Phantastische Netzstreifzüge 46

Die letzten phantastischen Netzstreifzüge liegen schon eine Weile zurück, was einfach daran liegt, dass mein Interesse an der Phantastik in den vergangenen Monaten eine kleine Pause eingelegt hatte und ich mich anderen Themen zugewandt habe, wie man teilweise auch hier im Blog verfolgen konnte. Inzwischen habe ich wieder angefangen Phantastik zu lesen, im Januar z. B. Ein Wispern unter der Baker Street von Ben Aaranowitsch und Providence von Allan Moore und Jacen Burrows. Aktuell lese ich Der Wüstenplanet von Frank Herbert in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt.

Beruflich werde ich der Phantastik das gesamte Jahr 2016 über treu bleiben. Alle drei Romane, die ich dieses Jahr übersetzen werde, sind lupenreine, im Weltraum und auf fremden Planeten spielende Science Fiction. Captain Future ist übrigens nicht darunter. Die Bücher werden bei Cross Cult und einem großen Publikumsverlag erscheinen. Die Titel verrate ich aber erst, wenn die Verlage sie angekündigt haben. Die Kritiken im englischsprachigen Raum (und auch bei Josefson) fallen äußerst positiv aus. Gestern habe ich die lektorierte Fassung einer Kurzgeschichte von Jeff VanderMeer bearbeitet, die ich übersetzt habe und die in der nächsten Ausgabe der phantastisch! erscheinen wird. Im März erscheint bei Cross Cult ein Band mit Kurzgeschichten aus dem Akte-X-Universum (Vertrauen Sie niemandem), aus dem ich inzwischen einige davon übersetzt habe (mir gefallen ja die mit Skinner als Hauptfigur besonders gut).

Aber jetzt zu den Netzstreifzügen. Es hat sich einiges getan:

Pan – Einige deutschsprachige Phantastikautorinnen und Autoren haben mit PAN das Phantastik-Autoren-Netzwerk gegründet, einen Verein, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, AutorInnen zu vernetzen und die Phantastik zu fördern. Dazu findet im April z. B. ein Branchentreffen statt, bei dem ich mir trotz der hohen Teilnahmegebühr überlege hinzugehen. Ich bin weder Phantastikautor noch Vereinsmensch, halte diese Gründung aber für eine gute Sache, da ich es immer gut finde, wenn sich AutorInnen zusammentun. Und das Branchentreffen wirkt den ersten Infoschnipseln zufolge auch sehr ambitioniert.

Die aus meiner Verbandsgemeinde stammende Autorin Alessandra Reß (Spielende Götter) gehört auch zu den Gründungsmitgliedern und hat auf ihrem Blog Fragmentansichten ein wenig darüber geschrieben. Dort berichtet sie auch über die Longlist des Phantastikpreises Seraph (Glückwunsch zur Nominierung) und die Tagung der GFF, der Gesellschaft zur Fantastikforschung (die Banausen schreiben Phantastik doch tatsächlich mit „F“ 😉 ).

Knaur Fantasy und Science Fiction – Im Herbst wird das neue Phantastikprogramm von Knaur starten. Dazu gibt es jetzt auf Facebook eine passende Seite, auf der man schon erste Infoschnipsel erhaschen kann. Knaur wird auf dem Branchentreffen übrigens ebenso vertreten sein wie Fischer/Tor, die ja auch im Herbst mit einem neuen phantastischen Programm starten, bisher haber noch keinen öffentlichen Internetauftritt haben.

The Worlds of Ursula K. Le GuinBin eigentlich kein großer Freund von Crowdfounding, aber das ist eine Doku, die ich sehen will. Le Guin ist eine der größten lebenden SF- und Fantasyautorinnen. The Left Hand of Darkness und The Dispossessed sind großartige SF-Bücher, über letzteres habe ich auch mal eine Hausarbeit geschrieben. Ich habe das Projekt unterstützt, obwohl der Mindestbetrag von 80.000 Euro bereits erreicht ist. Die Doku ist schon gefilmt, es fehlt aber noch Geld für die Postproduktion. Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ist ihr Werk leider ein wenig in Vergessenheit geraten. In den letzten 10 Jahren ist kaum was erschienen, obwohl sie weiterhin fleißig schreibt. Verlorene Paradiese im Atlantis Verlag bildet die löbliche Ausnahmen.

 Die Top 25 Fantasy-Werke – Solche Bestenlisten gibt es ja wie Sand in der Wüste von Arrakis, und sie sind stets streitbar, aber diese hier gefällt mir besonders gut, weil sie ihre Auswahl ausführlich und nachvollziehbar begründet. Was ich davon gelesen habe und was mir auf der Liste fehlt, kann man dort in den Kommentaren nachlesen. Die Liste ist auf jeden Fall ein guter Orientierungspunkt, wenn man mit dem Genre nicht so vertraut ist, sich aber ausführlicher damit beschäftigen möchte.

Hier die Bücher aus der Liste, die ich gelesen habe (jeweils nur ein Band). Robin Hobb fehlt, die hatte ich mir nur ausgeliehen.

Hier die Bücher aus der Liste, die ich gelesen habe (jeweils nur ein Band). Robin Hobb fehlt, die hatte ich mir nur ausgeliehen.

Business Musings: Serious Writer Voice – Die Autorin Kristine Kathryn Rusch (Das Buch der Fey) bemängelt in diesem Beitrag das Fehlen einer eigenen Erzählstimme in den unzähligen Kurzgeschichten, die sie in der letzten Zeit gelesen hat. Diese Geschichten hätten zwar gute Plots und Ideen, würden sich aber von der Erzählstimme her alle gleich anhören bzw. lesen. Dafür hat sie auch einen Schuldigen ausgemacht: vermeintlich hilfreiche Schreibregeln von Autorenworkshops, durch die die Erzählstimmen alle in ein konformes Korsett gezwängt werden. Gerade in den USA sind ja Schreiblehrgänge, Studiengänge wie Creative Writing und Workshops wie zum Beispiel Clarion West weit verbreitet, und führen (meiner Vermutung nach) teilweise dazu, dass das Handwerk im Schreiben überbetont wird, und die Kunst dadurch ein wenig verdrängt. Man muss das Handwerk natürlich beherrschen, aber wenn man es tut, kann man die Regeln gezielt und gekonnt brechen, um Kreativität und Originalität zu schaffen.

So werden Bestseller wirklich gemacht – Auf Welt.de gibt es einen interessanten Artikel von Felix Zwinzscher, darüber, wie wenig aussagekräftig die bekannten Bestsellerlisten wirklich sind, was die tatsächlichen Verkäufe von Büchern angeht.

Hong Kong In The 1950s Captured By A Teenager – Ich stehe ja total auf Filme aus Hongkong, der in den 1960ern spielende Film Days of Being Wild von Kar-wai Wong gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Deshalb gefallen mir diese tollen Fotografien aus den 1950ern besonders gut. Danke für den Link, Oli.

Hysterical Literature – Und zum Abschluss noch was Spaßiges. Hier lesen einige Frauen aus Büchern vor, während sie sich mit technischen Hilfsmittel stimulieren und damit in eine gut gelaunte Lesestimmung bringen lassen. Sehe ich da einen neuen Trend für Lesungen … 🙂

7 Gedanken zu “Phantastische Netzstreifzüge 46

  1. Die Top25 Fantasy-Werke ist wirklich eine schöne Liste! Auch wenn die Reihenfolge Raum für Diskussionen lässt, kann ich ihr gut folgen (bis auf zwei hab ich die sogar gelesen).
    Tendenziell bevorzugt sie leider Dark Fantasy. Ich hätte da beispielsweise gerne Jemisin statt Lawrence gesehen (immerhin setzt die Liste HdR auch deswegen nach hinten, weil sich die Rolle der Frauen weiterentwickelt hat). Für Varianz würden weiter hervorragende Bücher wie City of Stairs, Last Unicorn, Paladin of Souls, Bridge of Birds, Jonathan Strange & Mr Norrell (oder Little, Big), Book of the New Sun sorgen. Und warum nicht Die Unendliche Geschichte?
    Na, mensch kann halt nicht alles haben 🙂

  2. Danke für den Glückwunsch 🙂

    „Gerade in den USA sind ja Schreiblehrgänge, Studiengänge wie Creative Writing und Workshops wie zum Beispiel Clarion West weit verbreitet, und führen (meiner Vermutung nach) teilweise dazu, dass das Handwerk im Schreiben überbetont wird, und die Kunst dadurch ein wenig verdrängt. “
    Inzwischen werden solche Workshops hier ja auch immer beliebter, aber ich sehe das ehrlich wie du. Sicher können sie einem helfen und ich muss ja auch zugeben, noch nie einen Professionellen mitgemacht zu haben und mir daher nicht wirklich ein Urteil erlauben zu dürfen. Aber ich habe schon bei diesen Twitter-Tipps oder in Autorenforen oft den Eindruck, dass die Kunst dabei irgendwie flöten geht. Struktur ist eine Sache und die muss man vielleicht auch erst lernen, aber es muss ja nicht gleich in Kreativem Strukturalismus ausarten.

    • Dieser Konformismus breitet sich auch bei Lesern aus. Das üblichste Beispiel dafür ist das dogmatische Festhalten an dem (meiner Meinung nach völlig falsch verstandenen) „show don’t tell“-Prinzip, auf das sich bei Diskussionen über Bücher in Foren oft bezogen wird.

      • Ach ja, das kann ich auch nicht mehr hören. Ich hab den Eindruck, dass das ohnehin jeder anders definiert. Bei „Vor meiner Ewigkeit“ z. B. stand mal in einer Rezension, das Buch sei wunderbares „show“ – ein andermal hieß es, es sei zu viel „tell“. Wer von beiden Recht hat, weiß ich nicht.

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