Bücher mehrmals lesen?

Mir begegnen (im Netz wie auch im ganz richtigen wirklichen Leben) immer wieder Menschen, die sagen, dass sie ein Buch nur einmal lesen. Und zwar konsequent. Meist mit der Begründung, dass es noch so viele Bücher zu lesen gäbe, und man keine Zeit damit verschwenden wolle, eines zweimal zu lesen.

Naja, selbst wenn man sich daran hält, ist das doch eine Sisyphusarbeit, da man es nie schaffen wird, alle interessanten Bücher zu lesen und auf ewig seiner Leseliste nachhecheln wird. Ich habe es inzwischen selbst in den Genres, in denen ich möglichst belesen sein möchte, aufgegeben, alle interessanten und tollen Bücher lesen zu wollen.

Ich lese nur noch, worauf ich gerade Lust habe. Und gelegentlich habe ich Lust, ein Buch zu lesen, dass ich schon einmal gelesen habe. Wie aktuell z. B. Frank Herberts Der Wüstenplanet in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt. Das habe ich in der alten Übersetzung von Ronald M.Hahn vor ungefähr 20 Jahren gelesen, seitdem nicht mehr.

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Jeder von uns liest Bücher mit unterschiedlichem Gepäck. Damit meine ich Wissen, Erfahrungen, bereits Gelesenes usw., alles Faktoren, die unser Leseerlebnis beeinflussen. Bei meiner Erstlektüre von Der Wüstenplanet, war ich 16 Jahre alt, hatte bis dato vielleicht 100 Bücher gelesen, keines davon Science Fiction. Ich bin also relativ unbedarft und mit viel Raum für den berühmten Sense of Wonder an die Lektüre herangegangen, was meine Meinung und mein Leseerlebnis natürlich massiv beeinflusst hat.

Jetzt, 20 Jahre später habe ich tausende von Büchern gelesen – hunderte SF-Werke darunter -, ich kenne so viele Ideen, Geschichten, Handlungsschemata usw. Die Chance, den Sense of Wonder in einem neuen Buch zu erleben, ist deutlich gesunken. Ich bin nicht mehr so leicht zu beeindrucken, dafür muss sich die Autorin schon ordentlich was einfallen lassen. Trotzdem habe ich nach wie vor viel Spaß mit neuen Büchern, und von den 69 Werken, die ich letztes Jahr gelesen habe, haben mir fast alle gut gefallen.

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Aber wie ist das mit Büchern, die man schon einmal gelesen hat? Meine absoluten Lieblingsbücher (z. B. Sommer der Nacht von Dan Simmons, Es von Stephen King oder Elric von Melniboné von Michael Moorcock) habe ich schon mehr als zweimal gelesen. Deren Inhalt kenne ich jetzt nicht ganz auswendig, aber doch gut genug, um nicht mehr überrascht zu werden. Da spielt bei der erneuten Lektüre auf jeden Fall ein Nostalgiebonus eine Rolle. Meine Erinnerungen an die Zeit, als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, was für ein wundervolles Abenteuer es damals war, mit welcher Begeisterung ich es verschlungen habe. Die erneute Lektüre ist dabei also auch ein Versuch, das damalige Lesegefühl zu wiederholen, was bei den wirklich besonderen und mir besonders kostbaren Büchern auch immer wieder gelingt.

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Bei Büchern, deren Lektüre 15 Jahre und mehr zurückliegt, sieht die Sache etwas anders aus. Wenn ich mit dem zweiten Lesen beginne, bin ich immer wieder überrascht, wie viel von dem Buch ich vergessen und wie viel ich falsch in Erinnerung habe. In diesem Fall besitze ich also nur noch eine vage Erinnerung an ein positives Leseerlebnis und nur noch grobe Kenntnisse über die Grundhandlung. Die Zweitlektüre gleicht einem Wiederentdecken, aber eben mit dem weiter oben erwähnten neuen Gepäck. Inzwischen bin ich viel gebildeter (oder bilde mir das zumindest ein) und verstehe viele Anspielungen, Verweise und Metaphern, die mir einst entgangen sind; sehe neue Ebenen und lese dadurch ein ganz anderes Buch, wie der jugendliche Markus. Die Worte mögen die gleichen sein, wie damals, aber das Buch hat sich in meinen Augen verändert. Dadurch entsteht ein eindeutiger Mehrwert durch die erneute Lektüre.

Der Reread kann aber auch in die Hose gehen. Bei manchen Büchern merke ich jetzt, wie schlecht sie eigentlich geschrieben (oder übersetzt?) sind. Als Teenager besaß ich kein großes Gespür für guten Stil, plausible Handlung, eine originelle Erzählstimme usw., da hat mir auch das literarische Äquivalent eines Chuck-Norris-Films gefallen. Teilweise wird die Erinnerung an die damalige Lektüre durch den Nostalgiebonus verklärt, und während der Zweitlektüre frage ich mich, wieso mir das damals so gut gefallen hat. So ging es mir zum Beispiel mit dem ersten Band der Drachenlanze von Margarete Weis und Tracy Hickman, der mir inzwischen doch zu plump geschrieben ist, auch wenn ich verstehen kann, warum ich die Figuren der Heldengruppe (Fizban, Raistlin und Co.) damals mochte.

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Meistens macht mir der Reread aber großen Spaß. Zwei Fälle habe ich vor nicht all zu langer Zeit dokumentiert und die Bücher genau unter den oben erwähnten Aspekten besprochen. Helle Barden, mein erster Scheibenweltroman von Terry Pratchett und Der Drachenbeinthron von Tad Williams (als Vorbereitung auf die angekündigten Fortsetzungen). Auch mit Stephen Kings Shining hatte ich viel Spaß, ähnlich wie bei Der Wüstenplanet bin ich erstaunt, wie viel der Erinnerung von den Bildern der Filme überlagert wurde. Da ich als Jugendlicher vor allem Fantasy und Stephen King gelesen habe, sind es auch vor allem phantastische Werke, die ich erneut lese.

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Demnächst ist aber mein erstes unphantastisches Buch an der Reihe: Mond über Manhattan von Paul Auster. Bis zu diesem Buch dachte ich, dass Bücher, die in unserer Welt spielen nur langweilig sein können. Damals habe ich vermutlich vor allem aus eskapistischen Gründen gelesen, aber das ist ein anderes Thema. Ich bin schon sehr gespannt, wie mir der Auster dieses Mal gefallen wird. Kürzlich habe ich mir nach 20 Jahren wieder den Film Smoke (mit Harvey Keitel und William Hurt) angesehen, dessen Drehbuch von Paul Auster stammt, und der mich auf diesen Autor aufmerksam gemacht hat.

Wie sieht es bei euch aus? Lest ihr Bücher mehrmals?

9 Gedanken zu “Bücher mehrmals lesen?

  1. Zugegeben, ich hechle den vielen wunderbaren Büchern eher hinterher, die ich noch nicht gelesen habe. Und wenn mein Blick übers Regal schweift, dann bleibt er oft wehmütig bei den Titeln hängen, die ich gerade noch nicht lesen konnte… aber vielleicht nächstes Jahr, dann aber ganz dringend? Die schöne, weiße Reihe der Heyne SF Bibliothek beispielsweise. Aber auch viele Werke von meinen Lieblingsautoren liegen ungelesen im Regal.
    Es gibt nur ganz wenige Bücher, die ich ein zweites Mal mit Genuss lesen kann. Tolkien und Frank Herbert gehören dazu. Die meisten anderen Werke langweilen mich fürchterlich nach den ersten paar Seiten, ich erinnere mich dann zu sehr daran. Das gilt natürlich nicht für Bücher, die ich vor 20 Jahren gelesen hatte und längst vergessen sind. Offensichtlich ist Zeit ein wesentlicher Faktor, aber ich habe das nicht gemessen, weil ich es wirklich viel zu selten praktiziere.

  2. Meine Lieblingsbücher wie „Little Big“ von John Crowley, „Besessen“ von A. S. Byatt oder selbst Novellen wie „The White People“ von Arthur Machen und „Oke von Okehurst“ von Vernon Lee sind so komplex, dass ich sie schon mehrmals gelesen habe. Bei jedem Lesen habe ich dazugewonnen. Wobei ich natürlich auch zugeben muss, dass die ekstatische Begeisterung des Erstlesens schwindet.

  3. Mir gehts wie Dir, Markus. Einige Bücher lese ich aus Stimmungsgründen mehrmals. So greife ich ab und zu einen Potter-Band. Herr der Ringe lese ich in Dauerrotation, immer mal abends vorm Schlafengehen, wenn ich nicht letzter bin.
    Und den Auster wollte ich auch schon immer mal lesen. Danke für die Erinnerung!
    Im nächsten Gatherland stellt Jakob seine Neuübersetzung von Dune ja vor, darauf freue ich mich schon. Hätte auch große Lust, den Roman wieder einmal zu lesen. Allerdings sind die nächsten drei/vier Bücher schon geplant und sie sind alle etwas dicker.

  4. Ich glaube, jetzt als Mittfuffziger besteht die Hälfte meiner Lektüre aus bereits gelesenen Büchern. Schon als Junge habe ich Bücher, die ich toll fand, mehrmals gelesen. Ein Buch nur einmal zu lesen, ist für mich, wie eine Platte nur einmal zu hören oder einen Film nur einmal zu sehen. Erst die grobe Übersicht des Plots und der Figuren ermöglicht mir, Feinheiten zu würdigen.

  5. Vielen Dank für eure Kommentare!

    Im Kopf habe ich natürlich eine grobe Liste mit AutorInnen und Büchern, die ich unbedingt mal lesen oder von denen ich noch mehr lesen möchte. Für dieses Jahr habe ich da z. B. Laird Barron, David Mitchell, Matthew Woodring Stoover, Ian Tregillis, N. K. Jemesin, Elizabeth Bear, Nnedi Okorafor uvm. ins Auge gefasst. Ebenso wie mir noch fehlende Bücher von Michael Chabon, Donna Tartt, Ian Mcdonald, Ian Banks oder Zadie Smith, und Klassiker wie »Moby Dick.«

    Aber die arbeite ich nicht wie eine Liste nacheinander ab, sonder greife mir sie, wenn ich glaube, gerade in der richtigen Stimmung dafür zu sein.

  6. Ja, ich lese gerade „2001“ von Clarke wieder.

  7. Toller Beitrag, ich bin auch ein absoluter Mehrmals-Leser. Zum Einen bin ich auch immer wieder erstaunt, wie viel ich bei Büchern, die ich vor längerer Zeit gelesen habe, vergesse. Zum anderen kann man beim wiederholten Lesen sich mehr auf Details konzentrieren, beim ersten Mal „Das Lied von Eis und Feuer“ bin ich geradezu durch die Bücher geflogen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht, so dass mir viele Kleinigkeiten einfach entgangen sind. Auch ist es, wie du sagst, dass man Bücher mit fortschreitender Lebenserfahrung zum Teil ganz anders bewertet, das kann auch sehr spannend sein.
    Was ich auch gerne mache: Bücher erst auf deutsch, später im englischen Original lesen. So kann ich mir den Original-Schreibstil des Autors zu Gemüte führen, ohne dass ich Gefahr laufe, durch Begriffe, die ich nicht kenne, Teile der Handlung zu verpassen oder falsch zu bewerten.

    • Danke. Erst auf Deutsch, dann im Original habe ich mir bei einigen meiner Lieblingsbücher auch vorgenommen. Bei Terry Pratchett z. B. oder „Herr der Ringe“. Scheue mich aber auch ein wenig davor, weil es ja eben die Übersetzung war, in der ich die Bücher damals als Jugendlich er so besonders fand.

      Dass ich Bücher schnell überfliege, also eher Absatzweise die Informationen erfasse, passiert mir eher bei Büchern, die mir nicht so gefallen, bei denen ich aber trotzdem wissen möchte, wie sie ausgehen.

  8. Ach ja, zu dem Thema habe ich auch mal einen Beitrag angefangen, der aber wieder im Speicher versackt ist ;D

    Bei Büchern, die ich besitze und nicht weiterverkaufen möchte (das trifft auf die meisten zu^^), habe ich eigentlich den Anspruch, sie alle mehrmals zu lesen – ansonsten hätte ich sie ja auch ausleihen können. Da doch immer wieder neue Bücher dazwischen kommen, klappt das mal mehr, mal weniger gut, aber es gibt durchaus einige Werke, die ich locker 5x gelesen habe, einige wenige auch noch deutlich häufiger.

    Mir ist aber mal aufgefallen, dass es nicht immer meine Lieblingsbücher sind, die ich am häufigsten lese. Beispiel „Faeriewalker“: Die Reihe hat einige erhebliche inhaltliche Probleme, aber in den letzten Jahren gibt es wohl keine andere, die ich so oft gelesen habe – einfach, weil das Lesen unglaublich Spaß macht. So, wie Popcorn-Kino Spaß macht, obwohl einem die ganzen Logikfehler auffallen. Am häufigsten habe ich „Der Sohn der Sidhe“ gelesen, das mir inzwischen aber nicht mehr so zeitgemäß vorkommt. Mit „Drachenlanze“ geht es mir übrigens ähnlich, obwohl ich vor allem die „Legenden“ auch mehrmals rauf und runter konsumiert habe 😉

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