisse besser im Blick hat. Um direkt zu den Programmen zu gelangen, müsst ihr einfach unten auf den Link im Verlagsnamen klicken. Die Programme von Droemer/Knaur und Fischer/Tor liegen mit momentan nur in gedruckter Form vor.

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Bei Piper sind nur 3 von 26 Titeln von Frauen geschrieben, und unter den 5 SF-Büchern befindet sich keine Einzige.

Das größte Programm erscheint mit 47 Titeln bei Heyne, von denen immerhin 16 von Frauen stammen, darunter 10-mal Urban Fantasy und nur 2 von 21 SF-Büchern.

Deutlich besser sieht es bei Bastei/Lübbe aus, dort stammen immerhin 10 von 22 Titel von Frauen, darunter auch zweimal SF.

Bei Blanvalet sind es nur 3 von 16 Erscheinungen, darunter 2-mal SF.

Fischer/Tor hat bei 12 Titeln nur 3 Frauen im Angebot (das habe ich jetzt doch irgendwie ähnlich unglücklich formuliert, wie »binders full of women« 😉 ), immerhin schreiben 2 davon Science Fiction.

Droemer/Knaur hebt den Gesamtschnitt mit 6 von 18 Titeln im Programm wieder etwas an, darunter allerdings keine SF.

Auf die Programme der zahlreichen Kleinverlage gehe ich an dieser Stelle nicht ein, dort sind die Programmvorschauen oft nicht so übersichtlich und mit denen der großen Publikumsverlage zu vergleichen, zumal sie auch eine deutlich geringere Präsenz in den Buchhandlungen haben. Doch nichtsdestotrotz tut sich dort etwas. Ich übersetze zum Beispiel gerade einen ganz tollen SF-Roman einer amerikanischen Autorin für Cross Cult. Und auch Nnedi Okorafors Lagoon wird dort erscheinen. Und Atlantis war der erste Verlag, der nach vielen Jahren wieder mal ein Buch von Ursula K. Le Guin gebracht hat.

Was die großen Publikumsverlage angeht, da weiß ich nicht, wie es in allen Lektoraten/Redaktionen personell aussieht, aber mir scheint doch, dass dort, wo der Frauenanteil überwiegt und/oder bzw. eine Frau das Programm leitete, der Anteil an Autorinnen im Programm doch etwas höher liegt.

Ich enthalte mich jetzt mal jeglicher Wertung und spekuliere auch nicht über die Gründe, warum der Anteil an Autorinnen in den aktuellen phantastischen Programmvorschauen der großen Publikumsverlage nur bei 29 Prozent liegt. Von 141 Neuerscheinungen stammen 41 von Frauen. In der Science Fiction liegt der Anteil sogar nur bei 19 Prozent, mit 8 von 49 Titeln.

Als Konsequenz werde ich auf meinem Blog in diesem Jahr nur noch Bücher von Frauen besprechen. Sowohl Titel aus den deutschsprachigen Programmen (auch von Kleinverlagen) als auch noch unübersetzte englischsprachige Bücher, wie z. b. von Nina Allen, Nnedi Okorafor, Elizabeth Bear, Sofia Samatar uvm. Wobei ich mich da ein wenig auf die Science Fiction konzentrieren werde, da dort im englischsprachigen Bereich ganz aufregende Sachen erscheinen.

In den nächsten zwei Wochen werde ich auch noch in einzelnen Blogbeiträgen einen genaueren Blick auf die oben erwähnten Programme und deren Titel von Autorinnen werfen.
P.S. Das Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V. wurde, soweit ich das sehen konnte, übrigens fast ausschließlich von Autorinnen organisiert und durchgeführt.

Nachtrag (29.4.): Hier geht es zu einer wichtigen Ergänzung zu diesem Beitrag.

19 Gedanken zu “Phantastikvorschauen Herbst/Winter 2016: Wo sind die Frauen?

    • Den kannte ich noch nicht. Danke für den Link. In einem der Programme habe ich mich auch darüber gewundert, dass einige der von Frauen geschriebenen Titel statt „Science Fiction“ oder „Dark Fantasy“ (in dem Fall von einer Frau geschrieben) die Kategorie „Women’s Fantasy“ steht. Dabei geht es bei einigen der Titel nicht einmal Romantasy oder Urban Fantasy. Aber gut, diese Vorschauen sind ja für den Buchhandel, und anscheinend braucht der solche klischeehaften Kategorien. Einige der Titel interessieren mich übrigens sehr. Bei David Gemmel steht übrigens „Heroic Fantasy“ nicht „Men’s Fantasy“. 😉

  1. Für Dein Fazit gehen meine beiden Daumen nach oben, das finde ich richtig klasse! Ich selbst rede ja schon seit Jahren davon und weiß genau, was ich meist so als Antwort bekommen habe … ich freue mich auf Deine Besprechungen!
    Der Valkyren Verlag (sorry für die Eigenwerbung) macht dieses Jahr noch Fantasy aus weiblicher Feder, allerdings aus der gegenüberliegenden Himmelsrichtung. Und obwohl das Frauenbild da noch ein bisschen anders ist, ist die Gesamtsituation im Literaturbereich nicht anders. Wir wurden von einer anderen Autorin sogar gefragt, ob es unserer Meinung nach besser wäre, wenn die Autorin sich in Deutschland ein männliches Pseudonym zulegen würde. Ich bin da immer hin und her gerissen, weil es natürlich (!) besser wäre. Aber ich glaube auch, dass sich so nie etwas ändern wird, darum rate ich davon immer ab.

    • In der aktuellen Programmvorschau von Klett Cotta ist ein Buch von einem gewissen A. S. Bottlinger dabei, der Text zum Autor bewusst geschlechtsneutral gehalten. Das ist jetzt kein streng geheimes Pseudonym, wenn den Namen Bottlinger kennt, wird wissen, dass dahinter Andrea Bottlinger steckt, aber hier kokettiert man doch wieder damit, dass nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist, dass es sich um eine Frau in diesem überwiegend männlichen Programm der Hobbit Presse handelt.

      Meine aktuelle Lektüre ist übrigens »Moxyland« von Lauren Beukes. 😉

      • Ja, ich habe das Buch schon bei Andrea gesehen und war schon drauf und dran sie zu fragen, warum da nicht ihr voller Name steht. Mache ich vielleicht noch 😉
        Moxyland ist nicht Beukes bestes Buch (ich bin Fan und habe inzwischen alle gelesen), aber ihre Ideen sind auf jeden Fall klasse. Selbst will ich mich an Rachel Bach versuchen, die im Mai erscheint und die ich anderweitig textlich schon kenne. Meine Liste von tollen Autorinnen (übrigens: international) ist sehr lang, vielleicht schreibe ich sie mal auf.

      • Ist das „A. S.“ bei Andrea Bottlinger eine Verlagsidee?

        Bei SF wage ich mal die Prognose, dass man bei den Verlagen eher ein männliches Publikum im Auge hat – kann mich aber natürlich irren. Bei Fantasy kommt es wohl drauf an.

  2. Pingback: Aprilansichten 2016 | Fragment Ansichten

  3. In den Kleinverlagen ist der Frauenanteil teilweise deutlich größer. Am Beispiel des Papierverzierer Verlags:
    Dort schreiben fast nur Frauen. 2 Männer sind da derzeit veröffentlicht und ein weiterer kommt demnächst noch. Und das Team des Verlags ist 50:50 gemischt .

    Frauen sind in der Masse viel im SP unterwegs. Und manche gehen den klassischen Weg. Ich bin auch jemand, der diesen Weg eingeschlagen hat. Er ist beschwerlich und wurde erst in den letzten Jahren einfacher durch Welterfolge von JK Rowling oder den Tributen. Aber das muss sich erst noch überall etablieren. 😉

    • Mein Blick nur auf diese speziellen Programme ist natürlich sehr eingschränkt, da fehlen zum einen die Kleinverlage, bei denen auch in der SF viele Autorinnen erscheinen, wie z. B. Einige SF-Werke von Frauen erscheinen auch in den allgemeinen Reihen, wie z. B. die großartige Lauren Beukes (lese gerade „Moxyland“) oder Thea Dorn mit „Die Unglückseligen“. Und viele auch bei kleineren Verlagen wie z. B. Heidrun Jähnchen, Karla Schmidt, Maike Hallmann, Nadine Boos, Nina Horvath, Uschi Zietsch, Ulrike Jonack, Barbara Slawig, Claudia Kern uvm. Zum anderen fehlen auch die allgemeinen Programme, wo z. B. SF-Werke von Autorinnen wie Thea Dorn mit „Die Unglückseligen“ oder Lauren Beukes mit „Moxyland“ erscheinen.

  4. Pingback: “Wo sind die Frauen” – Einige Ergänzungen zum Beitrag vom 29.4. | translate or die

  5. Sehr schöne Auflistung, gerade wenn man bedenkt, dass man Joanne Rowling ursprünglich sagte, dass sie mit J.K. besser führe (Initialen suggerieren größere Kompetenz und eben die Möglichkeit, dass Geschlecht zu überblenden.)

    Es ist – hoffentlich – ein Prozess der Wandlung, der in Zukunft in die bessere Richtung zeigt.

  6. Vielen Dank für die Kommentare! 🙂

  7. Fantasybookcafe kenne ich natürlich und lese regelmäßig rein. Und ich war sehr erfreut zu sehen, dass doch endlich eine Autorin übersetzt wird, von der ich mich immer gefragt habe, was wohl dagegen spräche und die ich von dieser Seite kenne.

    Vermutlich geht das Problem schon vor dem Schreiben los. Sicher würden gern mehr weibliche Autoren anderes schreiben, aber wer verkaufen will, muss sich an Marktgegebenheiten anpassen. Und wenn ein gutes Mansukript einer Frau nicht eingekauft wird … muss sie eben was anderes schreiben. Das was man haben will, „Geschlechtsgerecht“. Ich glaube nicht, dass viele Frauen in der Phantastik unbedingt Romantasy lesen wollen, sondern schlicht Fantasy. Hier aber gerne auch mal mit weiblichen Figuren und gerne auch solche, die nicht nur atmen, punkt. Die Grenzen, die wir heute so ziehen waren meiner Meinung nach auch mal etwas fließender.

    Allerdings gibt es auch die andere Seite. Männer, die unter weiblichen Pseudonym schreiben (müssen).

  8. Pingback: Gamechanger auf dem phantastischen Buchmarkt? Die Programme von Fischer/Tor und Knaur Fantasy | translate or die

  9. Lieber Markus,
    ich danke dir sehr für diesen Artikel! Das Thema treibt mich aus verschiedenen Gründen um, und ich möchte drei Dinge anmerken:

    „P.S. Das Branchentreffen des Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V. wurde, soweit ich das sehen konnte, übrigens fast ausschließlich von Autorinnen organisiert und durchgeführt.“ => streiche das „fast“

    Der Vorstand des Vereins besteht aus 4 Frauen, der Beirat aktuell aus 2 Frauen und 2 Männern.

    Geplant war für das Branchentreffen außerdem eine Diskussionsrunde zum Thema „Der etablierte Autor – die Nachwuchsautorin – Ist die Zukunft der Phantastik weiblich?“
    Es scheint im angloamerikanischen Raum solch einen Trend zu geben, leider haben wir niemanden (weder männlich noch weiblich) gefunden, der sich dazu äußern konnte/ wollte

    Und als Anekdote am Rande: Neben vielen anderen stand zwischendurch die Überlegung im Raum, ob wir die Mitgliedschaft im Verein – ähnlich wie die „Mörderischen Schwestern“ dies für das Krimigenre tun – auf Frauen beschränken. Natürlich mit der grundsätzlichen Frage, ob von Frauen geschriebene Phantastik besonders förderungswürdig ist. Wir haben uns aus vielerlei Gründen dagegen entschieden.

    Aber es bleibt dieses diffuse Gefühl, dass da irgend etwas nicht stimmt.

    Ich frage inzwischen ständig Leserinnen und Leser, ob das Autoren-Geschlecht eine Rolle spielt, nachdem mir von einem jungen Mann explizit ins Gesicht geschleudert wurde: „Nein, Fantasy von Frauen lese ich grundsätzlich nicht!“ (es ging um „So finster, so kalt“ auf der LBM 2014).
    Ich bin sicher, dass es auch bei anderen Lesern eine Rolle spielt, wobei diese Prozesse wenigen bewusst sind. Wie groß dieser Einfluss ist, dazu bräuchte es fundierte Marktforschung.

    Herzliche Grüße
    Diana

    • Hallo Diana,

      danke für deinen Kommentar und die Einblicke in die Gründungsphase. Manche Menschen haben einfach sehr eingefahrene, konservative Lesevorlieben, nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt …

      Ich versuche da aber auch niemanden zu bekehren; es soll jeder lesen, wie er Lust hat – ich versuche einfach, für tolle Bücher zu begeistern.

      Gruß Markus

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