Nunca Mais! Meine Gedanken zur Präsidentschaftswahl in Brasilien

2006 reiste ich im Rahmen meines Studiums für neun Wochen nach Brasilien, um dort ein Fotoprojekt mit Kindern in einer Favela durchzuführen. Vom ersten Abend an erlebte ich eine gastfreundliche, offene und vielfältige Gesellschaft. Zu unseren Gastgebern gehörten eine ehemalige Bildungsministerin, die uns in ihrer Penthousewohnung einquartierte; ein junger Computerexperte aus der unteren Mittelschicht, der uns in seinem winzigen Zweizimmerappartement aufnahm; eine Großfamilie, die gerade ihr eigenes Haus in einem Neubaugebiet gebaut hatte und uns für sechs Wochen praktisch adoptierte; und ganz einfache Menschen aus der Favela, die uns zu sich zum Essen eingeladen haben, mit denen wir zusammen gekocht, Fußball und Tischtennis gespielt, demonstriert und gelacht haben.

2006 befand sich Präsident Lula da Silva in seinem dritten Amtsjahr, die Wirtschaft boomte und Brasilien entwickelte sich zu einer prosperierenden Demokratie, in der auch Menschen aus ärmeren Schichten Aufstiegschancen hatten. Natürlich herrschte noch Gewalt, vor allem durch Drogenkriminalität, Korruption, Mauscheleien, Kinderprostitution und Diskriminierung der Armen und Schwarzen. Aber das Land befand sich auf dem richtigen Weg, Lula hatte es geschafft, dass nicht mehr nur die Reichen vom steigenden Wohlstand der Nation profitierten. Ich erlebte ein Land voller Lebensfreude, in dem Optimismus und Aufbruchstimmung herrschten. Ordem e Progesso – aber mit Samba im Blut.

Der Sportplatz von Parque Oziel in Campinas, Brasilien im Jahr 2006

Am Sonntag hat Brasilien einen zukünftigen Diktator gewählt, der aus seinem Faschismus keinen Hehl macht, gegen Minderheiten hetzt, die Natur ausbeuten möchte, indigene Völker vertreiben, einen radikalen Marktliberalismus predigt und von der Militärdiktatur und ihren Folterern schwärmt, die seiner Meinung nach mehr Menschen hätte töten sollen, und nicht nur foltern.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Wirtschaft kriselt schon seit Jahren in Brasilien, Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff fehlte das Charisma ihres Vorgängers und sie wurde von einer korrupten Elite aus dem Amt geputscht, die Korruption nahm überhand, die Mittelschicht stürzte wirtschaftlich wieder ab und den Armen fehlt der gemäßigte Hoffnungsträger. Schon 2006 hatten die Pfingstkirchen, die eine gefährliche Lücke geschlossen haben – die nach dem Abzug der Franziskaner- und Benediktinerorden durch den Vatikan klaffte -, einen enormen Einfluss in den Favelas, und die unterstützen jetzt den Faschisten Jair Bolsonaro, der keiner der korrupten großen Parteien angehört und somit zur populistischen Protestfigur wie Donald Trump wurde.

Die Demokratie steht weltweit unter Beschuss, in Ungarn und Polen sind autokratische Regierungen an der Macht, in Italien und Österreich sitzten Rechtsradikale im Kabinett, Russland, Türkei, Kambodscha, Nicaragua und Venezuela sind wieder in die Diktatur abgeglitten, auf den Philippinen hetzt Präsident Duterte Todesschwadron auf Drogenabhänge. Totalitäre Herrscher wie Putin oder Mohammed bin Salman lassen ganz offen Kritiker in anderen Ländern von Killerkommandos ermorden, ohne dass es für sie wirkliche Konsequenzen hat.

Fällt Brasilien, sehe ich ganz Lateinamerika auf der Kippe stehen. Dann könnten wir endgültig in die düsteren Zeiten der Militärdiktaturen abgleiten, die den Kontinent über Jahrzehnte blutig beherrschten. Und ich mache mir große Sorgen um meine brasilianischen Freunde.

Die Folgen für Brasilien

Schon vor der Wahl stürmte die Militärpolizei Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen und beschlagnahmte Material über die Militärdiktatur. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Monaten und Jahren folgen dürfte. Leider ist es Brasilien nie gelungen, die sogenannten »Bleiernen Jahre«, die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufzuarbeiten – sowohl gesellschaftlich als auch juristisch. Letzteres wurde durch ein Amnestiegesetz von 1979 verhindert, das also noch während der Diktatur entstanden ist. Und auch gesellschaftlich lief es eher schleppend voran. Unter der glücklosen Präsidentin Dilma Rousseff, die selbst während der Diktatur gefoltert worden war, wurden zwar Wahrheitskommissionen eingerichtet, mit deren Ergebnis die Opfer von damals aber sehr unzufrieden waren und sie eher als Farce betrachten.

Und jetzt ist ein Präsident gewählt worden, der Carlos Alberto Brilhante Ustra, den ehemaligen Leiter des gefürchtetsten Folterzentrums verherrlicht. Der sich stolz als homophob bezeichnet, den Regenwald rücksichtslos abholzen, und damit die noch verbliebenen indigenen Völker vertreiben und ausrotten möchte, die man schon während der Militärdiktatur in Straflager gesteckt hatte und die auch in demokratischen Zeiten ermordet werden.

Schon während des Wahlkampfes stiegen die Gewalttaten gegen homo- und transsexuelle Menschen an, aber auch gegen öffentlich agierende Anhänger und Wahlkämpfer des anderen Präsidentschaftskandidaten Haddad. Aus unserer deutschen Geschichte wissen wir, dass die Diktatur, auch wenn sie demokratisch initiiert wurde, mit Gewalt auf den Straßen beginnt. Zunächst noch eine brutale, gesetzlose Schlägertruppe, wurde die SA Himmlers nach der Wahl durch das neu Regime legitimiert. Übergriffe und Gewalt, die vom Staat und seinen Organen ausgeht, werden der nächste Schritt sein.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren fühlen sich Angehörige von Minderheiten wieder unsicher und fremd im eigenen Land. Und da es Brasilien Bedrohungen von außen mangelt, werden sie vermutlich auch nach Ende des Wahlkampfes dem neuen Präsidenten weiterhin Zielscheibe dienen, so wie es Trump in den USA vorgemacht hat. Mit Lügen, die während des Wahlkampfes massiv über WhatsApp verbreitet wurden. Das Internet und die sozialen Medien entwickeln sich immer stärker zum Wegbereiter antidemokratischer Kräfte.

Hätte Lula zur Wahl gestanden, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Ob etwas an den Korruptionsvorwürfen dran ist, wegen denen er jetzt im Gefängnis sitzt, mag ich nicht zu beurteilen. Verhindert hat seine Kandidatur der Richter Sergio Moro, der gut mit Bolsonora befreundet ist und von ihm zum Dank jetzt als Justizminister ernannt werden soll.

Traurige Tropen.

„Der Kanon mechanischer Seelen“ von Michael Marrak

Michael Marrak ist ein Wandler, der seine Leser mit Worten beseelt, Portale in ihrem Verstand öffnet und ganze Welten durch den Orb aus dem Chronoversum in ihre Köpfe hineintransportiert. Das Buch verschlingt einen, lässt dem Geist Füße wachsen, mit denen er staunend durch eine Welt zu allen Zeiten wandelt, während das Licht längst verloschener Sterne auf einen hinabscheint und in einer melancholischen Zeitendämmerung von der Vergänglichkeit des Seins kündet. Wie Schäume, die in Wogen durch Sphären tosen, bis der Zeitenbrand sie hinwegnegiert hat, dem Sensenmann gleich, der mit scharfer Klinge in knochigen Fingern Seelen sammelt und im undurchdringlichen Schwarz seiner eigenen Existenz verschwinden lässt.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Ninive begegnen, einer jung wirkenden Frau, die seit Äonen einsam durch eine postapokalyptische Landschaft voller mechanischer und elektronischer Fauna wandelt und aus Langeweile Uhren, Lampen und Öfen beseelt, die ihr dann vorlaut und vergesslich Gesellschaft leisten.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Aris begegnen, einem jung wirkenden Wandler auf wichtiger Mission, entsand vom Dynamo-Rat, die undurchdringliche Bannmauer zu durchdringen, mit Kompass, Karte und einem durch eine uralte Bibliothek gestählten Verstand bewaffnet.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird dem Tod begegnen, und ihn mit einem Lächeln begrüßen – wenn auch auf sicherem Abstand, um nicht dem Zeitbrand anheimzufallen -, ihm einen Eimer Kalk zum netten Nachmittagsplausch anbietend.

Wer auf dieses Abenteuer eingelassen wurde – denn Widerstand ist zwecklos, wenn das Schicksals-Ganglion die Fäden in der Hand hält -, wird am Ende der Zeit tanzen, auf den zermahlenen Knochen einer untergegangenen Zivilisation, in einer Ära, die wir erst noch träumen müssen.

Es ist die präzise Sprachgewalt, die überbordende Fabulierkunst Michael Marraks, die uns keine Wahl lässt, als uns kopfüber in eine Welt voller einzigartiger Ideen zu stürzen, bis unsere Synapsen im Hirn vor Freude tanzen ob des bunten Spektakels, das sie endlich wieder einmal fordert, und jenem Zwecke zuführt, für den sie einst von der Evolution geschaffen wurden.

Mit staunenden Augen begleiten wir die Äonenkinder Ninive und Aris, ihren beseelten Hausrat wie den Ofen Guss, die Stehlampe Glogger und die Lampe Luxa, den Monozyklopen Sloterdyke und weitere Wundergestalen am Ende aller Tage auf einer abenteuerlichen Reise, an deren Ziel es die verbliebene Welt zu retten gilt. Neben dem grenzenlosen Ideenreichtum, den Michael Marrak mit unvergleichlicher Fabulierkunst präsentiert, hebt sich der Roman auch sonst von bekannten und eingefahrenen Erzählmustern ab. Es gibt keinen Bösewicht, keine Antagonisten, bis auf ein paar kleine Gastauftritte nicht einmal Figuren, die wirklich unsympathisch rüberkommen. Unsere HeldInnen müssen Probleme lösen, nicht Schurken besiegen.

16 Jahre ist es her, seit ich Lord Gamma von Michael Marrak gelesen habe. 16 Jahre, in denen ich stets diesen arschcoolen Roman nannte, wenn es um die Frage ging, was mein liebster deutschsprachiger Science-Fiction-Roman sei. 16 Jahre, in denen ich dieses Buch als meinen liebsten SF-Roman nannte, auch wenn ich gar nicht danach gefragt wurde. Jetzt hat es Konkurrenz bekommen. Lord Gamma las ich im Sommer 2002, als ich während der Semesterferien in einem Lager für Apothekenbedarf arbeitete. Eine eintönige Arbeit, die um sechs in der Früh begann und sich anfühlte, als würde man mit einem entseelten Rollator eine öde Wüstenstraße entlangzockeln und Müll vom Aspahlt aufklauben, während der Wind einem den Sand in die Augen trieb, immer und immer wieder, unter gleißender Sonne, jeden Tag aufs Neue. Und dann hatte ich Mittagspause oder Feierabend, öffnete den grünen Buchdeckel und saß plötzlich in einem Pontiac ohne Motor, der eine endlose Straße entlangrollte, während aus den Boxen Radio Gamma tönte und ich mich von einem Abenteuer ins nächste stürzte und geklonte Varianten meiner Freundin aus grotesken Bunkern rettete und dann erschoss.

Wie konnte dieser Roman nie ins Englische übersetzt werden? Wie kommt es, dass er nur noch antiquarisch erhältlich ist? Ist den die ganze Welt verrückt geworden? Erkennt denn die Bücherwelt nicht, was für einen großartigen Phantasten und Schriftsteller sie an Michael Marrak hat?

Marrak selbst gibt Stanislaw Lems Robotermärchen als Einfluss an, die Filme von Hayao Miyazaki und Michael Moorcocks Am Ende der Zeit. Aufgrund seiner Sprachgewalt musste ich aber auch an Thomas Zieglers Sardor denken.

Auf der Chuck-Norris-Skala von eins bis unendlich gebe ich dem Roman unendlich Minus eins, um für kommende Werke noch Spielraum nach oben zu haben. Gegen Ende wurde er mir einen Tick zu lang und zu technisch.

Das Buch ist im umtriebigen und engagierten Kleinverlag Amrun erschienen. Zwar kostet das eBook nur 6.99 Euro, trotzdem lohnt es sich, das Hardcover für 24.90 Euro zu kaufen, enthält es doch zahlreiche Illustrationen und die schöne Umschlaggestaltung von Meister Marrak persönlich und liegt beim Lesen einfach gut in der Hand.

Wer mehr über die Entstehung des Romans erfahren möchte, der aus mehreren Novellen hervorgegangen ist, und eine Zweitmeinung einholen will, sollte diese tolle Besprechung von Ralf Steinberg lesen.

P. S. ich habe diese Besprechung noch gar nicht geschrieben, wenn ihr sie schon lesen könnt, ist das Zeitengefüge aus den Fugen geraten … da hilft jetzt nur noch treten – einmal kräftig gegen das Multiversum.

P.P.S bei dem Namen Sloterdyke musste ich erst ganz uncharmant an eine schlotternde Lesbe denken, bevor mir der philosophierende Schnauzbart in den Unsinn kam, der sich geistig durch ähnliche Sphären bewegt wie unser Monozyklop auch in physischer Form.

Der Kanon marrakscher Seelen (unvollständig)

Zeit der Verantwortungslosen – der Rückgratlosen

Vorweg: Das hier ist kein sachlicher Artikel, der Wert auf Ausgewogenheit legt, sondern ein Rant, also ein kritischer Meinungsbeitrag, der meine Stimmung der letzten Zeit wiedergibt.

Nachdem ein rechter Mob, durch Lügenmeldungen aufgehetzt, aus dem ultrarechten Hooliganumfeld des Chemnitzer FC organisiert, in einer deutschen Großstadt Hetzjagd auf alles machte, was nicht nach deren verqueren Vorstellungen eines Deutschen entsprach, und die Polizei überfordert und hilflos (von ihrer Führung im Stich gelassen) zusah, wie Hitlergrüße vor laufender Kamera getätigt wurden, hieß es von den Verantwortlichen, so etwas dürfe nicht noch einmal passieren.

Am nächsten Tag passierte es dann wieder. Der Bundesinnenminister, der sonst die Klappe nicht halten kann, hüllt sich in Schweigen, die Verantwortlichen in Sachsen lavieren herum, der Ministerpräsident macht sich Sorgen um den Ruf seines Freistaats und relativiert das Ganze zu einem Marketingproblem.

Zur gleichen Zeit geben der Bundestrainer Joachim Löw, der sich auch zwei Monate lang in Schweigen hüllte, und sein Marketingmanager Oliver Bierhoff – nach dem Debakel bei der Fußball-WM in Russland – eine Pressekonferenz, auf der man die Ergebnisse der zweimonatigen tiefen Problemanalyse präsentieren und die deutsche Nationalmannschaft (die zukünftige ehemalige Die Mannschaft) in Zukunft führen möchte. Fazit: Ja, ja, gab Probleme mit der Defensive, zu viel Ballbesitzfußball, ein paar weniger wichtige Pöstchen werden verschoben, die Mannschaft bleibt aber größtenteils die gleiche. Also weiter wie bisher, nur so viel beschwichtigen wie gerade nötig.

Einige Wochen zuvor hatte der oben schon erwähnte Bundesinnenmimiminister die Regierung in ihr erste große Krise gestürzt, weil er gegen jede Vernunft seinen narzistischen, bayrischen Sturkopf durchsetzen wollte. Was ihm nicht gelang, er aber trotzdem so tut als ob.

Was allen gemein ist: Keiner war in der Lage und/oder willens Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen, die Konsequenzen zu ziehen und zurückzutreten. Lieber schiebt man die Verantwortung auf andere ab, laviert weiter herum und hofft, dass bald Gras über die Sache gewachsen ist, damit man so weiter machen kann wie bisher, ganz im Dienste der eigenen Karriere.

Ein Verhalten, das in den letzten Jahren besonders kultiviert wurde. Oder hat irgendjemand die Verantwortung für das Desaster des vermurksten BER-Flughafenbaus übernommen, der uns Steuerzahler Milliarden kostet, ohne, dass irgendetwas Sinnvolles dabei rauskommt? Weitere der zahllosen Beispiele kann hier jeder selbst gedanklich einpflegen.

Nach einer kurzen Phase, in der Minister und Bundespräsidenten wegen irgendwelchen Nichtigkeiten zurückgetreten sind, ist eine entstanden, in der niemand mehr bereit ist, die politische Verantwortung zu übernehmen, für das, was in den ihm/ihr zuständigen Bereich falsch gelaufen ist. Eine Kultur, die auch durch den Aufstieg von Donald Trump begünstigt wurde, der ungeniert jeden Tag unzählige Lügen auf Twitter von sich geben kann, ohne dass sich noch groß jemand darüber aufregt. Wenn der das kann, warum nicht auch ich, mag sich manch einer denken.

In der Regel sucht man sich ein paar Bauernopfer, die etwas tiefer in der Hierarchie stehen, von der ursprünglichen Trump-Administration sind nur noch wenige übrig und bei VW hat man ein paar einfache Manager zum Sündenbock erkoren. Lügen und Intrigen gab es in Politik und Wirtschaft schon immer, aber noch nie ließ sich die Öffentlichkeit so einfach und offensichtlich verarschen.

Und wenn man jetzt glaubt, jene Pegida-Demonstranten und AFD-Wähler und -Politiker, die würden doch aufstehen und sich das nicht länger bieten lassen, der sollte sich das Wirken dieser Demagogen mal genauer anschauen, die unter dem Deckmantel des Protests und des besorgten Bürgers in erster Linie Hass säen und gegen andere hetzen, die sich nicht wehren können, die mit den eigentlichen Problemen im Land aber nichts zu tun haben: Flüchtlinge und andere Ausländer. Und wer sich gegen Faschismus engagiert, gilt inzwischen schon selbst als Faschist. Eine perverse, verquere Logik, der man mit Sachlichkeit, Vernunft und Fakten nicht mehr beikommen kann.

Das sind Nazis, die hier den Aufstand gegen einen Staat proben, der darauf völlig hilflos reagiert und jenen Hetzern lieber noch in die Hände spielt und sich deren Methoden und Ideologien annähert (man denke nur an das Polizeiaufgabengesetz in Bayern, das sich schon sehr weit vom Grundgesetz entfernt). Es sind Nazis, die die freiheitlich demokratischen Werte unseres Landes mit Füßen treten.

Und diese Hetze fällt auf fruchtbaren Boden und nistet sich parasitär in der Mitte der Gesellschaft ein, die schmierigen Tentakel immer weiter ausstreckend. Solche hässlichen Gewaltausbrüche wie in Chemnitz gehören da noch zu den harmloseren Auswüchsen, bedenklich wird es, wenn selbst die Medien, wenn Zeitungen, TV-Sendungen und andere Presseorgane solche Gewalttaten verharmlosen und relativieren, wenn sie die Gewaltursachen bei anderen suchen und Gegendemonstranten, die für unsere Demokratie eintreten, als Linke (Extremisten) darstellen. Und damit meine ich nicht das widerliche Hetzblatt, deren oberster Brandstifter sich dann im Nachhinein über das ganze Wasser beschwert, mit dem man versucht, die schlimmsten Brandschäden zu verhindern. Es reichelt wieder in Deutschland.

Deutschland hat nicht nur ein Naziproblem, sondern auch eines mit der Haltung. Denn genau dort, wo jene sitzen, die diesem Naziproblem entschieden entgegentreten könnten, sitzen rückgratlose Opportunisten, die nicht nur – aus welchen Gründen auch immer – auf dem rechten Auge blind sind, sondern generell nicht Willens, für eigenen Fehler geradezustehen und hässlichen Problemen gegenüber mit Haltung aufzutreten. Mehr als hohle Phrasendrescherei scheint von der politischen Debattenkultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht übrig geblieben zu sein.

Bleibt zu hoffen, dass sich die demokratische Zivilgesellschaft als standhaft und wehrhaft erweist, um solchen Entwicklungen an der Basis Einhalt zu gebieten. Die Zeit für Samthandschuhe gegenüber jenen, die unsere Demokratie und unsere freiheitliche Gesellschaft zerstören wollen, ist vorbei. Ganz gleich, ob sie für rechtsextreme Parteien in Parlamenten sitzen, diese wählen, mit gewaltbereiten Mobs marschieren oder in den Etagen großer Wirtschaftsunternehmen sitzen.

Unsere demokratische, liberale Gesellschaft, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten genießen konnten, ist nur durch konsequentes Handeln und Haltung zu retten, nicht durch Schweigen, Relativieren und Herumlavieren.

Hass ist keine Haltung. Über Jahrzehnte schwelten Hass und Rassismus unter der Oberfläche, man äußerte das aber nur unter vorgehaltener Hand. Inzwischen trauen sich immer mehr mit ihrem Hass und Rassismus, gar mit ihrem Nazitum, an die Öffentlichkeit. Diese Hetzer und Verblendeten müssen wieder spüren, dass Hass keine Meinung ist, dass Rassismus geächtet wird, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass einem niemand widerspricht. Wir müssen dieses Land wieder unbequem für jene machen, die nicht bereit sind, sich in eine demokratische, liberale Gesellschaft zu integrieren, die sich dem Grundgesetz und der Toleranz verschrieben hat; wir müssen es unbequem machen, für jene, die die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, die in mühsamen und aufreibenden Kampf erstritten wurden, wieder zerstören wollen. Null Toleranz für die Intoleranten, für jene, die von Heimat blöken, ohne zu verstehen, dass ihre Wurzeln nur in einem Boden gedeihen können, der frei, reichhaltig und vielfältig ist.

Das American Museum of Natural History (New York 2 von X)

Der erste Tag nach meiner Ankunft in New York führt mich an einen Ort unsagbarer Schrecken; ein Ort, in dessen düsteren Kellergängen und Gewölben ein unglaubliches Gemetzel stattfand; wo jene, die um ihr Überleben kämpften, im Blut der bereits gefallenen ausrutschten. Zumindest in der Fiktion, im Roman Relic von Douglas Preston und Lincoln Child, der einerseits eine Hommage an das American Natural Museum of History darstellt, wo Preston fünfzehn Jahre lang arbeitete, andererseits ein ultraspannender und blutiger Monsterthriller ist, der mir als Leser Furcht einflößte, gleichzeitig aber den Wunsch weckte, unbedingt dieses riesige Museum, das 1869 eröffnet wurde, zu besuchen.

An diesem Mittwochmorgen birgt das Museum keine Schrecken, nur fröhliches Kindergeschrei zahlreicher Schülergruppen in den Hallen voller konservierter Kindheitsträume. Wer aus meiner Generation ist nicht aufgewachsen mit dem Was ist Was-Dinosaurier-Buch, den Dinos („Nicht die Mama! Nicht die Mama!“), Jurassic Park und dem Sense of Wonder, dem faszinierten Staunen für die Wunder der Welt. Hier liegen sie in dieser riesigen Schatzkammer, all das Wunderbare, das unsere Welt und unser Universum hervorgebracht hat. Riesige Dinosaurierskelette, nicht minder gewaltige Meteoriten aus den Tiefen des Alls, lebensechte Panoramen mit ausgestopften Tieren von sämtlichen Kontinenten und das Erbe unzähliger Völker und Kulturen, die diesen Planeten zu einem vielfältigen und reichhaltigen Ort machen, den es mit Abenteuergeist zu erforschen gilt.

Die Tierpanoramen sollten aber auch als Mahnmal dienen, denn die Tiere haben ihre Körper nicht nach ihrem natürlichen Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Sie wurden erbarmungslos gejagt von Mitarbeitern des Museums, in einer Zeit, als die Großwildjagd nicht nur bei rechten Spinnern als Heldentat galt. Nur Jumbo, der riesige Elefant, kam bei einem Unfall mit einem Zug ums Leben, nachdem er von P.T. Barnums Zirkus ausgebüxt war.

In Dinosaurs in the Attic erzählt Douglas Preston die abenteuerliche und faszinierende Geschichte des Museums, die turbulente Entstehungszeit und welch kuriose Mitarbeiter und Bewohner das ehrwürdige Haus einst beherbergte. Zum Beispiel den Schimpansen Judy, der wie ein menschliches Kind aufgezogen wurde und neugierig durch die Museumsflure streifte. Die Insektenforscherin, die ihre entlaufenen Skorpione mit der bloßen Hand und dem Hinweise einfängt, sie könnten einen nicht stechen, wenn man sie am Schwanz packt. Von den Expeditionen nach Asien, wo Banditen am Straßenrand lauerten; in die Arktis, in einem unglaublichen Unterfangen, den riesigen und tonnenschweren Meteoriten zu bergen.

An diesem heißen Sommertag ist es ausgerechnet in der Südamerikabteilung eiskalt. Während man Dschungeldörfer und die Bauten einstiger Hochkulturen betrachtet, sorgt die Klimaanlage für eine frostige Atmosphäre, in der es jeden Besucher, der durch die Glastür tritt, augenblicklich schüttelt.

Am Besten gefällt mir die Margarete Mead Hall for the Pacific People, wo angenehme Temperaturen herrschen. Ich hatte schon immer ein Faible für die polynesischen Inselvölker und ihre Kulturen. Aber auch die Dinosaurier haben es mir angetan und all die schummrigen Gänge mit Überbleibseln der vielfältigen Kulturen des Orients.

Das Gedränge wechselt ständig von angenehm leer zu dicht gedrängt und hektisch, wenn wieder eine Schülerhorde an mir vorbeistürmt. Da heißt es dann, schnell vorbeizuhuschen. Fünf Stunden verbringe ich in den Eingeweiden des Museums, kann mich gar nicht sattsehen an all den Wundern unserer Welt; einer Natur, wie wir sie schon längst zerstört haben; und all den untergegangenen Zivilisationen.

Zur Stärkung geht es in die Cafeteria, wo ein reichhaltiges Selbstbedingungsbüffet darauf wartet, gejagt und gesammelt zu werden. Keine Sterneküche, aber besser als all die Verpflegungsstationen in den Museen, die ich in den kommenden Tagen noch besuchen werde, wenn auch in Schulkantinenatmosphäre.

Das Beste habe ich mir für den Schluss aufgehoben. In Dinosaurs In The Attic erzählt Preston auch die Geschichte von Murf the Surf, einem charmanten aber auch eiskalten Verbrecher, der mit Kollegen 1964 den Stern von Indien und weitere kostbare Edelsteine aus dem Museum stahl. Eine kuriose und faszinierende Geschichte, durch die ich mich besonders auf die Halle mit der Bezeichnung Gems und Minerals freute, nur um mit enttäuschter Miene vor der Mitteilung zu stehen: Wegen Renovierung geschlossen.

Trotzdem trete ich nach fünf Stunden hochzufrieden in die schwülheiße Nachmittagsluft hinaus, der nasse Asphalt zeugt noch vom Regen, der hier irgendwann in jüngster Zeit niedergegangen sein muss. Ich gehe noch ein wenig in den Central Park hinein, schauen, wo sich das Metropolitan Museum befindet, doch auf halber Strecke komme ich zum Schluss, dass die Zeit bis zum Baseballspiel der Yankees etwas knapp werden könnte, denn aufgrund des kürzlichen Niederschlags fahre ich lieber ins Hotel zurück, um mir eine Regenjacke zu holen. Aber dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Das Museum liegt ungefähr auf halber Höhe westlich des Central Parks, der Eintritt kostet 23 Dollar. Ich bin mit dem New York Pass für eine Woche (270 Dollar), der die meisten Attraktionen New Yorks beinhaltet, schneller reingekommen. Wie bei allen beliebten Museen lohnt sich, direkt morgens um 10.00 Uhr da zu sein, um durch zunächst noch relativ leere Flure und Hallen streifen zu können.

Es erscheinen zu viele Bücher!

Karla Paul veröffentlichte kürzlich ein Plädoyer für Minimalismus (bei dem ich einige Punkte durchaus kritisch sehe), unter anderem durch den Verzicht bzw. eine Reduktion beim Kauf von neuen Büchern. Der Standard hat passend dazu einen Artikel veröffentlicht, in dem die Frage gestellt wird, wer bei 200 Buchneuerscheinungen pro Tag das alles noch lesen solle. Die Zahl der Leser sei um 6. Millionen gesunken, der Umsatz bleibe dank der Vielleser noch gleich. Aus der Verlagsbranche höre ich immer öfters und stärker als zuvor, dass sie sich in der Krise befinde, bzw. es dem Buchmarkt nicht gut ginge.

Meine Meinung dazu: Wenn alle Verlage die Zahl der Titel in ihren Programmen kürzen würden (was für mich als Übersetzer natürlich erst mal schlecht wäre), sich stattdessen auf besondere, außergewöhnliche und nicht austauschbare Titel konzentrieren würden und einzelnen Titeln dabei mehr Zeit geben, dann könnten einzelne Bücher auch erfolgreicher sein und die (dann noch veröffentlichten) Autoren Honorare erhalten, von denen sie leben könnten. Sie hätten mehr Zeit zum Schreiben einzelner Romane und könnten dabei sorgfältiger vorgehen. Die Buchhändler und interessierten LeserInnen hätten eine Chance, sich einen Überblick über die Neuerscheinungen zu machen (wenn ich mit der letzten Verlagsvorschau durch bin, weiß ich schon nicht mehr, was in den ersten stand).

Stattdessen werden Unmengen an Titeln rausgehauen – eben 200 am Tag, wie im Artikel steht – die sich gegenseitig die Leser wegnehmen, so dass am Ende kaum einer davon schwarze Zahlen schreibt. Der Buchmarkt kannibalisiert sich selbst. Und die Antwort der Verlage ist es, immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu veröffentlichen.

In der Phantastik scheint die Zahl der Titel in den letzten 2 Jahren wieder zurückgegangen zu sein. Fischer Tor und Knaur haben weniger als noch zum Programmstart. Heyne SF bringt fast 10 Titel weniger pro Halbjahresprogramm, bei den anderen habe ich jetzt nicht nachgezählt.

Zugegeben, vor ein paar Jahren habe ich mich noch beschwert, dass immer weniger Phantastik bei den Publikumsverlagen erscheint, inzwischen sehe ich das etwas differenzierter.

Im März dieses Jahres habe ich das Thema schon einmal unter dem Titel Erscheinen zu viele Bücher? etwas ausführlicher behandelt. Und die beiden Beiträge ganz vergessen, als ich obigen Text schrieb, der dann doch verblüffend dem Unterkapitel aus Sicht der Verlage ähnelt. Damals schrieb ich noch, ich wüsste nicht, ob wirklich zu viele Bücher erscheinen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, aus dem Fragezeichen wurde ein Ausrufezeichen. Vor allem wegen der sich immer schneller drehenden Spirale aus immer mehr Neuerscheinungen und immer kürzer werdenden Zeiträumen, in denen sie sich verkaufen/rechnen/beweisen müssen. Ich will auch kein Elektroauto fahren, das unter enormen Zeitdruck entwickelt wurde, von Mitarbeitern, die in der Fabrik schlafen, sich ausbeuten lassen bzw. ausgebeutete werden und dadurch einen extrem ungesunden Lebenswandel führen.

Anders als Karla Paul sehe ich das weniger unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit, sondern mehr als Notwendigkeit für ein gesundes Fortbestehen des Buchmarkts. Aber das ist kein Patentrezept, sondern nur meine Meinung.

Der erste Tag auf der Lower East Side (New York 1 von X)

Die Lower East Side

New York riecht ganz eigen. Nach acht Stunden in einer fliegenden Sardinnenbüchse, sowie einer Stunde in einer heißen und verschwitzten Schlange an der Grenzkontrolle (eine gute Überbrückung der Wartezeit aufs Gepäck, nur leider ohne Toilette) und einer Taxifahrt mit einem redseligen und sympathischen Ägypter, steige ich aus auf den heißen Asphalt der Lower East Side und bemerke als Erstes diesen eigentümlichen Geruch, der mir in dieser Mischung noch nie begegnet ist (einzig São Paulo roch relativ ähnlich).

Sind dies die olfaktorischen Impressionen einer Stadt, die niemals schläft, oder einer Stadt, die niemals duscht? Nicht so unangenehm, wie die gelegentlichen unverkennbaren Ausdünstungen der Kanalisation, die hier und da einem gammligen Gespenst gleich durch die Luft wabern. Aber auch nicht so angenehm, wie Asphalt nach einem Sommerregen, oder die Gewürzabteilung eines Wochenmarkts in Chinatown.

The Big Apple, Melting Pot oder Salad Bowl, ehemals New Amsterdam und Manna-hata (wie es bei den Algonkin hieß), das Tor zur Welt, wo einst alle Einwanderer über Ellis Island eingeschleust wurden. „Concrete jungles where dreams are made of“. Aufgewachsen mit Serien wie Hill Street Blues und NYPD, mit Filmen wie Manhattan, Frühstück bei Tiffany’s, Mean Streats und In den Straßen von Brooklyn, träume ich schon von klein auf, einmal die große liberale Metropole zu besuchen, in der Hip-Hop und Punk erfunden wurden und Steve Buscemi in so manchem Schlamassel landete. Dreißig Jahre und einen Abschluss in Nordamerikastudien sollte es dauern, bis ich endlich das Land meiner Träume betrat.

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Wir tanzen in den Ruinen unserer Jugend – ein Rant über mich und meine Generation

Wir tauchen hinab zu den Ruinen unserer Vergangenheit, unter einer dicken Taucherglocke, deren Sichtfenster uns dank Augmented Reality nur das zeigt, was wir sehen wollen: Eine romantisierte Illusion unsere Jugendjahre, die alles Negative ausblendet, so zuckersüß, dass wir in ihr kleben bleiben und im Zuckerrausch gar nicht merken, wie wir nicht nur den Blick für die Zukunft verlieren, sondern auch die Gegenwart nur noch verzerrt wahrnehmen.

Die 80er-Jahre liegen voll im Retrotrend, nicht nur in der Popkultur, wo Serien wie Stranger Things und Bücher/Filme wie Ready Player One die Nerdkultur dieser Dekade bis zum Exzess zelebrieren und zum neuen Goldenen Kalb stilisieren. Auch in der Politik: In Nicaraguar wird ein ehemaliger Rebell, der einst gegen eine brutale Diktatur kämpfte, selbst zum brutalen Diktator; Polen und Ungarn kehren zu autokratischen Regierungsformen zurück, ebenso wie Russland und die Türkei. In Deutschland sitzen wieder Nazis im Parlament, in Österreich und Italien sogar in der Regierung, während sich Großbritannien selbst zerfleischt und die Welt buchstäblich in Flammen steht.

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Last Chance To Read – Ein kurzer Streifzug durch 6 Jahre Translate Or Die

Bevor man sein Comeback planen kann, muss man erst mal eine Abschiedstournee mit den alten Hits machen. Hier ein paar ausgewählte Blogbeiträge mit Hintergrundinfos, die es nur noch bis Donnerstag zum Lesen gibt:

Im November 2011 ging Translate Or Die an den Start, eigentlich als meine berufliche Präsentationsseite als Übersetzer. Damals studierte ich noch Amerikanistik an der Freien Universität in Berlin (hier mehr zum Studium) und betrieb meine Bestrebungen Übersetzer zu werden zunächst nebenbei.

Sexismus, Diskriminierung und Captain Future – Zu meinen ersten Übersetzungen gehörte Captain Future im Golkonda Verlag. Das war vermutlich der für mich beruflich wichtigste Kontakt, denn Hannes Riffel hatte damals schon einen exzellenten Ruf in der Branche und war anfangs für mich eine Art Mentor. Damals lebte ich noch in Berlin und bin zur Besprechung der Übersetzungen direkt bei ihm zu Hause vorbei. Und auch heute arbeite ich noch für ihn bei Tor Online. Den Golkonda Verlag hat er allerdings letztes Jahr verkauft, und die neuen Besitzer haben wohl ihre eigenen Übersetzer mitgebracht, weshalb meine letzte Captain Future-Übersetzung im März erschienen ist. Mit allen zukünftigen werde ich vermutlich nichts mehr zu tun haben.

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So long, and thanks for all the fish!

Am 24. Mai schließt Translate or Die seine Pforten – vermutlich nur vorübergehend. Den Grund habe ich ja schon an dieser Stelle erklärt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich der DSGVO-Hysterie angeschlossen habe, momenta habe ich einfach nur keine Lust, mich aktiv damit zu beschäftigen. Vielleicht sieht es nach meinem New-York-Urlaub im Juni anders aus. Bis dahin werde ich aber zu Genüge mit anderen Dingen sein, die bei mir aktuell eine höhere Priorität besitzen.

Translate Or Die entstand ursprünglich als meine Internetpräsenz als Übersetzer, hat sich mit der Zeit aber zu einem eher privaten Blog entwickelt, auf dem ich Bücher und Serien bespreche und Artikel zu allen möglichen Themen schreibe, auf die ich gerade Lust habe. Am Anfang meiner Karriere hat der Blog durchaus dazu beigetragen, dass ich Aufträge erhalten habe, in letzter Zeit ist diese Außenwirkung aber deutlich zurückgegangen. Insofern werde ich es beruflich wohl verschmerzen können, eine Weile ohne den Blog auszukommen.

Richtig schade finde ich es nur für euch LeserInnen, die ihr hier regelmäßig vorbeigeschaut habt, weil ihr euch für meine Beiträge interessiert habt (danke dafür!). Unter den 100 Follower befinden sich eindeutig nicht nur Leute und Bots, die mir aus Werbezwecken folgen. Dauerhaft wird er Blog auf keinen Fall aus dem Netz verschwinden, das wäre mit den über 500 Beiträgen, von denen auch viele alte noch durch Google Zugriffe erhalten, viel zu schade.

Ich bin gespannt, wie es mir die nächsten Monate ohne den Blog ergehen wird, der die letzten fünf Jahre fester Bestandteil meines Lebens gewesen ist. In der Zeit will ich auch meine Internetpräsenz generell stark zurückfahren (auf Facebook, Twitter und in diversen Foren), um ich voll und ganz auf ein bestimmtes Projekt zu konzentrieren. Das Internet ist schon ein enormer Zeitfresser und verlockt zum Prokrastinieren. So ganz werde ich aber nicht darauf verzichten können, da ich ja zweimal die Woche die SFF-News auf Tor Online verfasse, für die ich im Netz unterwegs sein muss. Und gelegentlich wird es auch Buchbesprechungen von mir auf Fantasyguide.de geben. Demnächst z. B. zu Autonom von Annalee Newitz.

Also, so long, and thanks for all the fish!

Kurzkritiken Mai 2018

Kurz vor Blognarök gibt es noch ein paar Kurzkritiken zu Büchern, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Melissa Febos – Whip Smart

Whip Smart ist keine Erotikliteratur, kein Shades of Grey aus authentischer Feder. Febos blickt reflektierend und analysierend auf vier Jahre ihres Lebens zurück, in denen sie neben ihrem Studium als Domina in New York gearbeitet hat, geht aber auch auf ihre Kindheit, ihre Beziehungen, ihre Persönlichkeit und ihr Drogensucht ein. Die Sessions mit ihren Kunden beschreibt sie eindrucksvoll, wortgewaltig und sehr ernüchternd, nicht erotisch, sondern analytisch und psychologisierend. Eine faszinierende Autobiografie über eine komplizierte, komplexe Frau.

Sven Regener – Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt

Karl Schmidt, das alte Schlachtwahlross der Berliner Elektrolyteszene, das am Ende von Herr Lehmann leicht überschnappte, ist zurück, um auf Magical Mystery Tour zu gehen, zusammen mit alten Bandkollegen, die inzwischen ein erfolgreiches Technolabel führen, mit dem sie gegen den Stumpfsinn von Gummistiefeltechno ankämpfen wollen. Dass dies nicht ohne Komplikationen abläuft und Karl Schmidts Abstinenz – immerhin lebt er im betreuten Wohnen und arbeitet als Hilfshausmeister – auf die Probe stellt, versteht sich wohl von selbst. Mit gewohnt lakonischem Humor und ausgezeichneten Dialogen bleibt Regener seinem Lehmann-Kosmos treu und liefert einen unterhaltsamen Roadtrip, der durchaus Tiefgang (und Meerschweinchen) besitzt.

Paul Tremblay – A Head Full of Ghosts

Moderne Variante von Der Exorzist, die hier Familiendrama mit Mediensatire verbindet, nicht ganz so spannend und gruselig, wie ich erwartet hatte, dafür mit viel Tiefgang und Einblicken in die Psyche einer zerrütteten Familie.

Douglas Preston und Lincoln Child – Attic (übersetzt von Thomas A. Merk)

Quasi-Fortsetzung des superspannenden Museumshorror Relic, der im Naturkundemuseum von New York spielt (das ich nächsten Monat endlich besuchen werde). Attic spielt zwar teilweise auch im Museum of Natural History, aber der eigentliche Star des Romans ist die Tunnelwelt unter der Stadt, die noch über mehrere Ebenen unter der U-Bahn liegt. Nicht ganz so spannend wie der Vorgänger, aber immer noch faszinierend, mit interessanten Einblicken in das New York der 90er-Jahre. Ist auch noch nicht so übertrieben abgedreht wie die späteren Pendergast-Romane.

William Hjortsberg – Falling Angel

Hard-Boiled-Krimi mit okkultem Einschlag über einen hartgesottenen Privatschnüffler, der in den 50er-Jahren in New York durch einen zwielichtigen Auftraggeber in einige unheimliche Vorgänge verwickelt wird. Toller Stil, absolut schnörkellos aber elegant auf den Punkt geschrieben mit vielen Slang-Ausdrücken und Formulierungen aus dieser Zeit. Habe so z. B. gelernt, was ein „shamus“ ist. Wurde übrigens mit Mickey Rourke und Robert De Niro als Angel Heart verfilmt (allerdings in New Orleans).