Stadt der Zähne (Kurzgeschichte)

Wer sich das Geschwafel unten ersparen möchte, gelangt hier direkt zur Kurzgeschichte Stadt der Zähne als WordPress-Seite und im PDF-Format (liest sich aufgrund der Formatierung besser, habe noch nicht rausgefunden, wie ich die eingezogenen Absatzanfänge hier im Blog beibehalten kann).

Regelmäßige Leser dieses Blogs mögen schon bemerkt haben, dass ich in letzter Zeit zu Experimenten neige und mich an neuen Themen (wie Musikbesprechungen und englischsprachigen Beiträgen) versuche, und auch wenn sich das Interesse daran anscheinend mehr als in Grenzen hält, werde ich damit fortfahren, Neues auszuprobieren. Einfach, weil ich keine Lust habe, immer über die gleichen Themen auf die gleiche Weise zu schreiben. Meine Interessen ändern sich teilweise oder durchlaufen Phasen, in denen mich bestimmte Themen mal mehr, mal weniger interessieren. Jedenfalls werde ich es jetzt mal mit Kurzgeschichten versuchen.

Die erste Kurzgeschichte, die ich hiermit veröffentliche, habe ich bereits 2008 in einer ersten Fassung als Anfang eines geplanten Romans verfasst, bei dem ich aber nie über die ersten 50 Seiten hinausgekommen bin. Jetzt habe ich den Anfang etwas umstrukturiert und daraus eine Kurzgeschichte mit 25 Normseiten bzw. 39.000 Zeichen gemacht.

Ich muss euch hier direkt warnen, die Geschichte enthält explizite und eklige Sexszenen; zwei ProtagonistInnen, die sich in einer sehr dysfunktionalen und destruktiven Beziehung zueinander befinden; Spuren von Zynismus und eine pessimistische Grundstimmung. Ich bin eigentlich ein optimistischer und gut gelaunter Mensch, aber mit dieser Geschichte wollte ich etwas völlig »out of character« schreiben, etwas, das so gar nicht zu mir passt, extrem ist und über die Stränge schlägt. Als Inspiration dienten mir die Bücher von Charles Bukowski, Irvine Welsh und Chuck Palahniuk. John Niven geht auch in die Richtung, aber den kannte ich 2008 noch nicht. John Niven sagte kürzlich in einem Interview mit dem Spiegel, dass man schreiben müsse, als seien die Eltern tot. Womit er meint, dass man schreiben solle, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was die Eltern über diesen »schmuddeligen Schund« denken könnten.

Ihr seid jetzt also gewarnt. Von den beiden Testlesern, denen ich den ursprünglichen Romanfang vor einigen Jahren gezeigt hatte, reagierte einer sichtlich schockiert. Die Geschichte ist also nichts für zarte Gemüter. Aufgrund akuter Betriebsblindheit habe ich auch keine Ahnung, ob sie was taugt oder totaler Mist ist (da fehlt mir Hemingways Bullshit-Detector). Es handelt sich um die Rohfassung, die weder ein Lektorat noch ein Korrektorat hatte. Würde ich in Buchform natürlich nie veröffentlichen, aber hier im Blog mache ich das ja ständig. Ich wollte diese halbwegs extreme Geschichte auch keinem Testleser durch eine Anfrage aufnötigen.

Für die Hauptseite dieses Blogs ist die Geschichte zu lang, deshalb gibt es hier nur einen kurzen Auszug. Ich habe bewusst nicht den Anfang ausgewählt, da der etwas zu explizit dafür sein könnte. Hier gibt es die Geschichte Stadt der Zähne im PDF-Format und hier als WordPress-Seite. Im E-Book-Format habe ich sie noch nicht angelegt, da ich mich dort erst einmal einarbeiten muss. Wenn schon, dann auch richtig gesetzt und formatiert. Die nächste Geschichte, die schon fertig ist und sich gerade bei einigen Testlesern befindet, wird deutlich optimistischer und jungendfrei. Versprochen!

Stadt der Zähne (Auszug)

Nachdem sie mehrfach von kleinen wuseligen Händen durchsucht worden war, betrat sie endlich das Innere der Burg: den Thronsaal Grimhilds. Wo ihre Majestät Hof hielt, Audienzen gewährte, Geschäfte tätigte und ganz nebenbei über Leben und Tod entschied.
Der Thronsaal war ein großer, geräumiger Loft mit hohen Decken und mehreren Ebenen. Der Hofstaat wirbelte in geschäftigem Treiben wild durcheinander, verpackte weißes Pulver und zähe braune Masse, putzte Pistolen, lud Gewehre, brüllte hektisch in Handys oder zog sich Teile des eigenen Produkts durch die Nase. Und mittendrin in diesem Hexenkessel krimineller Aktivitäten thronte Grimhild auf einer flauschigen roten Couch und knutschte wild mit einem schicken Designermodel, als wäre sie ganz allein.
Selena lies sich durch die vielen Waffen nicht abschrecken, dafür war sie schon zu oft in der Höhle der Löwin gewesen. Sie bewegte sich langsam auf Grimhild zu, unsicher, ob sie diese in ihren erotischen Aktivitäten unterbrechen konnte.
Doch Grimhild schien sie aus dem Augenwinkel heraus zu bemerken. Sie ließ augenblicklich von dem magersüchtigen Kleiderständer ab, drehte sich zu Selena um und strahlte sie fröhlich an. Der Kleiderständer merkte, dass seine Halbwertszeit überschritten war, und zog sich mit leerem Gesichtsausdruck eine fette Line Koks durch die operierte Nase.
»Selena, welch freudige Überraschung an diesem trüben Nachmittag.« Grimhild sprach fehlerfreies Englisch, aber in einem melodischen Rhythmus, der eindeutig auf ihre brasilianische Herkunft schließen ließ.
»Was kann ich für dich tun? Hast du irgendwelche spezielle Wünsche?«
Selena schloss kurz die Augen. Sie hatte immer noch diesen widerlichen Geschmack im Mund, konnte immer noch fühlen, wie dieser schmierige Schwanz gegen ihren Gaumen stieß, hatte immer noch die fette Wampe dieses miesen Fickers vor Augen. »Das volle Programm«, sagte sie seufzend. »Das brauche ich heute.«
»Arbeitest du immer noch für dieses sexbesessene Arschloch. Wird höchste Zeit, dass diesem Frauen ausbeutenden Ungeheuer der Marsch geblasen wird. Soll ich ihm mal einen Besuch abstatten?« Grimhild schaute Selena fragend an. Ihr harter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie es ernst meinte.
»Nein, danke. Er bezahlt meine Rechnungen. Solange ich nichts Besseres finde, muss ich mich mit ihm abgeben.« Selena klang ehrlich verzweifelt, hatte aber schon lange resigniert.
»Du kannst immer noch bei uns einsteigen. Das Angebot gilt weiterhin.«
Das hatte Selena noch gefehlt. Sie zwar schon tief gesunken, aber bei dieser verrückten Barbiepuppenmörderbande würde sie nicht mitmachen. Das war eine Grenze, die sie nicht überschritt. Es reichte schon, dass sie diese Wahnsinnigen finanzierte. »Nein danke, aber Waffen und ich, das passt einfach nicht zusammen.«
»Also gut, wie du möchtest.« Grimhild klang enttäuscht. »Hier, schon mal was zum Warmwerden.« Sie reichte Selena ein kleines Plexiglasröhrchen gefüllt mit weißem Pulver und rief: »Paula, mach mal ein Päckchen für unser hübsches Pornosternchen fertig.«
Selenas Haut brannte, kalter Schweiß brach ihr aus, ihre Hände begannen zu zittern, sie konnte keinen Moment länger warten und kippte sich das komplette Röhrchen in die Nase. Sie zog das Koks kräftig hoch und ihr Schädel explodierte in einer weißen Supernova. Von diesem Moment an erlebte sie den Rest des Abends, wie einen Film, den sie durch eine Milchglasbrille sah.
Weitere Linien Koks, Speed und andere Amphetamine bahnten sich einen Weg in ihr Gehirn und betrieben ein Wettschießen auf die einst so munteren Gehirnzellen. Mit einer Horde wilder Amazonen ging es hinaus in den Dschungel, vorbei an den Eingeborenen rein in einen schrägen Club, in dem seltsame Rituale abliefen. Sie trank Unmengen an Alkohol, tanzte bis zum Umfallen, stand auf und fiel wieder hin und machte in dunklen Ecken mit fremden Frauen rum. Halbnackte verschwitzte Körper, die in einem wilden Drogenrausch spastisch gegeneinander zuckten. Mit Drogen durchsetzte Körperflüssigkeiten, die ihre Besitzerinnen wechselten. Dazu heiseres Stöhnen, unkontrolliertes Gekicher, sinnlose Wortfetzen, ungesundes Husten und ekliges Schmatzen. Der Abend war wild und unberechenbar. Die Zeit war eingefroren, die Pausentaste klemmte und Selena vergaß.

2 Gedanken zu “Stadt der Zähne (Kurzgeschichte)

  1. Hi Markus,
    wusste gar nicht, dass du schreibst. Sehr schön.
    André

    • Hallo André,

      bisher nur für die „Schublade“, habe mir aber vorgenommen, es jetzt etwas ernsthafter anzugehen. Für 2016 habe ich grob geplant, pro Monat eine Kurzgeschichte auf meinem Blog zu bringen. An denen für Febuar und März arbeite ich gerade.

      Gruß Markus

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