Es erscheinen zu viele Bücher!

Karla Paul veröffentlichte kürzlich ein Plädoyer für Minimalismus (bei dem ich einige Punkte durchaus kritisch sehe), unter anderem durch den Verzicht bzw. eine Reduktion beim Kauf von neuen Büchern. Der Standard hat passend dazu einen Artikel veröffentlicht, in dem die Frage gestellt wird, wer bei 200 Buchneuerscheinungen pro Tag das alles noch lesen solle. Die Zahl der Leser sei um 6. Millionen gesunken, der Umsatz bleibe dank der Vielleser noch gleich. Aus der Verlagsbranche höre ich immer öfters und stärker als zuvor, dass sie sich in der Krise befinde, bzw. es dem Buchmarkt nicht gut ginge.

Meine Meinung dazu: Wenn alle Verlage die Zahl der Titel in ihren Programmen kürzen würden (was für mich als Übersetzer natürlich erst mal schlecht wäre), sich stattdessen auf besondere, außergewöhnliche und nicht austauschbare Titel konzentrieren würden und einzelnen Titeln dabei mehr Zeit geben, dann könnten einzelne Bücher auch erfolgreicher sein und die (dann noch veröffentlichten) Autoren Honorare erhalten, von denen sie leben könnten. Sie hätten mehr Zeit zum Schreiben einzelner Romane und könnten dabei sorgfältiger vorgehen. Die Buchhändler und interessierten LeserInnen hätten eine Chance, sich einen Überblick über die Neuerscheinungen zu machen (wenn ich mit der letzten Verlagsvorschau durch bin, weiß ich schon nicht mehr, was in den ersten stand).

Stattdessen werden Unmengen an Titeln rausgehauen – eben 200 am Tag, wie im Artikel steht – die sich gegenseitig die Leser wegnehmen, so dass am Ende kaum einer davon schwarze Zahlen schreibt. Der Buchmarkt kannibalisiert sich selbst. Und die Antwort der Verlage ist es, immer mehr Bücher für immer weniger Leser zu veröffentlichen.

In der Phantastik scheint die Zahl der Titel in den letzten 2 Jahren wieder zurückgegangen zu sein. Fischer Tor und Knaur haben weniger als noch zum Programmstart. Heyne SF bringt fast 10 Titel weniger pro Halbjahresprogramm, bei den anderen habe ich jetzt nicht nachgezählt.

Zugegeben, vor ein paar Jahren habe ich mich noch beschwert, dass immer weniger Phantastik bei den Publikumsverlagen erscheint, inzwischen sehe ich das etwas differenzierter.

Im März dieses Jahres habe ich das Thema schon einmal unter dem Titel Erscheinen zu viele Bücher? etwas ausführlicher behandelt. Und die beiden Beiträge ganz vergessen, als ich obigen Text schrieb, der dann doch verblüffend dem Unterkapitel aus Sicht der Verlage ähnelt. Damals schrieb ich noch, ich wüsste nicht, ob wirklich zu viele Bücher erscheinen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, aus dem Fragezeichen wurde ein Ausrufezeichen. Vor allem wegen der sich immer schneller drehenden Spirale aus immer mehr Neuerscheinungen und immer kürzer werdenden Zeiträumen, in denen sie sich verkaufen/rechnen/beweisen müssen. Ich will auch kein Elektroauto fahren, das unter enormen Zeitdruck entwickelt wurde, von Mitarbeitern, die in der Fabrik schlafen, sich ausbeuten lassen bzw. ausgebeutete werden und dadurch einen extrem ungesunden Lebenswandel führen.

Anders als Karla Paul sehe ich das weniger unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit, sondern mehr als Notwendigkeit für ein gesundes Fortbestehen des Buchmarkts. Aber das ist kein Patentrezept, sondern nur meine Meinung.

9 Gedanken zu “Es erscheinen zu viele Bücher!

  1. Zumal sich die Neuerscheinungen auch immer noch der wachsenden Zahl von Klassikern stellen müssen, die als Kanon eine gewisse Pflichtlektüre darstellen.

    • Klassiker und Kanons halte ich für überschätzt, und die Kanons voller alter weißer Männer sowieso für überholt. Pflichtlektüre hört sich so abschreckend nach Schule an. Jeder soll lesen, was ihm Spaß macht, damit das Lesen auch noch lange Spaß macht.

      • Ich meine eher, dass es in jedem Genre Bücher gibt, über die man irgendwann automatisch stolpert.
        Das müssen nicht unbedingt Werke alter weißer Männer sein.

      • Hat sich so gelesen, als würdest du manche in Kanons gelistete Bücher als Pflichtlektüre ansehen. Ich musste da an den kürzlich veröffentlichten Kanon der SZ denken, auf dem sich vor allem Männer befanden und auch erstaunlich viele SZ-Autoren. 😉

      • Nee, ich dachte an sowas wie Frankenstein, Die unendliche Geschichte, Dune etc.
        Werke, die man einfach lesen möchte.

      • Gibt ja auch Leute, die das nicht wollen. Gibt auch viele Fantasyleser, die „Herr der Ringe“ nicht gelesen haben. „Frankenstein“ habe ich noch nicht gelesen. Davon habe ich schon so viele Verfilmungen gesehen, dass mir die Lust darauf vergangen ist. Sollte ich vielleicht mal nachholen. Bei „Dracula“ hat es sich gelohnt, da wusste ich nicht mal, dass es sich um einen Briefroman handelt.

  2. Für mich als Übersetzer ist der Gedanke, dass es immer weniger Publikationen auch aus dem anglo-amerikanischen Raum gibt, mit denen ich meine Miete bezahlen kann, wenig erfreulich – aber dann bin ich schon seit geraumer Zeit fest davon überzeugt, dass mein Berufszweig zu denen gehört, die die technologische Entwicklung spätestens in den nächsten zehn Jahren überflüssig machen wird. Übrig bleiben noch für ein paar weitere Jahre noch schlechter bezahlte Korrektor*innen/ Lektor*innen.

    Und dass das deutsche Verlagswesen sich kannibalisiert, ist seit Jahren klar.

    Mich interessiert vor allem, wie das Ende aussehen wird:

    Vollständige Implosion, Quasi-Monopolisierung auf zwei Großkonsortien, Übernahme jeglicher Publikationstätigkeit durch Google, Amazon & Co. per Buch-Streaming-Angebote usw.

    Exceptions apply/ your mileage may vary/ wtf. 😉

    • Ich erwähnte ja auch, dass ich es als Übersetzer erstmal beunruhigend finde. In meiner oben vorgeschlagenen Lösung, die sich nicht umsetzen lassen wird, weil dann alle Verlage an eine Strang ziehen müssten, führt die Reduktion von Titeln zu einer Erhöhung der Autorenhonorare, und damit auch zu einer Erhöhung der Übersetzerhonorare, so dass man das Gleiche Einkommen mit weniger Übersetzungen hätte, für die man auch noch mehr Zeit hat.

      Für literarisch interessierte Leser von anspruchsvolleren Werken wird es immer Übersetzer geben. Aber viele lesen ja nur rein auf den Inhalt fixiert, ohne Stil usw. zu beachten. Das sind jene, die nur wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht, und sich auch mit der Episodenzusammenfassung einer Daily Soap zufrieden geben. Könnte mir vorstellen, dass solche Werke tatsächlich irgendwann von Programmen übersetzt werden. Man muss sich ja nur mal bei Amazon die positiven Bewertungen zur richtig schlechten Übersetzungen ansehen.

  3. Ich denke nicht, dass die Reduktion auf weniger Bücher zu Gunsten höherer Qualität (die ja auch eins ehr subjektives Kriterium darstellt) die von dir geschilderten Folgen hätte, denn das breite Publikum würde trotzdem nicht den z.B. neuen Roman von Gabriel Maria Marquez lesen, sondern sich stattdessen anderen Medien zuwenden, wenn der Markt nicht bereit hält, was dieses Publikum wünscht. Das ist der gleiche Fehlschluss wie bei Filmen:natürlich kann man denken, dass der Verzicht auf Blockbuster die Mittel für kleinere, intelligentere Unterhaltung freimachen würde. Aber wer sagt denn, dass die dann auch ein großes Publikum finden würden? Wer solche Filme/Bücher sehen/lesen will, wird das tun. Alle anderen werden was anderes mit ihrer Zeit und ihrem Geld machen

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