Dog Eat Dog von Niq Mhlongo

P1000622Click here for the English version of this review (or learn German, which is a language hard to learn, I have to admit, even for native speakers 😉 ).

Den Roman Dog Eat Dog von Niq Mhlongo kann man durchaus als Wenderoman lesen. Veröffentlicht wurde er erst 2004, spielt aber im Jahr 1994 in den Tagen um die ersten freien Parlamentswahlen nach Ende der Apartheid, aus denen der ANC als Wahlsieger und Nelson Mandela als Präsident hervorgingen. Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Dingz, ein junger Student, der aus einem der Townships Sowetos (Johannesburg) stammt (Townships sind während der Apartheid entstandene Wohnsiedlungen für die schwarze Bevölkerung, in denen meist Armut herrscht, nicht 1:1 vergleichbar mit Slums und Favelas).

Dabei orientiert sich Mhlongo jetzt nicht an einer wirklichen Dramaturgie, er folgt keinem narrativen roten Faden mit klassischem Aufbau, viel mehr gibt er episodenhafte Einblicke in den Alltag des jungen Mannes, seiner Freunde aber auch in das Leben der südafrikanischen Gesellschaft. Am ehesten erinnert mich diese Struktur an Clemens Meyers Wenderoman Als wir träumten, der ähnlich aufgebaut ist, wenn auch mit größerem Figurenarsenal und über einen längeren Zeitraum spielend. Wie Meyer liefert auch Mhlongo Rückblicke in die Jugendzeit des Protagonisten und gibt Einblicke in die Schikane, der die armen, schwarzen Südafrikaner unter der Polizei des Apartheidregimes ausgesetzt waren.

Protagonist Dingz (ich glaube, sein christlicher Name lautet Peter) ist dabei aber nicht unbedingt ein Sympathieträger. Zumindest nicht nach den üblichen deutschen Vorstellungen und Maßstäben

Living in this South Africa of ours, you have to smaster the art of lying to survive, erklärt Dingz. (Wer in unserem heutigen Südafrika lebt, muss die Kunst des Lügens meistern, um zu überleben.)

Und genau das tut er auch von Seite eins an. Er lügt, wenn es um einen Antrag auf Stipendium geht; wenn er eine Ausrede braucht, um nicht an der Prüfung teilzunehmen, für die er nicht gelernt hat, weil er lieber Party gemacht hat; aber auch wenn ihn die Polizei beim Trinken in der Öffentlichkeit erwischt oder gegenüber seiner Freundin.

In einem korrupten System, das die Gesellschaft des Landes auf allen Ebenen durchdringt, erhält nur derjenige sein Recht, der sich dem System aus Lügen und Korruption anpasst. Der Ehrliche bleibt als der Dumme auf der Strecke. Und wenn sich ein solches Lügensystem einmal eingebürgert hat, wird die Lüge so zur Gewohnheit, dass sie auch dann reflexhaft eingesetzt wird, wenn sie gar nicht notwendig ist, oder wenn sie sogar schadet. Denn manchmal bringt sich Dingz durch unnötige Lügereien dermaßen in Schwierigkeiten, dass man sich als Leser fragt, wie er nur so dämlich sein kann. Aber er ist noch ein Teenager, und die verhalten sich ja gerne besonders irrational.

Dingz Egoismus wird durch folgendes Zitat erklärt:

The overwhelming pressure of the environment in which we live makes people pursue their own pleasure at whatever cost. (Der überwältigende Druck durch das Umfeld, in dem wir leben, lässt die Menschen nach ihrem eigenen Vergnügen streben – koste es, was es wolle.)

Über Jahrzehnte ist die schwarze Mehrheit – die keineswegs eine homogene Gruppe darstellt, sondern aus vielfältigen Kulturen mit zahlreichen unterschiedlichen Sprachen besteht – von einer weißen Minderheit brutal unterdrückt worden. Und jetzt, nach Ende der Apartheid und dem Unrechtsregime setzt sich die durchaus verständliche Erwartungshaltung durch, dass die einst Unterdrückten jetzt am Drücker seien und die Zukunft unter allen Umständen ihnen gehöre.

Die Tragik liegt darin, dass sich die prekäre soziale Lage für viele in der Bevölkerung nicht verändert hat. Dingz und seine Familie leben immer noch einer der Townships Sowetos, und dass er jetzt an einer ehemals rein weißen Universität studieren darf, wirkt eher wie ein Feigenblatt, dass sich die weiße Oberschicht über den Makel der Diskriminierung legt. Denn Dingz fehlen die Mittel, um sich das Studium finanzieren zu können, und ein Stipendium kann er sich eben nur durch Lügen ergaunern (wenn überhaupt).

Das Leben in Soweto, das Mhlongo schildert, steckt zwar voller Lebensfreude und Verbesserungen, enthält aber auch viel Gewalt im Alltag. Allein eine Fahrt im Minibus kann sich schnell zu einer gefährlichen Angelegenheit entwickeln, bei der die Bedrohung nicht selten vom Busfahrer selbst ausgeht. In den Jahrzehnten der Unterdrückung scheint sich ein furchtbares Gewaltpotenzial unter der Oberfläche angesammelt zu haben, das jederzeit überall in kurzen aber brutalen Gewaltschüben ausbrechen kann.

Dingz und seine Freunde scheinen sich damit zumindest halbwegs arrangiert zu haben, indem sie Strategien entwickeln, um solchen Gewaltpotenzialen auszuweichen, was aber nicht immer möglich ist. Trotz allem gehen sie regelmäßig aus, trinken viel und führen Gespräche über Gott und die Welt. Und auch, wenn es häufig um Frauen und Sex geht, unterhalten sie sich ebenso oft über die aktuelle politische und soziale Situation im Land. Teilweise wirken diese Gespräche schon zu akademisch, und man merkt, dass der Autor hier noch einiges an Informationen reinpacken wollte, aber es gelingt ihm immer wieder, diese Diskurse durch (einen teils recht vulgären) Humor aufzulockern.

Für jemanden wie mich, der sich sehr für die englische Sprache und all ihre Ausprägungen interessiert, ist der Roman sprachlich besonders faszinierend, da Mhlongo in südafrikanischem Englisch schreibt, das viele Begriffe aus dem Afrikaans und anderen südafrikanischen Sprachen wie Zulu, Siswati oder Sotho ebenso enthält, wie in Soweto gebräuchliche Slangausdrücke.

Viele Leser brauchen eine Hauptfigur, mit der sie sich identifizieren oder der sie zumindest Sympathien entgegenbringen können. Dazu gehöre ich nicht. Dingz mach vieles, das mir nicht gefällt, das ihn eher unsympathisch wirken lässt, das sich aber durch das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist (arme Verhältnisse, Apartheidsregime, Polizeischikane, Rassismus, institutionalisierte Diskriminierung usw.), erklären lässt. Er ist eine ambivalente Hauptfigur, die dem Leser einen interessanten Einblick in das Südafrika kurz nach Ende der Apartheid liefert. Kein spannender, aber ein faszinierender und unterhaltsamer Roman eines jungen südafrikanischen Autors.

Auf Deutsch scheint von Niq Mhlongo bisher nur der Roman Way Back Home erschienen zu sein. Und ich stelle gerade fest, dass ich seine Lesereise durch Deutschland um einen Monat verpasst habe.

Ein Gedanke zu “Dog Eat Dog von Niq Mhlongo

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