And now for something completly different – Parque Oziel

Ich glaube, mein letzter Eintrag war etwas trocken und langweilig und es ist ja auch auf Dauer etwas eintönig, wenn ich ausschließlich über das Übersetzen schreiben. Deshalb hier ein Auszug aus meiner Diplomarbeit von 2007. 🙂 Was es mit dieser Arbeit und dem Projekt auf sich hat, werde ich dann im nächsten Blogeintrag verraten.

1.2 Parque Oziel
Das Taxi erweckte den Eindruck, dass es jeden Moment auseinander brechen könnte. Mit hohem Tempo holperte und hüpfte es durch die unwegsamen aus rotem Lehm bestehenden Straßen, die voller Löcher, großer Steine und anderen Unebenheiten waren. Zu beiden Seiten von Müll gesäumt, merkte man ihnen an, dass sie ihre Form nach jedem Regenguss veränderten – der letzte war noch nicht lange her.

Nun konnte ich verstehen, dass die ersten beiden Taxifahrer es abgelehnt hatten uns nach Parque Oziel zu fahren. Wenn auch die Angst um ihr eigenes Leben übertrieben war, die um ihr Fahrzeug war es sicher nicht. Nach den asphaltierten und von Hochhäusern gesäumten Straßen von Campinas, die Beleg für die gute  Infrastruktur des Staates Sao Paulo waren, war es, als wären wir durch ein Portal in eine andere Dimension gefahren. Eine Landschaft die man eher auf dem Mars erwartet hätte, wären da nicht die zahlreichen fröhlichen Kinder, die mit den ebenso zahlreichen Hunden spielend durch die Straßen liefen.

Mit einem Selbstbewusstsein, dass ich diesem heruntergekommenen Kleinwagen niemals zugetraut hätte, erstürmte das Taxi einen steilen Hügel, an dessen Ende ein großes, aus Backsteinen und Beton gebautes Gebäude, das mit seinen vergitterten Fenstern im krassen Gegensatz zu den barackenartigen kleinen Wohnhäusern der Favela stand.

Es war die Schule von Parque Oziel. Ein wirklicher Fortschritt zu den Containern, in denen die Kinder vorher wie in einem Backofen gebraten wurden- wir sollten sie noch zu Gesicht bekommen.

Doch noch waren wir nicht an unserem Ziel angekommen. Mit mir im Taxi saßen Thomas und Soleilla sowie Corinta Geraldi. Corinta ist die ehemalige Bildungsministerin von Campinas und jetzige Professorin für Pädagogik an der Unicamp. Eine sehr lebhafte und leicht hektische Frau, die stets drei Sachen gleichzeitig zu machen schien. Sie und ihr Mann Wanderley hatten uns zwei Wochen zuvor sehr herzlich bei sich zu Hause aufgenommen und uns seitdem tatkräftig bei der Verwirklichung unseres Projektes geholfen.

Und nun war es soweit, wir näherten uns zum ersten Mal dem Herzen Parque Oziels. Dem Büro des Canarios, des Bürgermeisters von Parque Oziel. Er ist ein stämmiger Farbiger mit einem konsequenten Händedruck und einem eloquenten Auftreten, der uns sofort herzlich begrüßte. Er führte uns zu dem nahe gelegenen Jugendzentrum der Gemeinde. Das P.A.F. (Projeito para aprendo o Futuro) ist ein einstöckiges einfach gemauertes, graues Gebäude, dass aus einem etwas größeren  Tisch- Tennisraum, einer Küche, einem Gemeinschaftsraum, einer Toilette und einem Computerraum bestand. In letzteren führte uns der Canario. Es war ein kleiner Raum mit alten Computern und einer unheimlichen – aber funktionierenden Klimaanlage- in dem es von der Decke tropfte. Dort zeigten wir ihm ein Video von der kurz zuvor veranstalteten Benefizparty, bei der ca. 3000 Euro für Parque Oziel gesammelt wurden. Nach ein wenig Smalltalk ging es dann zu einer kurzen Führung.

Das erste was mir in Oziel aufgefallen ist, war der Gestank. Denn Abwässer und Müll landen direkt auf der Straße. Auch wenn es nicht geregnet hat, gibt es überall kleine Bäche von Abwässern die die Straßen durchkreuzen und ihre Begehung zu einem sportlichen Hindernislauf machen. Die Kinder störten sich nicht daran, und liefen nur mit Flip Flops bekleidet durch die Gülle.

Wasser – auch Abwasser- läuft ja bekanntlich nach unten, und unten liegt leider auch der Sportplatz – die erste Station auf unserer Führung. Einen kleinen Abhang hinunter und dann in einem schmalen Bach laufen die Abwasser quer über das Spielfeld, und sammeln sich dann in einem sumpfig matschigen Feld – mit dem ich auch noch nähere Bekanntschaft machen sollte – hinter einem der Tore. Die Kinder störten sich nicht daran, auch nicht die Gruppe die bei unserer Ankunft gerade trainierte.

Dies waren meine ersten prägenden Eindrücke von Parque Oziel. Dieser – zu diesem Zeitpunkt – erst neun Jahren alten Gemeinde, die bereits 30 000 Einwohner zählt. Auf 1.500 Quadratkilometern leben 3000 Familien mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Denn diese Hoffnung war es, die die meisten von ihnen nach Campinas brachte. Denn Parque Oziel ist das Ergebnis einer Landflucht aus dem vorwiegend armen Nordosten Brasiliens, die immer mehr junge Menschen in die großen reichen Städte des Südens zieht. Fast ohne Geld, mit wenig Hab und Gut kommen diese Menschen in eine für sie riesige unpersönliche Stadt und begeben sich verzweifelt auf die Suche nach Wohnraum.

Dadurch ist eine ganze Bewegung entstanden: „Movimento Sem Teto“ – „Die Bewegung für Leute ohne Dach“. Diese Bewegung war es, die vor 10 Jahren das brachliegende Land vor den Toren Campinas besetzte und für das Recht dieses zu bebauen kämpfte.

Inzwischen ist Parque Oziel eine der größten Landbesetzungen Südamerikas. Es gibt eine offizielle Schule, eine Krankenstation, einen Kindergarten, ein Jugendzentrum, mehrere Kirchen, gemauerte Häuser, fließendes Wasser und Strom. Alles Dinge die für uns Deutsche selbstverständlich sind, die sich die Bewohner Oziels aber Schritt für Schritt hart erkämpfen mussten. Stellvertretend für diesen Kampf steht vor allem ein Mann. „Canario“ – der gewählte Vertreter von Parque Oziel.

Canario

Als wir mit Jairson Valério dos Anjos durch Parque Oziel gelaufen sind, riefen die Leute ständig „Oi Canario“. Dann machte er kurz halt und hielt mit allen ein Schwätzchen. Er kannte alle mit Namen und hatte immer konkrete Fragen zu ihrem Leben. Er verhielt sich genau so wie man sich bei uns einen gewählten Volksvertreter wünscht.

„Canario“ ist seit 1999 im Amt, und das ist eine erstaunliche Leistung. Denn seine sieben Vorgänger wurden alle erschossen. Irgendwie hat er es geschafft sich mit der organisierten Kriminalität zu einigen. Unter anderem werden an der Schule keine Drogen verkauft. Wie er das geschafft hat verrät er nicht. Wer ihn aber in Aktion erlebt hat, kann es sich ungefähr vorstellen.

„Canario“ ist die Antriebskraft hinter allen Projekten in Parque Oziel. Den ganzen Tag ist er im Dienst der Gemeinde unterwegs – ohne dafür bezahlt zu werden. Den Lebensunterhalt für seine Familie verdient er nachts mit der Reparatur von Kühlschränken. Er ist der geborene Anführer, der es schafft die Menschen mit seinem Charisma und seiner Energie anzustecken. Mit ihm hat Oziel all die Ziele erreicht, die ich weiter oben schon aufgeführt habe.

Während unseres Aufenthalts konnten wir Live miterleben wir er die Bewohner Oziels zu einer spontanen Demonstration – wegen mehrtägigem Ausfalls des Wasser – mobilisierte und mit ihnen Richtung Autobahn zog – mit der Absicht diese zu blockieren. Am Telefon stellte er der Stadtverwaltung ein Ultimatum von zwei Stunden. Und siehe da. Zwei Stunden später rollten Tanklaster mit Wasser durch die staubigen Straßen Oziels.

Auch bei unserem Fotoprojekt hat er eine tragende Rolle gespielt. Aber dazu mehr im Kapitel 4.2 Die Durchführung. Informationen über die wichtigsten Einrichtungen Parque Oziels wie z. B die Kirche, das P.A.F., die Schule usw. gibt es mehr in Kapitel 5.

5 Gedanken zu “And now for something completly different – Parque Oziel

  1. Habe erst überlegt, ob du mein Auto beschreibst….aber nein, dann wohl doch nicht^^

  2. Dein Auto ist doch nach Afrika, wenn ich mich recht entsinne.

    @ All
    Ach ja, ich bitte meine grauenhafte Zeichensetzung zu entschuldigen. Damals wusste ich es nicht besser. 🙂

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