Die unveröffentlichte Übersetzung: „Immersion“ von Aliette de Bodard

Ein Beispiel dafür, dass man manchmal ganz umsonst übersetzt, nicht nur im Sinne von honorarfrei, sondern auch  von leserfrei.

Zu Beginn meiner Übersetzerkarriere (falls man überhaupt von einer solchen sprechen kann) hatte ich die Möglichkeit, einige wunderbar geschriebene Kurzgeschichten für das Phantastikmagazin Phase X zu veröffentlichen. Das Magazin ist im Umfeld des Fantasyguides aus dem Magazin Sono entstanden, bevor es vor einigen Jahren zu einer etwas unschönen „feindlichen“ Übernahme kam (worauf ich hier aber nicht weiter eingehen werde).

Wie auch immer, die Romane, die ich zu Beginn übersetzen durfte, waren jetzt keine stilistischen Meisterwerke, sondern eher solide Unterhaltung. Da boten die Kurzgeschichten von Nina Allen und Aliette de Bodard eine willkommene Abwechslung. Im Angesicht Gottes fliegen erschienen 2012 in Phase X 9 und erzählt von einem ungewöhnlichen Raumfahrtprogramm in einer alternativen Realität und ist wunderbar ruhig und einfühlsam erzählt, atmosphärisch dicht, voller Melancholie über die letzten Tage einer physisch veränderten Raumfahrerin mit ihrer Freundin auf der Erde. Nina Allan hat inzwischen auch tolle Romane geschrieben (z. B. The Race), die leider nie auf Deutsch erschienen sind.

In Phase X 11 erschien dann 2015 meine Übersetzung von Aliette de Bodards Verstreut entlang des Himmelsflusses. Die Geschichte mischt asiatische Einflüsse mit den Themen Revolution, Poesie und Familiengeschichte. Die Herausforderung bei der Übersetzung lag in den unterschiedlichen Erzählebenen, von denen eine im Präsens, und eine in der Vergangenheitsform erzählt wird. Da musste ich immer höllisch aufpassen, dass ich im Präsens-Teil nicht wieder ins Präteritum verfalle. Es ist eine sehr schöne Geschichte, die moderne Technik mit Sprache, Poesie und Tradition verbindet.

Immersion gewann 2013 den Nebula Award (einer der wichtigsten SF- und Phantastikpreise) und spielt im gleichen Universum wie Verstreut entlang des Himmelsflusses. Die Geschichte erzählt von zwei jungen Frauen, die in einer Gesellschaft leben, in der man sein Äußeres unter gefotoshopten Avataren auch in der nicht-virtuellen Realität verbirgt und sich dadurch von sich selbst entfremdet. Eine sehr einfühlsame geschriebene Geschichte darüber, wie man sich durch zukünftige technologische Entwicklungen in künstlichen Identitäten verlieren kann.

Da mir die Arbeit an der ersten Kurzgeschichte von Aliette de Bodard so gut gefallen hat, zögerte ich nicht lange, den Auftrag für eine weitere für Phase X 12 anzunehmen. Die habe ich im Jahr 2014 übersetzt, und sie ist bis heute nicht erschienen. Im Herbst 2014 gab es bei Tor Online das Vorhaben, monatlich Kurzgeschichten zu veröffentlichen, die einen Nebula oder Hugo Award gewonnen haben (ein Vorhaben, das mangels Interesse der Leserschaft schnell wieder eingestellt wurde). Als ich davon hörte, erwähnte ich, dass ich gerade so eine Geschichte übersetzen würde. Man fragte bei den Herausgebern und dem Verlag von Phase X an, ob man die Geschichte nicht parallele auch bei Tor Online veröffentlichen könne, natürlich mit dem Hinweis auf Phase X, erhielt aber eine Absage.

Seitdem habe ich nichts mehr von Phase X gehört. Die Ausgabe 12 ist nie erschienen, ich weiß auch von mindestens einem anderen Übersetzer, der für diese Ausgabe eine Übersetzung angefertigt hat. Und meine Übersetzung, in die ich viel Arbeit gesteckt habe, die über 20 Normseiten hat, verstaubt nun in meiner virtuellen Schublade. Ist immerhin kein ganzes Buch, so was soll auch vorkommen, aber dafür wird man immerhin bezahlt. Hier war die komplette Arbeit umsonst.

Es werden sowieso kaum noch internationale Kurzgeschichten ins Deutsche übersetzt, wir hier auf dem deutschsprachigen Buchmarkt haben schon lange den Anschluss an den internationalen Kurzgeschichtenmarkt verloren (siehe mein Plädoyer für die übersetzte Kurzgeschichte), da ist es doch wirklich schade, wenn eine schon übersetzte Story einer der aufregendsten Science-Fiction-Kurzgeschichtenautorinnen unserer Zeit ungenutzt bleibt. Ich glaube nicht, dass man von Phase X noch einmal was hören wird.

Von Aliette de Bodard ist auf Deutsch inzwischen ihr Roman Das Haus der gebrochenen Schwingen erschienen, übersetzt von Simon Weinert. Im Vergleich zu ihren aufregenden und vor Ideen nur so schäumenden SF-Kurzgeschichten fand ich diese Geschichte über Engel in einem untergegangenen Paris ziemlich langweilig und belanglos. Wahrscheinlich hat sie einfach nicht meinen Geschmack getroffen.

2 Gedanken zu “Die unveröffentlichte Übersetzung: „Immersion“ von Aliette de Bodard

  1. In Nova und in der phantastisch! erscheinen gelegentlich übersetzte Kurzgeschichten.

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