Die Legende von Eden und andere Visionen – Hrsg. von Helmuth W. Mommers

Da mir momentan die Zeit für ausführliche und sorgfältig redigierte Blogeinträge fehlt, hier mal eine alte Buchbesprechung aus dem Jahr 2005. Passt auch gerade zu meiner aktuellen Beschäftigung mit Kurzgeschichten. Im Thread „Empfehlenswerte Kurzgeschichten“ auf SF-Fan.de stelle ich regelmäßig einzelne Kurzgeschichten vor. Hatte ganz vergessen, dass ich den Band besprochen habe.

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Seine erste Vision hatte Helmuth W. Mommers 2004 – nichts Geringeres, als die besten deutschen Science-Fiction-Kurzgeschichten des Jahres in einem Band herauszubringen. Und so erschien „Der Atem Gottes und andere Visionen 2004“. Sechs der Geschichten wurden für den Kurd Laßwitz Preis nominiert und fünf für den Deutschen Science Fiction Preis, den Karl Michael Armer dann für sich verbuchen konnte. Nun sind wir im Jahr 2005 angekommen, und es wird Zeit für neue Visionen. Mit „Die Legende von Eden und andere Visionen“ ist der zweite Teil der Anthologienreihe erschienen, und wieder haben zahlreiche deutsche Autoren ihre Visionen in Kurzgeschichtenform gebracht, um dem Leser einige vergnügliche, aber teilweise auch schockierende Lesestunden zu verschaffen.

Den Auftakt macht Reiner Erler – als Regisseur bekannt durch Filme wie „Die Delegation“ oder „Fleisch“ – mit einer Geschichte, die den wenig wohlklingenden Namen „An e-Star ist born“ hat. Hier schildert er seine Vision davon, wie Hollywoodregisseure in Zukunft mit ihren zickigen Stars verfahren könnten, indem sie sich mit Hilfe von Computern von den Starallüren unabhängig machen. Keine neue Idee, aber trotzdem nett erzählt, wenn auch nicht allzu spannend. Viel interessanter als die Idee des e-Stars sind die Konfrontationen zwischen dem Regisseur und seinem Produzenten – also typischer Hollywoodalltag.

Etwas heftiger geht es dann in Torsten Küpers „Spiegelbild des Teufels“ weiter. Eine Geschichte, in der nichts ist, wie es scheint, und die vom Missbrauch des Klonens durch böse Schurken erzählt. Lässt die Geschichte den Leser anfangs noch im Dunkeln, gewinnt sie doch mit jeder Einzelheit, die preisgegeben wird, schnell an Fahrt, und kann am Ende mit mehr als einer überraschenden Wendung aufwarten.

Nach dieser verzwickten Story bietet die sehr kurze Erzählung „Neulich im Garten Eden“ von Ernst Vlcek eine amüsante Erholung. In ironischem Ton erzählt er die Geschichte von Adam und Eva aus einer gänzlich neuen und interessanten Perspektive, durch die wir erfahren, wer im Garten Eden eigentlich aufräumt und den Rasen mäht.

Sehr kafkaesk geht es dafür in „Die fehlende Stunde“ von Tobias Bachmann zu. Eine Geschichte, die von ihrem Konzept her stark an Philip K. Dick und seine Stories erinnert. Ein Mann fährt mit der U-Bahn und stellt danach fest, dass ihm eine Stunde seiner Zeit fehlt. Auf zwei unterschiedlichen Ebenen, die trotzdem zusammenhängen, erzählt der Autor eine Geschichte, deren Ende zwar nicht wirklich originell ist, die aber aufgrund ihrer verschachtelten Erzählweise durchaus interessant ist.

Was wäre, wenn Deutschland vor der Machtergreifung der Nazis einen kleinen Teil von Amerika besitzen würde? Adolf Hitler würde sich dorthin auf Wahlkampftournee begeben. Begleiten würde ihn dabei ein junger Mann, der bis dato noch überzeugter Nazi ist. Dass dies aber nicht so bleiben würde, kann sich der Leser dann denken. Leider ist diese „Bekehrung“ auch der größte Schwachpunkt in der Geschichte, da sie einfach nicht glaubwürdig geschildert wird. So bleibt die Story „Hitler auf Wahlkampf in Amerika“ von Oliver Henkel weit hinter ihren Möglichkeiten zurück und zählt für mich mit zu den schwächeren Geschichten dieser Anthologie.

Sehr comichaft geht es danach in „Ausgleichende Gerechtigkeit“ von Frank Borsch weiter. Der Comicübersetzer erzählt von einer Welt, in der Fahrraddiebe durch rigorose Vergeltungsmaßnahmen bestraft werden, die von einer Art „Justice League“ vollstreckt werden – und zwar nach dem Motto „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Ein kurzweiliges Gedankenspiel über den Wert von Gerechtigkeit.

Der Inhalt von Thomas Thiemeyers „Materia Prima“ ist schnell erzählt: Ein Mann geht zum Psychiater, weil er glaubt, dass er von Außerirdischen entführt wurde. Leider gelingt es der Geschichte nicht, über die gängigen Klischees hinauszugehen. So bleibt eine langweilige Erzählung ohne wirklich interessante Ideen.

Ganz und gar nicht langweilig geht es in der herrlich sinnfreien Geschichte „Cosmo Pollite und der Zwischenfall im InterStellar Express“ von Andreas Winterer zu. Es ist eine lupenreine, an Satire grenzende Ballergeschichte, die an Bord eines Passagierraumschiffes spielt. In bester „Stirb Langsam«-Manier kommt es zum actionreichen Gefecht zwischen einer Horde revolutionärer Roboter und einem Gelegenheitsphilosophen, der Unterstützung von einer Art Sandwolke erhält.

„Planck Zeit“ von Michael K. Iwoleit fordert den Denkapparat des Lesesr schon um einiges mehr. In einer komplizierten Geschichte voll von theoretischer Physik beschreibt der Autor, wie ein Wissenschaftler mittels Mathematik das Ende der Welt, wie sie uns bekannt ist, voraussagt. Das ist zwar sehr anstrengend zu lesen, lohnt sich aber wegen der interessanten Auflösung.

Eine ähnlich anspruchsvolle Geschichte lässt der Titel „2 hoch 64“ von Marcus Hammerschmitt vermuten. Doch der Eindruck täuscht. Erzählt wird die Geschichte eines Insektensammlers, der es mit durchaus wehrhaften Insekten zu tun bekommt, die nicht länger gewillt sind, als Teil der menschlichen Sammelwut zu enden. Leider ist Story sehr kurz und wenig ausgearbeitet, so dass der erwartete „Aha-Effekt“ am Ende ausbleibt.

Die wohl provokanteste Geschichte der Anthologie liefert Andreas Gruber mit „Weit und Raus“. Hier geht es um eine Fernsehshow, die die primitivsten Gelüste des menschlichen Wesens anspricht: die Lust am Leid anderer. Die Kandidaten dieser Show sind so verzweifelt, dass sie für ein bisschen Geld bereit sind, ihr Letztes zu geben. Dabei wird auch nicht vor lebenswichtigen Körperteilen halt gemacht. Eine Fernsehshow, in der sämtliche moralischen und ethischen Vorstellungen gebrochen werden, indem der Mensch bis zum Letzten ausgebeutet wird. Eine Sendung, die sicher auch in unserer heutigen Zeit ihre Zuschauer finden würde. Aufgrund des provokanten Themas und der geschickten Inszenierung ist „Weit und Raus“ für mich die beste Geschichte dieser Anthologie.

Ziemlich verwirrend geht es in der Zeitreisegeschichte „Schätze der Zukunft“ weiter, in der die möglichen negativen Auswirkungen von Zeitreisen behandelt werden. Verwirrend ist die Story vor allem wegen der ständig wechselnden Protagonisten, die dafür sorgten, dass ich nicht wirklich verstand, worum es eigentlich geht. Hier wurde einfach Zuviel, in einen zu kurzen Text gepackt.

Zu guter Letzt kommt noch die titelgebende Geschichte „Die Legende von Eden“ von Frank W. Haubold. Hier werden zwei Sträflinge auf eine aussichtslose und gefährliche Mission geschickt, dabei aber über die wahren Hintergründe im Dunkeln gelassen. Während der Mission kommt es zu einer Begegnung der dritten Art, die das komplette Weltbild der beiden Sträflinge auf den Kopf stellt. Bis hier hin liest sich Story sehr kurzweilig und kann eine überraschende Wendung aufweisen. Was danach kommt, erinnert aber eher an ein Exposé zu einem Roman, der noch geschrieben werden muss – und meiner Meinung auch noch geschrieben werden sollte.

Zum Schluss möchte ich noch das tolle Titelbild von Thomas Thiemeyer loben, das die Anthologie zu einem richtigen „Eyecatcher“ macht.
„Die Legende von Eden und andere Visionen“ ist eine alles in allem gelungene Sammlung von deutschen Kurzgeschichten, die fast durchgehend ein hohes Niveau halten können, wobei die einzelnen Stärken und Schwächen der Geschichten hauptsächlich im Auge des Betrachters (also des Lesers) liegen. Denn handwerklich sind alle Geschichten einwandfrei und brauchen einen internationalen Vergleich nicht zu scheuen.
Es bleibt zu hoffen, dass es auch im nächsten Jahr weitere Visionen geben wird, denn gute deutsche Anthologien sind sehr selten.

Nach Band 4 wurde die Reihe leider wieder eingestellt und hat seitdem keinen adäquaten Ersatz erhalten.

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