Sexismus, Diskriminierung und Captain Future

In den letzten Wochen gab es ja heftige Debatten über Sexismus und Diskriminierung. Zum einen im Zuge der Brüderle-Geschichte, zum anderen bzgl. der nachträglichen Abänderung bzw. Zensur von rassistischen Wörtern und Begriffen in Literaturklassikern (siehe »Pipi Langstrumpf« und »Die kleine Hexe«). Darauf möchte ich hier aber nicht weiter eingehen.
Mir geht es darum, dass man auch als Übersetzer mit der Problematik konfrontiert werden kann, und wie man dann damit umgeht. Was tun, wenn der zu übersetzende Text Sexismus, Rassismus oder andere Diskriminierungen enthält?

Ich werde das beispielhaft an meiner Übersetzung von »Captain Future – Erde in Gefahr« von Edmond Hamilton erläutern.
Vorweg: Ich halte das Buch weder für sexistisch noch für rassistisch, aber es stammt aus den 40er Jahren und enthält einige klischeehafte Stereotype, die nicht mehr zeitgemäß sind (und es eigentlich auch nie waren).

Zunächst eine kleine Begriffsdefinition:

Sexismus sind für mich Benachteiligungen, Belästigungen usw. gegenüber Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Ebenso wie die Zuschreibung von stereotypen Geschlechterklischees (z. B. dass alle Blondinen blöd seien oder Frauen nicht einparken könnten).

Diskriminierung (darunter fällt auch der Sexismus), ist die Benachteiligung einer bestimmten Person oder einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft oder anderer Merkmale. Darunter fällt auch die Zuschreibung bestimmter stereotyper Eigenschaften (z. B. dass alle Griechen faule Säcke seien oder alle Polen Diebe).

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung gegenüber Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder anderer äußerlichen Merkmalen.

Kommen wir jetzt zu Captain Future. Die Buchreihe entstand in den in den 1940er Jahren in den USA. Das Land war noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, es herrschte eine offizielle Diskriminierung gegenüber Afro-Amerikanern, auch die Frauen waren weit von Gleichberechtigung entfernt und es existierte bereits Angst vor dem Kommunismus (»Red Scare«: vor allem von 1919-1921 und 1947-1957). Gleichzeitig waren die USA noch nicht die heutige Weltmacht. Es gab zwar einige Kolonien, aber kein Vergleich zu den europäischen Ländern. Die Wirtschaft hatte sich nach der Weltwirtschaftskrise von 1928-1930 im Zuge der Sozialreformen des New Deal erholt. Das ist die Zeit, in der Captain Future entstand.

Nun schreiben wir das Jahr 2013. Es hat sich viel geändert. Frauenbewegung, Gleichberechtigung, Antidiskriminierungsgesetze usw. Es ist ein ganz anderes Bewusstsein im Umgang mit Frauen, Minderheiten und allen anderen Gruppen, die diskreminiert wurden, entstanden. Leider nur bis zu einem gewissen Grad, aber es hat sich doch viel getan.

Und mit diesem neuen Bewusstsein übersetze ich nun als weißer, männlicher Deutscher im Alter von 33 Jahren einen Roman aus der oben beschriebenen Zeit. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Denn zum einen möchte ich Atmosphäre und Authentizität des Originals beibehalten, zum anderen aber keinen Text erstellen, der sexistisch und diskriminierend ist.

Captain Future ist ganz klar ein Kind seiner Zeit. Die Welt bzw. die neun Welten werden hauptsächlich von älteren, weißen Männern beherrscht

Wenn man sich mit den Themen Rassismus und Diskriminierung beschäftigt, sollte man sich immer vor Augen halten, dass die Welt über Jahrhunderte von älteren weißen Männern beherrscht wurde. Sicher es gab Ausnahmen wie Queen Victoria oder Alexander der Große (der war ziemlich jung), aber das waren und sind leider heute noch Ausnahmen. Die europäische Kolonialgeschichte wirkt bis in die Gegenwart. So gehe ich z. B. regelmäßig in der Einkaufsgenossenschaft der deutschen Kolonialwarenhändler (EDEKA) einkaufen.

James Carthew, der Präsident des Systems, hat ergrauendes Haar. Ezra Gurney, der beste Polizist der Planetenpolizei ist ein alter Veteran mit weißem Haar. Und auch die ganzen Wirtschaftsmagnaten sind vornehmlich ältere, weiße Männer von der Erde.

Die Erde scheint geeint zu sein, wirkt aber sehr amerikanisch. Jeder Planet des Systems hat seine eigenen Rassen bzw. Völker, und die werden auch durchaus mit positiven Eigenschaften dargestellt, aber am Ende haben immer die Erdenmänner das sagen (»they call the shots«). Die Einheimischen der anderen Planeten werden oft so dargestellt, wie die Einheimischen der westlichen Kolonien. Teilweise werden sie von den Erdenmänner als »Teufel« bezeichnet, beleidigt und diskreminiert, teilweise als edle Wilde dargestellt und zum Teil auch als sehr fortschrittlich (wobei die meist auf einige wenige Bereiche beschränkt ist, und sie in anderen Bereichen wieder als ziemlich naiv dargestellt werden).

»Wir beschäftigen einen behaarten Teufel namens Tharb als Führer, wenn draußen auf den Eisfeldern etwas zu erledigen haben.« Meint Ezra Gurney auf Seite 84.

Die Bösewichte sind zumeist aber auch Erdenmänner.
Der größte Hecht von allen, der Zauberer aller Wissenschaften, Captain Future wird als junger Mann beschrieben. Er entspricht dem klassischen Bild des Helden. Er ist verbissen, unbarmherzig, trägt einen Hass auf all diejenigen ins sich, die unschuldige Menschen ausbeuten wollen, hat aber auch viel Humor.

Das Problem des Menschseins behandelt Hamilton durchaus differenziert und reflektiert, vor allem in den Streitereien zwischen dem Roboter Grag und dem Androiden Otho, darüber, wer von ihnen menschlicher sei.

Kommen wir aber endlich zum Sexismus. Die Welt des Captain Future wird von Männern geprägt, aber es gibt auch eine Frau, die eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielt: Joan Randall, Topagentin des Geheimdienstes und erste Vorsitzende des Captain Future Fanclubs.

Sie ist eine berufstätige Frau und sehr fähige Agentin. Sie handelt eigenständig, geht Spuren nach, macht wichtige Fortschritte bei den Ermittlungen und begibt sich in gefährliche Situationen. Dabei endet sie allerdings immer gefesselt als »damsel in distress«, also als hübsche Frau in Not und muss von Captain Future gerettet werden.

Er hörte, wie Joan und Kansu Kane, die ebenso wie er mit Seilschlangen gefesseltwaren, sich ganz in seiner Nähe vergeblich auf dem Boden wanden. (Hamilton, 41)

Man muss Hamilton zugutehalten, dass Captain Future selbst noch häufiger dämlich in Fallen tappt und gefesselt in der Hand des Feindes landet.

»Der berühmte Captain Future hat sich also entschieden, der Legion der Verdammten eine Falle zu stellen?«, knurrte er. »Und dann ist er in seine eigene Falle gegangen!« (Hamilton, 40)

Anders als Joan schafft er es aber immer selbst, sich zu befreien. Joan bleibt dann nicht anderes übrig, als ihm ihre unerschütterliche Bewunderung entgegenzubringen. Sie lässt auch keine Gelegenheit aus, allen mitzuteilen, was für ein toller Hengst dieser Future ist.

Joan lächelte Curt unsicher an. Sie hatte unerschütterliches Vertrauen in ihn, wie Curt nur zu gut wusste. (Hamilton, 56)

Hamiltons Frauenbild ist antquiert, entspricht aber dem damaligen Zeitgeist. Joan wird meist als »girl« bezeichnet, also als »Mädchen« oder »Mädel«. In der deutschen Übersetzung haben wir daraus aber »junge Frau« gemacht, weil alles andere heute einfach nicht mehr passt. Außer wenn die Bösewichte Joan anreden. In ihrer Funktion als Schurken dürfen sie solch diskreminierende Bezeichnungen wie »Mädchen« für eine erwachsene Frau benutzen.

Roj kicherte sichtlich begeistert. »Ja, ja, Doktor – er wird in der Halle großes Vergnügen finden, ebenso wie das Mädchen und der Venusianer.« (Hamilton, 42)

Ich möchte den Text nicht wörtlich übersetzen, sondern die Wirkung des Textes auf den Leser. Und auf den Leser der 1940er Jahre hatte das Wort Mädchen in diesem Kontext eine andere Wirkung, als auf den Leser des Jahres 2013. Da muss ich einen passenderen Begriff finden.

An der inhaltlichen Stellung der Frau in der Geschichte kann man als Übersetzer aber nichts ändern. Das muss so bleiben. Da kann man dem Leser auch genügend Kompetenz zutrauen, dass er dies als Zeichen der damaligen Zeit sieht. Oder, frei nach Norbert Elias, damals hat sich die Gesellschaft noch auf einem anderen Stand im Prozess der Zivilisation befunden. Und diesen kann man nicht mit heutigen Moralmaßstäben undifferenziert bewerten.

Aber nicht nur Frauen werden in der Welt von Captain Future diskriminierend behandelt bzw. bezeichnet. Wenn es um die Schurken geht, werden diesen aufgrund ihrer Schurkigkeit bestimmte stereotype physische Merkmale zugeschrieben. Die Verbrecher sind also hässliche Zwerge oder missgestaltete Riesen. Hier werden die Charaktereigenschaften über das Äußere definiert. Jemand der klein und hässlich ist, kann ja nur ein bösartiger Zwerg sein.

Curt stürzte nach vorne und feuerte seine Strahlenpistole ab. Aber einer der Legionäre, ein zwergenhafter Erdenmensch mit einem gemeinen Gesicht, hatte eine Handvoll sich windender Kreaturen hervorgezogen und warf sie nach Captain Future. (Hamilton, 36)

Der Zwerg der Legion kam herüber und blickte unheilvoll auf Curt hinab. Er war ein Erdenmensch mit einem zerfurchten, abscheulichen Gesicht und bösartigen schwarzen Augen, der die besten Jahre bereits hinter sich hatte. (Hamilton, 40)

Diese Zuschreibung negativer Eigenschaften aufgrund von bestimmten äußeren Merkmalen liegt vor allem am heteronormativen Charakter der US-amerikanischen Gesellschaft (wobei fast alle Gesellschaften einen solchen Charakter haben). Es gibt bestimmte Vorstellungen davon, was als »normal« gilt. Alles, was von dieser gesellschaftlichen Norm abweicht, wird als negativ angesehen.

Auch in dieser Hinsicht hat sich inzwischen viel (aber noch nicht alles) getan. Als Übersetzer kann ich da nichts machen. Auch da muss ich auf die Kompetenz des Lesers vertrauen. Wenn man allerdings denkt, dass dies ausschließlich ein »Zeichen der damaligen Zeit« ist, der täuscht sich. Auch in aktuellen Büchern lassen sich Beispiele für die Definition des Charakters über das Äußere finden. Kürzlich habe ich »Percy Jackson – Diebe im Olymp« gelesen. Auch dort wird eine Mehrzahl (nicht alle) der Fieslinge über ihre hässliches Äußeres definiert. Hinzu kommt, dass die Charaktereigenschaften der Figuren über ihre soziale Herkunft definiert werden. Die Kinder von Ares sind natürlich alle kriegerisch usw. So, wie die Kinder von Akademikern studieren gehen und die von Arbeitern auf den Bau oder in den Einzelhandel. Soziale Determination, und das von einem Autor, der Lehrer war.

Bei Captain Future weiß der Leser in der Regel aber, was in erwartet. Das ist Pulp-Literatur aus den 40er Jahren. Da gibt es keine ausgefeilten Figuren mit psychologischem Tiefgang (wobei es das in den späteren Geschichten durchaus gibt), sondern stereotype Menschenbilder, also einfache Figuren die Abenteuer erleben.

Als Übersetzer versuche ich, dem gerecht zu werden. Ich versuche das Flair des Originals beizubehalten, passe die Sprache aber zumindest teilweise einer zeitgemäßeren Ausdrucksweise an, die auf den heutigen Leser so wirkt, wie das Original auf den damaligen Leser.

Wie oben schon erwähnt, sehe ich »Captain Future« nicht als sexistischen oder diskriminierenden Text, wenn er auch einige Elemente enthält, die unter diese Kategorien fallen. In einem solchen Fall habe ich es als Übersetzer leicht. Der Text ist zwar etwas antiquiert, aber harmlos. Wie sieht es aber aus, wenn man einen wirklich sexistischen Text vorliegen hat?

Es ist schwierig, diese Frage hypothetisch zu beantworten. Ich würde es wohl ablehnen, einen solchen Text zu übersetzen. Kürzlich ist meine Übersetzung von Edward Lees »Das Schwein« erschienen. Ein Text, der sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hat, extreme sexuelle Gewalt gegen Frauen enthält, aber trotzdem erstaunlich viele positive Kritiken von Frauen erhält. Warum ich mich entschieden habe, dieses Buch zu übersetzen, werde ich in einem separaten Blogeintrag erklären.

4 Gedanken zu “Sexismus, Diskriminierung und Captain Future

  1. Sehr schöner Einblick in Deine Arbeit.

  2. Pingback: Coverpreview: Captain Future 04 – Der Triumph | translate or die

  3. Pingback: translate or die | Von wegen Sommerpause

  4. Pingback: Captain Future - Mein Held! - Seite 27

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