Reread: „Die Fernen Königreiche“ von Allan Cole und Chris Bunch

Das Buch versprüht Abenteuergeist und Sense of Wonder, wie sie mir bei neueren Fantasywerken schon seit vielen Jahren nicht mehr untergekommen sind. Schuld daran sind die reichhaltige Phantasie der Autoren und ihre Fähigkeit, sie so in Worte zu fassen, dass vor dem geistigen Auge des Lesers ein prächtiges Panorama entsteht, das einen förmlich mit hinein in das große Abenteuer zieht. Die Geschichte steckt voller Magie und Zauberei, auch wenn es stellenweise schon zu viel des Guten ist, denn gelegentlich kommt die Zauberei zu bequem und einfach daher, auch wenn sich die Autoren immer wieder kreative Zauber einfallen lassen.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Kaufmannssohn Amalric Antero – der sich zunächst einer verführerischen und zwielichtigen Kurtisane verfällt, die ihn an den Rand des finanziellen und moralischen Ruins treibt – und seines Freundes, des ehrgeizigen Hauptmann Janos Greycloak, der davon träumt, die legendären Fernen Königreiche zu entdecken und ihnen die Geheimnisse der Zauberei zu entreißen. Ihre Expedition führt sie durch eine Fülle an exotischen und gefährlichen Orten, die von Kannibalen, Sklavenhändlern, untoten und bösen Zauberern bevölkert sind.

Im ersten Teil folgt der Roman – nach dem etwas langatmigen Einstieg, der aber auch das Setting für die spätere Komplexität der Geschichte legt – einer klassischen Abenteuerreise, auf der die Gefährten viele Gefahren mit Witz und Entschlossenheit zu meistern haben, doch im zweiten Teil kommt es zu einem Bruch, der der Geschichte deutlich mehr an Tiefe verleiht. Da geht es um die Rechte von Frauen und Sklaven, soziale Gerechtigkeit ganz allgemein und eine unverhoffte Revolution gegen die traditionelle Autokratie der Geisterseher. Letztere sind im Prinzip die Zauberherrscher von Amalrics Heimatstadt Orissa.

Später geht es dann erneut auf Abenteuerreise, wobei die Geschichte dort dann ein wenig stärker in klassische Fantasybahnen gelenkt wird, die in den ersten beiden Dritteln des Buches geschickt umschifft wurden. Doch diese Wende erhält die Gesamtgeschichte auch deutlich mehr an Komplexität und wird zu einem stimmigen Ganzen abgerundet.

Die Fernen Königreiche gehört definitiv in die Reihe jener Fantasybücher aus den 80er und 90er Jahren, die es verdient hätten, wieder neu aufgelegt zu werden. Für mich ist es gut gealtert, und obwohl ich inzwischen unzählige Fantasybücher gelesen habe, und um 20 Jahre erfahrener bin, hat mich das Buch auch bei der Zweitlektüre wieder gepackt und staunend und mitfiebernd auf eine Abenteuerreise geschickt.

Gelesen habe ich es, wie bei der Erstlektüre über Ostern, und damals vor über 20 Jahren bin ich tief in diese Abenteuergeschichte, die ganz ohne Elfen, Orks und Zwerge auskommt, eingetaucht und habe sie gierig fast an einem Stück verschlungen. Damals trug ich auch noch nicht so viel Gepäck mit mir herum, die Zahl der zuvor gelesenen Fantasybücher befand sich noch im zweistelligen Bereich, weshalb diese Welt besonders exotisch und aufregend auf mich wirkte. Doch auch heute, mit an die 1.000 gelesenen Fantasybüchern, hat die Geschichte nichts von ihrer Kraft verloren und konnte mich erneut schwer begeistern. Dieses Mal las ich sie mit anderen Augen, hatte einen Blick für Tiefen, die mir damals entgangen sind, und habe ein anderes Buch gelesen, dass mir aber kein bisschen weniger gut gefallen hat.

Meine Ausgabe ist von 1994 (2005 gab es nochmal Doppelbände bei Blanvalet), in der guten Übersetzung von Jörg Ingwersen, erschienen bei Goldmann (die damals noch ein aufregendes Fantasyprogramm hatten), mit einem opulenten Cover, das einen förmlich auf diese Abenteuerreise lockt. Das Original erschien 1993, verfasst vom Autorenduo Allan Cole und Chris Bunch (Die Sten-Chroniken), die noch zwei weitere Bücher in dieser Welt geschrieben haben. In Band 2, Das Reich der Kriegerinnen geht es um Amalrics Schwester, die auch in Die Fernen Königkreiche eine kleine Rolle spielt. Und in Das Reich der Finsternis bricht Almaric Antero fünfzig Jahre nach den Ereignissen von Band 1 wieder zu einem Abenteuer auf. Der vierte Band der Reihe, Die Rückkehr der Kriegerin, in dem wieder Almarics Schwester Rali die Hauptrolle spielt, wurde von Allan Cole alleine verfasst, da sich die beiden Autoren/Schwager zerstritten hatten. Leider merkt man das diesem Band an, der die Qualität der drei Vorgänger nicht halten kann. Chris Bunch verstarb 2005.

Aktuell wird wieder einiges an Fantasy aus den vergangenen Jahrzehnten neu aufgelegt (Shannara, Amber, Midkemia, Gemell usw.), und meiner bescheidenen Meinung nach (auch wenn ich mich wiederhole), ist es an der Zeit, auch diese abgeschlossenen Einzelbände der vierteiligen Reihe in einer ansprechenden Neuauflage herauszubringen. Denn, wie ich oben schon erwähnte, solche Abenteuerfantasy abseits der üblichen Genreklischees, ohne Grim-and-Gritty-Einschlag, ohne allzu komplizierte politische Ränke und Intrigen, aber dafür mit ganz viel Sense of Wonder und einer gewissen Leichtigkeit, findet man heute nur noch selten.

Und hier noch ein Link zum Vertiefen: In einem Beitrag zu dessen 70. Geburtstag geht Gero auf der Bibliotheka Phantastika etwas näher auf das Werk von Allan Cole ein.

Gero schreibt unter anderem:

The Far Kingdoms ist vor allem in Anbetracht seines Erscheinungsjahrs ein ungewöhnliches Buch, dessen Vorbilder viel mehr beim klassischen Abenteuerroman oder Filmen wie The 7th Voyage of Sinbad zu finden sein dürften, als bei der klassischen High Fantasy à la Tolkien. Von daher wirkt der Roman ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, auch wenn er als Fantasy-Abenteuerroman hervorragend funktioniert. Und da Cole/Bunch klug genug sind, die Veränderungen zu zeigen, die ihre Reisen und Erlebnisse bei Amalric Antero und Janos Greycloak bewirken, ist The Far Kingdoms sogar noch ein bisschen mehr als einfach nur ein Abenteuerroman.

Weitere Rereads:

Der Drachenbeintrohn von Tad Williams

Helle Barden von Terry Pratchett

Mond über Manhattan von Paul Auster

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