„Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (übersetzt von Tobias Haberkorn)

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Ich muss gestehen, dass ich mit etwas falschen Vorstellungen an das Buch herangegangen bin, dachte ich doch, dass der Titel Rückkehr nach Reims wörtlich zu verstehen ist, und nicht metaphorisch. Ja, ich dachte tatsächlich, Didier Eribon würde über eine physische Reise zurück in seine Heimatstadt und zu seiner Familie berichten, der er 35 Jahre lang den Rücken zugekehrt hatte. Doch bei der Rückkehr handelt es sich viel mehr um eine gedankliche, selbstreflektierende Reise, bei der er sich auf analytische Weise mit Themen beschäftigt, die er für lange Zeit verdrängt hatte – durchaus auf persönliche Weise, aber immer mit dem scharfen Blick des Soziologen.

Die Rückkehr besteht viel mehr aus Telefonaten und ein paar Besuchen bei seiner Mutter; den Vater, den er 35 Jahre lang nicht gesehen hat, besucht er selbst im Angesicht dessen Todes nicht, und nimmt auch nicht an dessen Beerdigung teil; mit einem seiner Brüder tauscht er zumindest E-Mails aus.

Aber warum hat Erebon seine Familie so konsequent verlassen, ohne einmal zurückzublicken? Liegt es daran, dass er als Homosexueller das homophobe Umfeld seiner Familie aus der Arbeiterklasse nicht ertragen hat? Hat er sich als angehender Intellektueller, der es als Erster und Einziger aus seiner Familie an die Uni geschafft hat, nicht wohl gefühlt, in einem Umfeld, in dem nur äußerst selten zu einem Buch gegriffen wird und es als selbstverständlich gilt, mit vierzehn die Schule zu verlassen? Wollte er einfach raus aus der Provinz, um endlich frei und offen leben zu können? Vermutlich ist es seine Mischung aus allem, wobei er seine Herkunft stets wie eine Last mit sich umhertrug, derer er sich schämte.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich seine Motivation nachvollziehen. Zwar bin ich nicht homosexuell, hatte eine tolle Kindheit und mag meine Familie, doch die Provinzialität des Dorflebens – wo kaum einer meiner Freunde und Bekannten nach der Schule auch nur ein Buch gelesen hat, wo ich der Erste und einzige in der Familie bin, der studiert hat (zumindest jener, die ich kennengelernt habe, einer, der früh weggezogen ist, hat Jura studiert und ist inzwischen Justizsenator), wo das Freizeitprogramm aus Kirmes, Karnevalssitzung und Dorfdisko besteht – hat auch in mir das Bedürfnis geweckt, in eine größere Stadt (sprich Berlin, bei Eribon Paris) zu ziehen, um an einem kulturellen Leben in einer ganz anderen Welt teilzunehmen, mich mit Gleichgesinnten zu treffen, die meine Interessen verstehen und teilen.

Doch die Härte und die Konsequenz, mit der er seine Familie meidet, konnte sich mir aus dem Text nicht so ganz erschließen. Hier und da gib es Andeutungen, aber ich vermute mal, dass Erebon noch so einiges verschweigt. Die Schilderung von Ereignissen und Episoden aus der Kindheit halten sich stark in Grenzen, anders, als zum Beispiel bei der von mir kürzlich gelesenen Autobiografie Bruce Springsteens, dem es besser gelingt, dem Leser ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es war, in ärmlichen und schwierigen Familienverhältnissen aufzuwachsen. Auch an Elena Ferrantes Kindheitsschilderungen aus einem gewalttätigen, machohaften Umfeld im Nepael der 50er Jahre in Meine geniale Freundin musste ich denken.

Neben der persönlichen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit liegt Erebons Schwerpunkt vielmehr auf der soziologischen Analyse der Klassenunterschiede und der Stellung der Familie in der Arbeiterschicht. Dabei setzt er voraus, dass seine Leser mit den Texten jener Autoren vertraut sind, auf die er sich ausführlich bezieht (vor allem Pierre Bourdieu, Gille Deleuze und Roland Barthes, aber auch Michel Foucault, bei dem er viele Gemeinsamkeiten sieht), allerdings hält sich die Verwendung von soziologischen Fachbegriffen noch in Grenzen, so dass man den Text auch ohne Vorkenntnisse lesen kann (ich hatte das Glück, besagte Autoren an der Uni gelesen zu haben, Bourdieu war für meine Diplomarbeit sogar sehr wichtig).

Im zweiten Teil seiner Analyse, jenem Teil, der wohl dafür sorgt, dass das Buch – das in Frankreich bereits 2009 erschienen ist – bei uns momentan in aller Munde ist, widmet sich Erebon der Frage, wie es kommen konnte, dass seine Familie aus dem klassischen Arbeitermilieu, die früher einmal die Kommunisten gewählt hat, plötzlich ihre Stimme für den Front National abgibt.

Dieser Teil fällt sehr stark und nachvollziehbar aus, wobei er auch nicht so wirklich Neues zu bieten hat. Wer mit solchen Milieus vertraut ist, weiß, wie die Leute ticken, und, dass es von der einstigen Arbeiterbewegung, der Nähe zum Kommunismus nicht weit bis zu Antisemitismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und anderen diskriminierenden Ansichten ist. Die Aufregung um das Buch wirkt ein wenig, als würden die Bewohner des Elfenbeinturms plötzlich ein Fernrohr erhalten, mit dem sie von der Turmspitze aus zum Fuße des Turms blicken und sehen könnten, was die kleinen, wie Ameisen wuselnden Menschen dort unten so treiben, statt, dass sie einfach mal die Treppe runter gehen und sich unters Volk mischen.

Viel interessanter und eindrucksvoller ist Eribons persönliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bzw. dieser Entwicklung in der eigenen Familie, wie er und sein Bruder sich immer mehr auseinander leben, bis sie sich nichts mehr zu sagen haben, seine Reaktion auf die Vorwürfe der jüngeren Geschwister, er habe sie einfach im Stich gelassen, die in zum Nachdenken bringen, ob er deren Entwicklung hätte beeinflussen können, wer er mehr Vorbild gewesen wäre, und den Kontakt zu ihnen gepflegt hätte. Genau dieser Punkt, ist für mich der wichtigste Teil des Buchs: Da sollten wir uns alle die Frage stellen, was wir in unserem Umfeld, in unserer Familie tun könnten, um auf Menschen (ich denke da vor allem an junge), die sich von der politischen Mitte ab und radikaleren Parteien zuwenden, Einfluss zu nehmen. Nicht missionieren oder predigen, sondern Vorleben, den persönlichen Kontakt pflegen und diskutieren.

Ein Gedanke zu “„Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon (übersetzt von Tobias Haberkorn)

  1. Vorleben. Exakt das denke ich auch.

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