3 Kurzkritiken: Guez, Houellebecq, Guenassia

Paris, die Nacht von Jérémie Guez

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Kraftvoller Roman über einen jungen Pariser aus schwierigen Verhältnissen, der mit seinen Kumpels das große Ding drehen möchte, sich dabei mit den Falschen anlegt und in einem Strudel aus Gewalt und Drogen versinkt.

Stellenweise schon etwas zu spärlich beschrieben, wenn sich der Student z. B. nach der ersten Dosis Heroin übergibt, möchte ich schon wissen, ob er auf den Teppich kotzt, oder es bis zum Waschbecken schafft. Ansonsten aber sehr lesenswerter und schonungsloser Blick auf die eher unschönen Seiten der französischen Hauptstadt.

Im Nachwort gibt es noch einen sehr interessanten Essay von Thekla Dannenberg über die Entwicklung des französischen Kriminalromans. Auch wenn ich Paris, die Nacht dort nicht einordnen würde.

P.S. von der Länge her eher eine Novelle

Elementarteilchen von Michel Houellebecq

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Sehr gut gefällt mir, wie Houellebecq naturwissenschaftliche und soziologische Theorien und Erkenntnisse in die Handlung mit einflechtet. Auf den ersten 100 Seiten liest sich das in Kombination mit den Jungendbiografien der beiden Hauptfiguren sehr gut, aber so ab Seite 150 ging mir der ewig lüstern-frustrierte Bruno mit seinen pädophilen Neigungen und seiner Frauenverachtung nur noch auf den Sack (um mich mal seiner Sprache anzupassen). Auf den letzten 100 Seiten wird es dann wieder besser, wenn die beiden Protagonisten ernsthafte Beziehungen eingehen, ein wenig Menschlichkeit an den Tag legen und es etwas dramatischer und trauriger wird. Die bewusst plump und leidenschaftslos geschilderten expliziten Sexszenen haben mich ebenso wenig gestört wie die Distanziertheit des Erzählers.

Ein insgesamt sehr interessant konzipierter Abgesang auf den modernen westlichen, zivilisationsmüden Mann, mit einigen langweiligen und nervigen Passagen, der sich durch seinen philosophischen Überbau aber deutlich aus der Masse hervorhebt. Ein Buch über Menschen, mit denen man im echten Leben keine Zeit verbringen möchte.

Etwas verwundert bin ich allerdings darüber, dass sich hier in der dritten Auflage von 2015 immer noch die alte deutsche Rechtschreibung (und vereinzelte Tippfehler) finden. Eine bewusste Entscheidung des Verlags? Oder war man nur zu faul, sie anzupassen? Die „Optimisten“ sind übrigens auch (2012!) in alter deutscher Rechtschreibung erschienen.

Der Club der unverbesserlichen Optimisten von Jean-Michel Guenassia

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Was für ein großartiger Roman. Ich-Erzähler Michel erlebt zu Beginn der 60er Jahre in Paris nicht nur große Freundschaften, die erste Liebe, familiäre Tragödien und das Erwachsenwerden, nein, er freundet sich in seiner Stammkneipe, wo er der King am Kickertisch ist, auch mit dem Club der unverbesserlichen Optimisten an. Dabei handelt es sich vor allem um Flüchtlinge aus den Ostblockstaaten, die einst als Piloten und Ärzte arbeiteten, sich jetzt aber als Taxifahrer durchschlagen müssen, und ihre Freizeit beim gemeinsamen Schachspiel verbringen, sich aber auch gegenseitig unter die Arme greifen. Darüber hinaus schauen auch schon mal Jean-Paul Satre oder Joseph Kessel im Club vorbei.

Obwohl das Buch fast 700 Seiten hat, ist es unglaublich, was Guenassia hier alles thematisch unterbringt, ohne das es fehl am Platze oder zu aufgebläht wirkt. Und das alles verbindet er zu einer kunstvollen, dramatischen und tragischen Erzählung, die trotz all der Schattenseiten unheimlich viel Spaß macht. Ein sehr gelungener und großer Roman, wie man ihn nicht alle Tage liest. Genau solche Bücher liebe ich, und verschlinge sie mit großer Leidenschaft. Übersetzt von Eva Moldenhauer.

Hätte eigentlich eine viel ausführlichere Besprechung verdient, aber ich bleibe meiner Linie treu, in diesem Jahr nur Bücher von Frauen ausgiebig zu rezensieren. Gerade lese ich Das Lächeln meiner Mutter von Delphine de Vigane, das nach 60 Seiten auch schon begeistert. Rezi folgt.

Meine Lektüre März 2016

13. Paul Auster – Mond über Manhattan
14. Alex Marshall – A Crown for Cold Silver
15. James Tiptree Jr. – Doktor Ain
16. Will Adams – Das Gottesgrab

Paul Auster – Mond über Manhattan (Reread)

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Siehe hier.

Alex Marshall – A Crown for Cold Silver

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Sprachlich ausgezeichnet geschriebener Fantasyroman, der immer wieder mit den Genreerwartungen spielt und sie gegen die Wand fährt. Die alternde Heldin erinnert ein wenig an Gemmels Druss (wenn auch nicht ganz so alt). Hat mir gut gefallen, aber etwas hat gefehlt, um mich vollends zu begeistern. Leider kann ich nicht genau benennen, was, aber es ist wohl vor allem eine Geschmacksfrage. Trotzdem eine volle Leseempfehlung für diesen originellen Fantasyroman, in dem Marshall völlig beiläufig eine Welt beschreibt, in der Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt sind und auch wie selbstverständlich das eigene Geschlecht ehelichen.

James Tiptree Jr. – Doktor Ain

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Die frühen Science-Fiction-Kurzgeschichten von Tiptree, die schon einmal andeuten, wohin die Reise noch gehen wird. Herrlich durchgeknallter Humor und teils radikale Ideen, die man vor allem im Kontext ihrer Zeit sehen sollte. Es sind auch ein paar Geschichten dabei, die mir überhaupt nicht gefallen haben, aber bei einer solchen Kurzgeschichtensammlung kann nicht jeder Schuss ein Treffer sein. Doktor Ain ist chronologisch gesehen, der erste Teil der wunderbar aufgemachten und hervorragend übersetzten Gesamtausgabe des Septime Verlags. Ich bin etwas spät dran, werde die Reihe aber auf jeden Fall weiterlesen.

Will Adams – Das Gottesgrab

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Eigentlich sind solche Archäologiethriller á la Steve Berry und Dan Brown genau mein Ding, und das Gottesgrab enthält auch alle notwendigen Zutaten, mit seiner in Ägypten spielenden Handlung, in der nach dem Grab von Alexander dem Großen gesucht wird, aber irgendwie stimmt die Mischung nicht. Erfrischenderweise ist der Held Daniel Knox kein Superagent wie man ihn z. B. bei Berry oder Clive Cussler hat, aber er kann noch so häufig auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen werden, teils mit harten Waffen, es hat keine Auswirkungen. Kurz darauf scherzt er wieder rum, als wäre nichts gewesen. Es gibt auch zu viele POV-Figuren, die zu viel Platz bzw. Zeit erhalten, was von den beiden im Klappentext erwähnten Hauptfiguren ablenkt und dem Leser nicht erlaubt, sich mit ihnen zu identifizieren und/oder mit ihnen mitzufiebern. Sie sind nur zwei unter vielen. Richtig Spannung wollte bei mir auch nicht aufkommen. Adams streut zwar immer wieder historische Texte und archäologische Fakten mit ein, aber die bleiben nur Staffage, anders als bei Dan Brown kann man hier nicht wirklich mitfiebern. Statt einer packenden Schnitzeljagd fahre die Figuren hier von A nach B und wieder zurück nach A, lesen mal was, schauen sich ein paar Artefakte an, bekommen eins über die Rübe gezogen und schon geht es weiter. Dabei bietet die Geschichte Alexander des Großen und den Verbindungen von Makedonien nach Ägypten eigentlich spannenden Geschichtsstoff. Aber diese ganze Geschichte mit den bösen Unternehmern, die das alles für den makedonischen Freiheitskampf tun, wirkt zu konstruiert und aufgesetzt. Die ultrakurzen Kapitel, die teilweise nur über eine halbe Seite gehen, bis schon hektisch zur nächsten Figur geschnitten wird, tragen ihr übriges zur inkonsistenten und holprigen Handlung bei. Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, da ich mir hier Abenteuer á la Indiana Jones erhofft hatte, aber erhalten habe ich nur halbgares, holpriges Stückwerk, das eher an die Serie Relic Hunter erinnert.

 

Meine Lektüre Februar 2016

7. Frank Herbert – Der Wüstenplanet
8. Frank Hebben – Der Algorithmus des Meeres
9. Andre Marx – Die drei Fragezeichen: Insel des Vergessens
10. Kai Ashante Wilson – The Sorcerer of the Wildeeps
11. Bov Bjerg – Auerhaus
12. Paul S. Kemp – The Hammer and Blade

Frank Herbert – Der Wüstenplanet

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Jakob Schmidts grandiose Neuübersetzung dieses großen und zeitlosen Klassikers der SF-Literatur, der wahrlich nichts an Aktualität eingebüßt hat. Die Geschichte um Paul Muad’dib und den Wüstenplaneten Arrakis dürfte den Meisten (auch durch die Verfilmungen) bekannt sein. Es lohnt sich übrigens, mindestens auch die nächsten beiden Bände der Reihe zu lesen, da Paul dort eingehend und selbstkritisch über seinen Heldenmythos reflektiert und daraus seine Konsequenzen zieht.

Frank Hebben – Der Algorithmus des Meeres

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Sprachlich meisterhafte Novelle mit einem melancholischen Endzeitszenario, in dem einige verlorene Seelen in einer Wohngemeinschaft in einem ehemaligen Strandhotel die letzten Tage verbringen. Oder steckt doch mehr dahinter? Deutschsprachige Science Fiction, die ihresgleichen sucht. Großes Lob an den Begedia Verlag, zu veröffentlichen, was man bei den großen Publikumsverlagen vergeblich sucht. Und dann auch noch in einer so toll gestalteten Ausgabe. Ein Beweis dafür, dass es (auch sprachlich) anspruchsvolle Science Fiction aus Deutschland jenseits von Dietmar Dath gibt.
Ralf Steinberg hat das Buch auf für den Fantasyguide ausführlich besprochen: Und auch Josefons lobt das Werk in der SF-Rundschau in höchsten Tönen:

Andre Marx – Die drei Fragezeichen: Insel des Vergessens

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Ben Pack is back (Peters Opa aus Der unsichtbare Gegner, eine meiner Lieblingsfolgen). Na ja, genau genommen ist er verschwunden, aus dem Altenheim, obwohl er doch in seinem Haus sein sollte, wo er einst einen hundsgemeinen Nachbarn namens Ed Schnabel hatte. Und dann überfällt er auch noch eine Bank. Wie man sieht, haben die drei Detektive einiges zu tun, und sie tun es, auf die von Andre Marx unvergleichlich geschriebene Art, die dafür sorgt, dass ich trotz sonnleitnerchen und lektoralen Totalausfälle zumindest einem Autor der Reihe die Treue halte.

Kai Ashante Wilson – The Sorcerer of the Wildeeps

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Sprachlich außergewöhnliche Fantasy, vor einem afrikanisch anmutenden Hintergrund, in dem die Söldner wie dem Ghetto von The Wire entsprungen reden, während sich der Erzähler einer sprachgewaltigen, anspruchsvollen Sprache mit vielen altmodischen Begriffen aus dem Englischen bedient. Sehr ungewöhnliche Fantasy, die man aufgrund der sprachlichen Finesse des Autors nicht entgehen lassen sollte, auch wenn es manchmal anstrengend zu lesen ist.

Bov Bjerg – Auerhaus

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Roman über eine Jugend in der deutschen Provinz, im Stile von Sven Regener (Neue Vahr Süd), Frank Goosen (Liegen Lernen) oder Jan Brandt (Gegen die Welt), über eine Gruppe von Außenseitern, die sich in der Abiturphase in einer WG (dem Auerhaus) zusammentun und versuchen, sich gegenseitig gegen die Widrigkeiten des Erwachsenwerdens zu unterstützen. Was teilweise allerdings in die Hose geht. Sprachlich wie auch inhaltlich sehr entschlackt, prägnant und ohne unnötigen Ballast, aber auch nicht ganz so reichhaltig und mitreißend wie die oben genannten Werke.

Paul S. Kemp – The Hammer and Blade

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Sword and Sorcery über zwei sympathischen Halunken, die an Fafhrd und den grauen Mausling erinnern, gerne antike Gräber mit bösen Dämonen ausrauben und ständig in Schwierigkeiten geraten. Man merkt dem Buch vor allem Hinblick auf die Magie und die Dämonen an, dass Paul S. Kemp als Autor zuvor hauptsächlich in den Forgotten Realms unterwegs war. Seichte aber durchaus unterhaltsame Fantasy, die zwischendurch aber etwas arg langatmig und dünn geraten ist. Nach einem spannenden Anfang mit atmosphärisch dichten und lebendigen Beschreibungen der Stadt und ihres Armenviertels versandet die Handlung ein wenig in der von langweiligen Monstern bevölkerten Einöde, glücklicherweise halten die beiden Helden den Leser mit ihrem losen Mundwerk bei der Stange.

Meine Lektüre Januar 2016

Januar

1. Lemmy Kilmister – White Line Fever – Autobiography
2. Paul Toutonghi – Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war
3. Ben Aaranovitch – Ein Wispern unter der Baker Street
4. Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so
5. Allan Moore, Jacon Burrows – Providence 1-4
6. Amitav Ghosh – Der Glaspalast

Lemmy Kilmister – White Line Fever – Autobiography

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Lemmys Memoiren im schnodderig unterhaltsamen Tonfall, den man aus seinen Interviews kennt. Sehr witzig, teils nachdenklich, aber insgesamt doch recht oberflächlich. Bei der Schilderung seiner Kindheit erfährt man noch ein wenig über seine Familie und sein Privatleben, aber sobald er der ersten Band beigetreten ist, geht es fast nur noch um Musik. Das ist zwar stets unterhaltsam, aber man erhält z. B. keinerlei Informationen über seine Großmutter und seine Mutter ab dieser Zeit, was aus ihnen geworden ist, und was sie von Lemmys Karriere gehalten haben. In großen Teilen ist es die Autobiografie von Motörhead, weniger vom Menschen Lemmy abseits der Musik. War für mich trotzdem ein echter Pageturner.

Paul Toutonghi – Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war

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Skurrile Geschichte eines amerikanischen Teenagers mit ukrainischen Eltern, die ihm mit ihren Marotten das Leben schwer machen. Sehr humorvoll, aber mit ernsten und durchaus auch politischen Untertönen. Heißt im Original nicht umsonst Red Weather, was man in der deutschen Fassung doch recht „frei“ übersetzt hat. Ein Lesetipp, den mir Frank Böhmert in Bezug auf Literatur zu Außenseitern und Underdogs gegeben hat. Besten Dank, hat sich gelohnt.

Ben Aaranovitch – Ein Wispern unter der Baker Street

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Dritter Teil der urkomischen Urban-Fantasy-Reihe um den Londoner Police Constable Peter Grant, der im Vergleich zu den beiden Vorgängern als erfrischend unaufgeregter, ruhiger Krimi daherkommt.

Taiye Selasi – Diese Dinge geschehen nicht einfach so

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Komplexes ghanaisch-nigereanisch-amerikanisches Familiendrama, das in zunächst verwirrender Chronologie mehrere Jahrzehnte behandelt, und die düsteren Geheimnisse erst Stück für Stück ans Licht bringt. Stellenweise grandios zu lesen, stellenweise sehr anstrengend, aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Lektüre. Auch hier hat man sich wieder einen sehr merkwürdigen deutschen Titel ausgedacht. Im Original heißt das Buch Ghana Must Go, was auf die Vertreibung der ghanaischen Minderheit in Nigeria im Jahr 1987 anspielt.

Allan Moore, Jacon Burrows – Providence 1-4 (Comic)

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Stimmungsvolle Geschichte mit atmosphärisch dichten Zeichnungen, die weniger eine Dekonstruktion des Horrorgenres ist, als eine Hommage an die Werke von H. P. Lovecraft und Robert W. Chambers. Obwohl die Geschichte deutlich mehr Ebenen und Themen als die Vorbilder besitzt, kann ich ein Watchmen des Horrors bisher nicht erkennen, was den Spaß an der Lektüre aber nicht mindert, auch wenn die langen Textpassagen stellenweise etwas anstrengend zu lesen sind.
Amitav Ghosh – Der Glaspalast

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Opulentes, episches Meisterwerk, das die Geschichte Burmas vom Sturz des letzten Königs bis zur Militärdiktatur in den 90ern anhand einer tragischen Familiengeschichte erzählt. Eine ausführliche Rezension folgt noch.

Meine Lektüre November 2015

November
59. Walter Moers – Das kleine Arschloch kehrt zurück
60. Niq Mhlongo – Dog Eat Dog
61. Ian McEwan – Honig
62. Joey Goebel – The Anomalies

Dieses Mal fasse ich mich kurz, da ich momentan mit ganz anderen Ideen und Texten beschäftigt bin.

Walter Moers – Das kleine Arschloch kehrt zurück

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Genauso witzig und hintersinnig wie der erste Band. Hat auch nach mehr als 20 Jahren nichts an Aktualität und Brisanz verloren.

Niq Mhlongo – Dog Eat Dog

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Das junge Südafrika kurz nach Ende der Apartheid. Hier geht es zu meiner Besprechung. Click here for my English review.

Ian McEwan – Honig

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Clever konstruierte und stilistisch wie immer herausragend verfasste Geschichte (in toller Übersetzung von Werner Schmitz), um eine junge Frau im London der 70er Jahre, die beim MI5 anfängt und Schriftsteller requirieren und fördern soll, die Bücher mit antikommunistischen Tendenzen verfassen.

Joey Goebel – The Anomalies

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Eine Gruppe von völlig unterschiedlichen Außenseitern findet auf ungewöhnlichem Wege zusammen und gründet eine Band. Punktet mit beißendem Witz und ständig wechselnden Erzählperspektiven. Ausgezeichnetes Debüt eines vielversprechenden Autors.

Meine Lektüre September 2015

45. Aliette der Bodard – House of Shattered Wings
46. Terry Brooks – The Elfstones of Shannara
47. Brian K. Vaughan, Fiona Staples – Saga 1 (Comic)
48. Jo Walton – Die Stunde der Rotkelchen
49. Nancy Jane Moore – The Weave
50. Luisa Binder – Eigentlich sind wir nicht so
51. Keigo Higashino – Heilige Mörderin

Aliette der Bodard – House of Shattered Wings

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Da ihre Kurzgeschichten mit zu dem Besten gehören, was ich in der letzten Zeit gelesen habe, gab es in diesem Jahr kaum einen Roman,  auf den ich mich untern den Neuerscheinungen 2015 mehr gefreut. Das Setting um gefallene Engel, die sich in Häusern organisiert (Adelshäusern gleich) im postapokalyptischen Paris nach dem 1. Weltkrieg einen Intrigenreigen liefern, wirkt zunächst recht interessant, stellt sich aber leider als ziemlich langweilig raus. Zumindest ging es mir beim Lesen so. Das Buch ist durchaus gut geschrieben (und sprachlich interessant), aber die Story (die fast komplett im House Silverspires spielt) hat sich für mich wie Kaugummi hingezogen. Die zahlreichen begeisterten Kritiken in den üblichen Genrepublikationen kann ich deshalb nicht so ganz nachvollziehen. Der Weltenbau weist durchaus interessante Ansätze auf, wie die Verbindung der christlichen Engelsmythologie mit spirituellen asiatischen Welten mit magischen Wesen, konnte mich aber gerade in Bezug auf die gefallenen Engel nicht überzeugen.

Terry Brooks – The Elfstones of Shannara

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Die klassische epische Fantasy begann mit einer Kopie. Das Schwert von Shannara habe ich als dreisten Tolkien-Abklatsch in Erinnerung, der aber ganz ordentlich geschrieben ist. Mit dem 50 Jahre später spielenden Folgeband um die Elfensteine von Shannara – den man ganz unabhängig und eigenständig lesen kann – löst sich Brooks von seinem großen Vorbild und erschafft eine toll geschriebene, fantasievolle, spannende und ergreifende Geschichte, mit der er den Grundstein für den Erfolg der epischen Fantasy der 80er Jahre legte. Läuft im Januar übrigens als Serie auf MTV an; der Trailer sieht gar nicht so schlecht aus.

Brian K. Vaughan, Fiona Staples – Saga 1 (Comic)

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Toller Science-Fantasy-Comic, mit erfrischend frechen Hauptfiguren, durchgeknallten Ideen und einer interessanten Story, bei der man aber noch nicht so recht weiß, worauf sie hinaus will. Ist allerdings nichts für prüde Gemüter. Was Zeichnungen angeht, bin ich wahrlich kein Experte, aber während ich die Figuren toll gezeichnet finde, hätten die Hintergründe ruhig etwas üppiger ausfallen können. Macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

Jo Walton – Die Stunde der Rotkelchen

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Atemberaubend gut geschriebener Alternativweltkrimi, der in einem England spielt, das vor 8 Jahren (also 1941) Frieden mit dem Deutschen Reich geschlossen hat. Nun wird einer dieser Friedensvertragabschließer während eines Partywochenendes der feinen Gesellschaft auf einem Landsitz ermordet, und keiner will es gewesen sein. Wachsender Antisemitismus, Homosexualität als Verbrechen, eine schleichende Entdemokratisierung der Gesellschaft, die Not der Juden auf dem Kontinent – Jo Walton packt ganz schön viele Themen in diesen klassischen Whodunit-Krimi im Stile Agatha Christies. Und das macht sie meisterhaft. Der zunächst gemächlich anlaufende Plot um die Ermittlungen entwickelt sich gegen Ende in ein hochdramatisches und spannendes Finale, das auf die gerade erschienene Fortsetzung Der Tag der Lerche neugierig macht. Besonders loben möchte ich an dieser Stelle die Übersetzung von Nora Lachmann, die sich so wunderbar elegant liest, wie ich es selten erlebe. Was für ein wunderbarer Stil!

Nancy Jane Moore – The Weave

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Gut geschriebener Erstkontaktroman über eine wissenschaftlich/militärische Expedition, die auf einem fernen Planeten auf ein Volk stößt, das ausschließlich telephatisch in Bildern kommuniziert, was zu einigen Verständigungsproblemen führt. Ganz zu schweigen davon, dass das Militär den mit angeblich primitiven Wilden besiedelten Planeten in bester kolonialer Tradition ausbeuten möchte, was dazu führt, dass es in der insgesamt eher ruhigen Handlung noch so richtig kracht. Hat mir sehr gut gefallen. Ein wenig musste ich an etwas ältere SF wie Poul Andersons Planetenwanderer denken, aber auf dem neuesten Stand der Technik. Ich hoffe sehr, dass der Roman einen deutschen Verlag finden wird.

Luisa Binder – Eigentlich sind wir nicht so

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Ein kauziger Familienroman heißt es auf dem Titelbild. Dass es um eine Studentin geht, die nach dem Studium der nutzlosen Künste (Geisteswissenschaften) aus der Großstadt wieder zu ihren Eltern aufs Dorf zieht, kommt mir doch sehr bekannt vor. Dass sie auch als Erwachsene (was immer das heißen soll) noch gerne „Die drei Fragezeichen“-Hörspiele hört, gibt bei mir direkt Sympathiepunkte. Aber so nach Hundert Seiten ist dieser Bonus verbraucht, wenn sich das Buch dann als doch zu seichte Familienklammmotte entpuppt, die gut ins Vorabendprogramm der ARD passen würde (direkt vor Klinik unter Palmen oder so). Der Schreibstil ist mir auf Dauer doch etwas zu simpel und glanzlos ausgefallen und die Handlung sehr schnell sehr vorhersehbar und zu bemüht auf Situationskomik getrimmt. Ich bin mir aber sicher, dass das jetzt auch nicht schlecht geschriebene Buch durchaus sein Publikum findet, aber ich gehöre nicht dazu und greife lieber wieder zu Kathrin Scholes oder Anna McPartlin.

Keigo Higashino – Heilige Mörderin

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Wieder mal ein sehr cleverer Krimi des japanischen Autors, mit einer Auflösung, die man so sicher nicht erahnt hätte. Sehr erfrischend ist, dass es sich um einen reinen Ermittlungsroman handelt, in dem es nicht eine einzige Actionszene gibt, es spritzt kein Blut und bis auf den einen Giftmord, über den alle rätseln, wird auch nicht weiter gemeuchelt. Trotzdem ein sehr spannendes Buch.

Meine Lektüre Juli/August 2015

Juli
37. Joe R. Lansdale – Blutiges Echo
38. Preston/Child – Attack
39. André Marx – Die drei Fragezeichen und das versunkene Schiff
40. Don Winslow – Das Kartell
41. Ramez Naam – Nexus
42. Jonathan Strahan (Hrsg.) – Best SF and F of the Year

August
43. Nicole Krauss – Die Geschichte der Liebe
44. Peter Hessler – Orakelknochen

Juli

Joe R. Lansdale – Blutiges Echo

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Dem schluffigen Studenten in dieser Geschichte ergeht es ebenso wie der jungen Frau in meiner Juni-Lektüre Ich sehe was, was niemand sieht: Er hat Visionen, geht aber nicht zum Arzt – das heißt, seine Eltern waren durchaus mit ihm beim Arzt, der im aber nicht glaubt. Also hat er sich mit seinem Leiden arrangiert und meidet Orte, an denen Böses geschehen ist, da er, wenn er sich an solchen befindet, ausgelöst durch Geräusche, Gerüche oder sonst was, die Verbrechen sieht, die dort stattgefunden haben. Dabei folgt er der allgemein gebräuchlichen Vermeidungsstrategie, in dem er sich in den Suff stürzt. Auf einer seiner Sauftouren lernt er einen alternden ehemaligen Kampfsportlehrer kennen, der ebenso dem Suff zugetan ist, die ganze Lage aber etwas entspannter und reflektierter sieht. Man tut sich zusammen und versucht ein altes Verbrechen aufzuklären, wobei man sich nicht nur mit bösen Kerlen anlegt, sondern auch mit der Polizei.

Wieder einmal ein lesenswerter Südstaatenroman von Lansdale, um einen jungen Mann, der einige Hindernisse überwinden muss, um im Leben auf die richtige Bahn zu geraten. Spannend, stimmungsvoll und unterhaltsam. Vielleicht nicht sein bester Roman (da zähle ich eher Kahlschlag und Ein feiner dunkler Riss zu), aber ein guter, in ausgezeichneter Übersetzung von Heide Franck.

Douglas Preston und Lincoln Child – Attack

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Der neue Pendergast. Der erste, nach der Trilogie um seine Frau Helen, die im letzten Band leider etwas arg absurde Züge angenommen hat. Eine Entwicklung, die für die Pendergast-Reihe leider symptomatisch ist. Um so erfrischender ist das relativ bodenständig geraten Attack, in dem es Pendergasts Schützling Corrie in eine zugeschneite Bergstadt in Colorado verschlägt, wo sie mit ihren Ermittlungen – die eigentlich nur als Studiumsprojekt gedacht waren – in ein Wespennest stößt. Die Verwicklungen gehen bis zu einem USA-Besuch von Oscar Wilde und einem Treffen mit Arthur Conan Doyle zurück, was zu einer netten Hommage an Sherlock Holmes führt. Für mich der beste Pendergast seit vielen Bänden.

Auf dem Cover der deutschen Fassung prangt aus mir unerklärlichen Gründen eine Wespe. Das Buch spielt in den verschneiten Bergen Colorados bei Minus 10 Grad. Im gesamten Buch kommt nicht eine einzige Wespe vor!

André Marx – Die drei Fragezeichen und das versunkene Schiff

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Der erste Drei-Fragzeichen-Roman von André Marx, der aber dann für viele Jahre in der Schublade verschwand. Liest sich ganz nett, aber leider führt der Titel etwas in die Irre und weckt falsche Erwartungen.

Don Winslow – Das Kartell

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Überragende Fortsetzung seines Meisterwerks Tage der Toten und die Fortführung des Duells zwischen dem Drogenfahnder Max Keller und dem mexikanischen Drogenbaron Adan Barrera (der stellvertretend für den echten El Chapo steht). Noch düsterer, noch brutaler, noch näher an der grausamen Wirklichkeit dran, als der Vorgänger – eine deprimierende Dystopie über einen gescheiterten Staat, die schon längst Realität geworden ist.

Ramez Naam – Nexus

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Recht spannender SF-Roman über eine Droge, die das Gehirn zum Computer werden lässt. Beginnt relativ langsam mit einigen tollen Ideen, artet im letzten Drittel aber zu sehr in ein sinnloses und brutales Actionspektakel aus, bei dem die ursprüngliche Idee zu sehr in den Hintergrund rückt. Trotzdem sehr lesenwert.

Jonathan Strahan (Hrsg.) – Best SF and F of the Year

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Dazu gibt es im SF-Netzwerk einen Lesezirkel, in dem ich mich zu den einzelnen Geschichten geäußert habe. Insgesamt eine gute Sammlung, in der mir aber die wirklich visionären Geschichten fehlen. Handwerklich sind alle ausgezeichnet, inhaltlich und sprachlich gibt es einige Highlights, aber nichts, was mich so richtig aus den Socken gehauen hat.

August

Nicole Krauss – Die Geschichte der Liebe

Krauss

Schafft es unter den 46 Büchern, die ich in diesem Jahr bisher gelesen habe locker in die Top 2 (das andere Buch ist Die Unvollendete von Kate Atkins). Krauss hat eine wunderbar kauzige und komplexe Geschichte um den höchst sympathischen Kauz Leon Gursky geschrieben, den ich bereits auf der ersten Seite mit Begeisterung und viel Gelächter ins Herz geschlossen habe. Die Geschichte ist ziemlich verschachtelt und spielt zeitlich auf verschiedenen Ebenen, bei denen fast bis zum Schluss nicht klar ist, wie sie miteinander zusammenhängen. Aber am Ende fügt sich alles stimmig zusammen. Ein sprachlich und erzählerisch herausragendes Meisterwerk in exzellenter Übersetzung von Grete Osterwald.
Peter Hessler – Orakelknochen

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Dazu gibt es hier im Blog eine Besprechung.

Fantasy-Filmfest-Retrospektive: 2010

Anlässlich des aktuelle Fantasy Filmfest starte ich hier mal eine Retrospektive und veröffentliche meine Kurzkritiken aus vergangenen Jahrgängen. Da die meisten noch aus Zeiten stammen, bevor ich einen Blog angefangen habe, stammen sie hauptsächlich aus dem Forum von SF-Fan.de. Den Anfang macht der ausgezeichnete Jahrgang 2010. Hier auch der Link zum entsprechenden Forenthread. Gerade in diesem Jahr gab es dort auch eine lebhafte und sehr interessante Diskussion über die Filme.

Genauere Informationen zu den Filmen gibt es im FantasyFilmfest-Archiv.

Mir ist aufgefallen, dass die Kritiken der letzten Jahre deutlich unterhaltsamer und besser ausgefallen sind, als meine Besprechungen aus diesem Jahr. Liegt vermutlich daran, dass ich sie in den vergangenen Jahren gleich in der Nacht nach Sichtung der Filme oder direkt am nächsten Tag geschrieben habe, als die Eindrücke noch frisch waren. Dieses Jahr (2015) habe ich erst alle 16 Filme gesehen, bevor ich die Kritiken dann, zurück in der Heimat, runtergeschrieben habe.

Wer wissen will, wie sich ein langjähriger Besuch des Fantasy Filmfest auswirken kann, sollte die Kritik zu The Ape weiter unten lesen. 😉

Ich wohne dieses Jahr zum ersten Mal direkt in einer Festivalstadt (Berlin). Bisher musste ich immer eine Stunde mit dem Auto nach Köln oder Frankfurt fahren. Da hat vor allem die Rückfahrt nach der »Midnight Madness« keinen Spaß mehr gemacht. Leider habe ich es versäumt, mir rechtzeitig eine Dauerkarte zu kaufen. Mal sehen ob ich meinen eigenen Rekord von 21 Filmen brechen werde. Die meisten Filme sind inzwischen online, aber ich werde mir die Auswahl erst anschauen, wenn alle dabei sind. Auf den Streifen mit dem psychopathischen Autoreifen bin ich aber schon gespannt. 😀

Tag 1

Bevor es mit dem FFF losging, habe ich mich mit Inception auf das Festival eingestimmt. Ich bezweifle, dass ein Festivalbeitrag an dieses herausragende Kinoerlebnis heranreichen wird, aber egal, es wird sicher genug Spaß dabei sein.

The Pack oder was Hans Maulwurf in Frankreich treibt.

Auf meiner Liste mit 20 Filmen, die ich interessant finde, steht The Pack an letzter Stelle, und auch nur, weil es der Eröffnungsfilm ist, sonst wäre ich nie reingegangen. Trailer und Programmbeschreibung waren einfach zu lahm und entsprechen leider vollkommen dem Film. Es handelt sich dabei um einen lahmen und einfallslosen Backwoodslasher, den einzig seine bedrohliche Atmosphäre (die ein wenig an Calvaire erinnert) davor bewahrt, eine Gurke zu werden. Handwerklich ist er gut gemacht, dramaturgisch leider ein Rohrkrepierer.
Die Story: Eine junge wilde Dame landet erst in einer Hinterwäldlerspelunke, dann im Käfig und auf dem Speiseplan. Eigentlich wie bei Frontiers, nur ohne dessen Brutalität. Die Bösewichte sehen aus wie eine Freakversion der Blue Man Group.

5/10 ersten Dates (für einen Eröffnungsfilm definitiv zu wenig)

Eigentlich sollte der Regisseur anwesend sein, fehlte aber, weil er in Paris mit abgelaufenem Pass am Flughafen stand. Nun, das kann durchaus vorkommen, mein Ausweis läuft auch demnächst ab, und ich muss wir was einfallen lassen, um in dieser Zeit mit Ryanair zurück nach Berlin fliegen zu können.

Solomon Kane oder Wacken 1600

Der Film war ein unterhaltsames ästhetisches Kontrastprogramm zur Tudors-Doppelfolge auf Arte: Match, Dreck, hässliche Kerle, viel Action, viel Blut, eine 08/15 Story (Held rettet holde Jungfrau vor bösem Zauberer), und ein Kane der nicht so ganz der Figur von Howard entspricht. Das Setdesign ist sehr stimmungsvoll, die Kostüme gelungen (sofern ich das unter all dem Matsch erkennen konnte) und die Effekte sind gut. Ein Haudrauf-Action-Schinken, der nur sehr wenige Längen hat, bei dem man das Gehirn abschalten kann und dem es insgesamt gelingt zu unterhalten. Auch wenn er stellenweise ein wenig zu pathetisch inszeniert ist.

7/10 Kreuzen (bitte in einer Reihe aufstellen und jeder nur ein Kreuz)

Nach Inception ist es übrigens der zweite Film an diesem Tag, in dem Pete Postlethwaite stirbt. Was sich leider als prophetisch erweisen sollte, da dieser tolle Schauspieler kurz darauf wirklich gestorben ist.

 

Das Cinemaxx ist von den FFF Kinos, die ich kenne, (Frankfurt und Köln) das schlechteste, mit der geringsten Atmosphäre. Es hatten übrigens nicht nur Filme Premiere, sondern auch die renovierte Toilette; was kräftig in die Hose ging, da die Klinke der Herrentoilette bei geschlossener Tür abbrach und niemand rein oder raus kam. Ich hatte mich, aufgrund des Andrangs, zum Glück kurz zuvor entschieden, in den Keller aufs Klo zu gehen. Puh Glück gehabt.
In Köln wurde das Festival letztes Jahr ein wenig gestört, weil die Kinderdarsteller aus Die Vorstadtkrokodile zur Filmpremiere kamen. Morgen wird es gestört, weil Angelina Jolie kommt (Deutschlandpremiere von Salt).
Zur Kinosituation schreibe ich mehr, wenn ich in beiden Kinos war und den nervigen Straßenseitenwechsel hinter mir habe.

Edit: Ich bitte meine Ortographie aufgrund der späten Stunde zu entschludigen.

Tag 2
Angelina Jolie habe ich nicht gesehen, dafür bin ich bis auf die Haut durchnässt worden.

14 Blades oder Der grimmige Donnie mit seiner fliegenden Wunderkiste

Der grimmige Donnie ist Donnie Yen, der letztes Jahr mit Ip-Man für Aufsehen sorgte. Die fliegende Wunderkiste ist seine Waffe. Eine Schwertkiste mit 16 Klingen und schlecht computeranimierten Zahnrädern, die immer dann erscheinen, wenn Donnie das Teufelsding, das von einem grausamen Daniel Düsentrieb konstruiert wurde, in Bewegung setzt. Die Story mit ihren Intrigen kann ich hier nicht wieder geben, da ich ihr genauso wenig folgen konnte, wie einigen der Kämpfe. Und das lag nicht an den Untertitel, die schneller über den Bildschirm flogen, als die unzähligen Pfeile. Von rechts nach links lesen ging nicht, man musste die Textzeilen immer gleich als Ganzes erfassen, woran ich mich aber schnell gewöhnt habe.

Im Prinzip läuft die Story so ab: Verschwörer klauen kaiserliches Sigel, getäuschter Supergeneral will es zurückbeschaffen, muss sich dabei mit einer Menge Schurken prügeln und beweist die Gefährlichkeit von angenagten Hühnerbeinen.

Die Kämpfe sind ganz ordentlich animiert und die Bilder sind teilweise richtig schön, einzig die, teils übertriebenen, Computeranimationen stören ein wenig und der asiatische Kitschlevel liegt ziemlich hoch. Insgesamt ein ganz ordentlicher Wuxia-Film mit tollen Kämpfern. Wobei der Film hauptsächlich von Donnie Yen getragen wird. An Meisterwerke wie Hero reicht 14 Blades bei weitem nicht ran und kann auch nicht mit den koreanischen Highlights der letzten Jahre mithalten, aber er unterhält. (Unterhaltsam ist ein Kriterium, das ich beim diesjährigen FFF häufig vorwende. Es soll heißen, auf dem FFF machen diese Filme Spaß, aber auf DVD würde ich sie mir nicht holen)

6/10 ausgewürgten Hühnerknochen

Centurio oder Warum man nicht auf sein Frühstück pinkeln sollte

Ganz Britannien ist von den Römern besetzt. Ganz Britannien? Nein, ein kleines Völkchen namens Pikten, leistet heftigen Widerstand, in der Gegend, die nördlich des späteren Hadrianwalls liegt. Centurion ist ein ziemlich primitiver Film. Im Prinzip ist es Doomsday, nur mit Römern, Pikten und Pferden. Ein echter Männer-Film, in dem Männer noch schwitzen, bluten, kämpfen, Schädel spalten und eben sterben wie echte Männer.
Eine Legion, angeführt von einem General, der eine echte Kampfsau ist (Dominic West, McNulty aus The Wire), zieht aus, die Pikten zu vermöbeln. Natürlich kommt es anders als geplant, die Legion wird massakriert und nur sechs Soldaten überleben. Weit hinter den feindlichen Linien, unbarmherzig gejagt, müssen sie sich durch die Wildnis schlagen. Verfolgt werden sie unter anderem von einer Frau (Olga Kurayenko), die kämpft, als wäre sie als Kind in den Zaubertrank gefallen.

Der Film hat beeindruckende Bilder zu bieten, ebenso wie spektakulär inszenierte Kämpfe, die für meinen Geschmack aber schon zu brutal sind, was von Neil Marshall allerdings nicht anders zu erwarten war und zum Festival passt. Dagegen sieht Gladiator wie ein Kindergeburtstag aus.
Primitiv, aber wie könnte es anders sein – unterhaltsam.

7 von 10 durchbohrten Augen

Den Bericht zu Monsters schreibe ich morgen. Da bin ich jetzt zu müde für. Kann aber schon verraten, dass der Film das erste Highlight des Festivals ist und mehr als nur unterhält.

Monsters oder Tentakelliebe

Vorweg: Monsters ist ein Roadmovie, bei dem die Aliengeschichte eher im Hintergrund steht.
Vor 6 Jahren ist eine Raumsonde mit Alienproben in New Mexico abgestürzt. Die Proben haben sich zu riesigen Ten2takelaliens entwickelt, die wie aus »Liebling, wir haben ein Riesen-Elefanten-Kraken-Baby wirken. Sie haben sich rasch ausgebreitet, und so wurde ein riesiger Streifen zwischen Mexiko und den USA zur infizierten Quarantänezone erklärt, und aus dem Grenzzaun wurde eine riesige Mauer.

Durch eben jene Zone müssen die beiden Hauptdarsteller reisen. Er ist ein Fotograf, der die Tochter seines Chefs sicher nach Hause eskortieren soll. Genau daraus entwickelt sich ein Roadmovie mit leisen Tönen, in dem die beiden Hauptdarsteller und ihre, sich entwickelnde, Beziehung im Vordergrund stehen. Dabei reisen sie durch ein zerstörtes Gebiet, das vor allem durch die Bomben des Militärs verwüstet wurde, und weniger durch die Aliens.

Monsters ist ein sehr schöner Film, der fast immer die richtigen Töne trifft. die Spezialeffekte sind so geschickt eingesetzt, dass man das niedrige Budget gar nicht bemerkt. Mit Actionkrachern wie District 9 oder Cloverfield hat der Film nicht viel gemein. Von Stimmung und Tempo erinnert er dann eher an Moon. Wobei der Film auch ganz ohne Aliens funktionieren würde. Der Film spielt sicher auch auf die Situation der illegalen Immigranten und den Grenzzaun an, rückt aber auch dies nie in den Vordergrund. Die Grundstimmung ist melancholisch, die Aliens sind nicht wirklich feindselig. Sie erinnern eher an Wale, die durch den Himmel streifen.

Im Kino war auch der Regisseur Gary Edwards, der im Anschluss einige Fragen zum Film beantwortet hat. Er kam sehr sympathisch und witzig rüber. Das Drehteam bestand aus den beiden Hauptdarstellern, dem Regisseur/Kameramann, dem Produzenten und einem Übersetzer. Zusammen sind sie in einem Van die Reise der Hauptfiguren abgefahren und haben vor Ort mit Laien gedreht, die sich dazu überreden ließen. Es gab keine Sets, die dekoriert wurden, man nahm alles so, wie es war auf. Sämtliche Spezialeffekte wurden im Nachhinein mit dem Computer ergänzt. Die Postproduktion fand übrigens in Berlin statt, wo die eindrucksvollen Soundeffekte entstanden.
Auf die Frage, was der Film gekostet habe, antwortete Edwards: »Ich weiß es nicht. Hat man mir nicht gesagt.«

Ich hätte nicht gedacht, dass aus einem Roadtrip mit zwei Schauspielern, einem Tonmann und einem Regisseur mit Kamera so ein eindrucksvoller Film entstehen kann. Die Bilder die Edwards gedreht hat, sind einfach wunderschön.
Hier gibt es die Q&A Session mit dem Regisseur als Videopodcast: http://www.f-lm.de/2010/08/19/infected-zone/
Und ein Fazit von Jörg Buttgereit und Jochen Werner: http://www.f-lm.de/2010/08/19/illegal-aliens/

Aktueller Nachtrag (2015): Für Regisseur Gareth Edwards war dieser Film der Sprung nach Hollywood. Inzwischen hat er einen ganz ansehnlichen Godzilla gedreht und wird einen der kommenden Star-Wars-Filme machen.

Little Big Soldier oder Ein Film gegen die Wehrpflicht

Heute gab es nur einen Film für mich. Dafür hat mich Ralf alias Lapismont begleitet. Vor Beginn des Films hat mich Ralf darüber informiert, dass er noch nie einen Jackie-Chan-Film gesehen hat. Uff. Das hat mich erst mal sprachlos zurückgelassen. Für mich war Jackie Chan genauso ein Held meiner Kindheit wie Bud Spencer, Terence Hill und Otto der Außerfriesische. Ralf meinte, die Trailer hätten ihn nie angesprochen. Na, das kann ja was werden, dachte ich.
Ich glaube Ralf hat von allen im Kino am lautesten gelacht. Bildungslücke behoben, Mission Accomplished.

Der Film spielt, kurz bevor Kaiser Quin die sieben Reiche zu dem Kaiserreich China vereint (siehe Hero: Alle Reiche unter einem Himmel). Jackie Chan versucht alles, um Kämpfe zu vermeiden, was gar nicht so einfach ist, wenn man Soldat ist. Doch der einfallsreiche kleine Soldat hat die Kampfvermeidung zur Kunst entwickelt. Nach einer Schlacht, in der um die 3000 Soldaten sterben, ist er der einzige Überlebende. Mit Ausnahme des gegnerischen Generals, den Jackie prompt als Geisel nimmt, in der Hoffnung, dass er als Belohnung aus der Armee entlassen wird. Mit dem widerspenstigen General im Schlepptau (im wahrsten Sinne des Wortes) stolpert er von einem Kampf in den nächsten.

Der Film bietet eine Menge Slapstickkomik, wie man sie aus Chans besten Zeiten kennt, wobei er aber dieses Mal nicht wirklich kämpft, sondern versucht es zu vermeiden, was aber zu ähnlich kuriosen und artistischen Einlagen führt. Der Film hat einige urkomische Szenen, ein gut aufgelegten Jackie Chan, ist niemals zu albern und hat auch einen ernsten Unterton. Nachdem Chan im letzten Jahr in einer ernsten Rolle im tragisch düsteren Drama Shinjuku Incident überzeugen konnte, überzeugt er dieses Jahr in einer fast gewohnten Rolle.

8 von 10 Fingern in der Wunde

Freitag lege ich eine FFF-Pause ein, bevor es am Samstag mit 4 Filmen weitergeht.

Der Samstag oder Vier Filme am Stück, inklusive Kinowechsel. Wie schafft man da eine Pinkelpause?

Stranded oder Langeweile im Sandkasten

Der Film ist so langweilig, dass ich nicht viele Worte darüber verlieren möchte.
Algerien in den 60er Jahren: Eine Gruppe französischer Soldaten soll einen Koffer in der Wüste finden, geraten an Rebellen, suchen Zuflucht in einem Dorf und bekommen es mit Djinns zu tun.
Diese Djinns sind die so ziemlich lahmsten Filmmonster, die mir je untergekommen sind. Sie machen nichts anderes, als auf allen Vieren rumzukrabbeln. Dabei manipulieren sie die Psyche ihrer Opfer.
Ich hatte einen Gruselschocker erwartet. Aber der Film versucht sich als psychologischer Horrorfilm, der an keiner Stelle funktioniert. Laaaaaangweilig.

4/10 Punkten (der Film war langweilig und nichtssagend, dass mir hier nichts Passendes einfällt)

The Wild Hunt oder Von der Gruppendynamik des Rollenspiels

Eine Gruppe Liveactionrollenspieler trifft sich in den Wäldern, um dort ein Wochenende mit Spiel, Spaß und Spannung zu verbringen. Während sein großer Bruder Björn sich dem Ganzen mit an Fanatismus grenzender Leidenschaft widmet, kann Erik mit dem Kram nichts anfangen. Fährt aber in die Wälder, um seine Freundin zurückzuholen, die sich bei LARPen dem Eskapismus hingibt. Was als spaßiges Rollenspielspektakel beginnt, gerät bald außer Kontrolle.
Ich bin ein wenig überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass der Film ein so hartes Sozialdrama ist. In der ersten Hälfte wird die Rollenspielgemeinschaft liebe- und humorvoll dargestellt. Dafür wurde ein aufwendiger Mittelalterset in den Bergen Kanadas geschaffen. In der zweiten Hälfte zeigt der Film, wie sich aus einem wilden Rollenspielabend eine aggressive Gruppendynamik entwickelt, die in einer Tragödie endet.
Der Rollenspielteil ist wirklich toll inszeniert. Aber Zuschauer, die davon keine Ahnung haben, können mit Film vermutlich nicht viel anfangen.
Mir hat er richtig gut gefallen. Der Film kommt mit einer emotionalen Wucht daher, die mich nach dem Trailer und der Programmbeschreibung wirklich überrascht hat.

8 von 10 entführten Prinzessinnen.

Tucker & Dale vs. Evil oder Communication Breakdown

Der Hit des Festivals. Der Film hat den Saal zum Toben gebracht. Der große Kinosaal im Sonycenter war in der Wiederholung komplett ausverkauft.
Tucker und Dale sind zwei freundliche aber schüchterne Hillbillys, die sich eine Ferienhütte am See gekauft haben, um dort in Ruhe entspannen zu können. Wenn da nur nicht die durchgeknallten Collegekids wären, die wie aus dem Nichts kommen, um sich auf Tucker und Dales Grundstück umzubringen.
Diese Collegekids haben offensichtlich zu viele Backwoodslasher gesehen und halten Tucker und Dale für Psychokiller. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und einiger Kommunikationsprobleme bringen sich die Kids versehentlich und auf äußerst blutige Weise selbst um. Wobei es so aussieht, als wären Tucker und Dale dafür verantwortlich.

Der Film hätte ziemlich albern werden können. Ist er aber nicht. Denn er hat ein gutes Drehbuch, eine solide Regie und zwei hervorragende Hauptdarsteller, die als Hillybillys eine Offenbarung sind. Aus Tucker und Dale sollte man unbedingt eine Serie machen. Die Situationskomik zwischen den Beiden ist zum urkomisch. Tyler Labine (Reaper) und Alan Tudyk (Firefly) liefern eine Mordsleistung, die den Film über alle andern Genrekomödien der letzten Jahre hebt. Für solche Filme wurde das Fantasyfilmfest erschaffen.

10/10 in Häcksler springende Collegboys (wobei es 2 Punkte Festivalbonus gibt. Das ist ein Partyfilm)

Black Death oder Bringt eure Toten raus
Mehr dazu morgen.

Wenn ich mir so die ganzen Reviews, unter anderem bei http://f3a.net/ , anschaue, sind mir wohl leider einige Highlights entgangen. Four Lions soll eine sehr witzige, heftige und bitterböse Selbstmordattentäter-Komödie sein. Auch Kaboom und The Loved Ones kamen fast durchweg gut an. Ebenso wie Two Eyes Staaring, der ein subtiler Gruselstreifen mit guten Plottwists sein soll. Schade, im Nachhinein hätte ich diese Filme gern gesehen. Ich hoffe, sie kommen bald auf DVD raus.

Black Death oder Bringt eure Toten raus

England, ich glaube es war 1348. Die Pest wütet und die Menschen sterben in Massen. Nur ein Dorf, das Abseits in den Marschen liegt bleibt bisher verschont. Da der Bischof Hexerei oder gar Nekromantie vermutet, schickt er einen Trupp harter Burschen, angeführt von Sean Bean, um der Sache auf den Grund zu gehen. Geführt werden sie von einen junge und verliebten Mönch. Mehr will ich gar nicht über den Inhalt verraten. Es kommt teils anders, als man denkt.

Von der Ausstattung und den Kämpfen erinnert der Film ein wenig an Centurion. Die Kämpfe sind ebenso brutal, aber viel seltener. Sean Bean, der aussieht wie Boromir, ist im Auftrag des Herrn unterwegs und lässt es richtig krachen. Im Gegenteil zu Centurion hat der Film eine gute Story und geht auch moralische und theologische Fragen an. Hätte ich von Regisseur Christopher Smith (Creep, Severance) gar nicht erwartet. Smith war auch anwesend und hat ein wenig von den Dreharbeiten in Ostdeutschland erzählt.

Mir hat der Film gut gefallen, auch wenn es keine wirklichen dramaturgischen Höhepunkte gibt. Die Handlung hat aber ein paar Überraschungen parat, mit denen ich nicht gerechnet habe. Ein schön gemachter Mittelalterfilm, der weitaus realistischer daherkommt als der fantastische, computergenerierte Solomon Kane.

7 von 10 heiligen Handgranaten von Antiochia (wobei der Film ziemlich humorlos und grimmig ist)

Chatroom oder Breakfast Club im Internet und in böse

Es geht um fünf Teenager aus Chelsea (warum muss ich da nur an Elvis Costello denken), die sich in einem privaten Chatroom im Internet treffen und über ihre Probleme diskutieren. Der Film basiert auf einem Theaterstück, und das merkt man ihm auch an. Gute Dialoge, ausgearbeitete Figuren und kammerartige Darstellung. Das Chatten im Internet wird so visuell dargestellt, wie vermutlich auch in dem Theaterstück. Der Chatroom ist ein tastsächlicher Raum, der in einem schäbigen Hotelflur liegt, dessen Türen zu den unterschiedlichsten Bereichen des Internets führen. Die Figuren zeigen sich dort so, wie sie sich im Netz eben ausgeben. Das kann teil erheblich von der Realität abweichen, aber der wahre Charakter blitzt immer wieder durch. Ein Pädophiler erscheint als Schulmädchen, verliert aber zwischendurch die Form und wird zum alten Sack.

Für den bösen dramatischen Handlungsverlauf gebe ich nur ein paar Stichworte: Antidepressiva, Familiendrama, Neid, Manipulation und Selbstmordclubs.
Der Film ist bei vielen Zuschauern nicht gut angekommen, aber ich finde ihn Klasse. Gerade, dass die Darstellung des Internets, ganz ohne irgendwelchen Cyberkram, etwas altbacken wirkt, macht sie für mich glaubhafter. Darüber ob die Handlungen der Figuren immer glaubhaft sind, kann man streiten, aber im Gesamten funktioniert es gut. Handwerklich und visuell ist der Film super gefilmt. Für einen großen Lacher sorgte ein »Gastauftritt« von Angela Merkel

8 von 10 Aspekten einer verwundeten Persönlichkeit

Ich hinke etwas hinterher. Habe schon The Ape (Gurke) und Tetsuo (Enttäuschung) gesehen. Mehr dazu morgen.

The Ape oder A Day In The Life of Larry Langweilig

Die Filmbeschreibungen im Programmheft erinnern mich an Comical-Alis Ausrufe im Fernsehen, man werde die amerikanischen Teufel vernichten, während im Hintergrund schon amerikanische Panzer rumfuhren. Ich traue den Beschreibungen so sehr, wie dem gerissensten Gebrauchtwagenhändler. Aber ein Satz aus der Beschreibung von The Ape trifft es genau auf den Punkt: »-das Grauen enthüllt sich für ihn in nur qualvoller Langsamkeit.« Genauso geht es auch dem Zuschauer. Nur, dass gar nichts enthüllt wird. 80 Minuten qualvolle Langeweile ohne Handlung. Damit ich zumindest ein wenig Spaß mit dem Film habe, versuche ich mich mal an einer Rezension im Stile der Programmbeschreibungen.

Wie auf einer nuklearen LSD-Rakete reitend, mit dem Aussehen eines durch Genexperimente zum Hulk mutierten Helge Schneiders, dabei das Schlumpflied pfeifend und die Welt mit höhnischem Lachen verachtend. Ein Villa-kunterbuntes Schweden, in dem der Wahnsinn Stepp tanzt, Astrid Lindgren als Zombie die Straßen den Wachturm verteilt und der Ikea Markt von neben an, ein Todesparcours ohne Überlebenschance ist und dessen Endgegner Kleiner Onkel und Herr Nilson heißen. Spezialeffekte, die grobe Körner auf die Gehirne der Zuschauer schießen, bis diese sich einnässen und den Nachbarn nach ner Mark fragen. Mindfucks, die jedes Präservativ zum Schmelzen bringen und die virale Frucht der Erkenntnis in jeden Verstand einbrennen, der auch nur in die Nähe des Kinos kommt.

All das gibt es in diesem Film nicht zu sehen. Stattdessen folgt einer mit einer Handkamera dem Protagonisten Krister, der mit dem Fahrrad in die Werkstatt fährt, sein Auto abholt, Fahrunterricht gibt, durch die Gegend latscht, im Baumarkt einkauft, Tennis spielt, duscht, seine Mutter besucht, durch die Gegend latscht, Carrera-Autos fahren lässt, noch mehr durch die Gegend latscht, ins Krankenhaus geht und Schluss.
Wer den letzten Satz gelesen hat gelesen, kann sich den Film sparen. Ach ja, Krister ist auch noch ein Kotzbrocken.

Mir ist in meiner gesamten ca. 25jährigen Kinogängerkarriere noch nie der Gedanke gekommen, das Kino frühzeitig zu verlassen. Insofern war The Ape eine Premiere. Ich blieb aber, weil ich doch wissen wollte, wie das Ganze aufgelöst wird. Also ertrug ich die quälende Langeweile, nur um zu erfahren, dass gar nichts aufgelöst wird.
Ups, jetzt hat der schlechteste Film den längsten Text bekommen.

1 von 10 durchgelatschten Gegenden

Tetsuo: The Bullet Man oder BAM BAM BAM. BAM BAM BAM. BAM BAM BAM BAM

Ist für mich die Enttäuschung des Festivals. Die beiden Vorgänger, von vor ca. 20 Jahren, waren damals echte Knaller. Extrem, radikal, experimentell, visuell beeindrucken und verstörend. Filmerlebnisse, wie man sie bis dato noch nicht gesehen hatte. Leider weiß The Bullet Man den beiden Vorgängern nichts Neues hinzuzufügen. BAM BAM BAM Dabei beginnt er noch recht vielversprechend, aber leider ist der Höhepunkt schon nach 10 Minuten erreicht. Ab da kopiert sich Tsukamoto nur noch selbst. Der Versuch eine Story einzubauen scheitert total. Tetsuo sieht aus wie eine zerknautschte Mülltonne und der Film wirkt technisch wie auf dem Stand der 80er Jahre. Einzig die Musik (Industrial-BAMBAMBAM) hat mir gefallen. Im Abspann gibt es übrigens einen, eigens für diesen Film komponierten, Song von Nine Inch Nails alias Trent Reznor.

3/10 Blindgängern BAM BAM BAM

Der Festivaltag hat sich nicht gelohnt. The Ape war eine spontane Entscheidung, weil ich zwischen einem Unitermin und Tetsuo noch Zeit hatte. Ich hätte mich auf mein erstes Gefühl verlassen sollen. Aber, je ne regrette rien. Gurken gehören beim Filmfest auch dazu. Sie sollten sich nur nicht häufen.
Morgen gibt es die Besprechungen zu Outrage (gut) und Amer (brilliant und ätzend zu gleich).

Outrage oder Intrigenstadl im Yakzuland

Der Film war so gut wie ausverkauft. Hätte ich nicht erwartet.
Takeshi Kitanos Filme zeichnen sich meist durch eine warmherzige Geschichte, poetische Bilder, stimmungsvolle Musik, schrägem und subtilem Humor und oft auch extreme Gewaltausbrüche aus. In Outrage beschränkt er sich auf Gewalt und Humor. Wobei der Film nicht nur aus Gewalt besteht. Es geht um den Intrigenstadl bei der Yakuza. Verschiedene Gruppierungen (Clans/Familien) versuchen sich gegenseitig auszuspielen und umzubringen. Erstaunlichweise schafft es der Film dabei auch noch, witzig zu sein. Der Film zeigt wie mächtig und präsent die Yakuza in der japanischen Gesellschaft sind. Ein guter und unterhaltsamer Film.

7 von 10 Zahnvorsorgeuntersuchungen

Amer oder knirsch, knarz, stöhn

Mich hat der Film zwiespältig zurückgelassen. Stilistisch ist er brilliant inszeniert. Vor allem die erste Episode. Aber danach ging mir das ewige Knarzen, Knirschen, Atmen, Keuchen, Türrenknallen usw. tierisch auf die Nerven. Wie gesagt, die stilistische Inszenierung mit Ton und Bild ist brilliant, trägt den Film aber für mich nicht über die gesamte Länge. Das ist mehr eine Spielerei als ein Film. Denn wirklich was zu erzählen hatte er nicht.

Amer wirkt für mich wie eine stilistische Fingerübung, die aber nichts zu erzählen hat und nicht über Spielfilmlänge funktioniert. Mein letzter Giallo ist über 10 Jahre her, deswegen weiß ich gar nicht mehr, ob es ein Markenzeichen dieser Filme ist, keine Handlung zu haben.

Sicher, der Film ist ein Erlebnis für die Sinne, aber die waren bei aber bald genervt.
Ist für mich nicht bewertbar.

22 Bulletts oder The Jean Reno Kick Ass Movie

Der Film ist ein harter französischer Rache Thriller, der nichts wirklich Neues zu bieten hat, aber trotzdem Spaß macht. Charly ist ein alternder Mafiapate, der alten Schule (keine Drogen, Frauen und Kinder bleiben unversehrt), der sich zurückgezogen hat, um
sich ganz seiner Familie widmen zu können. Da wird er von 22 Kugeln getroffen, überlebt und beginnt einen Rachefeldzug, bei dem ihm auch alte Freunde in den Weg kommen. Die Stärke des Films ist neben der Action, die glaubhafte Zeichnung der Figuren, die zwar ein paar Klischees bedient aber trotzdem funktioniert. Jean Reno spielt so gut wie immer und auch Kad Merad (der Postbote aus Wilkommen bei den Schtiss) liefert eine gute Vorstellung als cholerischer und hypochondrischer Gangsterboss ab.
Ein schöner altmodischer Actionthriller, der auf hohem Niveau inszeniert wurde. (Warum kriegen die Deutschen so was nicht hin?)

8 von 10 Kugeln im Ziel

Rubber
Why should you like this movie?
No reason.
9 von 10 verliebten Autoreifen

Four Lions

Den habe ich jetzt nachträglich auf DVD gesehen. Ich nehme mal an, dass er in einem vollbesetzten Kino noch witziger wirkt. Ich musste zwar einige Male über die strunzdoofen Attentäter lachen, aber es fehlte die FFF-Atmosphäre.
Deswegen bekommt er von mir nur 7 von Angriffen auf die britische Nahrungskette.

Fantasy Filmfest 2015 – Kurzkritiken (2/2)

Hier die restlichen 8 Kurzkritiken. In den nächsten Tagen folgt noch ein abschließender Bericht mit Fazit zum Filmfest.

Sweet Home

Spanischer Beitrag zum Thema Gentrifizierung. Die junge Maklerin? Alicia inspiziert ein altes, heruntergekommenes Haus, in dem nur noch ein alter, nicht ganz so heruntergekommener störrischer Mann die Stellung hält. Warum Alicia auf die Idee kommt, ihrem englischen Freund zu dessen Geburtstag in dieser Bruchbude ein romantisches Schäferstündchen zu inszenieren, kann man wohl nur verstehen, wenn man in der Immobilienbranche tätig ist und dadurch einen speziellen sexuellen Fetisch für Wohnobjekte entwickelt hat. Jedenfalls stecken die beiden bald in der Falle, als böse, verkommene Gentrifizierer in das wie eine Festung verriegelte Haus eindringen (sie haben einen Schlüssel) und Jagd auf die beiden machen.

Sweet Home ist ein durchaus ansehnlicher und spannender Home-Invasion-Thriller, der aber zu keinem Zeitpunkt die Klasse und Kreativität von z. B. You’re Next erreicht. Der Reiz liegt darin, wie es der toughen Heldin gelingt, auf diesem begrenzten Raum dem übermächtigen Bösewicht zu entkommen. Da fiebert man durchaus mit.

Body

Die Story dieses nur 75-minütigen Films hätte man auch in eine 40-minütige Folge von Law and Order packen können. Drei junge Frauen lassen es in der Villa eines reichen Onkels krachen, bis unerwartet ein Mann auftaucht und alles furchtbar schiefgeht. Plötzlich stehen die drei jungen Damen vor den Scherben ihres zukünftigen Lebens und müssen einige schwerwiegende moralische Entscheidungen treffen. Ohne zu viel zu verraten, sie treffen natürlich immer die schlechteste Entscheidung.

Gelangweilt habe ich mich jetzt nicht wirklich während des Films, aber insgesamt ist er doch zu unspannend und undramatisch geraten. Da wäre mehr dringewesen.

Deathgasm

Ein jener typischen Fantasy-Filmfest-Crowdpleaser, die in jedem Jahrgang ein bis zweimal vorkommen (der zweite dieses Jahr ist wohl Turbo Kid). Damit sind vor allem Splatterkomödien gemeint, die in der besonderen Festivalatmosphäre doppelt so viel Spaß machen, als wenn man sie allein zu Hause vor dem Fernseher schaut. An Tucker and Dale vs. Evil reicht er nicht ganz heran, ich würde Deathgasm eher knapp über My Name is Bruce ansiedeln. Wenn man Metal-Fan ist, macht es sich er noch mehr Spaß.

In dem neuseeländischen Film geht es um einen Jugendlichen Metalhead, der unfreiwillig in der Spießerfamilie seines Onkels landet, an der neuen Schule einiges Mobbing aushalten muss, und sich rächt, in dem er eine satanische Hymne spielt, die all die Spießer und Mobber in von Dämonen besessene Zombies verwandelt. Und hier kann jetzt der durchaus einfallsreiche Splatterspaß losgehen. Wobei er das Splattergenre auch nicht neu erfindet. Die große Stärke des Films ist der Underdog-Humor bezogen auf die Subkulturen der Metaller und Rollenspieler.

Hätte ich den Film zu Hause vor dem Fernseher gesehen, hätte er mich vermutlich gelangweilt, aber auf dem Fantasy Filmfest war er ein großer Spaß mit nur leichten Abstrichen.

Ava’s Possessions

Was passiert eigentlich, wenn der Exorzismus gelungen und die Besessene wieder frei von Dämonen ist? In der Regel der Abspann, in diesem Fall geht der Film aber erst los. Ava war über Monate von einem Dämon besessen, hat so allerlei angestellt, kann sich aber an nichts mehr erinnern. Als sie wieder zu sich kommt, lautet ihre erste Frage an die Familie, ob jemand sie bei ihrem Arbeitgeber krankgemeldet habe. Das betretene Schweigen spricht Bände. Und so versucht Ava die Scherben ihrer Existenz wieder zusammenzusetzen, begibt sich auf die Suche nach den verlorenen Erinnerungen und muss an einer Selbsthilfegruppe für ehemalige Besessene als Teil einer Gerichtsauflage teilnehmen, um nicht im Gefängnis zu landen. Denn ihr Dämon ließ sie nicht nur Dinge, sondern auch Menschen beschädigen. Ja, in Avas Welt ist es offiziell anerkannt, dass Menschen von Dämonen besessen werden können. Was dem Film eine wunderbare Prämisse liefert.

Aufgrund dessen, was ich im Vorfeld so von dem Film mitbekomme habe, war er für mich die potenzielle Festivalgurke, um so überraschter war ich dann, wie gut er mir gefallen hat.

The Invitation

David fährt mit seiner Freundin zu einer Einladung bei seiner Ex-Frau Eden und ihrem neuen Freund, die nach zwei Jahren Abwesenheit alle alten Freunde zu sich eingeladen haben, in genau jenem Haus, in dem Davids und Edens Sohn gestorben ist. Zu einem also oberflächlich betrachtet lockeren Dinnerabend wird jede Menge Ballast mitgebracht. David ist von Anfang an misstrauisch, während sich alle anderen verhalten, als wäre alles wie immer.

Mehr will ich gar nicht verraten. The Invitation ist ein kleines aber feines Drama über Tod, Trauer und wie unterschiedlich man damit umgehen kann. Die Konflikte zwischen den Figuren sind gut ausgearbeitet. Die unangenehmen Vorfälle, die andeuten, dass etwas nicht stimmt, sind geschickt eingeflochten, wobei relativ früh (ab der Videopräsentation) klar ist, wie der Hase läuft. Der Film ist also recht vorhersehbar, mich hat aber die konsequente misstrauische Griesgrämigkeit Davids bei der Stange gehalten. Die große Überraschung, die ich im Vorfeld erwartet hatte, bietet der Film nicht, aber sehenswert ist er durchaus.

The Pack

Tierhorror mit einer wildgewordenen Hundemeute die im australischen Outback eine Familie auf ihrer Farm terrorisiert. Im Prinzip ein Home-Invasion-Film nur mit Tieren statt Menschen als Täter. Wobei die Hunde sich viel zu sehr wie Menschen verhalten. Wenn sich die Protagonisten in Nischen, in Schränken und einfach um die Ecke verstecken, laufen die Hunde ahnungslos an ihnen vorbei, ohne sie zu riechen oder etwas zu hören, obwohl sie doch deutlich bessere Sinne haben sollten, als eben Menschen. Handwerklich ist der Film solide und zumindest halbwegs spannend erzählt, die Hauptfiguren sind gut ausgearbeitet und die Hunde wirken zumindest in der Nahaufnahme relativ bösartig. Der Schrecken geht allerdings ein wenig verloren, wenn sie angreifen, dann sieht man meist nur ein wenig schwarzes Fell durch die Wackelkamera herumzucken. Der Film hat nichts, was man nicht schon anderswo besser gesehen hat und bleibt für einen Tierschocker auf dem Fantasy Filmfest zu harmlos. Trotzdem ist es ein ganz solider Film, den man sich ansehen kann, wenn man (wie ich) sonst nichts Besseres vorhat.

Yakuza Apocalypse

Die meisten (der zahlreichen) Zuschauer haben den Film vermutlich als absurdes Trashfeuerwerk wahrgenommen, ich habe allerdings eine bitterböse Groteske gesehen, in der die Yakuza und deren Verflechtung in der Gesellschaft lächerlich gemacht wird; also ein durch und durch sozialkritischer Film mit Elementen des absurden Theaters und japanischer Folklore. Die Yakuza sind Vampire (im Film gibt es tatsächlich Yakuza-Vampire), die der Gesellschaft das Blut aussaugen. Doch wenn, wie im Film, plötzlich jeder (also auch das Schulmädchen und die Krankenschwester) zu Yakuza-Vampiren werden können und damit auch zu Yakuza, verlieren die Yakuza ihren Sinn.

Stellenweise ist der Film von Takashi Miike etwas zu lang geraten, man merkt ihm auch das geringe Budget an, aber dafür ist das Froschmonster (im Stoffkostüm mit Pappmascheekopf) – der Welt bester Superterrorist – schon eine coole Sau.

Momentum

Südafrikanischer Bankraub/Agenten-Film, in dem die hübsche Bankräuberin nach getaner Arbeit von bösen aber charismatischen Killern gejagt wird. B-Movie-Action, die aber ausgezeichnet gefilmt ist, viel Selbstironie mitbringt und mit den typischen Klischees so übertrieben spielt (wie der blonde, grimmige deutsche Killer), dass es richtig Spaß macht. Kam beim Publikum in der Nachtvorstellung gut an und erhielt sogar stellenweise Szenenapplaus, was ich in diesem Jahr nur bei wenigen Filmen erlebt habe.

Fantasy Filmfest 2015 – Kurzkritiken (1/2)

An meinen 4 Tagen auf dem Filmfest habe ich 16 Filme gesehen. Darunter keine Gurke, nur hier und da etwas Mittelmaß. Hier die ersten 8 von 16 Kurzkritiken (ein abschließender Bericht folgt auch noch):

The Connection (Le French)

Erzählt die französische Seite der French Connection im Marseille der 70er Jahre, ist aber weitaus eleganter und ruhiger inszeniert, als der Film mit Gene Hackmann. Sehr aufwendig und stilsicher, mit Jean Dujardin und Gilles Lellouche als Ermittlungsrichter und Drogenbaron perfekt besetzt. Ist auch eine Hommage an den Poliziotteschi, manche Kamerafahrten erinnern auch an Goodfellas. Soll auf wahren Begebenheiten basieren.War für mich ein wunderbarer Auftakt zum Fantasy Fimfest 2015. Auf die Franzosen ist Verlass, vor allem wenn es um Thriller geht.

Maggie

Sehr langsames und ruhiges Vater/Tochter-Drama, in dem es um eine mit einem Zombievirus infizierte Tochter geht, deren Vater ihr die letzten Tage vor der endgültigen Verwandlung so schön wie möglich gestalten möchte. Hier gibt es keinen Splatter und keine Action, sondern ruhige Einstellungen, familiäre Konflikte und großes Drama, mit hervorragenden Darstellern. Wobei Schwarzenegger jetzt – anders als man vielerorts hört und liest – nicht zum Charakterdarsteller mutiert ist. Der Regisseur versteht es einfach, ihn in einzelnen Einstellungen gut in Szene zu setzen. Pro Einstellung gibt es von ihm auch nur eine Gefühlsebene, aber keine Veränderung und auch keine längeren Dialoge. Den stoischen, wortkargen Farmer spielt Schwarzenegger aber trotzdem ganz gut. Ein Film, den viele als langweilig empfinden könnten, ich fand ihn ganz gut, wobei er dem Genre auch nichts Neues hinzufügt.

Tale of Tales

Opulente und bildgewaltige Verfilmung dreier Märchenepisoden (als Vorlage diente eine obskure italienische Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert), die lose miteinander verknüpft sind. Es geht und Könige und Königinnen, die aufgrund ihrer Entscheidungen in recht absurde Situationen geraten. Es gibt Seemonster, Riesenflöhe, Oger, entführte Prinzessinnen, einen geilen König, der allem nachstellt, was zwei Brüste hat und, und, und … Mit Darstellern wie Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilley ist der Film hervorragend besetzt. Von der Machart her erinnert er ein wenig an The Fall, allerdings fehlt ihm dessen Dynamik. Durchaus sehenswert, aber der letzte Funke wollte bei mir nicht so recht überspringen.

Night Fare

Und noch ein sehenswerter französischer Thriller. Zwei junge Freunde (mit einem düsteren Geheimnis) ziehen durch Paris, fahren mit einem Taxi, bescheißen den unheimlichen Fahrer und werden fortan von ihm verfolgt. Der stellt sich schnell als Psychopath raus, dessen Weg mit Leichen gepflastert ist. Knallharter und spannend inszenierter geradliniger Thriller … aber halt – aufgepasst! Es gibt einen netten Twist (den manch einer als hanebüchen empfinden wird), der die Geschichte plötzlich in eine ganz andere Richtung lenkt. Ich habe den Film in der Nachtvorstellung gesehen. Auf dem Heimweg vom Sonycenter zu meinem Hotel (10 Minuten zu Fuß) bin ich doch sehr froh gewesen, dass in Berlin keine schwarzen Taxis unterwegs waren.

Kung Fu Killer

Laut Ankündigung sollte er in der Originalfassung in kantonesisch (spielt größtenteils in Hongkong) und Mandarin (teils auch in Macau) laufen, gezeigt wurde aber dann eine englisch synchronisierte Fassung mit englischen Untertiteln! Die Synchro war richtig schlecht, es gab gefühlt einen Sprecher für alle Rollen, der auch nur einen grimmigen Tonfall draufhatte. Der Humorfaktor des Films lag vor allem in den inhaltlichen Unterschieden zwischen Synchro und Untertitel. Der Held sagt: »It’s possible«, im Untertitel steht: »it’s impossible«. Das sorgte für einige Lacher.
Das alles hat dem Film nicht geschadet, da es zu den hölzernen bis total übertriebenen Darstellern passt (Letzteres gilt vor allem für den debil grinsenden Bösewicht). Die ernsten Momente wirkten unfreiwillig komisch und eher peinlich, wie aus einem schlechten C-Movie.
Aber auch das hat dem Film nicht geschadet, denn in einen Film namens Kung Fu Killer (bzw. Kung Fu Jungle) mit Donnie Yen geht man nicht, weil man geschliffene Dialoge und elegante Arthouse-Inszenierung sehen will. Da geht man wegen der Klopperei rein. Und die ist erstklassig inszeniert. Es geht um einen Kämpfer, der alle anderen guten Kämpfer besiegen und töten will (»Martial Arts is about killing«), um dann selbst der beste Kämpfer zu sein (warum auch immer). Und so kloppt er sich von einem zum anderen und am Ende (aber auch zwischendurch schon ein wenig) eben gegen Donnie Yen.
Wie schon erwähnt, als Film grottig, als Klopperei (die eine Hommage an das Actionkino aus Hongkong sein soll – es gibt ganz viele Cameos von alten und nicht ganz so alten Actionstars) aber gut gemacht.

Shrew’s Nest (Musaranas)

Mein persönliches Highlight des Festivals (dabei wollte ich den Film erst gar nicht sehen).

Was vor einige Jahre noch Frankreich für das Horrorgenre war, ist inzwischen Spanien: eine Instanz, wenn es um kleine, fiese aber auch hochklassig inszenierte Filme geht. Shrew’s Nest bildet da keine Ausnahme.

In den 50er Jahren lebt Montse – die jahrelang unter ihrem tyrannischen und tief religiösen Vater leiden musste – mit ihrer 18-jährigen Schwester in einer Wohnung, aus der sich Montse seit Jahren nicht mehr rausgetraut hat. Das Verhältnis der beiden ist angespannt, die jüngere Schwester möchte das Leben genießen und trifft sich mit einem Jungen, was Montse, die sich hier als Sittenwächterin und Zuchtmeisterin aufspielt, weil sie Angst hat, ihre Schwester zu verlieren, gar nicht gefällt. Der Konflikt der Schwestern kann auch schon mal in blutigen Handgreiflichkeiten enden, aber irgendwann vertragen sie sich wieder und leben weiter in dieser ungesunden Symbiose. Bis eines Tages der attraktive Nachbar von oben, die Treppe runterstürzt und vor Montses Wohnung landet. Die einsame Frau pflegt ihn dann in bester Misery-Manier, bis die Sache schließlich völlig aus dem Ruder läuft.

Trotz des blutigen Finales ist das Kammerspiel Shrew’s Nest vor allem großes Schauspielkino. Luis Tosar spielt den tyrannischen Vater mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Das große Highlight des Films ist aber Macarena Gomez als Montse. Sie schafft ausgezeichnet, die Balance zwischen der Zerbrechlichkeit dieser von Leid und Angst geprägten Frau und dem schleichenden, gewalttätigen Wahnsinn, der mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben einhergeht, zu halten.

Rabid Dogs

Französisch/kanadisches (spielt wohl in Quebec) Remake des italienischen Klassikers von Mario Bava. Vier Bankräuber gelingt eine spektakuläre Flucht, in deren Folge sie eine junge Frau und einen Vater mit seiner kranken und schlafenden Tochter als Geisel nehmen. Natürlich überlebt der ursprüngliche Plan den ersten Feindkontakt nicht, und so geht dann einiges in die Hose.

Die anfängliche hektische Flucht ist wirklich spektakulär inszeniert, da hat man als Zuschauer das Gefühl, direkt dabei zu sein. Im Laufe der Geiselnahme verliert der stylisch und atmosphärisch dichte Film ein wenig an Fahrt, was vom überraschenden Finale aber wieder ausgebügelt wird.

Nach den Vorschusslorbeeren hatte ich zwar etwas mehr erwartet, aber auch so gehört Rabid Dogs zu den besten von den 16 Filmen, die ich auf dem Festival gesehen habe. Man sollte von Anfang an auf die Kleinigkeiten achten. 😉

Demonic

Ist Haunted-House-Konfektionsware von der Stange aus der Gruselfabrik von James Wan, der seine Filme immer für ein völlig neues Publikum zu produzieren scheint. Nämlich Leute, die nie zuvor einen Haunted-House-Film gesehen haben, denn er nimmt die immer gleichen Zutaten und setzt mit leichten Variationen wieder zusammen. Dabei ist hier kein schlechter Film rausgekommen – eine Gurke ist Demonic nicht -, sondern einfach unspektakuläres und vorhersehbares Mittelmaß. Ich habe es zwar nicht bereut, den Film gesehen zu haben, aber in Erinnerung wird er mir auch nicht bleiben.