Stadt der Zähne

Hier im PDF-Format (liest sich aufgrund der Formatierung besser, habe noch nicht rausgefunden, wie ich die eingezogenen Absatzanfänge hier im Blog beibehalten kann)

Stadt der Zähne
von Markus Mäurer

I live my broken dreams with pride

Martin

Die Stadt hatte Zähne; kein strahlend weißes Lächeln, das einem einen guten Tag wünschte. Es waren die messerscharfen Reißer eines Raubtieres, dessen Geifer zischend auf den Boden tropfte. Zwischen den Fängen hingen blutige Fleischfetzen, die einen Gestank von Verwesung und Tod verströmten. Wo diese Zähne zubissen, wuchs nichts nach. Sie verbreiteten eine tödlich verlaufende Streptokokkeninfektion, die unweigerlich das Absterben von Gewebe zur Folge hatte.
Das Raubtier war heimtückisch und klug. Es verfolgte einen unbemerkt – ein ganzes Leben lang. Und dann, wenn man am wenigsten damit rechnete, schlug es erbarmungslos zu. Wen es einmal zwischen seinen Fängen hielt, den ließ es nicht mehr los.
Martin ging zwischen einigen Protestlern hindurch, die Schilder mit Aufschriften wie: »Jump! You Fuckers« hochhielten. Ja, springt nur ihr Penner, dachte er, blickte nach oben und stellte sich vor, wie die ehemaligen Herren des Universums mit ihren gestutzten Flügeln in einem blauschwarzen Männerregen vom Himmel fielen. Wie sie mit einem hässlichen Klatschen auf dem harten Asphalt aufschlagen würden, und dort, in sich schnellausbreitenden Blutlachen, das erste Mal die Stadt von unten sehen würden. Aus seiner Perspektive.
Er war auf dem Weg zu seinem Job. Immerhin hatte er noch einen. Auch wenn er ihn hasste. »Jump you Fuckers«. Er grinste. Das passte wirklich gut zu seinem Scheißjob. Das sagte alles darüber, was man wissen musste. Was würden seine Eltern sagen, wenn sie wüssten, womit er sich im Gelobten Land über Wasser hielt. In dieser schmutzigen Dreckbrühe musste man den Kopf über Wasser halten. Ein einziger Tropfen der kontaminierten Flüssigkeit konnte unvorhersehbare Folgen und Risiken haben. Er hatte schon eine Menge dieser Gülle geschluckt. Wurde von ihr in einem unkontrollierbaren Strudel aus Schweiß, Spucke, Sperma und anderen Körperflüssigkeiten immer tiefer hinabgezogen, in die Niederungen des Abgrunds, der sich unter den Schatten dieser prächtigen Häuserschluchten verbarg. Nietzsches Spruch: »Wenn du zu lange in den Abgrund schaust, schaut der Abgrund irgendwann in dich« fiel ihm ein. Der hatte es richtig gemacht. Hat Deutschland nie verlassen. Auch wenn er dann an Syphilis verreckt ist. Besser als das hier, war es allemal.
Er hatte die Adresse erreicht. Ein unscheinbares Familienhaus, dessen postkartenpolierte Fassade niemanden ahnen ließ, welche Ungeheuerlichkeiten dahinter geschahen. Und er war Herr dieser Abscheulichkeiten. Der Dirigent des Widerlichen. Wie er diesen Job hasste. Und wie er sich selbst dafür hasste.

Sein letzter Arbeitstag in Deutschland zog sich endlos hin. Doch das Gefühl des Triumphes, dass er seit seiner Kündigung vor sechs Wochen mit sich herumtrug, wuchs mit jeder Sekunde. Er schritt durch die verwinkelten Gänge der Klinik und blickte dabei in die Gesichter der Hoffnungslosen. Er hatte nie das Gefühl gehabt, ihnen wirklich helfen zu können. Jetzt wo sein Abschied kurz bevorstand, fragte er sich, ob er ihnen überhaupt helfen wollte. Meist kamen sie mit einem unterwürfigen Blick der Verzweiflung in sein Büro, manche allerdings dreist fordernd. Aber alle hatten eins gemein, sie waren an der Bürokratie, am System und am Leben verzweifelt. Seine Aufgabe war es, das Schlimmste zu verhindern. Den Kampf gegen die Windmühlen aufzunehmen, um eine Wohnung zu retten, eine Familie zu versorgen oder den gigantischen Schuldenberg, der sich in Jahren langer Abhängigkeit angehäuft hatte, kaum merklich schrumpfen zu lassen.
Er hasste es, wenn er ewig lange in den grenzdebilen Warteschleifen der Behördenhotlines hing, die mit jedem »Bitte warten, Ihr Anruf ist uns wichtig« weitere seiner in Trägheit versunkenen Gehirnzellen abtöteten.
Als er das Teamzimmer betrat und in die nicht weniger hoffnungslosen Gesichter seiner Kollegen blickte, war er sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Dort saßen sie alle versammelt und schauten ihn mit einer Mischung von Frust, Neid und Resignation an. So sahen keine Menschen aus, deren Aufgabe es war, anderen Hoffnung zu geben. Er war kurz davor, einer von ihnen zu werden. Deshalb fühlte er in diesem Moment, in dem er die Tür zu seiner Abschiedsfeier durchschritt, nichts als Glück darüber, noch rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben. Von nun an konnte alles nur besser werden. Die Zukunft gehörte ihm.

Er ließ seinen Blick ein letztes Mal über das spärliche Set schweifen, gab eine letzte Anweisung an den Beleuchter, wies den Kameramann in Position, winkte den Darstellern zu und gab dem fettleibigen Akteur das Zeichen, die Frau mit seinem widerlichen Schwanz ins Gesicht zu ficken. Martins Frau warf ihm einen angewiderten Blick zu, bevor sich der Pfahl bis zum Anschlag in ihre Kehle bohrte. Sie begann, sofort zu würgen. Genau das war es, was die Zuschauer sehen wollten. Die ultimative Demütigung der Frau. Die Degradierung zu einem Stück Fleisch, das nichts als schleimige Körperflüssigkeiten von sich gab. »Facefucking« war zurzeit der letzte Schrei unter Pornofreunden. In einem Gewerbe, das Milliardenumsätze machte, das den Markt mit einer riesigen Fülle an Filmen überschwemmte, musste man eine Nische finden, wenn man ein Stück vom Kuchen abhaben wollte. Nischen fand man nur, wenn man extremer und widerlicher wurde, als die anderen. Eine Frau mit einem Schwanz so heftig ins Gesicht zu ficken, bis sie kotzte, war noch lange nicht die Obergrenze des Extremen, aber etwas, dass man zu Hause nachmachen konnte.
Martin hatte aufgehört zu zählen, wie oft er seine Frau in den letzten sechs Monaten hatte kotzen sehen. Dass aber ausgerechnet Dwayne, dieser widerliche Fettsack von einem Produzenten mit seinem haarigen Körper und den kleinen Affenfingern, immer wieder auf die Hauptrolle bestand, vor allem wenn mit Martins Frau gedreht wurde, brachte ihn zur Weißglut. Dass es ausgerechnet dieser Fettsack war, der seine Miete und seinen Lebensunterhalt finanzierte, brachte ihn zur Verzweiflung.
Er schaffte es, die Szene in einem Take abzudrehen. Orson Wells wäre stolz auf ihn gewesen. Eine solche Schweinerei musste Wells aber sicher nie saubermachen. Während Carlos sich schon aus dem Staub gemacht hatte, erhob sich Martins Frau vom Bett. Sie sah ihn mit glasigen Augen an, während in ihrem Gesicht eine Mischung aus Spucke, Pisse, Sperma und Kotze klebte. Sie verzog ihren Mund zu einem schiefen Grinsen. »Na, wie wäre es mit einem Kuss, Schatz.«
Er senkte den Blick. »Lass uns die Schweinerei schnell beseitigen, damit wir von hier verschwinden können.«
»Sprach der große Filmemacher. Ein Oscar ist dieses Mal wohl nicht drin? Was?« Der Spott in ihrer Stimme traf ihn tief. Sie wusste das. Aber er wusste, dass sie das brauchte, um nicht verrückt zu werden. Er war ihr Punchingball, an dem sie sich abreagieren konnte, und hatte sich damit abgefunden.
Wenn man wissen wollte, wie diese Stadt tickte, musste man mit der U-Bahn fahren. Sämtliche Facetten des Wahnsinns traten hier in komprimierter und konzentrierter Form in Erscheinung. Die U-Bahn war nicht einfach ein Pulverfass, sie war eine Atombombe, gefüllt mit einer hochradioaktiven Mischung aus Verzweiflung, Hass, Gleichgültigkeit und Fürzen. Martin rechnete jedes Mal damit, dass die Bombe hochgehen würde. Es müsste nur jemand ein Streichholz anzünden und das ganze Scheißhaus würde in Flammen aufgehen.
Er saß auf einem hartschaligen Sitzplatz, gequetscht zwischen einer multikulturellen Mischung aller Altersstufen. Die alte Frau neben ihm, gekleidet mit der peniblen Sorgfältigkeit einer amerikanischen Jüdin, die sich sichtbar unwohl in diesem Zirkus der Absonderlichkeiten fühlte, verbreitete einen ranzigen Geruch, der aber gerade von einem penetranten Furz in die Flucht geschlagen wurde. Martin schaute sich um, blickte in die starren, nichtssagenden Gesichter, um den Urheber dieses Furzes auszumachen. Doch der typische U-Bahn-Passgier hatte über lange Jahre ein Pokerface entwickelt, das ihn unangreifbar machte, für alle Unannehmlichkeiten, die er in seiner Umgebung verbreitete. Martin traute sich nicht, länger als wenige Sekunden in eines dieser Gesichter zu schauen. Denn selbst bei einer zierlichen, älteren Frau wusste man nie, ob sie nicht im nächsten Moment eine Knarre zog und damit drohte einem das Gehirn wegzupusten, wenn man sie weiterhin so pervers anstarrte. Man musste diesen Leuten lassen, sie wussten sich zu wehren.
Martin wartete auf den Tag, an dem sich daraus eine Kettenreaktion entwickelte, die eine blutrünstige Raserei zur Folge haben würde, die in einem furchtbaren Massaker endete. Er zweifelte nicht, dass in einem dieser U-Bahn-Waggons genügend Feuerkraft vorhanden war, um einen kleinen Bürgerkrieg auszufechten. Die Zeiten der Guardian Angels waren definitiv vorbei.
Er war froh, als er seine Station erreicht hatte. Der Zug kam ruckelnd zum Stehen, die Türen öffneten sich zischend und ein ganzer Schwall eilig hinausschreitender Zombies ergoss sich auf den Bahnsteig. Niemand wurde erwartet, niemand blickte sich lange um. Sie schritten alle mit mechanischer Genauigkeit in vorgegebenen Bahnen auf der Ideallinie Richtung Ausgang, wie eine stetig voranschreitende Ameisenkolonne, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnte. Blieb einer auf der Strecke, wurde er von den anderen niedergetrampelt. Im Fortschritt gab es keinen Platz für Schwächere.
Noch schaffte Martin es, Schritt zu halten. Aber nach einem Jahr in diesem Moloch spürt er, wie ihm die Kräfte schwanden. Er blieb langsam auf der Strecke, und das Schlimme dabei war, dass er spürte, wie ihn diese Stadt auffraß, und, dass er nichts daran ändern konnte. Es waren kleine Bisse, die er im Einzelnen kaum bemerkte, die in der Summe aber eine verheerende Wirkung auf seinen Organismus hatten. Wie Gulliver, der von winzigen Kannibalen Stück für Stück verspeist wurde. Es war Zeit zurückzubeißen.

»Es wird Zeit die Blutgrätsche auszupacken«. Stefan, der hünenhafte Verteidiger, der keinen Schmerz kannte und alles umrannte, was im Weg stand, brüllte ihn an. »Das ist dein letztes Spiel, da solltest du noch mal richtig Einsatz zeigen.«
Martin blickte auf seine matschbespritzten Füße. Das Spiel war eine Schlacht. Das Fußballfeld hatte sich in eine morastige Schlammwüste verwandelt, auf der kein Ball geradeaus rollen konnte. Es regnete in Strömen, das rot-weiße Trikot klebte an seinem Körper, jeder Muskel tat ihm weh und seine Lunge brannte. Das Spiel war ein Massaker. Nachdem der Platz seine ursprüngliche Form aufgegeben hatte, hatten die Spieler aufgehört, Fußball zu spielen. Es ging nur noch darum, so schnell wie möglich durch den Matsch zu stapfen, den Ball als Erster zu erobern und so viele Gegner wie möglich umzuhauen. Martin genoss jede einzelne dieser neunzig Minuten.
Er hatte sich immer gefragt, was seine Mitspieler daran fanden, jeden Sonntag den starken Mann zu markieren und den ganzen Frust einer verstrichenen Arbeitswoche in zweimal fünfundvierzig Minuten zu packen. Das führte unweigerlich zu Schmerzen. Aber solange es die anderen waren, die sich vor Pein auf dem Boden krümmten, machte es anscheinend einen Riesenspaß.
In seinen zehn Jahren in dieser Mannschaft hatte er die intelligentesten und kultiviertesten Menschen kennengelernt; aber sobald sie das mit weißer Kreide abgegrenzte Rechteck betraten und sich ihr Blick auf eine kleine runde Kugel fixierte, schaltete sich bei jedem Einzelnen von ihnen das Gehirn ab und sie schritten mit beängstigender Geschwindigkeit auf der Evolutionsleiter zurück. An die Stelle des gebildeten Mittelschichtlers, der seine Bankkunden an fünf Tagen der Woche mit ausgesuchter Freundlichkeit bediente, trat eine wild grunzende Kampfsau, die weder Freund noch Feind kannte, wenn der Ball ins Rollen kam.
Martin hatte das über die Jahre mit einer merkwürdigen Distanz wahrgenommen, die ihm das Gefühl gab, über diesen Dingen zu stehen, dabei aber trotzdem ein Teil des Ganzen zu sein. Er ist keine Kampfsau gewesen. Ein Verteidiger, der in zehn Jahren nicht eine Gelbe Karte bekommen hatte, war eine Rarität, der die nötige Brutalität und der Ehrgeiz fehlte, um ein wirklich guter Fußballspieler zu sein. Und doch hatte er in diesem letzten Spiel vor seiner großen Reise einen Mordsspaß. Auch wenn er auf die Blutgrätsche verzichtete.

Seine Wohnung war ein Pappkarton. Ein muffig riechendes Kellerloch, um das jegliches Tageslicht einen großen Bogen machte. Die Wände waren feucht, die Leitungen marode, die Möbel abgenutzt und die Nachbarn Psychopathen. Aber billig, und das zählte. Als er in der Stadt ankam, träumte er von einem geräumigen Loft, das perfekt mit seinem kultivierten Lebensstil harmonisieren würde. Er träumte von aufregenden Partys, auf denen sich die hippe Szene der Stadt treffen würde, auf denen jemand Berühmtes auf seinen Teppich kotzen würde. Bis auf die Sache mit der Kotzerei hatte sich keiner seiner Träume erfüllt.

An seinem letzten Arbeitstag, kurz vor Feierabend, saß er in wehmütige Gedanken versunken in seinem geräumten Büro. Das Gefühl der Überlegenheit, dass er im Beisein seiner Kollegen empfunden hatte, war verschwunden. Ernüchterung machte sich breit und er fühlte sich so nackt, wie die Wand die er anstarrte. Er versuchte, sich einzureden, dass dies ein Moment des Triumphes sei, doch die beiden Jahre in diesen Mauern hatten mehr als nur negative Eindrücke bei ihm hinterlassen. Die Abschiedsfeier mit den Kollegen hatte einen faden Beigeschmack. Er hatte sich die ganze Zeit nur gefragt, ob er durch seine Arbeit hier einen Unterschied gemacht hatte? Hatte er Spuren hinterlassen?
Er war so tief in Gedanken versunken, dass er das dezente Klopfen an seiner Tür zunächst nicht registrierte. Erst als es lauter und fordernder wurde, blickte er auf und rief ein letztes Mal »Herein«.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und eine zarte Gestalt huschte verstohlen hinein. Es war Sheila, eine seiner Patientinnen. Sie lächelte ihn an und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Sie war einer der wenigen Lichtblicke in diesem Haus voller gelblich schimmernder Alkoholiker, deren rote Trinkernasen von ihren gescheiterten Existenzen kündigten; voller Junkies, deren zahnlückenhaftes Lächeln, die Tragik ihres Untergangs dokumentierte.
Sie war jung, witzig, intelligent und heroinsüchtig. Obwohl er über ihre arabische Herkunft, den strengen Vater und das sozial problematische Umfeld Bescheid wusste, verstand er nicht, wie diese so selbstbewusst wirkende, beruflich erfolgreiche Frau im Drogensumpf landen konnte. Wie sie sich alles, was sie einzig durch harte Arbeit und ihre eigenen Fähigkeiten aufgebaut hatte, wieder kaputtmachen konnte.
Sie gehörte zu den wenigen Patientinnen, zu denen er eine emotionale Bindung entwickelt hatte; bei denen es ihm nicht egal war, wenn die Therapie scheiterte.
Deshalb konnte er sich im Nachhinein auch nicht erklären, wie er sich zu dem folgenden Ereignis hinreisen lassen konnte.
Das schelmische Grinsen auf ihren feinen Gesichtszügen zeigte, dass diese junge und anständig wirkende Frau es faustdick hinter den Ohren hatte. »Das war es also. Der letzte Tag bei den Verlorenen.«
Sie hatte ihn vom ersten Tag an, als sie sein Büro betrat, um über ihre soziale Situation Auskunft zu geben, durchschaut. Hatte gewusst, dass er nur Interesse heuchelte, dass seine Freundlichkeit nur aufgesetzt und er mit den Gedanken ganz woanders war. Sie hatte es ihm geradeheraus gesagt. Und er hatte es ohne Umschweife zugegeben. Sie hatte nur gelacht, und gesagt, er sei der erste ehrliche Typ, der ihr in diesem ganzen verlogenen Suchthilfesystem begegnet sei. Seitdem hatte sich zwischen ihnen ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Sie schaute immer wieder mal vorbei, um sich mit ihm zu unterhalten; offenbarte ihm Dinge, die sie ihrem Therapeuten vorenthielt. Und er war so unprofessionell das Ganze für sich zu behalten, es dem Therapeutenteam zu verschweigen, und damit kontraproduktiv für Sheilas Therapieverlauf zu sein. Er wusste das, änderte aber trotzdem nichts.
Jetzt saß sie ein letztes Mal vor ihm. »Ich glaube nicht, dass ihr alle verloren seid. Vor allem du nicht.«
Sie blickte ihn undurchschaubar an. »Ich stehe nicht auf große emotionale Abschiede. Du warst der Einzige, der mir wirklich zugehört hat. Alle anderen reden nur, wollen mir sagen, was ich zu tun habe, was ich alles falsch mache. Nur du nicht. Deshalb habe ich mir ein kleines Abschiedsgeschenk überlegt.« Ihr Grinsen wurde anzüglicher. In einer einzigen fließenden Bewegung glitt sie vom Stuhl, ging auf die Knie und grabbelte unter seinen Schreibtisch. Als ihre schlanken Finger an seiner Hose zerrten, hatte er bereits einen Riesenständer. Oh Gott, dachte er, das darf ich nicht zulassen. Aber er schwieg und rührte sich nicht. Inzwischen hatte sie seine Hose aufgeknöpft und sein bestes Stück freigelegt. Sie fackelte nicht lange und umschloss seinen Schwanz sofort mit ihren warmen, feuchten Lippen. Er legte den Kopf in den Nacken, starrte an die Decke und hatte das Gefühl mit wahnsinniger Geschwindigkeit durch den Hyperraum zu jagen. Tausende weiße Sterne rasten auf ihn zu. Sein Verstand schaltete sich vollkommen aus. Er brachte nur noch ein rudimentäres Steinzeitmenschstöhnen hervor, während ihm der Sabber über das Kinn lief. Sheila arbeitete schnell und effektiv, war sich bewusst, dass jeden Moment jemand zur Tür reinkommen konnte. Während sie den Schaft mit der rechten Hand umschlossen hielt, bewegte sie den Kopf in einem treibenden Rhythmus auf und ab; die fleischigen Lippen klebten an seinem harten Schwanz, glitten auf der von Speichel schmierigen Haut hin und her, ohne den Kontakt zu verlieren. Ihre raue Zunge umkreiste dabei stetig seine Eichel, spielte mit ihr und trieb ihn in den Wahnsinn. Innerhalb von zwei Minuten hatte er sich in ein sabberndes Stück Fleisch verwandelt, das jeglichen Kontakt zu diesem Planeten verloren hatte. Er schwelgte in Spähren jenseits der Vorstellungskraft, die nie ein Mensch zu vor betreten hatte. Zumindest keiner, dem eine Göttin noch keinen geblasen hatte.
Das unbeschreibliche Gefühl, das sich in seinem Unterleib zusammenbraute, schwoll stetig und exponentiell an, wie ein Tornado in einem Wasserglas, das kurz vor der Explosion stand. Es breitete sich über den ganzen Körper aus, und als es sein Gehirn mit voller Wucht erreichte, sah er nur noch blendendes Weiß und kam in einer einzigen lang andauernden Explosion, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Das war der Blowjob, an dem er alle nachfolgenden messen würde.
Als er wieder zu sich kam, hatte sie bereits die Tür erreicht. Sie drehte sich zu ihm um. »Ich dachte, ein kleiner Good-Luck-Blowjob wäre der passende Abschluss für das Kapitel Deutschland. Viel Glück in Amerika.«
Sie war schon lang fort, als er den ersten klaren Gedanken fassen konnte. Meine Hose. Er knöpfte sie zu und wischte sich mit einem Taschentuch den Speichel aus den Mundwinkeln. Heilig Scheiße. Was zur Hölle war das? Er hatte gerade gegen sämtliche Regeln verstoßen. Es war gut, dass dies sein letzter Tag als Sozialpädagoge war. In Anlehnung an einen Song von Götz Wiedmann dachte er, ein Tag, der mit einem Orgasmus endet, war auf keinen Fall verschwendet.

Um zu seiner Eingangstür zu gelangen, musste Martin eine achtstufige Kellertreppe in einer kleinen, schummrigen Nebenstraße hinuntersteigen. Nachdem er es geschafft hatte, den Schlüssel umzudrehen, ohne ihn abzubrechen, musste er sich mit aller Gewalt gegen die schiefe Tür stemmen, um überhaupt hineinzukommen. Würde jemals ein SWAT-Team seine Wohnung stürmen, war er sich sicher, dass ihm genug Zeit zur Flucht bleiben würde. Nur dass es keine Fluchtwege gab. Die Wohnung hatte nur ein winziges vergittertes Fenster. Er saß in der Falle.
Genauso fühlte er sich in seiner spärlich eingerichteten Wohnung. Das Bett war so schmuddelig, als hätte es die letzten drei Jahrzehnte als Kulisse für Pornofilme gedient. Vermutlich hatte es das auch. Die Couch schien die letzten zwanzig Jahre Homer Simpson beherbergt zu haben, und Martin traute sich nicht, in die Ritzen zu greifen, aus Angst seine Hand unwiederbringlich zu verlieren. Er war überzeugt, dass in den unerforschten Tiefen dieses Sofas eine schreckliche Kreatur wohnte, die einen unstillbaren Hunger auf kleine wichtige Gegenstände, wie Schlüssel, Kreditkarten und Notizbücher besaß. Die winzige Küchenzeile lag direkt neben der Toilette, die von seiner Frau gerne als Wohnklo bezeichnet wurde.
Wie jeden Abend nach einem solchen Dreh stellte er sich reumütig in die Küche und versuchte mit den beschränkten Möglichkeiten ein köstliches Mahl in diesem Drecksloch zu zaubern. Der Herd bot gerade genug Platz für den Wok, aber das reichte.
Eine Stunde später wurde der übliche Mief von einem angenehmen Essengeruch vertrieben. Ein Duft von Hühnchen und gebratenem Reis breitete sich aus und lies die Wohnung wie eine dieser schmierigen kleinen Imbissstuben in Chinatown wirken.
Martin stellte das Essen auf dem Herd warm und wartete auf die Rückkehr seiner Frau. Er wusste nicht mehr, wie oft er an dem wackligen kleinen Tisch gewartet hatte. Er saß einfach da und starrte in die Leere. Das waren die Momente, in denen er weit zurückschaute, auf eine Zeit, in der er noch von einer besseren Zukunft geträumt hatte.

Sie fuhren der Nacht davon. Die Sterne glitten an ihnen ebenso vorbei wie die Lichter der wenigen Autos, die um diese Zeit auf der Autobahn unterwegs waren. Martin saß auf dem Beifahrersitz, blickte aus dem Fenster empor, und stellte sich vor, er befände sich an Bord der ersten bemannten Marsmission. Er glitt durch die unermessliche Leere des Raums, die trotz einer Sonnentemperatur von fünftausendfünfhundert Grad Celsius tödlich kalt war. Und doch konnte die Strahlung der Sonne dort töten. Er fragte sich, ob er das Risiko eingehen würde. Es wäre das letzte große Abenteuer der Menschheit. Die letzte Expedition ins Unbekannte. Er hatte stets Angst vor dem Unbekannten gehabt, was vermutlich der Grund war, warum er nach fast 25 Jahren immer noch im Kinderzimmer bei seinen Eltern wohnte.
Er blickte zurück ins Auto, wo Michael und Christian, ebenso in Gedanken versunken waren wie er. »Es wird Zeit für was Neues«. Martin sprach zu niemand Bestimmtes.
»Ja sicher«, antwortete Michael, »aber um diese Uhrzeit hat außer McDonalds kein Laden mehr auf.«
»Was? Ach nein. Das meine ich nicht. Schau uns an. Wir sind fast 30, haben einen Hochschulabschluss und an einem Freitagabend nichts Besseres zu tun als nach Köln zu Pizza Hut zu fahren, und finden es urkomisch, direkt danach weiter zu McDonalds am Frankfurter Flughafen zu düsen.«
»Es ist der einzige McDoof, von dem aus wir Flugzeuge sehen können«, warf Christian ein.
»Das ist ein schlagendes Argument«, stimmte ihm Michael zu.
»Ach ja, wenn dir deine Schüler am Montag erzählten, dass sie so etwas am Wochenende gemacht hätten, würdest du ihnen erzählen, sie sollten ihre Freizeit doch etwas sinnvoller gestalten.«
»Natürlich. Aber wir sind ja nicht meine Schüler«, erwiderte Michael lachend.
»Ich mein ja nur. Ich habe einfach das Gefühl, wir sollten mehr aus unserem Leben machen.«
»Vor allem sollten wir eine Raucherpause machen.« Michael steuerte den Wagen auf einen der stets belebten Autobahnrastplätze.
Sie standen vor ihrem Auto, Michael und Christian rauchten, während Martin sich einfach streckte und auf dem Rastplatz umschaute. Sein Blick blieb auf einer Gruppe von vier Frauen hängen, die merkwürdige Verrenkungen ausführten, dabei immer wieder in die Hocke gingen, mit den Armen ruderten, auf einem Bein hüpften und einfach nur lächerlich aussahen. Wie Balletttänzerinnen auf LSD.
»Sollte ich jemals eine Freundin haben, die Rastplatzgymnastik betreibt, dann erschießt mich bitte.« Martin schüttelte ungläubig den Kopf, während seine Freunde in Gelächter ausbrachen.
»Das Beste ist wohl, direkt beim ersten Date einen Rastplatz anzufahren, um zu überprüfen, ob die Angebetete dieser neuen Volksseuche frönt«, sagte Michael.
»Ja, und wenn sie es tut, hilft nur eins: Schnell ins Auto springen und abhauen.« Christian war dafür bekannt, mit seinen Verabredungen nicht gerad zimperlich umzugehen. Er entwickelte stets im Voraus eine Unmenge an teils aberwitzigen Rückzugsstrategien.

Während er am Küchentisch saß und vor sich hinstarrte, verging die Zeit wie ein zäher Kaugummifluss, der einen üblen Nachgeschmack hinterließ. Martin war wie in Trance und registrierte nicht, was um ihn herum passierte. Dieser Kaugummifluss war sein Leben. Nachdem er einmal in der Gosse in dieses riesige schmutzbefleckte Kaugummi reingetreten war, kam er nicht mehr davon los. Je mehr er sich anstrengte, desto stärker zog es ihn zurück. Und alle, denen er begegnete, sahen auf ihn herab und spuckten ihm neue Kaugummis vor die Füße. Das Größte von allen kam gerade zur Tür herein.

Selena

An den Geschmack ihrer eigenen Kotze hatte sie sich schon lange gewöhnt, aber dieses widerliche Aroma von Dwaynes ekligem Schwanz würde sie noch tagelang schmecken. Da half nur noch eins: Sich so lange zudröhnen, bis sie gar nichts mehr schmeckte – bis sie gar nichts mehr fühlte.
Mit diesem Gedanken verließ sie den Drehort und überlegte, wo sie am besten eine ordentliche Ladung herbekommen würde. Von widerlichem Sex hatte sie erst mal genug. Also viel Gerald flach. Bei ihm war es zwar am günstigsten, aber er erwartet von ihr dafür einen Ausgleich in Naturalien.
Auch wenn in den Häuserschluchten bereits Dämmerung herrschte, war die Sonne noch nicht untergegangen. Um diese Zeit kamen eigentlich nur die Walküren in Frage. Sie fühlte sich immer etwas unwohl unter diesen Pumpgun tragenden, lesbischen Drogendealerinnen. Aber sie hatten faire Preise und verlangten keine Schweinereien. Zumindest bis jetzt nicht. Also auf zu Grimhild, dachte sie und sehnte sich nach dem entrückten Gefühl der Wärme, dass sich bald in ihrem Körper ausbreiten würde. Früher hatte sie Drogen genommen, um zu funktionieren, heute schaltete sie sich damit ab; sagte der Welt »Sayonara« und »Leck mich am Arsch«.
Grimhilds Wohnung war eine Burg, auch wenn ein Fallgitter und der mit Krokodilen gefüllte Graben fehlten. Trotzdem tigerten kleine, hungrige Raubtiere mit wachsamen Augen vor dem unscheinbaren gepflegten Haus auf und ab. Grimhild nannte sie ihre »Hardy Girls«. Mädchen zu jung um Kinder zu kriegen, besserten sich ihr Taschengeld auf, in dem sie für eine Bande von Drogendealerinnen Wache schoben und nach Polizei und Schlimmerem Ausschau hielten. In den zarten Händen hielten sie Walkie-Talkies, blickten jeden, der der Burg zu nahe kam, auf unnachahmliche Weise so bedrohlich an, dass sich selbst den abgebrühtesten Gangstern die Nackenhaare aufstellten. Grimhild kam aus Brasilien und hatte von dort ihre Favelamethoden mitgebracht. Was bedeutete, dass sie sich eine kleine Arme von Kindersoldatinnen aufgebaut hatte, die ohne mit der Wimper zu zucken für sie töten würden. Willkommen in Gottes eigenem Land.
Grimhild, die Brasilianerin, war keine kaffeebraune Strandschönheit, die man sich im fast unsichtbaren Stringtanga Samba tanzend vorstellte. Grimhild machte ihrem Namen alle Ehre. Sie war eine waschechte Walküre von stämmiger Figur, mit strahlend blondem Haar, blasser Haut und teutonischem Blick. Jedes Mal, wenn Selena ihr gegenübersaß, rechnete sie damit, dass die Mittdreißigerin ein riesiges Schwert zog, um ihr den Kopf abzuschlagen. Grimhilds deutsche Vorfahren hatten sich in Blumenau, der deutschen Enklave im Süden Brasiliens niedergelassen, wo noch jedes Jahr in grenzdebiler Tradition das Oktoberfest gefeiert wurde. Es kamen sogar Touristen aus Deutschland, um diesen Gaudi zu erleben.
Das alles wusste Selena nur, weil Grimhild unerklärlicherweise einen Narren an ihr gefressen hatte. Vielleicht stand sie auch nur auf Selena, hatte aber bisher keinerlei Annäherung auf sexueller Basis gewagt.
Wenn sie mit ihr redete, wirkte Grimhild völlig normal; die nette, freundliche und empathische Frau von nebenan. Doch Selena musste immer an die »Hardy Girls« denken. Sie wusste, dass sie einem gewalttätigen Monster gegenübersaß, das Kinder zum Töten abrichtete. Aber Grimhild war immer noch besser als die ganzen versauten männlichen Dealer, die ihr erst einen Gratisschuss spritzen würden, und sie dann vergewaltigten, ohne dass sie sich hinterher daran erinnern konnte, und sich nur über die Schmerzen in ihren Körperöffnungen wunderte.
Nachdem sie mehrfach von kleinen wuseligen Händen durchsucht worden war, betrat sie endlich das Innere der Burg: den Thronsaal Grimhilds. Wo ihre Majestät Hof hielt, Audienzen gewährte, Geschäfte tätigte und ganz nebenbei über Leben und Tod entschied.
Der Thronsaal war ein großer, geräumiger Loft mit hohen Decken und mehreren Ebenen. Der Hofstaat wirbelte in geschäftigem Treiben wild durcheinander, verpackte weißes Pulver und zähe braune Masse, putzte Pistolen, lud Gewehre, brüllte hektisch in Handys oder zog sich Teile des eigenen Produkts durch die Nase. Und mittendrin in diesem Hexenkessel krimineller Aktivitäten thronte Grimhild auf einer flauschigen roten Couch und knutschte wild mit einem schicken Designermodel, als wäre sie ganz allein.
Selena lies sich durch die vielen Waffen nicht abschrecken, dafür war sie schon zu oft in der Höhle der Löwin gewesen. Sie bewegte sich langsam auf Grimhild zu, unsicher, ob sie diese in ihren erotischen Aktivitäten unterbrechen konnte.
Doch Grimhild schien sie aus dem Augenwinkel heraus zu bemerken. Sie ließ augenblicklich von dem magersüchtigen Kleiderständer ab, drehte sich zu Selena um und strahlte sie fröhlich an. Der Kleiderständer merkte, dass seine Halbwertszeit überschritten war, und zog sich mit leerem Gesichtsausdruck eine fette Line Koks durch die operierte Nase.
»Selena, welch freudige Überraschung an diesem trüben Nachmittag.« Grimhild sprach fehlerfreies Englisch, aber in einem melodischen Rhythmus, der eindeutig auf ihre brasilianische Herkunft schließen ließ.
»Was kann ich für dich tun? Hast du irgendwelche spezielle Wünsche?«
Selena schloss kurz die Augen. Sie hatte immer noch diesen widerlichen Geschmack im Mund, konnte immer noch fühlen, wie dieser schmierige Schwanz gegen ihren Gaumen stieß, hatte immer noch die fette Wampe dieses miesen Fickers vor Augen. »Das volle Programm«, sagte sie seufzend. »Das brauche ich heute.«
»Arbeitest du immer noch für dieses sexbesessene Arschloch. Wird höchste Zeit, dass diesem Frauen ausbeutenden Ungeheuer der Marsch geblasen wird. Soll ich ihm mal einen Besuch abstatten?« Grimhild schaute Selena fragend an. Ihr harter Gesichtsausdruck zeigte, dass sie es ernst meinte.
»Nein, danke. Er bezahlt meine Rechnungen. Solange ich nichts Besseres finde, muss ich mich mit ihm abgeben.« Selena klang ehrlich verzweifelt, hatte aber schon lange resigniert.
»Du kannst immer noch bei uns einsteigen. Das Angebot gilt weiterhin.«
Das hatte Selena noch gefehlt. Sie zwar schon tief gesunken, aber bei dieser verrückten Barbiepuppenmörderbande würde sie nicht mitmachen. Das war eine Grenze, die sie nicht überschritt. Es reichte schon, dass sie diese Wahnsinnigen finanzierte. »Nein danke, aber Waffen und ich, das passt einfach nicht zusammen.«
»Also gut, wie du möchtest.« Grimhild klang enttäuscht. »Hier, schon mal was zum Warmwerden.« Sie reichte Selena ein kleines Plexiglasröhrchen gefüllt mit weißem Pulver und rief: »Paula, mach mal ein Päckchen für unser hübsches Pornosternchen fertig.«
Selenas Haut brannte, kalter Schweiß brach ihr aus, ihre Hände begannen zu zittern, sie konnte keinen Moment länger warten und kippte sich das komplette Röhrchen in die Nase. Sie zog das Koks kräftig hoch und ihr Schädel explodierte in einer weißen Supernova. Von diesem Moment an erlebte sie den Rest des Abends, wie einen Film, den sie durch eine Milchglasbrille sah.
Weitere Linien Koks, Speed und andere Amphetamine bahnten sich einen Weg in ihr Gehirn und betrieben ein Wettschießen auf die einst so munteren Gehirnzellen. Mit einer Horde wilder Amazonen ging es hinaus in den Dschungel, vorbei an den Eingeborenen rein in einen schrägen Club, in dem seltsame Rituale abliefen. Sie trank Unmengen an Alkohol, tanzte bis zum Umfallen, stand auf und fiel wieder hin und machte in dunklen Ecken mit fremden Frauen rum. Halbnackte verschwitzte Körper, die in einem wilden Drogenrausch spastisch gegeneinander zuckten. Mit Drogen durchsetzte Körperflüssigkeiten, die ihre Besitzerinnen wechselten. Dazu heiseres Stöhnen, unkontrolliertes Gekicher, sinnlose Wortfetzen, ungesundes Husten und ekliges Schmatzen. Der Abend war wild und unberechenbar. Die Zeit war eingefroren, die Pausentaste klemmte und Selena vergaß.

»Du faule Drecksschlampe. Wo hast du dich wieder rumgetrieben?« Die Worte begleiteten die Ohrfeige, die sie beim Betreten des Wohnwagens bekam. Die bratpfannengroße verschwitzte Hand ihres Vaters klatschte ihr auf die Wange, schickte sie zu Boden und ließ sie einen kurzen Augenblick nur Sterne sehen.
»Hast du wieder mit Jungs rumgemacht? Sie an dein Höschen gelassen? Wenn du einen Braten in der Röhre hast, prügel ich ihn dir wieder raus.« Eine schmutzige Pranke riss sie vom Boden hoch und schleuderte sie Richtung Küchenteil. »Jetzt mach gefälligst den Abwasch, wie es sich gehört. Und dann machst du mir was zu essen. Daddy hat Hunger.« Er ließ sie in der Küche stehen und sie hörte das Klirren der Bierflaschen aus dem Wohnbereich. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, hörte das stetige Summen der Fliegen, die in waghalsigen Manövern um die schmutzigen und ranzigen Berge aus Geschirr kreisten. Das Ergebnis des letzten Pokerabends ihres Vaters, mit seinen beschissenen Freunden, die sie immer wieder betatschten, wenn ihr alter Herr gerade nicht hinsah.

Der erste klare Gedanke, denn sie seit Stunden fassen konnte, kam direkt nach der schallenden Ohrfeige, die sie zu Boden streckte. In all dem Gewühl weiblicher Extremitäten, durch das sie diese Nacht geschwommen war, stürzte sich nun eine eifersüchtige Freundin auf Selena, die am Boden lag und einige Tritte einstecken musste. Dann wurde die wilde Furie von ihr fortgezogen. Selena rappelte sich auf, die nackten Arme lösten sich mit einem ekligen Ratsch von dem versifften Boden. Ihr wurde klar, dass es Zeit war, nach Hause zu gehen.
Von den Schlägen und Tritten ernüchtert, torkelte sie, wie in Zeitlupe durch die Massen an zügellosen Frauen, deren Geschrei und Gestöhne kaum zu ihr durchdrang.
Die kühle Abendluft traf sie wie ein Schlag. Ihr Körper wurde sich augenblicklich seines Zustandes bewusst und zwang sie, ihm beim Kotzen zu zusehen. Als ihr Körper fertig war, sich allerlei ekliger Flüssigkeiten zu entledigen, kehrte sie langsam in ihn zurück und ergriff wieder Besitz von den einzelnen Funktionen. Nach einem kurzen Check-up kam sie zu dem Schluss, dass sie es in diesem Zustand nicht bis nach Hause schaffen würde.
Sie durchwühlte ihre Tasche und fand zu ihrer Erleichterung ein Tütchen »Speedball«. Sie stopfte sich das Pulver in die Nase und zog kräftig durch. Diese Mischung aus Heroin und Koks würde sie durch die restliche Nacht bringen. Die Folgen am nächsten Tag waren ihr im Moment egal. Wen interessiert schon die Zukunft.
Als sie an der Treppe zur Wohnung ankam, roch sie es schon. Der ekelhaft vorwurfsvolle Geruch der Versöhnung. Sie hasste es, wenn Martin für sie kochte. Mit jedem Bissen schmeckte sie die Vorwürfe, die sich wie eine zentnerschwere Last in ihren Magen legten und für geistige und körperliche Verstopfung sorgten. Wenn dieser süßsaure Essensgeruch in der Luft lag, gab es nur eine Möglichkeit, diesem Moralprediger das Maul zu stopfen. Sie musste ihn ficken.

Martin

Ein heftiges Poltern weckte ihn aus seiner Trance. Es kam von der Tür, zusammen mit wildem Gefluche. Seine Frau stolperte in die Wohnung. Sie stützte sich auf das Sofa und blickte sich desorientiert um. »Scheiße, Home Sweet Home«, lallte sie. Ihr sonst so sanftes schwarzes Haar hatte sich in eine wilde Löwenmähne verwandelt, die in alle Richtungen abstand. Die Kleidung saß schief und das Make-up war verschmiert. Sie wirkte wie ein verstörtes Kätzchen, dass gerade von einem Tiger vergewaltigt worden war – die Pupillen geweitet. Martin seufzte. »Worauf bis du diesmal. Crack, H, oder nur Koks?«
»Von allem ein bisschen«. Sie ließ sich aufs Sofa plumpsen. »Vielleicht auch ein bisschen mehr«.
Sie kicherte vor sich hin. Dann drehte sie den Kopf und schaute zur Küchenzeile. »Du meine Güte. Hast du wieder ein Versöhnungsessen gekocht. Meinst du nicht, dass ich für heute schon genug gekotzt habe?«
So lief es jedes Mal ab. Er kam nach einem Dreh nachhause und glaubte, mit einem guten Essen, ein wenig Harmonie schaffen zu können, während sie um die Häuser zog und sich zudröhnte. Sie hatten beide ihre Verdrängungsmechanismen, nur dass diese meist miteinander kollidierten.
Er ging zu ihr rüber und starrte sie an. Ihr Blick wanderte unstet umher, ohne einen bestimmten Punkt zu fixieren. Als ihr bewusst wurde, dass er vor ihr stand, erhob sie sich, und schaute im in die Augen. »Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder streiten wir uns jetzt, bis wir uns gegenseitig die Einrichtung an den Kopf werfen, oder wir ficken uns die Seele aus dem Leib.«
In ihm schien eine Veränderung vorzugehen. Seine Körperhaltung straffte sich, sein Blick wurde strenger. Dann ging er einen Schritt nach vorne, packte sie an der Kehle und stieß sie zurück auf Sofa. Er war sofort über ihr und riss ihr die Kleidung vom Leib.
Ihr Sex hatte etwas Destruktives. Als versuchten sie, sich gegenseitig fertigzumachen. Wie zwei Raubtiere, die sich die Krallen in den Leib schlugen.
Sie zerkratze ihm meistens mit ihren Nägeln den Rücken und er würgte sie dafür. Manchmal schlugen sie sich auch. Sie trieben es in der ganzen Wohnung, wirbelten wie ein Orkan durch die Einrichtung, schmissen Stühle und Lampen um, fegten das Geschirr vom Tisch, stießen die Bücher aus den Regalen und zerwühlten den Teppich. Als sie fertig waren, war die Wohnung ein Schlachtfeld und ihre Körper übersät mit blauen Flecken und Kratzern. Käme die Polizei jetzt rein, würde sie von einer massiven häuslichen Auseinandersetzung sprechen. Sie hätte nicht unrecht.
Beide lagen sie schweratmend auf dem Bett. Er starrte an die Decke, sie rauchte eine Zigarette.
»Ich habe noch niemanden getroffen, der ohne Drogen so heftig ficken kann.« Sie blies Rauch aus und verfolgte, wie er sich in Nichts auflöste.
»So können wir nicht weitermachen.« Er klang erschöpf, aber ernst.
»Wieso nicht? Wir sind ein tolles Team.« Der Sarkasmus troff aus jedem Wort. Mit ihrer rechten Hand griff sich nach der Fernbedienung und schaltete die Musikanlage ein: Peaches Fuck The Pain Away