„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky

Während ich gerade den Rückblick auf mein Lesejahr 2017 verfasse, stelle ich fest, dass deutschsprachige AutorInnen kaum unter den 68 Büchern vertreten sind (nur 8, und davon spielt nur ein Buch im Deutschland der Gegenwart). Es zieht mich literarisch wohl eher in die Ferne, in ferne Länder, ferne Zeiten und ferne Welten. Passend zu dieser Erkenntnis habe ich gerade Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky gelsen – ein Roman, der im Westerwald spielen soll, also direkt bei mir vor meiner Haustür.

Aber so ganz stimmt das nicht, zwar wird ein paar Mal erwähnt, dass die Handlung im Westerwald stattfände, doch bei mir regt sich der Verdacht, dass die Autorin einfach die erstbeste Region, die ihr eingefallen ist, als Handlungsort gewählt hat. Regionale Bezüge gibt es überhaupt nicht, könnte auch in der Eifel oder im Taunus spielen. Alle Figuren sprechen lupenreines Hochdeutsch, das Dorf heißt einfach Dorf, die Kreisstadt einfach Kreisstadt. Einzig die „Uhlheck“ könnte als Platt durchgehen.

Nun bin ich gar kein Fan von Regionalkrimis und Büchern, in denen die Handlung nur Kulisse für regionale Bezüge darstellt, die ortsansässige (oder urlaubswütige) LeserInnen in Verzücken setzen sollen, doch gekauft habe ich mir dieses Buch dann doch, weil es eben im Westerwald spielt. Doch das tut es nicht wirklich, vielmehr spielt es in einer nicht ganz so fernen Parallelwelt, die unserer Zeit leicht entrückt oder zumindest verschoben scheint, in der die Uhren und Menschen etwas anders ticken. Einzig Japan, Sibirien und Alaska bieten konkrete Ortsangaben, wenn der reissüchtige Vater mal wieder über eine schlechte Leitung anruft, um sich nach dem Wohlbefinden des Hundes Alaska zu erkundigen.

Nachdem die erste Enttäuschung überwunden war und der etwas sperrige Einstieg in die Geschichte gemeistert (Leky beginnt das Buch gleich mit den kompliziertesten und komplexesten Sätzen), habe ich richtig Gefallen an diesem kleinen Kammerspiel gefunden, bei dem ich mir die Häuser stellenweise so auf dem Boden aufgemalt vorgestellt habe, wie in Lars von Triers Dogville.

Erzählt wird die Geschichte von Luise, die über alles Bescheid weiß und in dem Dorf unter der Obhut ihrer Großmutter Selma (die wie Rudi Carell aussieht, was aber lange keiner merkt) und des Optikers (der wie der Optiker aussieht, was alle sofort merken) aufwächst, während ihr Vater infolge einer Psychoanalyse versucht, die Welt hereinzulassen und gleich von ihr fortgerissen wird, und ihre Mutter vom Eiscafébetreiber Alberto eingelassen wird und sich ansonsten ganz ihren Blumenkränzen widmet.

Eine idyllische Welt, durch die ein Hauch magischer Realismus weht; fast eine heile Welt, wenn Selma nur nicht vom Okapi träumen würde. Denn immer wenn sie davon träumt, stirbt innerhalb von 24 Stunden jemand, und auch ansonsten gibt es Unfälle, Unglücke, geladene Gewehre, einbrechende Böden und schlechte Laune.

Es gibt ja diese vielzitierte afrikanische Weisheit, dass es ein ganzes Dorf benötigen würde, um ein Kind aufzuziehen. Und so wird Luise auch von der abergläubischen Elsbeth, dem Einzelhändler, dem versoffenen Palm und der depressiven Marlies (in die ich mich direkt verlesen habe, so viel schlechte Laune finde ich ganz charmant) erzogen. Und wozu sollte man bei einer so schrulligen aber liebenswürdigen Dorfgemeinschaft noch die Welt hereinlassen, da ist die nächste Kreisstadt doch schon aufregend genug.

Mir hat das Buch gut gefallen, aber die höchste Begeisterungsstufe konnte es nicht erzeugen, dafür hat mir etwas gefehlt, dass ich nicht so ganz genau definieren kann. Vermutlich lag es am etwas holprigen Einstieg, dafür entwickelt es am Ende eine tolle Dynamik und steckt voller kluger und schöner Sätze. Der Humor kommt knochentrocken daher, mit wunderbarer Ironie für alle Lebenslagen, von der auch zukünftige Generationen noch zehren können.

Und die tollen Figuren nicht zu vergessen, allen voran Selma und der Optiker, dem schönsten auf-das-sie-sich-ewig-nicht-kriegen-und-doch-schon-haben-Paar seit Mulder und Scully. Mariana Leky verleiht diesen Personen eine Tiefe, die manch einem Leser vor lauter Finesse und Feinsinn entgehen könnte, wenn es mit der eigenen Empathie ein wenig hapert. Doch wenn man diese kleine schrullige Welt hereinlässt, wird man mit einer Geschichte aus dem Leben belohnt, dass man vielleicht nicht selbst leben möchte, dem man aber mit Freude beiwohnt. Die Welt per Bücher hereinzulassen ist auch viel bequemer, als selbst hinauszuziehen. Außerdem kann man sich manch verborgenen und unangenehmen Wahrheiten schon mal auf Probe stellen und testen, ob sie einem selbst ein Bein stellen.

So, und jetzt haut ab und lasst mich in Ruhe, hier wartet eine Dose Erbsen auf mich und meine Buchempfehlungen sind sowieso alle scheiße. 😉

P. S. mit Mon Chéri kann man mich jagen, aber an Weihnachten gab es bei uns eine ganze Torte voll damit. Für mich gab es aber Rehrücken – gebacken, nicht geschossen.

P.P.S. sehr gefreut habe ich mich übrigens über das Lesebändchen, das zum Glück nicht lang genug ist, dass man sich daran erhängen könnte.

Meine Lektüre Dezember 2017

Patrica Williams und Jeannine Amber – Rabbit: A Memoir

 

Hier die englischsprachige Besprechung dieser beeindruckenden Autobiografie eines Mädchens, das in Verhältnissen aufwuchs, die auf uns hier in Deutschland fast unvorstellbar wirken (und das schreibe ich als Sozialpädagoge, der schon mit heftigsten Fällen konfrontiert wurde).

Angela Davis – An Autobiography

Faszinierende Autobiografie einer afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivistin und Kommunistin, die die Black Panther Party mitgegründet hat und in Frankfurt bei Adorno und Habermas studierte (hätte bei Adorno promovieren können, wollte aber zurück in die USA, um in der Bewegung aktiv zu werden). Vor allem aber ein Buch darüber, wie die amerikanische Justiz versucht, politische Aktivisten mit an den Haaren herbeigezogenen Anklagen zu schikanieren. Davis‘ Prozess fand Anfang der 1970er statt, die Parallelen zu den aktuellen J20-Prozessen sind erschreckend. Es scheint sich tatsächlich nicht viel geändert zu haben. Teilweise sind die Schilderungen der jungen Angela Davis (sie war 28, als sie das Buch schrieb) stark ideologisch geprägt und wirken etwas naiv (vor allem in Bezug auf Kuba), aber ihre Schilderungen der Untersuchungshaft (Jail) – nicht zu verwechseln mit dem Gefängnis (Prison) – gehen unter die Haut. Stilistisch klar und elegant formuliert (lektoriert von Toni Morrison). Eine ausführliche Besprechung folgt vermutlich noch.

Jean-François Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel

Atmosphärisch dichter historischer Krimi im Jahre 1761, über einen jungen Ermittler, der zunächst nur nach einer vermissten Person sucht, dann aber in einen Mordfall und politische Intrigen verstrickt wird. Besonders interessant, weil es einige Jahrzehnte vor den revolutionären Änderungen der Kriminalistik durch Eugène François Vidocq spielt. Die Übersetzung von Michael von Killisch-Horn liest sich ausgezeichnet. Allerdings hätte dem Buch ein weiterer Korrektoratsdurchgang sehr gut getan.

Philip Pullman – Das magische Messer

Nach Der goldene Kompass mein zweiter Pullman-Reread. Anders, als beim ersten Teil der Trilogie, konnte ich mich hier an absolut nichts erinnern. Insofern fand ich es sehr spannend, wie hier zwischen den Welten gewechselt wird. Ein kurzes Buch, kompakt und auf den Punkt geschrieben, ein typischer Mittelband, der auf das große Finale vorbereitet. Übersetzt von Wolfram Ströle.

Jeffery Deaver – Der talentierte Mörder

Der zwölfte Band der Reihe um das ungewöhnliche Ermittlerduo Lincoln Rhymes und Amelie Sachs. Die Bücher sind immer nach dem gleichen Schema, mit ähnlichen überraschenden Wendungen aufgebaut, die vor allem daraus bestehen, dass Deaver dem Leser an entscheidenden Stellen Wissen vorenthält. Bisher haben die Bücher für mich trotzdem ausgezeichnet funktioniert, doch dieses Mal scheint die Luft ein wenig raus zu sein. Es fehlt vor allem an Spannung, und die war bisher immer der wichtigste Teil der Bücher. Der eigentliche Fall plätschert so vor sich hin, während sich Rhymes und Sachs einer persönlichen Krise widmen und Deaver noch einige Nebenstränge einführt, die nichts mit dem Hauptfall zu tun haben. Die Themen um Computermanipulationen und Datensammlung gab es auch schon in den Vorgängern. War ganz okay, aber für mich der bisher schwächste Band der Reihe. Die Übersetzung von Thomas Haufschild kam mir, wie schon bei den vorangegangenen Bänden, stellenweise etwas altbacken vor.

Leigh Bardurgo – Das Lied der Krähen (übersetzt von Michelle Gyo)

Heist-Fantasy in einem industriellen Setting mit Gewehren, Panzern, Börsenhandel und ähnlichen Errungenschaften. Gar nicht so spannend, da der eigentlich Einbruch über weite Strecken zugunsten der ausführlichen Charakterisierungen der sechs Hauptfiguren in den Hintergrund rückt, was zu sehr langen und zahlreichen Flashbacks führt, die aber nicht wirklich stören, weil wir dadurch Figuren mit Tiefe erhalten. Toller Weltenbau, wobei mir der Einbruch in das Gefängnis stellenweise etwas zu schnell und glatt über die Bühne geht. Trotzdem habe ich mich an keiner Stelle gelangweilt und mich über das erfrischend moderne Setting gefreut.

Warnung: Was der Verlag auf dem Buch verschweigt, ist, dass es sich nicht um einen abgeschlossenen Einzelroman handelt, sondern, nach dem was, ich habe in Erfahrung bringen können, um einen Zweiteiler, dessen erster Band mit einem kleinen Cliffhanger endet.Teil 2 soll wohl 2018 erscheinen.

Spielt in der gleichen Welt, wie die bereits erschienene Grisha-Trilogie, aber einige Jahrhunderte später, wenn ich das richtig verstanden habe. Auch das wird auf dem ansonsten wunderschön, in krähenschwarzer Färbung gestalteten Buch nicht erwähnt.

Ein wenig gestolpert bin ich über die englischen Spitznamen wie Big Bolliger oder Dirtyhands in der deutschen Übersetzung, obwohl das Buch in einer Welt spielt, in der eindeutig kein Englisch gesprochen wird. Stimmiger wäre es gewesen, die auch zu übersetzen. Wobei mir für Dirtyhands bis her noch nichts Passendes eingefallen ist. 😉

„She’s Gotta Have It“, die Netflixserie von Spike Lee

Eine Frau, drei Männer. Nola Darling, schwarze Künstlerin aus Brooklyn. Ein Freak? Abnormal? Nein, nur mit Spaß am Leben. Eine selbstbewusste Frau, die macht, worauf sie Lust hat. Elegant, intelligent, talentiert, graziös, stolz. Von einer mitreißenden Fröhlichkeit; einer Lebhaftigkeit, die ansteckend wirkt.

Ständig am Kämpfen, in Brooklyn, im Herzen der afroamerikanischen Kultur, gegen Gentrifizierung, Frauenfeindlichkeit und Rassismus. Gegen das System und manchmal sich selbst. Umgeben von Lebenskünstlern, deren Gesellschaft den Alltag zum Abenteuer macht.

Mit vier Autorinnen (Radha Blank, Lynn Nottage, Eisa Davis und Joie Lee) an Bord hat Spike Lee eine moderne und vielschichtige Version seines gleichnamigen Films von 1986 – der so kontrovers endete – als Serie für Netflix geschaffen. Experimentell, ohne starren Konventionen zu folgen, teils so spielerisch frei, wie es zuletzt nur Aziz Ansaris Master of None gelungen ist. Eine Liebeserklärung an Brooklyn und die afroamerikanische Kultur, mit ganz fantastischer Musik, Songs, die Lee komplett laufen lässt und am Ende das Plattencover dazu einblendet. So wie er seine Darstellerinnen auch regelmäßig die vierte Wand durchbrechen lässt, ohne dass es aufgesetzt oder effekthascherisch wirkt. Viel mehr eine Ebene der Selbstreflexion, die dem Ganzen mehr Tiefe verleiht.

An den Film erinnere ich mir nur noch vage, wollte den Seriengenuss nicht dadurch beeinflussen lassen, mir ihn vorher erneut anzusehen. Deshalb kann ich nicht sagen, wie sehr sich die beiden Versionen voneinander unterscheiden. Die Serie scheint mir trotz aller politischen Töne (der Kritik am Klown with da nuclear codes), der Verzweiflung über den Ausgang der Präsidentschaftswahl mit dem Liar in Chief als Sieger, optimistischere Töne anzuschlagen.

She’s gotta Have It feiert Unterschiede und Differenzen, Vielfältigkeit, gleichgeschlechtliche Beziehungen, freie Liebe, ein freies Leben, mit viel Humor, teils stark satirisch, manchmal slapstickhaft, aber immer auch mit einem ernsten Unterton, nie ins Lächerliche abgleitend. Sehr schön auch das Intro zu melancholischer Klaviermusik, das jedes Mal andere Fotos von Menschen aus Brooklyn zeigt. Das sorgt direkt für die richtige Atmosphäre

Die drei Männer (Mars, Greer und Overstreet) wirken zunächst wie Karikaturen, unterschiedliche Aspekte bestimmter Eigenschaften, erhalten im Verlauf aber mehr Persönlichkeit.

Die Schauspielerinnen sind fantastisch, allen voran DeWanda Wise als Nola Darling, mit ihrer bezaubernden und facettenreichen Stimme und dem subtilen Mienenspiel, das am Ende von Folge 9 seinen Höhepunkt erlang, als man Nola über mehrere Minuten nur ins Gesicht sieht, während sie sich auf einem Stuhl im Kreis dreht, während Faithful von Meshell Ndegeocello läuft und Nola … ach, ich will hier nicht zu viel verraten.

Für mich eine der besten Serien des Jahres, weitaus weniger mit erhobenem Zeigefinger und verbissen als (das trotzdem gute) Dear White People. Wer sich für afroamerikanische Kultur interessiert, kommt an She’s Gotta Have It nicht vorbei. Spike Lee in Höchstform, aber mit viel weiblicher Unterstützung.

Song zur Serie:

P.S. und endlich mal eine Netflix-Serie, die nicht so prüde daherkommt. 😉

„Rabbit: A Memoir“ by Patricia Williams and Jeannine Amber

Trigger Warning: Please excuse my bad English, I’m hopelessly out of practice. 😉

For his now well known study Gang Leader For A Day sociologist Sudhir Venkatesh went into the projects of Chicago and asked some gang members: „How does it feel to be black and poor?“ What he really asked (in this suicidal attempt) was: „How does it feel to be black, poor and male?“.

In his recent article for the New Yorker Jim DeRogatis asked: „Why Has R. Kelly’s Career Thrived Despite Sexual-Misconduct Allegations?“

One of the answers lies in the skin color of his victims. For the Washington Post Karen Attiah said: „As long as black women are seen to be a caste not worthy of care and protection, his actions will not receive widespread outcry …“

In her autobiography (that I am currently reading) Angela Davis describes a jail in New York where ninety percent of the female inmates where blacks or Puerto Ricans, due to a bail system designed for the white and wealthy.

Patricia Williams a.k.a. Rabitt a.k.a. Ms Pat was thirteen when she got pregnant by an adult. She conceived her second child by the same father at the age of fifteen. She grew up in ghetto in Atlanta under circumstances people not living there wouldn’t believe. Her grandfather runs an illegal liquor house, where the whole family lives. Her mother instructs her to steal, and every family member does something criminal for living. To survive, to feed her children, she starts selling crack.

When people like me, white privileged outsider, think about the ghetto, we think of TV shows like The Wire, we think of young gangsters dealing crack and killing each other in drive-by shootings. What we don’t see are the black girls and women that grew up and live in all this violence, in all this poverty, without finishing school, without proper jobs. To us they are invisible.

This is how Rabbit felt all those years. This is why she was looking for a way out of the hood The reason she finally went on stage and became a comic. There she talks about her life, not in way that generates pity, but in way that makes people laugh.

The book was written by Jeannine Amber, because Patricia Williams is according to her own statement not an author. But she definitely knows how to tell a heartbreaking story full of tragedy in an entertaining way with a lot of hope between the lines. And Amber was the right person to put this story in a book.

I am more than amazed, how important family was for this young women, still a child herself, but already taking care of several other children, who were not all her own. But they were family, and so she took care of the four daughters of her drug-addicted sister, without hesitating for a second.

This iron will to do what has to been done, might be one of the reasons, she made it out of the hood, into a normal life, with a husband, a regular job, and a career as a comic. Another reason could be her business sense, doing the dealing the right way, in a sense of make a profit out of it from the beginning. And last but not least she did not take drugs herself. On top of all that she also had help from people who believed in her (like her husband), who stayed with her, even when she had a setback and times where getting harder.

Although this story depicts mostly in the 90s, sometimes you can find subtle comments on the present. For example, when Hood, the owner of the laundromat says „at least we have Bill Cosby“, after a rant about negative example of former black idols like Mike Tyson.

Well Patricia Williams, you are not invisible any more, you are not unheard anymore. Even here in Germany I can see and hear you. And albeit of those tragic circumstances and life stories, that surrounded and crossed your way out of the shadows, you made me laugh a lot. Most of the women, who would need the encouragement and example displayed in this book, won’t be able or willing to read it. Still I hope it will inspire many.

On her homepage you can find some of her appearances and more information. I got curios about the book by this review in the New York Times.

If you are interested in a positive view on black communities in the USA, take a look at the Photographs of Jamel Shabazz.

Song for the book (cause it summarizes its content pretty good):

„Here“ von Alicia Keys

Hier gibt es mehr zu meinem Musikgeschmack, damit man diese Besprechung besser im Kontext dazu einordnen kann (nicht, dass ich Ahnung von Musik hätte 😉 ).

Die Musik von Alicia Keys kenne ich schon seit ihrem ersten großen Hit Fallin (aus dem 2001er-Album Songs in A Minor), den ich vor allem aufgrund ihrer stimmlichen Qualitäten mag. So richtig vom Hocker gehauen, haben mich ihre, für meinen Geschmack, zu poppig und glatt produzierten Liedern allerdings nicht. Zumindest nicht ausreichend genug, um mir eines ihrer Alben zu kaufen.

Das änderte sich erst mit ihrem aktuellen Album Here. Wirklich aufmerksam darauf geworden bin ich durch ihre Ankündigung, kein Make-Up mehr tragen zu wollen und den dazugehörigen Fotos und Videos, in denen sie eine ungekünstelte Lebensfreude und ein authentisch wirkendes Selbstbewusstsein ausstrahlt. Hat als PR-Maßnahme also super funktioniert, wirkte auf mich aber trotzdem ehrlich. Ich mag es sehr, wenn Menschen so auftreten, wie sie sich am wohlsten fühlen.

Und so wirkt auch die Musik des Albums bei den meisten Songs, auch wenn einige immer noch ziemlich glatt und poppig produziert sind (die Live-Versionen, die ich hier im Beitrag poste, bieten interessante Variationen zu den Albumversionen). Den Auftakt macht das kraftvolle, schnelle und kompakte Hip-Hop-artige The Gospel über die Herkunft aus einfachen, sozial schwierigen Verhältnissen (Where all god’s children, products of the ghetto. Mama cooked the soup. Daddy did the yelling. Uncle was drunk. Cousin was a fellon), und zeigt direkt den kritischen Ton, der das ganze Album durchzieht. Doch Gospel kommt von good spell, dem Verkünden der frohen Botschaft oder zumindest einer positiven Erzählung, was bedeutet, dass das Album zwar kritisch aber durchaus hoffnungsvoll daherkommt.

Das Thema wird noch vor The Gospel im Intro The Beginning gesetzt, wenn Keys sagt, sie sei history on a turntable, Nina Simone in the park in Harlem in the dark und I’m the musical to the project fables. Es ist nicht Alicia Keys, die diese Worte sagt, sondern die Ich-Erzählerin von The Gospel. Eine von mehreren Rollen, die Keys im Laufe des Albums einnehmen wird. Die Rolle von (vermutlich meist) afroamerikanischen Frauen, die in schwierigen Verhältnissen in New York leben (siehe auch Illusion of Bliss).

Pawn It All kommt mit seinem Chorus viel klassischer daher und stellt die Frage, was man alles bereit wäre herzugeben, um noch einmal von vorne anzufangen. Sehr eingängig, mit toller Stimme gesungen, die immer wieder auf und ab geht.

Eines meiner Lieblingsstücke auf dem Album ist Kill Your Mama . Ein klassischer Folk-Protestsong nur mit schrammelnder Akkustikgittare, knapp zwei Minuten lang, aber energiegeladen, darüber, was wir Mutter Natur antun, in unserer Gier nach Geld und Macht. Hat einen starken Refrain mit Ohrwurmcharakter. Hier im Video (geht bei 2:00min los) hört man eine Version mit klassischen brasilianischen Klängen, wobei mir die rohe Akkustikgitarre aber besser gefällt (ist auf dem Album auch härter gesungen).

She Don’t Really Care / 1 Luv ist eine Art Doppelsong über unterschiedliche Herkunft, holprige Biografien, schlechte Entscheidungen und das Loslassen. Musikalisch für mich einer der schwächeren Beiträge auf dem Album, im ersten Teil aber immerhin schön lässig und eine Abwechslung zu den bisher kraftvollen, angespannten Liedern. Tröpfelt im Übergang der beiden Songs aber ein wenig zu träge vor sich hin.

Mein absolutes Lieblingslied von Alicia Keys ist Illusion of Bliss, meiner Meinung nach auch ihr bestes. Eine wilde Tour de Force über eine junge Suchtkranke, auf der Keys die volle Bandbreite und Vielfältigkeit ihrer Stimme ausreizt. Bottomless Kiss ist eine tolle Metapher. Die gegen Ende im Hintergrund erklingenden Sirenen deuten an, dass es sich um den dramatischen Weg von den Ursachen über den Kontrollverlust bis zum Schuss und dem endgültigen Absturz handelt.

In Blended Family widmet sich Alicia Keys ihrer Lebenssituation in einer Patchworkfamilie mit Kindern aus vorangegangenen Beziehungen (des Mannes). Gefällt mir trotz des leicht kitschigen Textes sehr gut, bis die Rapeinlage von ASAP Rocky die Stimmung und die Harmonie zerschießt (fehlt unten in der Liveversion), aber so ist das bei Patchworkfamilien wohl gelegentlich. Der bisher fröhlichste Song des Albums, der wunderbar lässig mit einem schönen Akkustikgitarrenriff daherkommt.

Work on it kommt mir trotz des eingängigen Rhythmus und des Hintergrundchorus ein wenig zu kitschig und seicht daher, mit der Botschaft, Beziehungen seien schwierig und man müsse ständig daran arbeiten. Scheint auch eine Liebeserklärung an ihren Mann zu sein.

Girl Can’t be herself beginnt mit einem poppigen Refrain, der mich schon fast dazu gebracht hätte, zum nächsten Song zu springen, geht dann aber in einen starken Vers mit tollem Rhythmus über, der schon fast was von Calypso oder Reggae hat und dessen Gesang eine Tonlage tiefer liegt. Ein sehr feministisches Lied über die Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen. Doch wo ich „feministisch“ schreibe, müsste eigentlich „selbstverständlich“ stehen.

Den Gute-Laune-Song bietet dann More Than We Know über Möglichkeiten und mögliche Unmöglichkeiten, stark gesungen, wenn auch etwas zu klassisch strukturiert.

Ziemlich langweilig fand ich Where do we begin, textlich wie musikalisch.

Viel cleverer ist da Holy War über die verdrehten Ansichten der amerikanischen Gesellschaft über Waffen, Krieg und Sex. Mancher mag es naiv nennen, für mich aber ein kraftvolles Lied über das Überwinden von Grenzen und festgefahrenen Ansichten. Keys Stimme klingt hier wunderbar rau.

Hallelujah bietet kurz vor Ende des Albums noch eine kraftvolle Ballade, die für mich der perfekte Abschluss des Albums gewesen wäre. Sehr klavierlastig im Vergleich zu den meisten anderen Songs und damit näher dran, an Keys bisherigen Alben, aber trotzdem sehr stark.

Den Abschluss bildet dann das mir viel zu poppige mit einfachen Beats und Synthieklängen minimalistisch inszeniert, stimmlich sehr flach gehalten, doch textlich ganz nette In Common. If you could Love somebody like me, you must be messed up to.

In den Interviews zum Album sagte Keys, sie wolle sich nicht länger verstecken, hinter Make-Up, Outfits, geglättetem Haar oder einem konstruierten Image. Das merkt man dem Album mit seinen kritischen Texten und der klaren Sprache (wie der mehrfachen Verwendung des Worts fuck) deutlich an. Eingebettet sind die Songs in kleine Zwischenspiele, die aus Dialogfetzen bestehen und das ganze in einen narrativen Rahmen kleiden. Das Album wirkt erwachsener, selbstbewusster und zügelloser. Wobei ich mir gewünscht hätte, dass Keys noch mehr von den üblichen Popstandards in der Produktion abweichen würde. Für einen kompletten Neuanfang ist das dann doch zu wenig, bzw. in der Gesamtheit noch nicht ganz stimmig.

Beim erstmaligen Hören haben mir nur drei, vier Lieder gefallen, doch nachdem ich mich ausführlich mit allen Songs beschäftigt habe, mag ich fast alle auf die ein oder andere Weise (mit Einschränkungen). Was mich selbst überrascht, dachte ich doch, das würde eines jener Alben, die man wegen zwei tollen Liedern kauft und dann im Regal verstauben lässt.

Here ist eine starke Hommage an die moderne, starke, selbstbewusste und intelligente schwarze Frau: alleinerziehend, in Patch-Workfamilien, mit Sucht kämpfend, gegen Rassismus, überzogene Erwartungen und eine Gesellschaft, die sich über Äußerlichkeiten definiert.

Müsste ich die Thematik des Albums in einem Wort zusammenfassen, es wäre Empowerment.

Passend zum Thema gibt es zum Schluss noch einen kleinen Lesetipp: Rabbit: A Memoir von Patricia Williams, die mithilfe der Autorin Jeannine Amber aus ihrer Kindheit im Ghetto erzählt, wie sie mit dreizehn das erste Mal Mutter wird, mit fünfzehn das zweite Mal und mit sechzehn dann Crack vertickt, um die Kinder ernähren zu können. Von der Mutter, die sie zum Klauen schickt und mit einer Pistole auf sie schießt; dem Großvater, der eine illegale Bar im Wohnhaus betreibt; und den anderen Verwandten, die alle kriminell sind. Und davon, wie sie es aus diesen Verhältnissen rausgeschafft hat.

Meine Lektüre November 2017

Candice Fox – Hades

Auf cool getrimmter australischer Thriller mit interessanten Hauptfiguren, den ich aber nicht ganz spannend und tiefgehend empfunden habe wie mancher Feuilletonrezensent. Aber interessant, mal einen Thriller aus Australien zu lesen, der auch dort spielt. Übersetzt von Anke Caroline Burger.

Verena Maria Kallmann – Von Elise

Seit dem Harry Potter-Band mit Dolores Umbridge war ich während der Lektüre nicht mehr so durchgehend auf 180 wie bei diesem Roman, der auf bewegende, teils aber auch kitschige Weise aus dem Leben zweier Frauen erzählt, denen Musik fast alles bedeutet. Geschickt verbindet die Autorin eine Gegenwartshandlung um die Violonistin Valerie, die in Paris unter einer tyrannischen Konzertmeisterin zu leiden hat, mit den Tagebucheinträgen ihrer Vorfahrin Elise, die ihren Mann im Ersten Weltkrieg verloren hat. In schlichtem aber elegantem Stil verfasst, manchmal ein wenig zu viel des Guten, was schicksalshafte Fügungen und Zufälle angeht, aber was soll’s ich stehe darauf, wenn es etwas kitschig und rührselig wird.

Albert Sánchez Piñol – Pandora im Kongo

Ähnliche furiose Räuberpistole wie Felix J. Palmas (auch ein Spanier) Die Landkarte der Zeit, dabei eine tolle (aber auch kritische) Hommage an die Schundliteratur des frühen 20. Jahrhunderts. Toll geschrieben, toll übersetzt (von Charlotte Frei). Erzählt einerseits eine tolldreiste Abenteuergeschichte im Kongo, andererseits die Leiden eines jungen Groschenheftautoren, der irgendwann im Ersten Weltkrieg landet und epische Schlachten mit einer panzerlosen Schildkröte führt.

Stephanie Buttland – Ich treffe dich zwischen den Zeilen

Dachte erst, das wird so ein oberflächlicher Hippsterroman, doch dann entwickelt sich die Geschichte um die junge Loveday, die beim kauzigen Archie im Antiquariat arbeitet, zu einer bewegenden Familiengeschichte ohne den üblichen Kitsch. Solide geschrieben und gut übersetzt von Maria Hochsieder-Belschner

Jesmyn Ward – Sing, Unburied, Sing

Packendes Unterschichtenporträt in den Südstaaten der USA, das gerade den National Book Award gewonnen hat. Vor allem sprachlich ein Fest, mit tollem Slang der Ich-ErzählerInnen. Verbindet den Rassismus des amerikanischen Justizsystems nach dem Zweiten Weltkrieg mit den aktuellen Lebensverhältnissen der Nachfahren. Geister spielen auch eine Rolle, aber keine gruselige, mehr eine metaphorische.

Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier … unvollendete Memoiren

Wer sich für das französische Chanson interessiert (wie ich z. B.), kommt an dieser fragmentarische, aber teils trotzdem sehr detailreichen Autobiografie einer faszinierenden Frau nicht vorbei. Liest sich in der Übersetzung von Annette Casasus sehr elegant.

Jean-Paul Didierlaurent – Die Sehnsucht des Vorlesers

Liest sich sehr, als hätte der Autor versucht, die fabelhafte Welt einer männlichen Amelie zu erschaffen (es gibt sogar einen Goldfisch, der suizidal aus seinem Behälter springt; und durch ein gefundenes Objekt – USB-Stick statt Fotoalbum – angeregt, begibt sich der Protagonist auf die Suche nach einer potenziellen Liebe). Das liest sich stellenweise ganz nett, weil er ein paar gute Ideen hat, für mich passt es in der Summe aber nicht wirklich zusammen. Die Herzlichkeit, die Schrulligkeite, das wirkt alles sehr aufgesetzt. Die 222 Seiten der deutschsprachigen Ausgabe sind dank doppeltem Zeilenabstand und vielen Seitenumbrüchen eher eine gestreckte Novelle, der aber die kompakte Stimmigkeit fehlt. Übersetzt von Sonja Finck.

Was macht für mich einen guten Science-Fiction-Roman aus?

Ein befreundeter Science-Fiction-Autor fragte in kleinem Kreis, was für uns einen guten SF-Roman ausmache. Was es an Zutaten bräuchte, dass uns ein SF-Roman besonders ansprechen würde. Welche Erwartungen wir hätten. Meine Antwort ist etwas länger geworden, und so habe ich einen Blogeintrag daraus gemacht.

Ich glaube nicht, dass ich die Frage zur Zufriedenheit des Fragestellers beantworten kann. Mir kommt es in erster Linie nicht auf die inhaltlichen Elemente an, sondern vor allem darauf, wie die Geschichte erzählt wird. Und das kann ich am Besten nur anhand von Beispielen erklären. Indem ich darauf eingehe, was mir an meinen Lieblings-SF-Büchern so gefällt.

Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger

Zeitreisen sind eigentlich ein ausgelutschtes Thema, aber Niffenegger schafft es trotzdem, daraus eine originelle und bewegende Geschichte zu machen. Der Protagonist leidet an einem Gendefekt, der ihn vorübergehend und unangekündigt in der Zeit zurückreisen lässt, wo er immer wieder derselben Frau (zunächst ist sie noch ein Mädchen) begegnet, aber eben in unterschiedlichen Jahren und nicht in chronologischer Reihenfolge. Später heiraten sie und es kommt zu dramatischen Entwicklungen. Das alles wird unheimlich bewegend und anrührend geschildert. Und genau das, macht es für mich zu einem besonderen Buch, die Grundidee mit den Zeitsprüngen ist originell und ansprechend, die hat mich das Buch kaufen lassen, aber erobert hat es mit über Emotionen, die für mich auch maßgeblich über den Stil transportiert werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist Blumen für Algernorn von Daniel Keyes (Spoiler in diesem Absatz). Da geht es um einen Ich-Erzähler (Charly) von verminderter Intelligenz, was sich durch die vielen Rechtschreibfehler und die einfache Sprache zeigt. Der nimmt dann an einem Experiment teil, durch das seine Intelligenz immer weiter ansteigt, gleichzeitig werden seine Rechtschreibfehler weniger, die Sätze werden länger und komplexer, ebenso seine Gedanken. Der emotionale Dreh kommt, als sich bei der Maus (Algernorn), an der das Experiment zuerst getestet wurde, Anzeichen bemerkbar machen, dass die Intelligenz wieder zurückgeht. Wodurch Charly, inzwischen hochintelligent, weiß, dass er wieder »dümmer« wird, die Tragik dieses Prozesses kündigt sich durch seinen Schreibstil an.

Ein weiteres meiner Lieblingsbücher ist Bedenke Phlebas von Iain Banks, eine rasante und actionreiche Space Opera, deren Besonderheit im von Banks erschaffenen Kultur-Universum liegt, wo künstliche Intelligenzen im Prinzip alles übernommen haben und das Leben der Menschen und anderer Wesen sanft steuert (siehe diesen Artikel über den revolutionären Optimismus im Kultur-Universum). Dazu kommen einfach sympathische und coole Figuren sowie ein gewisser Sense of Wonder, der mir bei Weltraum SF wichtig ist. Ideen, die ich so woanders noch nicht gelesen habe. Was nicht heißt, dass sie neu sein müssen, da ich ja nicht alle existierenden SF-Geschichten gelesen habe. Aber sie sollten zumindest so selten sein, dass sie mir eben noch nicht in dieser Form begegnet sind.

In Robert Charles Wilsons Spin (hier meine Besprechung) beobachten drei Kinder ein faszinierendes und weltbewegendes Ereignis: eines Nachts verschwinden die Sterne. Das ist die Ausgangslage des Romans, doch erzählt wird die Geschichte über die massiven gesellschaftlichen Auswirkungen und Hintergründe dieses Ereignisses anhand der Biografie dieser drei Kinder. Wilson präsentiert die faszinierende Idee nicht mit dem Holzhammer, sonder bettet sie in eine bewegende Familiengeschichte ein. Und genau das macht den Roman für mich so besonders.

Aber gutes Buch heißt ja nicht gleichzeitig auch Lieblingsbuch. Es gibt auch Bücher, die ich für gut halte, obwohl sie mir persönlich aus unterschiedlichen Gründen nicht gefallen haben, oder die ich eben nur als gut bezeichne, ohne dass dabei meine Augen vor Begeisterung leuchten.

Ben Bovas Mars behandelt zum Beispiel auf faszinierende, realistische und nachvollziehbare Art den Versuch einer Marsbesiedelung. Das hat mich thematisch angesprochen, weil ich eben von der Raumfahrt und der dahintersteckenden Wissenschaft fasziniert bin. Stilistisch ist routiniert erzählt, hat mich aber jetzt keine Luftsprünge machen lassen. Dafür verleiht Bova aber seinen Figuren durch Flashbacks einiges an Persönlichkeit, die sie für mich interessant und lebendig machen.

Themen und Zutaten können ein Grund sein, warum ich mir ein Buch genauer ansehe, ein Grund, es mir zu kaufen. Aber um mich so richtig für sich gewinnen zu können, muss mir das Buch Figuren mit Tiefe bieten, muss originell und/oder mitreißend erzählt werden, muss Emotionen transportieren. Deshalb gefallen mir zum Beispiel Heftromane nicht, die oft (zumindest in den Beispielen, die ich gelesen habe) ganz auf die Handlung fixiert sind, in einem normierten Stil und Satzbau, ohne den Figuren Raum für Tiefe zu geben.

Ein aktuelles Beispiel ist Becky Chambers Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (hier meine Besprechung). Das konnte mich total begeistern, obwohl es keine originelle Grundhandlung hat. Da fliegt ein Tunnelbauschiff von A nach B und erlebt unterwegs ein paar mehr oder weniger aufregende Abenteuer. Was das Buch für mich und auch für viele LeserInnen (hat sich bei Fischer Tor dank Mundpropaganda zu einem Longseller entwickelt) besonders macht, sind die liebenswürdigen Figuren und ihr durchaus konfliktreiches Miteinander. Chambers hat auf diesem Tunnelbauschiff einen grundsympathischen Mikrokosmos geschaffen, in dem ich einfach gerne Zeit verbringe. Das war zur Abwechslung mal Wohlfühl-SF.

Anspruchsvolle und intellektuell herausfordernde Science Fiction, wie sie zum Beispiel Neal Stephenson oder Dietmar Dath schreiben, in die sie viele mathematische, philosophische und physikalische Konzepte und Ideen packen, finde ich auch überaus faszinierend und lese sie gerne, aber bei meinen Lieblingsbüchern landen sie eher selten.

Das war jetzt sicher nicht das, was der Fragesteller hören wollte, aber anders kann ich die Frage, was für mich ein gutes SF-Buch ausmacht, nicht erklären. Für mich als Leser ist die Science-Fiction nur ein Genre von vielen. Ich lese auch gerne Fantasy, Thriller, historische Romane, Klassiker, allgemeine Belletristik und Sachbücher. Und was für mich das Wichtigste ist, ist der Stil des Autors, seine Erzählstimme, die Art, zu erzählen. Wenn mich das nicht anspricht, breche ich schnell ab. Ist das aber vorhanden, lese ich auch Bücher, die mich rein vom Thema her nicht interessiert hätten.

Ein großer Pluspunkt kann es auch sein, wenn ein Buch nicht meinen Erwartungen entspricht. Wenn es mich überrascht. Ist doch langweilig, wenn man immer nur das bekommt, was man erwartet. Ich will überrascht und aus den Socken gehauen werden.

Im Idealfall ist es ein abgeschlossener SF-Roman. Vor einiger Zeit habe ich mit erstaunen festgestellt, dass keine angefangene SF-Reihe oder Serie in meinem Bücherregal über Band 3 hinausgeht, weshalb ich sie inzwischen auch kaum noch anfange, wenn schon feststeht, dass es Fortsetzungen geben wird. Ich brauche Abwechslung. Deshalb lese ich auch selten zwei Bücher aus einem Genre hintereinander.

Manche Bücher haben aber auch einfach das Pech, dass ich sie zum falschen Zeitpunkt anfange und einfach nicht in der Stimmung bin, um mich auf sie einzulassen. Andersherum kann es auch passieren, dass mir ein Buch besser gefällt, weil ich gerade durch einen Film, einen Artikel oder sonst was auf ein bestimmtes Thema Lust bekommen habe. Passiert mir gelegentlich mit Archäologiethrillern oder Sachen Richtung Dan Brown oder anderen Abenteuergeschichten.

Manchmal möchte ich auch was lesen, was mich an die Leseerlebnisse der Kindheit erinnert, da spielt dann bei der Wertung auch ein gewisser Nostalgiefaktor eine Rolle, wenn es dem Buch gelingt, mich emotional in eine passende Stimmung zu bekommen. Was aber eher selten passiert. Wenn, lese ich lieber noch mal die Bücher von damals, die dann aber außer Konkurrenz laufen, weil ich bestimmte Erinnerungen mit ihrer Lektüre verknüpfe.

Ich würde mich aber auch nicht zum typischen SF-Leser zählen, der vor allem in diesem Genre liest. Wie viel SF ich lese, schwankt von Jahr zu Jahr, aber selten macht sie mehr als 20% der Bücher eines Jahres aus. In diesem Jahr waren bisher 7 von 60 Büchern Science Fiction.

Insofern kann ich keine klaren Zutatenwünsche für einen guten SF-Roman liefern, der meinen Ansprüchen genügt. Das ist jedes Mal eine neue, individuelle Entscheidung, die von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt.