Empfehlenswerte Hörspiele: Point Whitmark (Teil1)

Vorweg: Tut mir leid, fals hier im Text plötzlich Werbung auftaucht. Die hat WordPress automatisch reingebaut. Ich werde demnächst ein paar Dollar in das kostenpflichtige Angebot investieren, damit das nicht mehr vorkommt.

Da meine kostbare Zeit momentan nicht nur von meiner aktuellen Übersetzung, sondern auch von einer Teilzeitstelle beansprucht wird, die ich gestern angefangen habe, fehlt mir ein wenig die Zeit für ausführliche Beiträge. Damit sich hier aber was tut, betreibe ich ein wenig Artikel-Nekromantie und veröffentliche an dieser Stelle einen Text, der 2008 auf Fantasyguide.de erschienen ist. Da er etwas lang ist, hier zunächst Teil 1, in Teil 2 wird es dann Kurzinfos zu den ersten 22 Folgen geben.
Ich habe nicht nur eine Vorliebe für Bücher, Serien und Filme, sonder auch für Hörspiele. Bin ein klassisches Kassettenkind der 80er Jahre.
2008 habe ich Volker Sassenberg (Point Whitmark, Gabriel Burns, Abseits der Wege) per Telefon interviewt. Dazu gab es dann noch einen einführenden Artikel zu meiner liebsten Hörspielreihe:

Spezial zur Hörspielreihe Point Whitmark

Redakteur: Markus Mäurer

B0000YWFYUDie Reise beginnt in den Tiefen der nördlichen Minen. Ein schreckliches Heulen durchreißt die Stille. Von gezüchteten Killermaschinen gejagt, hetzen wir durch die undurchdringliche Dunkelheit, umgeben von tonnenschwerem Gestein. Nach einer schier endlosen Hatz brechen wir durch den Eingang des Berges und fliehen hinaus in die Endlosigkeit der Wälder New Englands. Die Sicht bleibt eingeschränkt, denn ein dichter, undurchdringlicher Nebel hat sich über den Wald gelegt.

Ein schauerlicher Schrei, der direkt aus dem Nebel kommt, treibt uns weiter an, denn nun befinden wir uns im Reich von Murach-Tabor – der riesigen Nebelspinne. Dann endlich sind wir schnell genug und erheben uns in die Lüfte, wie einst der Wampumvogel mit seinen mächtigen Schwingen. Wir wenden uns Richtung Küste. Unser Blick schweift über die Unberührtheit der Natur, die langsam nachlässt. Vereinzelte Anzeichen menschlicher Zivilisation tauchen auf, eine Hütte hier, eine Straße da.

Dann eine große stählerne Kuppel – ein Observatorium, an dessen kalten Mauern eine Gestalt, einem kalten Phantom gleich, entlang kriecht. Doch schon sind wir weiter, und die ersten Lichter einer Siedlung tauchen in der Ferne auf. Unter uns ein Kürbisfeld, in dessen Mitte die Dunkelmühle steht, deren Windräder sich in der sturmdurchtosten Nacht drehen. Waren das Federn? Aber wir sind schon dran vorbei. Erste Häuser tauchen auf, ein indianisches Langhaus, ein Turm wie von einer Ritterburg.

Wir haben die Kirche erreicht. Auf dem angrenzenden Friedhof hebt Vater Callahan gerade sein eigenes Grab aus, während sich die Hadeskutsche mit quietschenden Reifen nähert. Weiter geht unser Flug, vorbei am Museum, durch dessen Fenster wir eine einsame Mumie sehen. Vorbei am Polizeirevier, aus dem wir die markant brüllende Stimme von Sheriff Baxter hören, während ein kahl geschorener Deputy gerade das Gebäude verlässt.

Wir erreichen die Küste, überqueren eine Bucht aus der 22 qualvolle Schreie zu uns emporsteigen, und werden vom Bann der Totenmelodie weiter in die offene See gelockt. Doch bevor wir die Insel der letzten Rache erreichen, schwenken wir auf der Route des Schattenadmirals ein, zurück zur Küste. Geleitet von einem Leuchtturmfeuer erreichen wir sicher das Land. Wir umkreisen mehrmals den rot-weiß gestrichenen Leuchtturm und folgen dann einer Katze, die durch eine vom Oxmann eingeschlagenen Tür ins Innere huscht. Dort sitzen Jay, Tom und Derek, an einem Schreibtisch – vor ihnen das Buch des Grauenjägers – und bereiten gerade die neue Sendung des Radiosenders vor, der so heißt wie die Stadt.

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Willkommen in Point Whitmark.

Hörspiele sind eine besondere Form der Unterhaltung. Legt die CD ein, setzt die Kopfhörer auf, drückt auf Play, schließt die Augen und taucht in eine andere Welt ein. Haben die Macher ihre Arbeit gut gemacht, entstehen dabei Bilder dieser Welt vor den geschlossenen Augen. Man wird von der Atmosphäre mitgerissen und hat das Gefühl direkt dabei zu sein. So geht es mir zumindest, wenn ich wieder eine neue Folge von Point Whitmark einlege. Aber alles der Reihe nach.

Anfang 2001 wurde der deutsche Hörspielmarkt von einer Serie um drei Juniordetektive aus Rocky Beach dominiert, deren Erkennungszeichen drei Fragezeichen sind. Von den drei Satzzeichen waren bis dato an die 90 Folgen erschienen, wobei sich die Qualität der Geschichten und der Hörspielproduktion auf einem eher durchschnittlichen Niveau eingependelt hatte.

Da kam der Musik- und Hörspielproduzent Volker Sassenberg auf die Idee, dass man das auch besser machen könne. Um überhaupt Chancen auf dem Markt zu haben, lehnte man sich an das große Vorbild an, aber mit dem Anspruch auf Eigenständigkeit und höhere Produktionsqualität. Point Whitmark war geboren.

Was zunächst als billiger ???-Abklatsch belächelt wurde, entwickelte sich schnell zum Geheimtipp.

Bei der Produktion legte man viel Wert aufs Detail und machte vieles richtig, was bei Europa falsch bzw. lieblos gemacht wurde. Das fängt schon bei der Titelmusik an. Wo bei den Drei Fragezeichen ein liebloses Synthiegedudel die Folgen einleitet, beginnt Point Whitmark mit einer wunderschönen und atmosphärisch dichten Titelmusik, die alles auf den Punkt bringt, was die Qualität der Serie ausmacht. Aber auch die restliche Musik kommt nicht etwas aus der Konserve, sondern wurde, teilweise sogar, von einem Orchester eingespielt.

Doch kommen wir zum wichtigsten – den Sprechern. Auch hier kann PW auf der ganzen Linie überzeugen, neben der Stammbelegschaft, sind auch die kleinsten Nebenrollen von Topsprechern besetzt.

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Sprecher und Historie

Jay LawrenceSven Plate ist vielen noch als Sprecher von Wesley Crusher aus Star Trek – The Next Generation bekannt.

Tom ColeKim Haspers konnte zu Letzt als Stimme von Robert Ford in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ überzeugen.

Derek Ashby Gerrit Schmidt-Foss dürfte den Meisten als Stimme von Leonardo DiCaprio bekannt sein, wobei er mir als ewig als Dawson aus „Dawson’s Creek“ in Erinnerung bleiben wird.

Ein besonderes Highlight der Serie ist (der inzwischen leider verstorbene) Heinz Ostermann als stets gut gelaunter Vater Callahan, der die drei Freunde tatkräftig unterstütz und eine Vorliebe für exotisches Essen und Gebräuche hat.

Mit einigen Startschwierigkeiten, hat es die Serie trotzdem geschafft sich auf dem Hörspielmarkt zu behaupten. Sie gewann zahlreiche Awards und immer mehr Fans. So erschienen zwischen Februar 2001 und Oktober 2001 10 Folgen die durchgehend ein hohes Niveau halten konnten. Umso mehr überraschte es die Fans, als man plötzlich nichts mehr von der der Serie hörte. Es wurden keine neuen Folgen angekündigt, aber man erfuhr auch nicht warum. Als sei die Serie einfach wieder verschwunden. Erst nach einiger Zeit kam heraus, dass Edelkids den Vertrieb von Point Whitmark eingestellt hatte. Die genauen Gründe dafür, kann man im Interview mit Volker Sassenberg nachlesen.

Die Durststrecke dauerte 2 ½ Jahre. Dann kehrte Point Whitmark mit einem Paukenschlag bei dem Label Kiddinx zurück. Mit gleich zwei Highlights kehrte man zurück und setzte Produktionstechnisch und Atmosphärisch noch einen drauf. Die beiden Folgen „Die Nacht der ewigen Fliegen“ und „Im Bann der Totenmelodie“ weckten hohe Erwartungen und machten Lust auf mehr. Leider war es damit nach vier weiteren Folgen schon wieder vorbei. Doch diesmal dauerte die Unterbrechung nur ein Jahr. Mit Universal, erschienen die neuen Folgen nun bei demselben Vertriebspartner, bei dem auch schon Gabriel Burns erscheint.

Den besonderen Reiz dieser Serie macht vor allem die dichte Atmosphäre aus, die mit Hilfe von Musik, Geräuschen, Sprechern und passender Geschichten erzeugt wird. Beim einmaligen Hören fällt einem vielleicht nicht auf wie aufwendig und mit wie viele Liebe zum Detail das Ganze produziert wird. Aber genau das spricht für die Qualität der Produktion. Die ganzen kleinen Details werden so geschickt zu einem stimmigen ganzen komponiert, dass dabei mehr als nur die Summe der einzelnen Teile herauskommt. Man merkt gar nicht, wie sich die Atmosphäre zusammensetzt, weil man von dieser so gebannt ist, dass man gar nicht dazu kommt auf die Kleinigkeiten zu achten.

Dazu kommen die schrägen und liebenswerten Figuren, die Point Whitmark bevölkern. Sie sind es, die dafür sorgen, dass sich der Hörer bei jeder neuen Folge wieder wie zu Hause fühlt. Die Kulisse Neu Englands eignet sich hervorragend für zahlreiche von Mythen und Legenden durchsetze Geschichten. Die geografische Lage, direkt am Meer, aber auch in der Nähe zu Bergen und großen Wäldern, sorgt für viel Abwechslung.

Abgerundet wird die ganze Produktion von den stimmungsvollen Titelbildern die – mal mehr, mal weniger – zum Inhalt der Folgen passen, und der Serie ihren eigenen Look verpassen.

Einziger Kritikpunkt bei dieser, sonst so hochprofessionellen Produktion, ist der Internetauftritt. Diese Seite beschränkt sich darauf, sämtliche Folgencover abzubilden, und diese mit amazon.de zu verlinken. Hintergrundinformationen zur Serie sucht man hier vergebens. Da besteht noch einiges Ausbaupotenzial. Wie wäre es denn mal mit einer Karte von Point Whitmark, oder einer Auflistung der Einwohner, samt deren Eigenheiten? Oder ein Abschnitt zur Geschichte von Point Whitmark?

Ansonsten ist Point Whitmark eine tolle Hörspielserie für Jugendliche und Erwachsene. Aufgrund der Härte einiger Folgen sollten Kinder unter 12 Jahren allerdings die Finger davon lassen.

In Teil 2 folgt dann eine kurze Vorstellung der ersten 22 Folgen.

Hannibal – Die Serie

Das aktuelle und alles beherrschende Thema im Bereich TV-Serien lautet Breaking Bad keine Zeitung, kein Wochenmagazin, keine Internetseite, die momentan nicht über Walt White und sein Alter Ego Heisenberg berichtet. Auch ich verfolge aktuelle die letzten Folgen der vermutlich wirklich besten Serie aller Zeiten auf iTunes. Ich bin von Anfang an dabei, seit die erste Staffel anlief, und ja, auch für mich ist die finale Staffel das Fernsehereignis des Jahres. Deshalb verzichte ich momentan darauf, hier darüber zu schreiben. Im aktuellen Spiegel gibt es einen hervorragenden Artikel, der beschreibt, was die Serie so außergewöhnlich und einzigartig macht.

Aber es gibt auch eine Zeit nach Breaking Bad, nächste Woche Sonntag endet dieses Meisterwerk der Erzählkunst. Zeit, sich neue Serien zu suchen. Erstaunlicherweise hat ein Networksender (ausgerechnet der Gurkengarant NBC) eine interessante Serie im Angebot: Hannibal

Hannibal3© 2012 NBC Universal Media, LLC

Ich habe bereits im April über die Serie berichtet. Inzwischen habe ich die komplette erste Staffel gesehen, die ab dem 10. Oktober auch auf Sat 1 (garantiert gekürzt) anlaufen wird. Bin mal gespannt, wie lange sie durchhalten. Alternativ kann man sie sich aber auch schon auf Maxdom anschauen.

Hannibal basiert auf den Romanen von Thomas Harris und erzählt die Vorgeschichte zum ersten Band „Roter Drache“. Im Fokus stehen der FBI Agent Will Graham und der Psychiater Hannibal Lecter.

Graham besitzt eine besondere Gabe, er kann sich an Tatorten in die Gedankenwelt von Mördern hineinversetzen und erlebt die Tat aus deren Perspektive, was von der Serie in beeindruckend schaurig-schönen Bildern präsentiert wird. Für Graham wird es aber immer schwieriger, aus diesen abgründigen Gedankenwelten zurückzukehren. Sein Chef Jack Crawford (Lawrence Fishburne) macht sich Sorgen, will aber auch nicht auf seinen besten Mann verzichten, deshalb zieht er den renommierten Psychiater Dr. Hannibal Lecter zu Rate. Der ist fasziniert von Graham und beginnt eine eingenartige Beziehung zu ihm, die aus einer Mischung von Freundschaft und perfid-perverser Manipulation besteht.

Diese Beziehung ist das Hauptthema der Serie. Zwar gibt es gelegentlich auch den Serienkiller der Woche, um Crawfords Beziehungprobleme, die FBI-Psychologin Dr. Alana Bloom und die Tochter eines Serienkillers, aber im Mittelpunkt steht die intensive Beziehung zwischen Graham und Lecter.

Hannibal2© 2012 NBC Universal Media, LLC

Wer hier actionreiche Spannung wie bei Criminal Minds erwartet, ist an der falschen Adresse. Hannibal ist weniger Thriller denn vielmehr Psychodrama. Obwohl die Grausamkeiten, die hier teilweise präsentiert werden, ihresgleichen suchen, steht  das Seelenleben der Figuren im Vordergrund. Und das ist düster. So wie die ganze Serie extrem düster ist. Diese Finsternis wird dabei in wunderschönen eleganten Bildern präsentiert, die mehr Kunstwerken gleichen und weniger den runtergekurbelten Network-Procedurals, die man sonst auf NBC findet. Hinzu kommt ein ausgefeiltes und atmosphärisch dichtes Sounddesign.

Der Humor der Serie ist sehr makaber, bösartig und subtil, er setzt bei den Zuschauern das (mit Sicherheit vorhandene) Wissen um Hannibal Lecter und seine kulinarischen Gewohnheiten voraus, die in der Serie mit der Eleganz eines Fünf-Sterne-Kochs inszeniert werden.

Apropos Hannibal, der hier von Mads Mikkelson gespielte Hannibal ist ganz anders, als die ikonische Interpretation von Anthony Hopkins. Wo bei Hopkins jederzeit die körperliche Aggressivität eines Raubtieres präsent ist, kommt Mikkelson sehr viel zurückhaltender daher. Seine Darstellung ist deutlich reduzierter und unscheinbarer. Was aber auch zur Serie passt, schließlich weiß bei Hopkins Hannibal jeder, mit wem er es zutun hat, während er in der Serie noch größtenteils im Verborgenen agiert. Mikkelsons Hannibal weiß durchaus zu gefallen, aber die Bedrohlichkeit von Hopkins fehlt ein wenig. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, Mikkelson sei ein Paradeabsolvent der Steven Seagal Schauspielschule, aber seine Mimik ist teilweise etwas zu reduziert, um dem Intellekt Hannibals gerecht zu werden.

Serienkillerserien sind momentan groß in Mode, in meinem oben verlinkten Artikel gehe ich näher auf dieses Phänomen ein. In Hannibal wird der Serienkiller, also Hannibal Lecter, anders als in Dexter oder auch in den Filmen, nicht zum Helden stilisiert. Er handelt von Anfang an amoralisch, grausam und stets zu seinem eigenen Nutzen und Vergnügen. Er tötet und manipuliert aus reiner Neugierde. Auch wenn er eine faszinierende Persönlichkeit ist, besteht kein Zweifel daran, dass er der Bösewicht der Serie ist. Die Perfidität, mit der er Will Graham im Verlauf der Serie manipuliert, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Der einzige Ausgleich zu dieser Kaltblütigkeit entsteht, wenn er seinerseits zu Therapiesitzungen mit der von Gillian Anderson gespielten Therapeutin Dr. Du Maurier geht. Sie ahnt, was unter seiner Oberfläche lauert, was hinter seinem Bestreben nach Freundschaft wirklich steckt.

Hannibal ist ein schaurig schönes Gemälde aus Mord, Verderben, Abgründigkeit und Kontrollverlust. Eine der Serienüberraschungen des Jahres, elegant gefilmt, psychologisch tiefgründig, dabei stets abgründig und bedrohlich.