„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ von Becky Chambers

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Im Zuge der Verleihung der Nebula Awards, die in diesem Jahr fast ausschließlich Frauen verliehen wurden, diskutierte man im englischsprachigen Fandom darüber, dass es doch aktuell plötzlich so viele Frauen gebe, die tolle Science Fiction schreiben würden. Was sicherlich auch der Fall ist, nur mit dem plötzlich stimmt das nicht so ganz. Es gab schon immer Autorinnen, die tolle SF geschrieben haben (Leigh Brackett, Ursula K. Le Guin, Octavia Butler, C. J. Cherry, Joanna Russ, Nancy Kress, James Triptree jr. …).

Die Meisten von ihnen sind auch von den 70ern bis in die 90er hinein auf Deutsch erschienen. Nur ist das teilweise in Vergessenheit geraten. In den letzten zehn Jahren hatte ich auch den Eindruck, dass sich deutsche Verlage mit Science Fiction von Frauen eher schwertun (mal abgesehen davon, dass SF generell lange als Kassengift galt). Im Zuge der aktuellen SF-Offensive (Trend zur Science Fiction?) schaffen es anscheinend wieder mehr SF-Autorinnen auf den deutschen Buchmarkt (wenn auch noch nicht alle, von denen ich es mir wünschen würde), aber in den aktuellen Herbstprogrammen der Phantastikverlage finden sich so einige Perlen.

Dazu gehört auch The Long Way to a Small Angry Planet von Becky Chambers, das unter dem Titel Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten gerade bei Fischer/Tor in der gelungenen Übersetzung von Karin Will erschienen ist.

So viel Spaß hat mir schon lange kein SF-Buch mehr gemacht (von mir selbst zuletzt übersetzte Titel mal ausgenommen). Hier gibt es keine großen Zivilisationskriege, keine hochgerüsteten Söldnertruppen, keinen dystopischen Blick in eine nahe Zukunft, keine Wissenschaftler auf einer Hard-SF-Mission, keine Killer, keine Intrigen usw. – nein, hier geht es um die multiethnische Besatzung eines Raumschiffs, das Tunnel baut. Tunnel durch das Universum, Wurmlöchern nicht ganz unähnlich.

Die Wayfarer ist ein solches Tunnelbauschiff mit einer kauzigen und liebenswürdigen Besatzung, was die junge Marsianerin Rosmary, die gerade auf dem Schiff angeheuert hat, aber erst noch rausfinden muss. Da wäre Captain Ashby, der gerne mal ein Auge zudrückt, wenn seine Besatzungsmitglieder die Regeln mal wieder recht kreativ interpretieren. Oder seine Pilotin Sissix, vom echsenartigen Volk der Andrassik, das interessante familiäre Verhältnisse pflegt und seine Zuneigung gerne durch zärtliche Berührungen ausdrückt. Herz und Seele des Raumschiffs ist der sechsbeinige Dr. Koch (im Original Dr. Chef), der Arzt und Koch zugleich ist, und für jede Gemütslage das richtige Gewürz parat hält. Für die ausgelassene Stimmung sorgen die menschlichen Mechaniker Jenks – der eine innige Beziehung zur Schiffs-KI führt – und die junge und freche Kizzy – ein weiblicher McGyver im Weltraum. Dafür, dass die Crew auch immer den richtigen Weg findet, sorgen die Navigatoren Ohan, die aus einem Volk stammen, das auch die Welt hinter dem sichtbaren Weltraum sehen kann (wie es dazu kam, ist auch eine interessante und herzzerreißende Geschichte) und irgendwie mehr als nur eine Person sind. Und selbst das Quotenarschloch an Bord hat seine Daseinsberichtigung: Artis Corbin war zweierlei: ein begabter Algaeist und ein komplettes Arschloch (S. 11).

Ich habe mich an Bord der Wayfarer unter dieser sympathischen Besatzung sofort wohl gefühlt. Jeder trägt sein Päckchen mit sich rum, hat seine Eigenheiten, ist aber auch ein herzliches Mitglied der Familie. Im Prinzip begleiten wir die Crew dabei, wie sie von ihrem letzten Einsatzort zu einem neuen fliegt, der allerdings im Zentrum der Galaxis bei einem Volk liegt, das bisher vor allem durch sein kriegerisches und isolatorisches Verhalten aufgefallen ist. Unterwegs gibt es aber so einige Abenteuer zu erleben. Die Grundstimmung der Geschichte ist eine Wohlfühlatmosphäre, aber genau an den richtigen Stellen, fügt die Autorinnen dann kleine Abenteuer ein, während denen man mehr über die einzelnen Besatzungsmitglieder erfährt, und durch die das Band zwischen ihnen immer stärker geschmiedet wird.

Daneben gibt es aber auch einen faszinierenden Weltenbau und interessante Konzepte, was das Sozialleben und das Verhalten der einzelnen Völker angeht. Becky Chambers setzt weniger auf Action, Spannung und große Effekte, sondern mehr auf den guten alten Sense of Wonder, liebenswürdige Figuren, exotische Welten und Wesen, die kleinen Probleme des Alltags im Weltraum und vor allem auf viel Herz. Das ist intelligente, unterhaltsame Wohlfühl-SF, die zu keinem Zeitpunkt langweilig wirkt, aber auch nie kitschig oder naiv. Mit dieser Besatzung würde ich jederzeit gerne durchs All düsen.

Update 12.20 Uhr:

Unterschreibe das! Einzige Einschränkung: Es geht für praktisch alle Figuren auch ans Eingemachte. Wie es sich gehört, auch bei Optimisten.

Diese Ergänzung äußerte Frank Böhmert auf Twitter.

Wolfgang Jeschke – Der letzte Tag der Schöpfung

In Gedenken an Wolfgang Jeschke, hier meine Besprechung (aus dem Jahr 2005) seines Romans »Der letzte Tag der Schöpfung«. Nachrufe überlasse ich jenen, die ihn gekannt haben. Wie z. B. sein Nachfolger bei Heyne Sascha Mamczak auf diezukunft.de oder Dietmar Dath in der FAZ. Ich habe Wolfgang Jeschke mal live auf einem Bucon vor einigen Jahren gesehen, wo er einen Preis erhalten hat. Er wirkte damals schon gesundheitlich angeschlagen, um so höher ist es ihm anzurechnen, dass er trotzdem gekommen ist. Nach allem, was ich so lese und in den vergangenen Jahren schon gehört habe, soll er ein sehr netter Mensch gewesen sein. In meinem Bücherregal wird er auf ewig mehr als nur einen Platz haben, sowohl als Autor als auch als Herausgeber.

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Anfang der 80er Jahre – das Öl wird knapp. Zumindest glaubt dies die amerikanische Regierung. Schließlich hat man gerade erst eine Ölkrise hinter sich. Und die Amerikaner sind es leid, von den arabischen Ölstaaten abhängig zu sein. Aber was tun? Einen Krieg können sie sich nicht erlauben, denn der Vietnamkrieg ist der US-Bevölkerung noch zu gut im Gedächtnis. Glücklicherweise finden sich auf der ganzen Welt Artefakte, die darauf hindeuten, dass man in der Zukunft eine Lösung gefunden hat. Wie sonst lässt sich ein 60.000 Jahre alter Militärjeep erklären, der bei Ausgrabungen gefunden wurde. Dazu kommen noch weitere Gegenstände, die auf eine Pipeline in die Vergangenheit schließen lassen. Also schickt das US-Militär eine Gruppe von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Soldaten 60.000 Jahre zurück in die Zeit, um den Saudis das Öl unter dem Hintern weg zu pumpen. Allerdings lassen sich immer nur kleine Gruppen auf einmal in die Vergangenheit schicken. Dummerweise liegt die Genauigkeit jedes einzelnen „Abwurfs“ bei Plusminus ein paar Jahrhunderten. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich die „Temponauten“ herumschlagen müssen. Denn die Amerikaner scheinen nicht die Einzigen zu sein, die mit Zeitreisen experimentieren.

Was als spannende archäologische Entdeckung beginnt und zu einem unvergleichlichen Abenteuer werden könnte, wird für den NAVY-Piloten Steve Stanley zum Horrortrip seines Lebens. Bereits kurz nach seiner Ankunft in der Vergangenheit merkt er, dass etwas schrecklich schief gegangen ist. Er findet sich in einer öden und verstrahlten Welt wieder, in der Krieg herrscht. Umgeben von scheinbar überlegenen Feinden, versucht er, mit einer kleinen Gruppe von Zeitreisenden zu überleben.

Der Mensch hat wirklich ein Talent dafür, sich in äußert unangenehme und ausweglose Lagen zu manövrieren. Dabei spielen Dummheit, Gier, Ignoranz und Gewissenlosigkeit eine große Rolle. Alles Eigenschaften, die hervorragend auf den militärisch-industriellen Komplex Amerikas – vor dessen Macht schon Präsident Eisenhower warnte – zutreffen. Mit beispielloser Dummheit verändern die verantwortlichen Militärs in dieser Geschichte das Einzige, auf das sie bisher keinen Einfluss hatten: die Vergangenheit. Das Tragische an der ganzen Sache ist, dass sie die Veränderungen gar nicht mitbekommen, da sie ja schon immer da waren („Zeitreiselogik“). Es ist Bradburys berühmter Schmetterling, auf den sie nicht treten, sondern mit Atomraketen schießen.

Wolfgang Jeschke verpackt die geniale Idee des temporalen Öldiebstahls in eine spannende und kurzweilige Geschichte. Es gelingt ihm, das – wissenschaftlich gesehen – schwierige Thema der Zeitreise glaubhaft zu erklären, ohne dabei in langweilige Details zu gehen. Er zeigt uns, dass die Menschheit trotz wissenschaftlichem Fortschritt und dem Aufbau einer sogenannten Zivilisation immer noch nicht in der Lage ist, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen. Aus Habgier, Neid und was-weiß-ich für Gründen, riskiert der Mensch gerade durch den wissenschaftlichen Fortschritt den weiteren Fortbestand seiner eigenen Art. Hier wird Darwins „Survival of the fittest“ ad absurdum geführt, denn der Stärkste kann uns alle töten – eingeschlossen sich selber.

Auch wenn das Buch schon 20 Jahre alt ist, hat es nichts an Aktualität verloren. „Der letzte Tag der Schöpfung“ ist eine spannende und intelligente Zeitreisegeschichte, die uns allen zu denken geben sollte.

Buchempfehlung: Stimmen der Nacht von Thomas Ziegler

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Führerlos durch die Nacht

Der Ausgang des 2. Weltkriegs ist ein beliebtes Szenario in Alternativweltgeschichten. Phillip K. Dick frage sich in Das Orakel vom Berge, wie es sei, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten, ebenso wie Robert Harris in Vaterland. Christian von Dithfuhrt behandelt in Der 21. Juli die Frage, was wäre wenn, Hitler beim Staufenberg-Attentat ums Leben gekommen wäre, und Himmler die Führung übernommen hätte. Bei Thomas Ziegler läuft es anders ab. Hier haben die Nazis den 2. Weltkrieg verloren. Aber anders als in unserer Wirklichkeit wurde nicht der Marschall-Plan zum Wiederaufbau Deutschlands durchgeführt, sondern der Morgenthau-Plan, der dafür sorgte, dass sämtliche Industrieanlage aus dem Land verschwanden und Deutschland eine Agrarnation blieb, in der Städte wie Berlin und Köln in Schutt und Asche liegen. Was aber für die Überlebenden Nazis nicht das Ende bedeutet. Die haben sich rechtzeitig nach Südamerika abgesetzt und sind dort unter der Führung von Martin Bormann zur Atommacht aufgestiegen. Zu Beginn der 80er Jahre stehen sie kurz vor der Wiedereroberung Deutschlands und nur der amerikanische TV-Moderator Gulf kann sie noch aufhalten. Denn Gulf hört Stimmen. Die Stimmen der Nacht. Und weiß, dass mit der Welt etwas nicht stimmt.

Es ist ein wirklich faszinierendes Szenario, das Ziegler hier entwirft, und alle, die der Meinung sind, dass Deutschland noch von den Amerikanern besetztes Gebiet sei, sollten dieses Buch lesen. Denn aus der Vorstellung, wie es aussehen würde, wenn die USA Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verlassen und allein gelassen hätten, kann man erkennen, was sie alles für dieses Land getan haben. Auch stimmt Simmen der Nacht sehr nachdenklich in Bezug auf den nie ganz verschwundenen Führerkult. Denn tief im kollektiven Bewusstsein der Deutschen lebt der Führer weiter, sitzt in seinem Bonker, streichelt Blondi und träumt davon, wieder da zu sein.

Das Einzige, was ich kritisieren könnte, ist die Passivität der Hauptfigur. Denn Gulf dient dem Leser ausschließlich als Führer durch die Nacht dieser düsteren Vision. Nicht ein einziges Mal handelt er selbständig. Immer wird er von anderen geleitet, egal ob von der US-Militärführung, dem Geheimdienst oder diversen Entführern. Er ist nur ein Blatt im Wind, durch dessen Augen wir sehen, wie ein Sturm aufzieht.

Sprachlich ist der Roman von Thomas Ziegler deutlich weniger extravagant ausgefallen, als z. B. sein Sardor-Romane. Der Stil ist schnörkellos, klar und ganz hervorragend. Ziegler lesen ist immer ein Genuss. Der Roman ist übrigens schon 1983 bei Ullstein erschienen und wurde jetzt vom Golkonda Verlag in einer wunderschönen Neuausgabe wiederveröffentlicht. Schade, dass der 2004 verstorbene Reiner Zubeil (alias Thomas Ziegler) dies nicht mehr erleben kann.

Nachtrag: Auf Facebook wurde ich von Florian Breitsameter auf Folgendes hingewiesen: „Erwähnen sollte man hier aber vor allem die erweiterte und überarbeitete Neuauflage die 1993 bei Heyne erschien und auf die Thomas Ziegler sehr stolz war.“

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich hier verzapfe, und lesen Sie Thomas Zieglers Stimmen der Nacht.

Oder würden Sie diesem freilaufenden Rezensenten etwa misstrauen?

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Epische Fantasy von Frauen (3): The Riddle-Master of Hed von Patricia A. McKillip

Vor einem Jahr hatte ich angekündigt, mich in den nächsten Monaten verstärkt mit epischer Fantasy von Frauen zu beschäftigen. Das hat jetzt doch etwas länger als geplant gedauert. Dabei hatte ich es zwischenzeitlich durchaus mit Fantasyautorinnen wie Kate Elliot und Janny Wurts versucht, aber obwohl die Bücher, die ich angefangen haben, gar nicht schlecht sind, war ich einfach nicht in der Stimmung dafür. Manchmal gibt es die richtigen Bücher zur falschen Zeit. Da ist es dann am Besten, sie zur Seite zu legen, bis es passt. Beim Riddle-Master of Hed hat es gepasst.

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Bereits 1976 erschienen, verwendet McKillip zwar durchaus typische Plotelemente der klassischen epischen Fantasy, weiß sie aber zu einer interessanten und nicht so ganz genretypischen Mischung zu präsentieren. Es geht um eine alte Prophezeiung, in der ein einfacher Bauernjunge (Okay, er ist der Herrscher von Hed, aber da es sich nur um einen klitzekleinen Agrarstaat/Insel handelt und er selbst in relativ einfachen Verhältnissen aufwächst, geht Morgan durchaus als einer durch) jene Prophezeiung erfüllen muss, um die Welt zu retten oder so ähnlich. Ganz klar ist es nicht, worum es darin geht.

Wobei diese klassischen Plotelemente 1976 vermutlich noch gar nicht so klassisch waren. Mit Lloyd Alexanders Taran gab es zwar schon 1964 einen Schweinehirten, der zu Größerem bestimmt war (auch wenn damit eigentlich das von ihm zu hütende Orakelschwein gemeint ist), aber bis auf den einfachen Hobbit, der allein das Böse bezwingen konnte, war die Fantasyliteratur dieser Zeit vor allem durch große Helden wie Conan, Kane und Elric bestimmt. Der Trend zur epischen Fantasy mit dem Helden aus einfachen Verhältnissen setzte erst in den 80er Jahren mit Dave Eddings und Raymond Feist ein. McKillips Riddle-Master of Hed kann als durchaus als Vorläufer dieser Werke gesehen werden. Allerdings hebt er sich  selbst aus heutiger Rückschau von den ihm folgenden Werken ab.

Ganz so episch ist der erste Band der Trilogie gar nicht. Es handelt sich vor allem um einen Reiseroman. Morgans Reise beginnt der kleinen Insel Hed und führt ihn dann aufgrund eine Verkettung unglücklicher Umstände (man könnte auch von Attentaten sprechen) durch das ganze Reich (von dem Hed nur ein winziger Teil ist). Um herauszufinden, was es mit der Prophezeiung, dem Stern auf seinem Gesicht und der magischen Harfe, die er unterwegs erhält, auf sich hat, muss er zum High One (so was wie ein Gott, ganz kapiert hab ich es nicht) hoch in den Norden reisen, wobei er interessante und gefährliche Begegnungen macht.

Krieg liegt zwar in der Luft, Morgan kommt aber nicht direkt damit in Berührung, ihm machen nur einzelne Attentäter das Leben schwer. Doch der Riddelmaster of Hed ist kein großer Krieger, sondern, wie der Titel schon sagt, ein Rätselmeister. Und in einer Welt, die voller Rätsel steckt, ist das eine mächtige Gabe. Hier gibt es keinen harten Realismus und brutale Gewalt, wobei McKillips Figurenzeichnung alles andere als schwarz-weiß ist. Es treten viele undurchsichtige Gestalten auf, die es Morgan schwierig machen, jemandem zu vertrauen. Aber es sind auch liebenswürdige und vor allem faszinierende Personen darunter.

Ich kann The Riddle-Master of Hed nur empfehlen. Etwas altmodische aber sympathische Fantasy, die es versteht, ihre Leser mit relativ einfacher Magie zu verzaubern und vor allem sprachlich schön geschrieben ist. Ich würde das Buch stilistisch und inhaltlich als verträumt bezeichnen.

In meiner Omnibusausgabe von Ace sind alle drei Bände in einem enthalten (wobei inzwischen wohl noch ein vierter dazu gekommen ist). Gelesen habe ich bisher aber nur den ersten. Auf Deutsch ist die ursprüngliche Trilogie in den 80er Jahren bei Goldmann erschienen, in den 90ern gab es noch eine Neuauflage, inzwischen sind die Titel aber schon lange vergriffen. Band 1 heißt auf Deutsch Die Schule der Rätselmeister

Übersetz mich! „The Three-Body Problem“ von Cixin Liu

Die angloamerikanische Science Fiction dominiert das Genre seit Jahrzehnten und stellt auch in meinem Bücherregal die größte Fraktion. Ein paar deutsche Autoren wie Andereas Eschbach, Michael Marrak, Wolfgang Jeschke und Herbert W. Franke sind natürlich auch dabei, aber dann wird es auch schon dünn. Klassiker wie die Stanislav Lem aus Polen und die Gebrüder Strugatzki aus Russland dürfen natürlich nicht fehlen. Vor einigen Jahren sorgte Sergej Lukianenko dafür, das vermehrt russische SF bei deutschen Verlagen erschien, darunter auch Dmitry Glukhovsky. Hier und da erscheint auch mal ein Franzose wie Pierre Bordage oder ein japanischer Autor wie To Ubukata, aber das war es auch schon. Dabei hat z. B. Andreas Eschbach mit seiner Anthologie Eine Trillion Euro, in der SF-Kurzgeschichten aus viele europäischen Ländern wie Finnland, Griechenland oder Spanien vertreten sind, gezeigt, dass die SF viele Sprachen kennt. Das Japan und Frankreich eine lang SF-Tradition haben, zeigen die seit Jahrzehnten erscheinenden Animes, Mangas und Comics, die es auch nach Deutschland schaffen. Im Literaturbereich ist das aber leider nicht der Fall.

Dabei findet Science Fiction auf allen Kontinenten statt. Kürzlich ging z. B. ein afrikanisches SF-Magazin an den Start. Mit André Carneiro starb im November einer der bekanntesten brasilianischen SF-Autoren im Alter von 92 Jahren. Und auch in Indien findet die Zukunft statt, wie dieser Artikel zeigt. Nnedi Okorafor wiederum lässt ihre SF in Nigeria spielen.

Aber China war bisher noch unentdecktes Land, auch wenn The Three-Body Problem anders als vom Verlag angekündigt, nicht der erste ins Englische übersetzte SF-Roman aus China ist, wie Gary K. Wolfe in der Locus-Ausgabe vom Dezember 2014 feststellte. In einem Artikel auf Tor. com schreibt Autor Cixin Liu, dass SF in China ein Genre wäre, dass nicht viel Respekt bekomme.

Science fiction is not a genre that has much respect in China. Critics have long been discouraged from paying attention to the category, dismissed as a branch of juvenile literature

SF würde vor allem von Schülern und Studenten gelesen. Und doch wurde The Three Body (der Übertitel für alle drei Romane der Trilogie) zu einem Erfolg, auch in anderen Gesellschaftsschichten. Vielleicht liegt das auch am deutliche Hard-SF-Charakter des Romans, der sich streckenweise wie eine komplexe wissenschaftliche Abhandlung liest (was für mich aber kein negatives Merkmal ist). Dabei hat die SF in China laut Liu eine lange Tradition.

Of course, these events are only the latest entries in the century-long history of science fiction in China.

Der längere Artikel von Cixin Liu lohnt sich wirklich, ist aber nur auf Englisch verfügbar. Ich werde mich jetzt nach der langen Vorrede lieber dem Roman selbst zuwenden.

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Die Geschichte beginnt während der Kulturrevolution, die junge Physikstudentin Ye Wenjie muss mit ansehen, wie ihr Vater von der revolutionären Garde (die zum Teil aus jungen Mädchen besteht) zu Tote geprügelt wird. Sie selbst landet in einer Arbeitseinheit bei Forstarbeiten und später beim Red-Coast-Projekt, das dem SETI-Projet nicht unähnlich ist. Aber die Geschichte wird nicht linear erzählt, Lui springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Ihr Anker liegt ungefähr in der Gegenwart, in der der an Nanomaterial forschende Wang Miao die Hauptfigur ist, und einer unglaublichen Geschichte auf die Spur kommt. Warum begehen plötzlich so viele Spitzenwissenschaftler Selbstmord? Was hat es mit dem Ende der Wissenschaft auf sich? Wang wird von einem geheimen Sonderkommando aus Militärs und Polizei (dem auch CIA und Natomitarbeiter angehören?) auf die Sache angesetzt, und macht schon bald eine unglaubliche Entdeckung.

Wie schon erwähnt ist The Three-Body Problem Hard-SF in Reinkultur. Vor allem gegen Ende des Romans war es mir nicht mehr möglich, den komplexen wissenschaftlichen Erklärungen zu folgen, was den Roman aber nicht schlechter macht. Gleichzeitig muss Wang aber auch ein faszinierendes Krimipuzzle lösen, und während seiner Ermittlungen erhalten wir immer wieder Einblicke in die Vergangenheit des Red-Coast-Projekts. Diese Rückblicke sind die große Stärke des Romans, in ihnen wird der Wahnsinn der Kulturrevolution und ihre Folgen anhand des Schicksals der jungen Ye Wenjie eindrucksvoll geschildert. In der Gegenwart schwächelt der Roman ein wenig auf der Figurenebene. Wang Miao bleibt ziemlich blass. Zunächst lernt man noch seine Familie mit Frau und Kind kennen, und welche Auswirkungen sein verstörtes Verhalten aufgrund seiner Erkenntnisse auf seine Frau hat. Aber die verschwindet schon bald gänzlich vom Radar. Plötzlich reist er in der Weltgeschichte rum, ohne auch nur an seine Familie zu denken. Dabei verbleibt er größtenteils passiv, und mir als Leser sehr distanziert.

Das war aber das Einzige, was mich an dem Buch gestört hat. Für diese kleine Schwäche entschädigt das faszinierende wissenschaftliche und die Grenzen unser Vorstellung sprengende Szenario, das zwar teils sehr abstrakt wirkt, mit Hilfe eines Computerspiels, das Wang spielt, aber Schritt für Schritt erklärt wird, und die wirklich tollen Ideen Lius. Für jedes Geheimnis das aufgedeckt und jedes Rätsel, das gelöst wird, tauchen unzählige neue auf, und halten die Geschichte stets spannend.

Liu schildert die Ereignisse der Kulturrevolution erstaunlich kritisch, man merkt aber auch, dass er in der Gegenwart sehr vage bleibt, was die politische Lage angeht. In der westlichen Wissenschaftsgeschichte und Literatur kennt er sich deutlich besser aus, als wir vermutlich mit der chinesischen. Es lohnt, wenn man vor der Lektüre mal nach dem Dreikörperproblem googelt. Die englische Übersetzung von Ken Lui lies sich ausgezeichnet. Für mich war das Buch ein echter Pageturner, den ich kaum weglegen konnte. Am ehesten könnte man es noch mit den Hard-SF Werken von Jack McDevitt vergleichen (ich denke da vor allem an Erstkontakt) und vielleicht noch mit Robert Charles Wilson.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch den Weg in einen deutschen Verlag finden wird. Ich hoffe aber auch, dass man es aus dem Chinesischen übersetzten lässt und nicht die Übersetzung einer Übersetzung in Auftrag gibt, wie leider es bei vielen japanischen Romane gemacht wird. Hard-SF hat es in Deuschland momentan schwer, aber The Three-Body Problem ist ein sehr spannender und voller aufregender Ideen steckender Roman. Ein Verlag, der Stolz auf sein SF-Programm ist und den Anspruch hat, die aufregendsten Werke des Genres zu veröffentlichen, der sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

Jetzt habe ich gar nicht so viel über den Inhalt verraten, aber das möchte ich auch gar nicht. Ist viel spannender, wenn Ihr euch überraschen lasst. Nur soviel, Ye Wenjie schickt in ihrer Zeit beim Red-Coast-Projekt eine Botschaft ins All hinaus, und erhält auch eine Antwort: Don’t Answer! Don’t Answer!! Don’t Answer!!!

Nachtrag vom 16.03.2015: Inzwischen habe ich erfahren, dass mehrere deutsche Verlage an dem Buch interessiert sind. Die Chancen, dass es 2016 oder 2017 auf Deutsch erscheinen wird, stehen also ganz gut.

Nachtrag vom 28.08.2015: Das Buch wird auf Deutsch bei Heyne erscheinen.

Buchempfehlung: Bloß weg hier von Frank Böhmert

Da mir momentan die Zeit für neue Blogeinträge fehlt (am Samstag geht es mit den Netzstreifzügen weiter), hier mal wieder eine ältere Buchsprechung von mir, in der es um ein Werk meines Übersetzer- und Bloggerkollegen sowie Freundes Frank Böhmert geht. Die Rezi erschien ursprünglich im Fantasyguide, wo es auch unser Berliner Mit-SFler Ralf Steinberg besprochen hat.

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Rezension:

Berlin (West) 1973: freie Fahrt für freie Rotzlöffel. Und Olli, der Berlins Straßen mit seinem Bonanza Rad unsicher macht, ist das Paradebeispiel eines Rotzlöffels. Er deckt den frisch gewachsten Wagen seines Sportlehrers mit Sand ein, bespritzt Frau Klehm mit Kakao und klaut Fischfutter. Ein richtiger Bart Simpson, wie ihn beinahe jede Klasse hat. Oder ist das alles nur eine Frage der Perspektive? Sehen die Erwachsenen, die auf Olli herab blicken, alles falsch von dort oben. Entgehen ihnen die Details?

Auch »Brillenbubi« Bernd schaut auf Olli herab. Genau genommen von einem Baum im Grunewald. Olli ist nach einer Verkettung unglücklicher Umstände abgehauen, und Bernd hat sich verlaufen. Doch bevor die beiden Schicksalsgefährten Freunde werden können, setzt es erst einmal eine ordentliche Tracht Prügel. Wie es sich für Jungs eben gehört. Dann werden Comics gelesen, zusammen auf einem Rad gefahren, Erwachsene bepöbelt und Mülleimer in die Horizontale verschoben.

Doch hinter dem harten Kern eines rauen Jungen steckt auch ein Herz. Und so beschließt Olli, Bernd dabei zu helfen nach Hause zu finden. Nach Kreuzberg, wo die ganzen Asozialen wohnen. Genug Stoff also für ein Großstadtabenteuer, in dem die beiden Helden es noch mit U-Bahn-Kontrolleuren, Kettenhunden, Hertha-Pennern und Mädchen zu tun bekommen.

 

Autor Frank Böhmert (seines Zeichen »asozialer« Treptower) versetzt den Leser zurück in eine Zeit, in der es noch keine Handys, Computer und IPods gibt. Er versetzt den Leser vorangeschrittenen Alters zurück in seine Kindheit. Auch wenn ich Jahrgang 79 bin, haben die Abenteuer von Olli und Bernd viele Kindheitserinnerungen bei mir hervorgerufen. Der Anschiss vom Schuldirektor, die Angst nach Hause zu kommen, weil man Mist gebaut hat, die Erkundungsgänge in Ruinen, das kommt auch einem Dorfbengel wie mir bekannt vor.

In Böhmerts Werk steckt aber mehr als nur abenteuerlicher Fünf-Freunde-Stoff. Es geht um Kinder, die in materieller Armut und emotionalem Reichtum leben, während andere wünschten, ihre wohlhabenden Eltern würden sich mal über den Mist aufregen, den ihr Sohn gebaut hat. Wenn Kinder merken, dass sie nur zur Dekoration da sind, ist eine Kindheit in Gefahr. Da bedarf es guter Freunde, um solche Defizite auch nur halbwegs zu kompensieren.

Als Neu-Berliner habe ich mich besonders über die Einblicke in ein Berlin gefreut, das ich bei meinem Streifzügen durch die Stadt nur noch erahnen kann. Bäume und Asphalt mögen noch derselbe sein, und vermutlich auch noch viel zu viele der S-Bahn-Wagen, aber wie Schliemann, bevor er anfing Troja auszugraben, kann ich nur noch vermuten, was die Zeit begraben hat. Frank Böhmert erweist sich als ausgezeichneter Archäologe, der es schafft, seine Figuren mit einem authentischen Tonfall auszustatten und jede Menge Details hineinpackt, die die 70er Jahre wieder auferstehen lassen.

 

Fazit:

Bloß weg hier!« setzt den Leser auf den Sozius, spuckt noch mal kräftig aus, tritt in die Pedale und nimmt ihn mit zurück in eine längst vergessene Zeit namens Kindheit. Ein Ort, an dem hinter jedem Baum ein Abenteuer lauert; in jeder Ruine ein Geheimnis wartet und die Zukunft noch Möglichkeiten und Träume verspricht.

P.S. erschienen ist das Buch übrigens bei Golkonda

Buchempfehlung: „Der goldene Schwarm“ von Nick Harkaway

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Crazy Joe ist gar nicht so verrückt. Zumindest anfangs nicht. Der Uhrmacher, der die Tradition und das Geschäft seines Großvaters fortführt und ein beschauliches, unauffälliges Leben führt, um ja nicht die Tradition seines Vaters fortzuführen, der in London eine Gangsterlegende war, landet durch seinen nicht ganz so betulichen Einbrecherfreund Billy plötzlich mitten in einer Verschwörungsgeschichte, in der ein diabolischer Bösewicht-Diktator nach einem Bad-Hair-Day versucht ihm eine Weltuntergangsmaschine abzujagen, um mit ihrer Hilfe zum Gott aufsteigen zu können.
Hilfe erhält er von einer fast hundertjährigen ehemaligen Agentin, die zwar nicht aus dem Fenster steigt, dafür aber den ungebetenen Schlägerbesuch in ihrer Wohnung mittels Revolver und einzahnigem Hund umnietet. Und dann gibt es da noch die Blümchen und die Bienen, und Polly, die mit Joe dank eines ratternden Güterzugs neue sexuelle Höhen erreicht und ihm aus Dankbarkeit und Verbundenheit tapfer zur Seite steht. Der naive, friedfertige Joe hat keine Chance gegen den Diktator mit seinen Ruskeniten-Kampfmönchen und die skrupellosen Handlanger der Regierung (der man und frau niemals trauen sollte – Niemals!!). Um lebend aus der Geschichte rauszukommen, muss er sich mit der ebenso zwielichtigen wie auch glorreichen Vergangenheit seines Vaters auseinandersetzen.

Endlich mal wieder ein richtiger Abziehbild-Klischeebösewicht wie aus einem Groschenheftroman der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts; so ein Pulpschurke, der bei Rot über die Ampel geht (besonders wenn es kleine Kinder sehen), seine Schuhe mit einem Knoten zu macht, von den letzten zwei Wurstscheiden beide nimmt, Elefanten foltert!, Priester foltert und sich eine über 5 Jahrzehnte dauernde Fehde mit der inzwischen fast hundertjährigen Eide Bannnister leistet. In Zeiten ambivalenter Schurken, denen die Zuschauer und Leser durch clevere Erzählstrukturen und Biographien Empathie entgegenbringen, ist das richtig erfrischende Schwarz-Weiß-Malerei. Trashige Pulp-Literatur, aber mit den erzählerischen Mitteln eines sehr begabten Autors und einer phantastischen Ideenvielfalt, die den Leser auf beinahe jeder Seite förmlich erschlägt.

Dabei ist das Buch nicht ganz so rasant und abgedreht wie Nick Harkaways Erstling Die gelöschte Welt, und es gibt zu meiner Enttäuschung keine Ninjas (dafür besagte Weltuntergangsmaschine). Im Mittelteil hat das Buch auch die ein oder andere Länge, vor allem während Joes Institutionalisierung, trotzdem habe ich es innerhalb weniger Tage verschlungen. Der gemächliche Einstieg über die ersten hundert Seiten, auf denen gar nicht so viel passiert, hat mir trotzdem viel Spaß beim Lesen gemacht. Das war ein gemütlich, fröhlicher Einstieg in eine sich dann rasant entwickelnde Räuberpistole.

Abwechslung erhält der Roman auch durch die zahlreichen Rückblenden, die sowohl Edies abenteuerreiche Lebensgeschichte im Geheimdienst ihrer Majestät erzählen, als auch Joes Familiengeschichte, ohne den eigentlichen Plot zu verlangsamen. Familie ist das richtige Stichwort. Der goldene Schwarm ist vor allem ein Familienroman. Es geht um Väter, Söhne und Großväter, ihr Verhältnis untereinander, Familientradition und Familiengeheimnisse. Joe kann sich nur aus dem Schlamassel befreien, wenn er sich seiner Familiengeschichte stellt.

Anfangs dachte ich noch, das Buch würde in Richtung Neil Gaimans Neverland und China Miévilles Kraken gehen, was sich aber zum Glück als Irrtum rausstellte. Statt sich an diesen großen Vorbildern zu orientieren, zieht Nick Harkaway sein eigenes Ding durch, schafft sein eigenes selbstständiges Universum, das nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Der goldene Schwarm ist ein weiteres rasantes Ideenfeuerwerk voller Fabulierkunst, nicht ganz so abgedreht wie Die gelöschte Welt, aber nicht minder lesenswert.

Ich habe die Übersetzung von André Mumot zwar nicht mit dem Original verglichen, aber sie liest sich sehr flüssig und stimmig, inklusiver kleiner, passender Schrulligkeiten wie dem »Frickelstab«.

Das Einzige, was ich kritisieren könnte, ist der Preis. 19.99 Euro ist doch ziemlich happig für ein Paperback. Da erwarte ich eigentlich ein Hardcover (wobei ich das Buch direkt beim Verlag gewonnen habe). Aber wir können schon froh sein, dass Harkaway überhaupt auf Deutsch erscheint.

P.S. Das auf Deutsch im Knaus Verlag erschienene Buch heißt im Original übrigens The Angelmaker. Auf Englisch ist gerade Nick Harkaways drittes Buch Tigerman erschienen.

P.P.S. Schön, dass man das Originalcover beibehalten hat.

Gelesen: Der Thron von Melengar von Michael J. Sullivan

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So kann übrigens ein Rezensionsexemplar aussehen.

Der Thron von Melengar ist eine rasante Gaunergeschichte mit Fantasyelementen, die nicht versucht, mehr zu sein, als sie tatsächlich ist. Gaunergeschichten sind in der Fantasy ein beliebtes Thema. Das heißt, die Protagonisten des Romans sind Diebe, die in der Regel das ganz große Ding planen, so wie in Brandon Sandersons Mistborn oder in Scott Lynchs Die Lügen des Locke Lammora. Sullivans Buch ist da weitaus weniger ambitioniert. Die Diebe Hadrian und Royce – die unter dem Namen Riyria firmieren – sind zwar Meister ihres Fachs und begehen ein, zwei spektakuläre Einbrüche, aber ein großer Plan steckt nicht hinter der ganzen Geschichte. Vielmehr stolpern sie bei einem Auftrag in eine Falle, stehen plötzlich als Königsmörder da und begeben sich mit einem unfreiwillig entführten Prinzen auf die Flucht.

Hier geht es zur kompletten Besprechung auf dem Fantasyguide.

Hannibal – Die Serie

Das aktuelle und alles beherrschende Thema im Bereich TV-Serien lautet Breaking Bad keine Zeitung, kein Wochenmagazin, keine Internetseite, die momentan nicht über Walt White und sein Alter Ego Heisenberg berichtet. Auch ich verfolge aktuelle die letzten Folgen der vermutlich wirklich besten Serie aller Zeiten auf iTunes. Ich bin von Anfang an dabei, seit die erste Staffel anlief, und ja, auch für mich ist die finale Staffel das Fernsehereignis des Jahres. Deshalb verzichte ich momentan darauf, hier darüber zu schreiben. Im aktuellen Spiegel gibt es einen hervorragenden Artikel, der beschreibt, was die Serie so außergewöhnlich und einzigartig macht.

Aber es gibt auch eine Zeit nach Breaking Bad, nächste Woche Sonntag endet dieses Meisterwerk der Erzählkunst. Zeit, sich neue Serien zu suchen. Erstaunlicherweise hat ein Networksender (ausgerechnet der Gurkengarant NBC) eine interessante Serie im Angebot: Hannibal

Hannibal3© 2012 NBC Universal Media, LLC

Ich habe bereits im April über die Serie berichtet. Inzwischen habe ich die komplette erste Staffel gesehen, die ab dem 10. Oktober auch auf Sat 1 (garantiert gekürzt) anlaufen wird. Bin mal gespannt, wie lange sie durchhalten. Alternativ kann man sie sich aber auch schon auf Maxdom anschauen.

Hannibal basiert auf den Romanen von Thomas Harris und erzählt die Vorgeschichte zum ersten Band „Roter Drache“. Im Fokus stehen der FBI Agent Will Graham und der Psychiater Hannibal Lecter.

Graham besitzt eine besondere Gabe, er kann sich an Tatorten in die Gedankenwelt von Mördern hineinversetzen und erlebt die Tat aus deren Perspektive, was von der Serie in beeindruckend schaurig-schönen Bildern präsentiert wird. Für Graham wird es aber immer schwieriger, aus diesen abgründigen Gedankenwelten zurückzukehren. Sein Chef Jack Crawford (Lawrence Fishburne) macht sich Sorgen, will aber auch nicht auf seinen besten Mann verzichten, deshalb zieht er den renommierten Psychiater Dr. Hannibal Lecter zu Rate. Der ist fasziniert von Graham und beginnt eine eingenartige Beziehung zu ihm, die aus einer Mischung von Freundschaft und perfid-perverser Manipulation besteht.

Diese Beziehung ist das Hauptthema der Serie. Zwar gibt es gelegentlich auch den Serienkiller der Woche, um Crawfords Beziehungprobleme, die FBI-Psychologin Dr. Alana Bloom und die Tochter eines Serienkillers, aber im Mittelpunkt steht die intensive Beziehung zwischen Graham und Lecter.

Hannibal2© 2012 NBC Universal Media, LLC

Wer hier actionreiche Spannung wie bei Criminal Minds erwartet, ist an der falschen Adresse. Hannibal ist weniger Thriller denn vielmehr Psychodrama. Obwohl die Grausamkeiten, die hier teilweise präsentiert werden, ihresgleichen suchen, steht  das Seelenleben der Figuren im Vordergrund. Und das ist düster. So wie die ganze Serie extrem düster ist. Diese Finsternis wird dabei in wunderschönen eleganten Bildern präsentiert, die mehr Kunstwerken gleichen und weniger den runtergekurbelten Network-Procedurals, die man sonst auf NBC findet. Hinzu kommt ein ausgefeiltes und atmosphärisch dichtes Sounddesign.

Der Humor der Serie ist sehr makaber, bösartig und subtil, er setzt bei den Zuschauern das (mit Sicherheit vorhandene) Wissen um Hannibal Lecter und seine kulinarischen Gewohnheiten voraus, die in der Serie mit der Eleganz eines Fünf-Sterne-Kochs inszeniert werden.

Apropos Hannibal, der hier von Mads Mikkelson gespielte Hannibal ist ganz anders, als die ikonische Interpretation von Anthony Hopkins. Wo bei Hopkins jederzeit die körperliche Aggressivität eines Raubtieres präsent ist, kommt Mikkelson sehr viel zurückhaltender daher. Seine Darstellung ist deutlich reduzierter und unscheinbarer. Was aber auch zur Serie passt, schließlich weiß bei Hopkins Hannibal jeder, mit wem er es zutun hat, während er in der Serie noch größtenteils im Verborgenen agiert. Mikkelsons Hannibal weiß durchaus zu gefallen, aber die Bedrohlichkeit von Hopkins fehlt ein wenig. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, Mikkelson sei ein Paradeabsolvent der Steven Seagal Schauspielschule, aber seine Mimik ist teilweise etwas zu reduziert, um dem Intellekt Hannibals gerecht zu werden.

Serienkillerserien sind momentan groß in Mode, in meinem oben verlinkten Artikel gehe ich näher auf dieses Phänomen ein. In Hannibal wird der Serienkiller, also Hannibal Lecter, anders als in Dexter oder auch in den Filmen, nicht zum Helden stilisiert. Er handelt von Anfang an amoralisch, grausam und stets zu seinem eigenen Nutzen und Vergnügen. Er tötet und manipuliert aus reiner Neugierde. Auch wenn er eine faszinierende Persönlichkeit ist, besteht kein Zweifel daran, dass er der Bösewicht der Serie ist. Die Perfidität, mit der er Will Graham im Verlauf der Serie manipuliert, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Der einzige Ausgleich zu dieser Kaltblütigkeit entsteht, wenn er seinerseits zu Therapiesitzungen mit der von Gillian Anderson gespielten Therapeutin Dr. Du Maurier geht. Sie ahnt, was unter seiner Oberfläche lauert, was hinter seinem Bestreben nach Freundschaft wirklich steckt.

Hannibal ist ein schaurig schönes Gemälde aus Mord, Verderben, Abgründigkeit und Kontrollverlust. Eine der Serienüberraschungen des Jahres, elegant gefilmt, psychologisch tiefgründig, dabei stets abgründig und bedrohlich.

Buchempfehlung: Peter Watts – Blindflug

Da mir momentan die Zeit für einen ausführlichen Blogeintrag fehlt, hier eine ältere Buchempfehlung, die vor einigen Jahren beim Fantasyguide erschienen ist. Das Buch ist momentan leider vergriffen (gebraucht aber günstig zu haben), deshalb gibt es hier auch kein Cover zu sehen, da es da sonst rechtliche Probleme geben könnte.

Ich gleite durch eine tödlich kalte Finsternis. Eine schwarze Weite, die in ihrer Endlosigkeit bedrückend ist. In einer Kiste, die mir durch die allgegenwärtige Schwerelosigkeit, kein Gefühl für die unglaubliche Geschwindigkeit vermittelt, mit der ich durch die Leere rase. Ein kleines Loch in der Hülle, und es ist aus. Der lebenswichtige Sauerstoff würde hinaus ins Vakuum gesaugt werden, und von mir nur eine sterbliche Hülle zurücklassen. Doch braucht es keines Einschlages von außen, um mich in tödliche Gefahr zubringen. Der Vampir, der mein Vorgesetzter ist, müsste nur seinen natürlichen Instinkten nachgeben, und schon wäre ich seine hilflose Beute. Da könnten mir auch die anderen drei (sechs) Besatzungsmitglieder nicht helfen. Weder Isaac Spindel, der Wissenschaftler, der fast nur noch aus Elektronik besteht, noch Susan James, die drei weitere Personen in ihrem gesplitteten Gehirn beherbergt. Selbst die militärische geschulte Amanda Bates hätte keine Chance gegen die überlegene Intelligenz dieses Raubtieres der Vergangenheit.

Eine Kiste voller Verrückter auf dem Weg ins Unbekannte. Als ich die Lichter, damals, zum ersten Mal am Himmel sah, war mir nicht klar, was auf mich zukommen würde. Ich, Siri Keeton, ein Synthesist, der niemals versteht, was er allen anderen doch so gut vermitteln kann.

Ich ahnte nicht, dass sie uns durch diese Lichter beobachteten. Ich ahnte nicht, dass ich es sei, der die Beobachter aufsuchen würde. Und ich ahnte nicht, welche Katastrophe auf uns zukommen würde.

Wenn ich nun zurückblicke, sehe ich nur noch Bruchstücke dieses Erstkontaktes. Kleine Blitzlichter, die durch meinen verwirrten Verstand zucken. Zu verwirrend und komplex, um sie zu verstehen. Ich sehe ein riesiges stacheliges Objekt, das große Felsbrocken in sich einsaugt. Ich sehe mich in einer fremdartigen Röhre stehen, dem Wahnsinn so nahe wie dem Tod. Ich ahne, was ich nicht sehen kann. Tentakel, die zwischen meinen Blicken zucken. Die fremde Stimme hallt immer wieder durch mein Bewusstsein: „Wir werden euch töten. Und dich holen wir zuerst.“

Dann öffne ich meine Augen. Die unbegreiflich fremde Umgebung weicht langsam der vertrauten Umgebung meines Zimmers. Die orangenfarbene Tapete, die zahlreichen Regale vollgestopft mit hunderten von Büchern, mein warmes und behagliches Bett, mein Schreibtisch und der graue Sessel in dem ich gerade Sitze. Ich blicke an mir hinunter und sehe ein Buch in meinen Händen – die letzte Seite noch aufgeschlagen. „Blindflug“ von Peter Watts. Jetzt erinnere mich wieder. Nach Ende der Lektüre habe ich die Augen geschlossen, um mir die stärksten Eindrücke, die das Buch bei mir hinterlassen hat, noch einmal vor Augen zu holen.

Es war ein schwieriges Buch, in einem anspruchsvollen Schreibstil verfasst. Ein Hard-SF-Roman, in dem es für alles eine wissenschaftliche Erklärung gibt. Selbst für den Vampir. Man merkt dem Buch an, dass Watts Meeresbiologe ist. Die Reise durch die außerirdische (Un) Wirklichkeit, erinnert öfters an eine Reise durch die unbekannten Tiefen eines Ozeans. Dabei treibt Watts die wissenschaftlichen Erläuterungen so auf die Spitze, dass ich ihm kaum noch folgen kann. Neben der Xenobiologie liegt ein zweiter Schwerpunkt auf dem menschlichen Verstand, der in dieser Zukunftswelt, einige beachtliche Veränderungen durchgemacht hat.

Während der Reise durchs All, streut der Autor immer wieder kurze Rückblicke ein, die uns Lesern, eine kleinen Einblick in die Welt der Zukunft gibt, wie Peter Watts sie sich vorstellt.

Es ist eine anstrengende Lektüre, deren Stärken in Watts Schreibstil (und dem von Übersetzerin Sara Riffel) und seinen wissenschaftlichen Erklärungen liegen – die durch einen 25 Seiten langen wissenschaftlichen Anhang untermauert werden. Dabei treten die Charakteren leider zu sehr in den Hintergrund. Mir blieben sie genauso fremd, wie die Aliens. Man muss auch ein bisschen Geduld mitbringen, da sich keine wirkliche Spannungskurve entwickelt. Aber wer sich davon nicht abschrecken lässt, den erwartet eine anspruchsvolle und fremdartige Lektüre.