„Vom Wesen der einfachen Dinge“ Das Leben in der brasilianischen Favela Parque Oziel/Campinas aus der Perspektive von Kindern

So, ich habe beschlossen, dass Sonntag Brasilientag ist. Deshalb gibt es jetzt jeden Sonntag weitere Auszüge aus meiner Diplomarbeit. Aus Datenschutzgründen aber teilweise leicht modifiziert. Ich werde z. B. nur Vornamen verwenden. Auch den Kern dieser Arbeit werde ich nicht so zeigen, wie es in der gedruckten Fassung der Fall ist, da diese Bilder der Kinder teilweise sehr intime Einblicke in deren Familienleben zeigen. Die Fußnoten werde ich in Klammern in den Text einbauen, da ich keine Ahnung habe, wie man ordentliche Fußnoten in diesen WordPressblog einbinden kann.

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Einleitung

Durch die Augen von Kindern schimmert eine Wahrhaftigkeit, die wir Erwachsene im Laufe der Jahre verloren haben. Diese Wahrhaftigkeit möchte ich nutzen, um einen Einblick in eine uns fremde Kultur zu erhalten. Einen authentischen und realistischen Blick in den Alltag der Bewohner der Favela ( Eine Favela ist ein Armenviertel, ein Slum.) Parque Oziel in Campinas/Brasilien.

Deshalb habe ich mit meinen Kommilitonen Lea und Thomas im Februar/März 2006 ein Fotoprojekt im Jugendzentrum der Favela durchgeführt. Doch es waren nicht unsere Augen, die die Bilder einfangen sollten und nicht unsere Finger, die den Abzug drücken sollten. Es waren die Augen der Kinder, durch die wir sehen wollten und es waren 34 kleine Finger, die die Abzüge von 34 Einwegkameras drückten, um uns zu zeigen, wie die Welt aus ihrer Perspektive aussieht.

Am Ende gab es 915 Schnappschüsse, die uns in die Welt der Kinder führen. Diese 915 Fotos sind die Basis für diese Diplomarbeit. Hinzu kommen Videointerviews mit den Kindern zu ihren Fotos und zu ihrem Leben.

Es ist nicht meine Absicht das Leben der Bewohner zu analysieren. Das würde ich mir nicht anmaßen. Es ist vielmehr meine Absicht, zu zeigen, wie die Kinder ihre Welt wahrnehmen und erleben. Was ihnen wichtig ist, was ihren Alltag bestimmt. Genauer gesagt möchte ich diese Diplomarbeit nutzen, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, uns all dies zu zeigen.

Da es sich hierbei um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, komme ich nicht an einem theoretischen Teil vorbei, der die wissenschaftlichen Theorien und Werkzeuge vorstellt, die ich im Forschungsteil anwende. Ich habe mich aber bemüht die trockene Theorie so interessant und unterhaltsam wie möglich vorzustellen, ohne dabei den wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren.
In Kapitel 1 schildere ich zunächst die Entstehung des Fotoprojektes „Vom Wesen der einfachen Dinge“, und warum wir uns für Brasilien als Land und Campinas als Stadt entschieden haben. In zwei weiteren Punkten schildere ich die Vorurteile, denen die Bewohner der Favela ausgesetzt sind, und welchen Vorurteilen wir als „Personen von Außen“ in Parque Oziel vielleicht begegnen müssen.

In Kapitel 2 widme ich mich der zentralen Fragestellung dieser Arbeit und beschreibe, warum die Feldforschung für mich so wichtig war. In einem weiteren Punkt gehe ich auf
die – für diese Arbeit – wichtigen Aspekte der Kindheitsforschung zum Schwerpunkt „Aus der Perspektive der Kinder“ ein.

In Kapitel 3 beschäftige ich mich mit der Fotografie und erkläre, warum ich Einwegkameras verwendet habe. Im letzten Punkt widme ich mich der Bildanalyse.

In Kapitel 4 stelle ich die Kinder mit Hilfe der von ihnen selbst ausgefüllten Steckbriefe vor, bevor ich dann die Durchführung des Projektes beschreibe und die Ergebnisse anhand einiger statistischer Angaben präsentiere.

In Kapitel 5 analysiere ich einige ausgewählte Bilder nach der Fragestellung: „Was ist fotografiert worden, und warum? – wiederkehrende Motive und ihre Bedeutung“

Im letzten Kapitel werde ich diese Arbeit und das Fotoprojekt abschließend betrachten.

1.1 Die Entstehung des Projektes

Für jemanden, der Europa noch nie verlassen hat, ist die Verlockung während des Studiums ins Ausland zu gehen fast unwiderstehlich. Zumindest ging es mir so, als ich bereits in meinem ersten Semester von der Möglichkeit ein Praktikum in Brasilien zu machen gehört habe. Seit dem stand für mich fest, dass ich nach Brasilien will.

Es sollte noch einige Semester dauern, bis ich begann, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Damit ich nicht ganz alleine in die Fremde ziehen musste, vermittelte mir Prof. Fichtner den Kontakt zu Thomas und Soleilla. Wir verstanden uns von Anfang an gut, und beschlossen das Praktikum gemeinsam anzugehen.
Aber warum gerade Brasilien?

 Brasilien

Land der Zukunft – so nannte Stefan Zweig einst Brasilien. Es war auch das Land, in dem er Selbstmord begann. Es ist ein Land der extremen Gegensätze. Fast nirgendwo auf der Welt ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß. In Brasilien prallen diese Gegensätze direkt aufeinander. Die schwer bewachten goldenen Käfige der Oberschicht stehen direkt neben den spärlichen Bretterbuden der Armen. Luxusviertel grenzen direkt an Favelas und bieten jede Menge Zündstoff. Den Armen bleibt oft kein anderer Ausweg als die Kriminalität. Und die Reichen leben in ihren überwachten und gesicherten Wohnblöcken wie in Festungen.

Obwohl beide Gruppen so dicht beieinander wohnen wissen sie praktisch nichts voneinander. Sie kennen nur die üblichen Klischees aus dem Fernsehen: „Die Favelas seien ein Hort der Kriminalität und Gewalt und ihre Bewohner nur dumm und kriminell. Während die Reichen alle sorgenfrei in ihrem Luxus schwelgen und sich nicht für die realen Probleme der restlichen Bevölkerung interessieren.“
Es sind zwei Parallelgesellschaften, die aneinander vorbei leben. Wenn sie einmal aufeinanderprallen dann meist mit Gewalt.

Brasilien ist mit seinen 8.511.996 qkm das fünftgrößte Land der Erde. Hier ragt vor allem der tropische Norden heraus, der mit seinem Dschungel 53% des Landes ausmacht. Der Norden ist auch die ärmste Region Brasiliens. Hier leben die meisten Menschen mehr schlecht als recht von den kärglichen Erträgen der Landwirtschaft. Den Menschen bleibt immer weniger zum Leben. Um dieser hoffnungslosen Zukunft zu entgehen, zieht es die jungen Menschen in die großen Städte. Dort erhoffen sie sich ein besseres Leben. Werden von der Realität aber schnell eingeholt, wenn sie sich in der ärmlichen und gewalttätigen Umgebung der Favela wieder finden.
Die ehemalige portugiesische Kolonie, die 67 Jahre lang ein Kaiserreich war, ist ein Sammelsurium der Kulturen und Ethnien. Weiße (Brancos), braunhäutige Mischlinge (Pardos), Schwarze (Negros), Ureinwohner (Vermelhos) und Asiaten leben in einer Gesellschaft zusammen, deren Konflikte größtenteils nicht durch die unterschiedliche ethnische Herkunft, sondern durch die soziale Herkunft bestimmt werden.

Dies alles machte Brasilien für uns so interessant. Wobei die exotische Landschaft und das schöne Wetter sicher auch noch eine kleine Entscheidungshilfe waren.

Parque Oziel wurde von Prof. Fichtner vorgeschlagen, der gute Kontakte dorthin hat. Parque Oziel, die Favela, die in der Millionenstadt Campinas liegt.

Campinas

Campinas ist keine schöne Stadt. Graue Hochhäuser, die einen traurigen Anblick bieten und nichts von der so typischen brasilianischen Lebensfreude vermitteln, dominieren das Stadtbild. Vermutlich ein passender Anblick für eine der reichsten Städte Brasiliens; eine Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika (Wikipedia.de 27.06.07).

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Eine Million Einwohner bewohnen dieses Technologiezentrum, das durch seine geografische Lage – ca. 100 Kilometer nördlich von Sao Paulo – einer der wichtigsten Verkehrsknoten im Staate Sao Paulo ist. Viele Einwohner nutzen diese Lage, um zwischen Sao Paulo und Campinas zu pendeln.

Dieser Reichtum zeigt sich unter anderem in der größten Shopping Mall Südamerikas – dem Shopping Dom Pedro. Ein riesiges Einkaufszentrum, in dem man sich leicht verläuft und dank der Klimaanlage auch schnell eine Erkältung holt. Es gibt Kinos, Restaurants (auch McDonalds und Co.), Geschäfte mit Importwaren aus Europa, Läden mit teuren Sportartikeln und Kleidung. Eben mit allem, was sich ein Favelabewohner nicht leisten kann.

Für die arme Landbevölkerung aus dem Nordosten Brasiliens ist eine Stadt wie Campinas ein Magnet. Eine Stadt, in der man sein Glück finden kann. Die Realität – die ich mit dieser Diplomarbeit beschreiben möchte – sieht allerdings anders aus. All die schönen und teuren Dinge, die Campinas zu bieten hat, bleiben für die Favelabewohner unerreichbar hinter Schaufenstern verschlossen.

Dass in Campinas nicht alles schön und reich ist, sieht man, wenn man über eine der Autobahnen in die Stadt kommt. Rechts und links säumen sich die Holz- und Bretterbuden, die unmissverständlich die Armut ihrer Bewohner zur Schau stellen. Aber dazu mehr im Kapitel 1.2 Parque Oziel.

Die eigentliche Idee zu einem Fotoprojekt mit Einwegkameras bekamen wir durch einen kurzen Spiegelartikel über einen deutschen Fotografen, der solche Kameras an Soldaten im Irak verteilt hat, um ein realistisches Bild von der dortigen Lage zu bekommen.

Genau das war dann auch unsere Absicht. Einen authentischen und ehrlichen Einblick in das Leben in der brasilianischen Favela Parque Oziel. Damit war das Projekt „Vom Wesen der einfachen Dinge“ geboren.

Wir hatten im Vorfeld viele Pläne geschmiedet, die vor Ort – vor allem dank der brasilianischen Mentalität – wieder über den Haufen geworfen wurden. Dazu mehr im Kapitel 4.2 Die Durchführung.

Uns war von Anfang an klar, dass wir mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen arbeiten wollten. Unter anderem auch, weil Soleilla Lehramtsstudentin ist.

Wir waren der Meinung, dass wir durch die Augen von Kindern einen ehrlicheren Blick auf die Lebenssituation der Menschen in Oziel bekommen würden, als durch die Augen von Erwachsenen. Auf diese Theorie werde ich in den folgenden Kapiteln noch näher eingehen.
Am 30 Januar 2006 war es dann für uns so weit. Mit 30 Einwegkameras, einer Vielzahl von Plänen und Ideen, spärlichen Portugiesischkenntnissen und einer gesunden Portion Optimismus flogen wir ins Land des Sambas und des Zuckerhuts.

Anhang: Hier noch zwei Bilder aus Campinas

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Nachtrag: Hier noch die Links zu den bisher veröffentlichten Einträgen:

https://translateordie.wordpress.com/2013/04/14/achtung-vorurteile-ein-essen-in-der-favela/

https://translateordie.wordpress.com/2012/03/10/100/

4 Gedanken zu “„Vom Wesen der einfachen Dinge“ Das Leben in der brasilianischen Favela Parque Oziel/Campinas aus der Perspektive von Kindern

  1. Schöne Bericht, ich freue mich auf mehr! Nur als Anmerkung: die Idee der Verteilung von Kameras an Favela-Kinder ist nichts neues. Das hat man z.B. in Rocinha schon mehrfach gemacht. Nur nicht mit dem Ziel, daraus eine Diplomarbeit zu machen, sondern eher, um den Kindern ein Stück Identität zu geben und den Blick für ihre Umgebung zu schärfen. Aber toll, wenn du beides verbinden kannst.

  2. Hallo Kay,

    schön, dass er dir gefallen hat. Als wir das Projekt 2006 durchgeführt haben, hatte ich noch nicht im geringsten an meine Diplomarbeit gedacht. Den Vorschlag dazu machte mir Prof. Wanderley erst während der abschließenden Fotoausstellung (mit den Bildern der Kinder) in Parque Oziel. Selbst während des Projektes, habe ich da überhaupt nicht dran gedacht.

    Thomas, Lea und mir ging es erstmal nur darum, ein möglichst interessantes Praktikum zu machen. Dabei wollten wir etwas finden, von dem nicht nur wir profitieren, sondern auch die Bewohner/Kinder der Favela, die bei dem Projekt mitmachen. Es sind zuvor schon genug Leute von der Uni in Oziel gewesen, haben dort ihre Projekte durchgeführt und waren nie wieder gesehen. Deshalb haben wir das Projekt auch mit dem Bürgermeister und Betreuern des örtlichen Jugendzentrums zusammen geplant.

  3. Nachtrag: Das Konzept „Kids with Cameras“ ist natürlich nichts Neues. http://www.kids-with-cameras.org/bornintobrothels/
    Es gibt sogar einen oscarprämierten Dokumentarfilm darüber, der 2004 erschienen ist. Ich habe ihn aber erst nach unserem Projekt gesehen, und da erst gemerkt, dass die Idee nicht so neu ist.

    @Kay
    Das sind wirklich tolle Fotos auf deiner Seite.

  4. Pingback: Parque Oziel – Eintrag 5: Die zentrale Fragestellung | translate or die

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