Achtung Vorurteile – Ein Essen in der Favela

Während ich an einem längeren Artikel über die aktuellen Serienkiller-Serien „Hannibal“, „Bates Motel“ und „The Following“ schreibe, der in den nächsten Tagen online geht, möchte ich die Wartezeit darauf mit einem leicht exotischen Beitrag verkürzen. Bereits vor einem Jahr habe einen Auszug aus meiner Diplomarbeit von 2007  geposted: https://translateordie.wordpress.com/2012/03/10/100/

Ich hatte es aber dabei belasssen und nie verraten, worum es in der Diplomarbeit ging. Tja, heute gibt es einen weiteren Auszug:

1.3 Achtung Vorurteile

„Was macht ihr in Campinas?“
„Ein Fotoprojekt in Parque Oziel.“
„Seid ihr denn bewaffnet?“

Das war unser erstes Gespräch in Campinas. Mit einem Taxifahrer, der uns in die Innenstadt brachte.

Was für uns noch amüsant klang, ist für die Bewohner von Oziel trauriger Alltag. Dazu ein Zitat aus dem Forschungstagebuch von Thomas Thewes, der ein Gespräch mit der Frau des Canarios geführt hat – die sich gerade zur Lehrerin ausbilden lässt:

„sie hat mir die geschichte erzählt, dass eine ihrer Professorinnen erzählte, sie glaube, dass oziel ein ort des verbrechens sei, dass die leute dort dumm wären, das ansehen der stadt schädigen, dass wegen ihnen die steuern erhöht worden seien usw.. sie, die sie aus selbstschutz nie ihre wohnanschrift angegeben hatte, wie es die meisten leute hier tun, die arbeit suchen und dabei die anschrift von bekannten angeben, die nicht in oziel wohnen, ließ besagte person ausreden und antwortete. „ich wohne in oziel und was ich erzähle, das glaube ich nicht, sondern das WEISS ich, eben weil dort mein zuhause ist!““(Thewes 2007)

 
So sieht das Dilemma der Bewohner Oziels aus. Um aus der Armut rauszukommen, brauchen sie Arbeit in der Stadt. Geben sie ihre richtige Adresse an, bekommen sie diese aber nicht.
Ein Teufelskreis, der nur mit Notlügen zu durchbrechen ist. Was die Menschen aber unter den ständigen Druck setzt, sich nicht zu verraten.
Solche soziale Diskriminierung gibt es zwar auch bei uns – Banken stufen die Kreditwürdigkeit z. B. auch nach der Adresse ein – aber die Verachtung, der die Bewohner Oziels ausgesetzt sind, hat mich doch sehr schockiert.
Für die Kinder muss diese Diskriminierung noch schlimmer sein, da sie meist nicht die Gründe dafür nachvollziehen können.

Viele Lehrer und Professoren sind so von ihren Vorurteilen geprägt, dass sie sich nicht in die Favela hinein trauen. Um einige von ihnen diese Angst zu nehmen, hatten wir in unserer letzten Woche in Brasilien, unser Projekt an der Universität von Campinas vorgestellt. Gekommen waren vor allem Lehrer und Schuldirektoren, die sehr überrascht waren, dass wir uns ohne Bedenken nach Oziel reingetraut haben. Auch der Canario und Adailton waren mitgekommen, um ein bisschen Oziel in die Uni zu tragen.
Obwohl alle interessiert zuhörten und sich eine lebhafte Diskussion entwickelte, bin ich mir nicht sicher, ob wir ihnen ihre Ängste nehmen konnten.

Ich frage mich auch, ob ich so unbefangen – und vielleicht auch naiv? – nach Oziel rein gegangen wäre, wenn ich in Brasilien aufgewachsen wäre. Ich werfe den Brasilianern die ich kennen gelernt habe nicht ihre Vorurteile vor, denn dann würde ich wohl den Einfluss der Medien und die Macht von über Jahrzehnte gewachsenen Vorurteilen unterschätzen.
Ich denke jeder von uns trägt gewisse Vorurteile mit sich herum, hat aber auch das Potenzial diese zu überwinden. Allein am Willen liegt es, ob man sich durch vorgefestigte Meinungen in seiner Bewegungsfreiheit einschränken lassen möchte.

Ich möchte aber auch noch darauf hinweisen, dass man, abgebaute oder nicht vorhandene Vorurteile nicht mit Naivität und Unvorsichtigkeit verwechseln sollte. Brasilien ist ein Land, das von Gewalt geprägt wird. Wenn man sich auf der Straße bewegt, sollte man stets auf seine Wertsachen acht geben. Man sollte sich auch vorher informieren, welche Gegenden sicher sind und welche nicht. Es wäre ausgesprochen unvorsichtig, als Tourist einfach in eine Favela zu spazieren.
Trotz aller Toleranz und Offenheit haben wir uns stets wachsam und vorsichtig durch Brasilien bewegt, und versucht nicht als „reiche Touristen“ aufzufallen. Wir sind damit gut gefahren, und haben keinerlei negative Erfahrungen gemacht.

Das beste Mittel um Vorurteile abzubauen, sind positive Erfahrungen. Deshalb möchte ich nun von unseren positiven Erfahrungen mit den Bewohnern Parque Oziels berichten.
Eine dieser positiven Erfahrungen ist Adailton gewesen. Er ist sozusagen der Leiter des Jugendzentrums P.A.F. und hat uns während unseres ganzen Projektes betreut. Er ist morgens der Erste, der die Tür aufschließt und abends der Letzte, der geht. Er betreut die Kinder über den ganzen Tag und hat trotzdem immer Zeit gefunden, uns zu helfen. Er hat für uns und mit uns gekocht und gelacht.

Ein Essen in der Favela

Wir waren bereits seit 9.00 Uhr in der Favela, und die Sonne brannte unbarmherzig auf uns nieder. Obwohl wir den Morgen im Büro des Canarios verbracht hatten, das den Luxus eines Ventilators bieten konnte, machte uns die Hitze schwer zu schaffen. Die unzuverlässige Internetverbindung – die einzige in Parque Oziel! – funktionierte ausnahmsweise. So konnten wir den fünf Kindern von der Internetgruppe Bilder aus Deutschland zeigen. Eigentlich warteten wir auf Corinta Geraldi, doch warten auf Corinta bedeutet viel Geduld mitbringen.
Also warteten wir … und warteten. Es wurde immer heißer und unsere Mägen begannen zu knurren. Also ab ins P.A.F. Das spartanisch eingerichtete Jugendzentrum verfügte über eine abenteuerliche Küche mit zwei Gasherden und fließend Wasser. Nur floss das Wasser nicht an diesem Tag. Die Bewohner Oziels sind an solche Widrigkeiten gewöhnt und haben gelernt damit umzugehen – sie sind Meister der Improvisation.

Adailton schlug vor die Küche eines der Nachbarhäuser zu nutzen, das sei kein Problem.

Vorher ging es aber noch in den Supermercado – den Supermarkt. Automatisch öffnende Gleittüren – die man früher nur vom Raumschiff Enterprise kannte – von Klimaanlagen gekühlte Luft, grenzdebile Fahrstuhlmusik – gelegentlich von Preisangeboten unterbrochen, labyrinthartige Gänge von scheinbar endloser Weite und einen dekadenten Überfluss an Produkten; all dies sucht man in den Supermärkten Parque Oziels vergeblich. Was man findet, sind Räumlichkeiten von Garagengröße, in denen nur das Nötigste vorrätig ist; verschrumpeltes Obst und Gemüse – vermutlich Ausschusswaren – eine von Fliegen gesäumte Fleischtheke ohne jegliche Kühlung. Ein deutsches Gesundheitsamt hätte den Laden wohl zur Quarantänezone erklärt. Aber es war alles da, was wir für ein Mittagessen brauchten. Hähnchenfleisch, Spaghetti, Reis, Bohnen und Paprika.
Trotz der spärlichen Ausstattung waren wir über die Supermärkte – von denen es nicht wenige in Oziel gibt – überrascht.

Mit vollen Tüten ging es weiter zur 27-jährigen Issabella, die direkt neben dem P.A.F wohnt und deren Sohn Bruno an unserem Fotoprojekt mitmachte. Es war ein gemauertes Haus von einem Holzaun umrahmt. Für die fünfköpfige Familie waren drei Räume vorhanden – die Küche, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer inklusive Couch und Fernseher. Was uns beim betreten dieser Räumlichkeiten zuerst auffiel, war die Sauberkeit. Issabella war eine kräftige Frau mit einem schüchternen Lachen, die es sich nicht nehmen ließ, das Essen selber zu kochen. Wir durften ihr noch nicht einmal helfen. Das heißt, wir Männer nicht, aber Soleilla schon. In dieser Hinsicht sind die Bewohner Oziels sehr konservativ.
Adailton, Thomas und ich konnten uns derweil mit dem Hamster der Familie beschäftigen, bei dem es sich offensichtlich um eine Ratte handelte. Da man ihn aber für einen Hamster hielt, musste er auch in ein Hamsterrad.

Das Essen war köstlich. Isabella verstand wirklich etwas vom Kochen. Während wir noch aßen, stieß Corinta zu uns, und machte uns gleich darauf aufmerksam, dass wir hier bei sehr armen Leuten speisen würden und ihnen etwas für das Essen bezahlen sollten. Adailton meinte das sei nicht nötig, doch Thomas bekam ein schlechtes Gewissen und so legten wir heimlich 10 Reais  (ca. 3 Euro auf den Tisch). Das Geld blieb nicht lange unentdeckt, und es folgte eine peinliche Situation, in der uns Adailton tadelte und erklärte, dass die Menschen von Oziel zu Stolz währen, um Geld anzunehmen.

Trotz dieses unangenehmen Zwischenfalls war dies einer unserer schönsten Tage in Brasilien. Denn gerade, dass so arme Menschen bereit waren, das wenige was sie hatten mit uns zu teilen, hat uns tief bewegt. Die Gastfreundschaft der Bewohner Oziels ist wirklich einmalig und zeigt, welch große Lebensfreude in diesen Menschen steckt. Wüssten die Angehörigen der oberen Schichten von dieser uneigennützigen Gastfreundschaft, sie würden sicher anders über die Favela denken.

Nachdem wir Kontakte mit der reicheren Mittelschicht und der armen Favelabevölkerung gemacht haben, sind wir zu der – natürlich nicht zu verallgemeinernden – Formel gekommen: Je weniger die Leute haben, desto mehr sind sie bereit mit einem zu teilen. Wie gesagt, dies spiegelt nur unsere eigenen Erfahrungen wieder.

2 Gedanken zu “Achtung Vorurteile – Ein Essen in der Favela

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