Erscheinungstermin verschiebt sich: „Captain Future 4“ und „Das Blut der Helden“

Bei beiden meiner aktuellen Übersetzungen verschiebt sich der Erscheinungstermin von Winter 2013 auf Winter/Frühjahr 2014.

Dass sich Erscheinungstermine verschieben kommt immer wieder vor, sowohl bei großen als auch bei kleinen Verlagen. Das kann verschiedene Gründe haben. Z. B. dass die Übersetzung nicht pünktlich fertig wird, oder das Lektorat, manchmal hat es auch programmtechnische Gründe, oder es hängt in der Druckerei.

Bei kleinen Verlagen ist es ja meist so, dass man die Arbeit (Übesetzung, Lektorat, Covergestaltung usw.) nur nebenbei macht, da die Bezahlung nicht für den Lebensunterhalt reicht. Also geht der Brotberuf vor, und da muss die andere Arbeit hintenanstehen und ihren Terminkalender danach richten. Bei Golkonda erscheinen zur Zeit ganz viele Bücher, so dass sich die Arbeit wohl überschneidet und die ursprünglich genannten Termine etwas optimistisch gewählt waren (siehe hier:  Golkonda Blog)

Hängt die Übersetzerin bei großen Verlagen hinterher, wird oft noch eine zweite oder dritte dazugeholt, damit der Termin eingehalten werden kann. Das sorgt aber auch für Chaos in der Übersetzung, weil jede Übersetzerin einen Teil des Buches übernimmt, und diese Teile dann sprachlich und begrifflich aufeinander abgestimmt werden müssen. Dadurch erhöht sich das Fehlerpotenzial massiv. Auch der Stil kann darunter leiden (ein Extrembeispiel ist Dan Browns »Das verlorene Symbol«: 7 Übersetzer die eine Woche Zeit für den kompletten Roman hatten).

Verlage mit starren Terminen drücken die Veröffentlichung auch oft durch, wenn die Zeit eigentlich nicht reicht. Das führt dann zu Werken, die man bei Computerspielen als »verbuggte Version« bezeichnen würde. Und anders als bei den Spielen kann man bei gedruckten Büchern keinen Patch hinterherschieben.

Übersetzungen für die die notwendige Zeit fehlt, sind oft (nicht immer) fehlerhaft, lesen sich holprig, haben einen schlechten Stil, enthalten oft noch den englischen Satzbau – weil einfach die Zeit für den Feinschliff fehlte.

Die Verlage Golkonda und Atlantis legen sehr viel Wert auf sorgfältige, fehlerfreie Bücher, die in der bestmöglichen Übersetzung erscheinen. Da ist es besser, man verschiebt den Erscheinungstermin ein wenig nach hinten, statt eine suboptimale Version des Buches rauszubringen.

In diesen beiden Fällen liegt es an Folgendem:

Captain Future 4 – Der Triumph

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Die Übersetzung habe ich Ende August abgegeben, allerdings wurde die Übersetzung zu Band 3 »Die Herausforderung« ungefähr zur selben Zeit von meiner Kollegin abgegeben. Also hatte Band 3 erst mal Vorrang, was das Lektorat angeht. Das ist inzwischen fertig, der Anhang ist auch von Hannes Riffel übersetzt, den habe ich Anfang November nochmal durchgesehen, damit die Begriffe und Bezeichnungen auch einheitlich sind. Ich vermute, dass sich das Buch jetzt im Satz befindet und in den nächsten Wochen in den Druck geht. Insofern ist es ja nicht schlimm, dass Band 4 noch etwas braucht.
Meiner Einschätzung nach (ist jetzt nicht offiziell vom Verlag bestätigt), wird es sicher noch bis März/April dauern, bis Band 4 druckreif ist. Damit liegt er aber dann noch gut in der Zeit, denn Band 2 wird dann genau ein Jahr zuvor erschienen sein.

Das Blut der Helden

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Hier liegt es ganz alleine an mir. Ursprünglich hatte ich mit dem Verlag den 31. Oktober als Abgabetermin vereinbart. Aber durch die Endphase meines Studiums, einen Umzug von Berlin in den Westerwald und den Beginn einer Teilzeitstelle, war mir das terminlich einfach nicht möglich.
Dazu kommt, dass ich die Menge des Textes unterschätz habe. Ich dachte es würden 400 – 450 deutsche Normseiten werden, jetzt sind es aber knapp über 600.

Aktuell bin ich bei 500 Seiten. Fehlen also noch 100. Zusammen mit dem Korrekturgang (den ich zur Hälfte aber auch schon durch habe) wird es noch ungefähr 2-3 Wochen dauern. Dann muss das Buch auch noch ins Lektorat und der Lektor hat auch noch andere Bücher zu bearbeiten, außerdem steht dann Weihnachten vor der Tür.

Ich hätte die Übersetzung sicher auch einen Monat schneller geschafft, aber dann hätte sie nicht meine eigenen Qualitätsansprüchen erfüllt. So gibt es eine sorgfältig recherchierte und bearbeitete Fassung, die dem Lektorat hoffentlich weniger Arbeit macht und sich für den Leser flüssig und authentisch liest.
Im aktuellen Spiegel sagt der Linguist und Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer, der in den letzten 10 Jahren Marcel Proust »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« neu übersetzt hat: »Sie können das ja nicht den ganzen Tag machen, dann kommt nur noch Unsinn dabei raus.«

Also, »Das Blut der Helden« von Joseph Nassise und »Captain Future 04 – Der Triumph« von Edmond Hamilton erscheinen erst im Winter/Frühjahr 2014, dafür aber in sorgfältig übersetzten und lektorierten Fassungen.

P.S.  Durch das Verfassen dieses Blogeintrags verschiebt sich die Veröffentlichung von »Das Blut der Helden« um weitere 30 Minuten. 🙂

Nachtrag: Hier die offizielle Meldung vom Atlantis Verlag.

A Fistful of Future

Nach drei Wochen langen Wartens, bin ich jetzt endlich wieder in Berlin und konnte meine Belegexemplare von „Captain Future – Erde in Gefahr“ abholen.

Fistful of Future

Zu wissen, dass eine Übersetzung erschienen ist, ist eine Sache, aber die gedruckten Exemplare in der Hand zu halten, sie durchzublättern und den Geruch des Papiers einzuatmen, das ist nochmal ein ganz anderes Gefühl. Vor allem, wenn das Buch so liebevoll und schön gestaltet ist, wie die Ausgaben von Golkonda.
Auf dem Cover befindet sich ein Auszug aus der originalen Titelgrafik der Ersterscheinung des Magazins Captain Future, in dem der Roman Calling Captain Future („Erde in Gefahr“), neben anderen Kurzgeschichten enthalten war.
Auf dem linken Innenumschlag sieht man das komplette Originalcover mit dem Titelbild von H. W. Wesso. Inklusive der Preisangabe von 15 Cent. Wohlgemerkt 15 US-Cent in den 1940er Jahren:

Originalmagazin
Auf dem rechten Innenumschlag prangt das von molosovsky gezeichnete Porträt Edmond Hamiltons:

Potrai von molo

Es sind auch sämtliche Originalillustrationen in dieser Ausgabe enthalten:

Innenillu

Dazu gibt es noch einen ausführlichen Anhang mit Informationen, die sich direkt auf die Geschichte „Erde in Gefahr“ beziehen. Eine Beschreibung des Plutos inklusive einer Karte, die die See von Avernus und die mächtigen Marschierenden Berge zeigt. Sowie Infos über Mark Carew, einem der Pioniere der Raumfahrt, dem Captain Future die letzte Ehre erweist. Und zu guter Letzt Leserbriefe aus der ersten Ausgabe.

Die Neuausgabe von Captain Future setzt also voll auf eine nostalgische Atmosphäre. Der Flair der Pulp-Ära wird meines Erachtens sehr gut rübergebracht. Wobei ich jetzt nicht weiß, wie die deutsche Erstausgabe von Bastei aussah.

Für die Gestaltung der Ausgabe ist s. BENes (www.benswerk.de) verantwortlich.

Für den Satz Hardy Kettlitz

Coverpreview: Captain Future 04 – Der Triumph

Hah, da habe ich doch kürzlich noch über Joan als klassische »damsell in distress« geschrieben (https://translateordie.wordpress.com/2013/03/09/sexismus-diskriminierung-und-captain-future/), die immer wieder in Fesseln landet und vom pistolenschwingenden Captain Future gerettet werden muss, und prompt zeigt sie sich in eben jener Pose auf dem Cover zu Band 4, an dessen Übersetzung ich gerade sitze.
der triumph

Da der Inhalt ja kein Staatsgeheimnis ist – immerhin ist das Original schon vor 73 Jahren in den USA erschienen und die deutsche Erstübersetzung unter dem Titel »Der Lebenslord« Anfang der 80er Jahre – hier an dieser Stelle einen kurzen Hinweis darauf, worum es geht:

Auch in der Zukunft des Captain Future, in der man fremde Planeten besiedelt hat, sind die Menschen, Marsianer, Venusianer usw. nicht vor den Unbilden des Alterns gefeit. Egal wie reich und mächtig sie sind, die Haut wird runzelig, die Knochen schmerzen, der Ruhm verblasst und schließlich stirbt man. In diese Marktlücke stößt der »Herr des Lebens« mit seinem unheilvollen Lebenswassersyndikat, das die alternden Reichen mit der Verlockung auf ewige Jugend schröpft. Doch diese Jugend ist nur von kurzer Dauer und nimmt ein grausiges Ende. Weder die Systemregierung noch die Planetenpolizei sind in der Lage dieses Verbrechersyndikat zu zerschlagen. Da kann nur noch einer Helfen: Captain Future (und seine Futuremen). Die erste heiße Spur nach der von Mythen und Legenden umrankten Quelle des Lebens führt die seltsamen Gefährten in die antike und tödliche Maschinenstadt auf dem Mars …

Der Band ist für Herbst 2013 angekündigt. Vorher (im Sommer 2013) wird noch der von Frauke Lengermann übersetzte Band 3 »Die Herausforderung« erscheinen.

„Captain Future 02 – Erde in Gefahr“ ist erschienen

Letzte Woche, pünktlich zur Leipziger Buchmesse, ist meine Neuübersetzung von »Captain Future 02 – Erde in Gefahr« von Edmond Hamilton im Golkonda Verlag erschienen: http://golkonda-verlag.de/cms/front_content.php?idart=366

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»Doktor Zarro ruft die Völker des Sonnensystems«, krächzte er mit rauer, tiefer Stimme. »Völker der neun Welten, ich überbringe euch die Warnung vor einer furchtbaren Gefahr – eine Gefahr, die eure stümperhaften, dummen Wissenschaftler bisher noch nicht einmal entdeckt haben. Ein riesiger dunkler Stern rast aus dem grenzenlosen Abgrund des Weltalls auf unser Sonnensystem zu! Diese gigantische tote Sonne kommt aus Richtung der Konstellation Sagittarius – ihre exakte Position ist Rektaszension 17 Stunden und 41 Minuten, Deklination minus 27 Grad, 48 Minuten. Sie kommt geradewegs auf uns zu und wird unser System bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit in wenigen Wochen erreichen. Dieses heranstürmende Ungeheuer wird unser System zerstören – sofern es nicht umgelenkt wird.«
Doktor Zarros heisere Stimme wurde tiefer, bis sie einem hallenden Donnern glich.
»Ich kann diesen heranstürmenden dunklen Stern umlenken,
wenn man mir rechtzeitig die Macht dazu gibt!«, rief er. »Ich allein! Ich bin Herr über Kräfte, die euren ignoranten Wissenschaftlern unbekannt sind, da ich ursprünglich überhaupt nicht aus diesemSystem stamme. Wer oder was ich bin, ist in dieser Notlage nicht von Bedeutung. Ich werde eine Legion von Männern bilden, die an mich glauben und mir helfen werden, diese Gefahr abzuwenden – eine Legion der Verdammten! Aber um die Kräfte vorzubereiten, die diese heranstürmende Gefahr Umlenken können, muss ich die vollständige Befehlsgewalt über alle Ressourcen dieses Systems haben. Wenn diese schreckliche Bedrohung abgewendet werden soll, müssen ich und meine Legion vorübergehend die Alleinherrschaft über dieses System erhalten.«

Doktor Zarro will also die Macht und es gibt im gesamten Sonnensystem nur eine Person, die ihn aufhalten kann: Captain Future!

Im Laufe des Romans geht es darum, wie der Zauberer der Wissenschaften, der unerbittliche Feind alles Bösen, versucht, die teuflischen Pläne des bösartigen Ränkeschmieds zu durchkreuzen – unterstütz vom großmäuligen, gestaltwandelnden Androiden Otho, dem unglaublich starken Roboter Grag, der so gerne ein Mensch wäre, dem scharfsinnig Gehirn Simon und dem metallliebenden Mondwelpen Eek, der schon mal gerne einen Metallträger des tränenförmigen Schiffes Komet anknabbert, mit dem die Futuremen mit wahnsinniger Geschwindigkeit durchs All düsen.

Hier gibt es eine längere Leseprobe: http://golkonda-verlag.de/cms/upload/bilder/CaptainFuture02_Leseprobe.pdf

Tja, da ich es versäumt habe, dem Verlag rechtzeitig mitzuteilen, dass ich mich erst im April wieder in der Hauptstadt aufhalte, werden die Belegexemplare jetzt im interplanetarischen Hochsicherheitstresor der terranischen Filiale von Getränke Lehmann in einem Raumzeitvakuum gelagert, bis ich sie in drei Wochen endlich abholen und bewundern kann.
Also Leute, kooft noch schnell bei Lehmann und vor allem bei Golkonda, bevor unsere irdische Existenz von einem dunklen Stern oder einem schwarzen Loch endgültig und unwiederbringlich verschlungen wird. In irgendeinem Teilchenbeschleuniger oder Hobbykeller wird bestimmt gerade am Weltuntergang gebastelt.

Sexismus, Diskriminierung und Captain Future

In den letzten Wochen gab es ja heftige Debatten über Sexismus und Diskriminierung. Zum einen im Zuge der Brüderle-Geschichte, zum anderen bzgl. der nachträglichen Abänderung bzw. Zensur von rassistischen Wörtern und Begriffen in Literaturklassikern (siehe »Pipi Langstrumpf« und »Die kleine Hexe«). Darauf möchte ich hier aber nicht weiter eingehen.
Mir geht es darum, dass man auch als Übersetzer mit der Problematik konfrontiert werden kann, und wie man dann damit umgeht. Was tun, wenn der zu übersetzende Text Sexismus, Rassismus oder andere Diskriminierungen enthält?

Ich werde das beispielhaft an meiner Übersetzung von »Captain Future – Erde in Gefahr« von Edmond Hamilton erläutern.
Vorweg: Ich halte das Buch weder für sexistisch noch für rassistisch, aber es stammt aus den 40er Jahren und enthält einige klischeehafte Stereotype, die nicht mehr zeitgemäß sind (und es eigentlich auch nie waren).

Zunächst eine kleine Begriffsdefinition:

Sexismus sind für mich Benachteiligungen, Belästigungen usw. gegenüber Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Ebenso wie die Zuschreibung von stereotypen Geschlechterklischees (z. B. dass alle Blondinen blöd seien oder Frauen nicht einparken könnten).

Diskriminierung (darunter fällt auch der Sexismus), ist die Benachteiligung einer bestimmten Person oder einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft oder anderer Merkmale. Darunter fällt auch die Zuschreibung bestimmter stereotyper Eigenschaften (z. B. dass alle Griechen faule Säcke seien oder alle Polen Diebe).

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung gegenüber Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder anderer äußerlichen Merkmalen.

Kommen wir jetzt zu Captain Future. Die Buchreihe entstand in den in den 1940er Jahren in den USA. Das Land war noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, es herrschte eine offizielle Diskriminierung gegenüber Afro-Amerikanern, auch die Frauen waren weit von Gleichberechtigung entfernt und es existierte bereits Angst vor dem Kommunismus (»Red Scare«: vor allem von 1919-1921 und 1947-1957). Gleichzeitig waren die USA noch nicht die heutige Weltmacht. Es gab zwar einige Kolonien, aber kein Vergleich zu den europäischen Ländern. Die Wirtschaft hatte sich nach der Weltwirtschaftskrise von 1928-1930 im Zuge der Sozialreformen des New Deal erholt. Das ist die Zeit, in der Captain Future entstand.

Nun schreiben wir das Jahr 2013. Es hat sich viel geändert. Frauenbewegung, Gleichberechtigung, Antidiskriminierungsgesetze usw. Es ist ein ganz anderes Bewusstsein im Umgang mit Frauen, Minderheiten und allen anderen Gruppen, die diskreminiert wurden, entstanden. Leider nur bis zu einem gewissen Grad, aber es hat sich doch viel getan.

Und mit diesem neuen Bewusstsein übersetze ich nun als weißer, männlicher Deutscher im Alter von 33 Jahren einen Roman aus der oben beschriebenen Zeit. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Denn zum einen möchte ich Atmosphäre und Authentizität des Originals beibehalten, zum anderen aber keinen Text erstellen, der sexistisch und diskriminierend ist.

Captain Future ist ganz klar ein Kind seiner Zeit. Die Welt bzw. die neun Welten werden hauptsächlich von älteren, weißen Männern beherrscht

Wenn man sich mit den Themen Rassismus und Diskriminierung beschäftigt, sollte man sich immer vor Augen halten, dass die Welt über Jahrhunderte von älteren weißen Männern beherrscht wurde. Sicher es gab Ausnahmen wie Queen Victoria oder Alexander der Große (der war ziemlich jung), aber das waren und sind leider heute noch Ausnahmen. Die europäische Kolonialgeschichte wirkt bis in die Gegenwart. So gehe ich z. B. regelmäßig in der Einkaufsgenossenschaft der deutschen Kolonialwarenhändler (EDEKA) einkaufen.

James Carthew, der Präsident des Systems, hat ergrauendes Haar. Ezra Gurney, der beste Polizist der Planetenpolizei ist ein alter Veteran mit weißem Haar. Und auch die ganzen Wirtschaftsmagnaten sind vornehmlich ältere, weiße Männer von der Erde.

Die Erde scheint geeint zu sein, wirkt aber sehr amerikanisch. Jeder Planet des Systems hat seine eigenen Rassen bzw. Völker, und die werden auch durchaus mit positiven Eigenschaften dargestellt, aber am Ende haben immer die Erdenmänner das sagen (»they call the shots«). Die Einheimischen der anderen Planeten werden oft so dargestellt, wie die Einheimischen der westlichen Kolonien. Teilweise werden sie von den Erdenmänner als »Teufel« bezeichnet, beleidigt und diskreminiert, teilweise als edle Wilde dargestellt und zum Teil auch als sehr fortschrittlich (wobei die meist auf einige wenige Bereiche beschränkt ist, und sie in anderen Bereichen wieder als ziemlich naiv dargestellt werden).

»Wir beschäftigen einen behaarten Teufel namens Tharb als Führer, wenn draußen auf den Eisfeldern etwas zu erledigen haben.« Meint Ezra Gurney auf Seite 84.

Die Bösewichte sind zumeist aber auch Erdenmänner.
Der größte Hecht von allen, der Zauberer aller Wissenschaften, Captain Future wird als junger Mann beschrieben. Er entspricht dem klassischen Bild des Helden. Er ist verbissen, unbarmherzig, trägt einen Hass auf all diejenigen ins sich, die unschuldige Menschen ausbeuten wollen, hat aber auch viel Humor.

Das Problem des Menschseins behandelt Hamilton durchaus differenziert und reflektiert, vor allem in den Streitereien zwischen dem Roboter Grag und dem Androiden Otho, darüber, wer von ihnen menschlicher sei.

Kommen wir aber endlich zum Sexismus. Die Welt des Captain Future wird von Männern geprägt, aber es gibt auch eine Frau, die eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielt: Joan Randall, Topagentin des Geheimdienstes und erste Vorsitzende des Captain Future Fanclubs.

Sie ist eine berufstätige Frau und sehr fähige Agentin. Sie handelt eigenständig, geht Spuren nach, macht wichtige Fortschritte bei den Ermittlungen und begibt sich in gefährliche Situationen. Dabei endet sie allerdings immer gefesselt als »damsel in distress«, also als hübsche Frau in Not und muss von Captain Future gerettet werden.

Er hörte, wie Joan und Kansu Kane, die ebenso wie er mit Seilschlangen gefesseltwaren, sich ganz in seiner Nähe vergeblich auf dem Boden wanden. (Hamilton, 41)

Man muss Hamilton zugutehalten, dass Captain Future selbst noch häufiger dämlich in Fallen tappt und gefesselt in der Hand des Feindes landet.

»Der berühmte Captain Future hat sich also entschieden, der Legion der Verdammten eine Falle zu stellen?«, knurrte er. »Und dann ist er in seine eigene Falle gegangen!« (Hamilton, 40)

Anders als Joan schafft er es aber immer selbst, sich zu befreien. Joan bleibt dann nicht anderes übrig, als ihm ihre unerschütterliche Bewunderung entgegenzubringen. Sie lässt auch keine Gelegenheit aus, allen mitzuteilen, was für ein toller Hengst dieser Future ist.

Joan lächelte Curt unsicher an. Sie hatte unerschütterliches Vertrauen in ihn, wie Curt nur zu gut wusste. (Hamilton, 56)

Hamiltons Frauenbild ist antquiert, entspricht aber dem damaligen Zeitgeist. Joan wird meist als »girl« bezeichnet, also als »Mädchen« oder »Mädel«. In der deutschen Übersetzung haben wir daraus aber »junge Frau« gemacht, weil alles andere heute einfach nicht mehr passt. Außer wenn die Bösewichte Joan anreden. In ihrer Funktion als Schurken dürfen sie solch diskreminierende Bezeichnungen wie »Mädchen« für eine erwachsene Frau benutzen.

Roj kicherte sichtlich begeistert. »Ja, ja, Doktor – er wird in der Halle großes Vergnügen finden, ebenso wie das Mädchen und der Venusianer.« (Hamilton, 42)

Ich möchte den Text nicht wörtlich übersetzen, sondern die Wirkung des Textes auf den Leser. Und auf den Leser der 1940er Jahre hatte das Wort Mädchen in diesem Kontext eine andere Wirkung, als auf den Leser des Jahres 2013. Da muss ich einen passenderen Begriff finden.

An der inhaltlichen Stellung der Frau in der Geschichte kann man als Übersetzer aber nichts ändern. Das muss so bleiben. Da kann man dem Leser auch genügend Kompetenz zutrauen, dass er dies als Zeichen der damaligen Zeit sieht. Oder, frei nach Norbert Elias, damals hat sich die Gesellschaft noch auf einem anderen Stand im Prozess der Zivilisation befunden. Und diesen kann man nicht mit heutigen Moralmaßstäben undifferenziert bewerten.

Aber nicht nur Frauen werden in der Welt von Captain Future diskriminierend behandelt bzw. bezeichnet. Wenn es um die Schurken geht, werden diesen aufgrund ihrer Schurkigkeit bestimmte stereotype physische Merkmale zugeschrieben. Die Verbrecher sind also hässliche Zwerge oder missgestaltete Riesen. Hier werden die Charaktereigenschaften über das Äußere definiert. Jemand der klein und hässlich ist, kann ja nur ein bösartiger Zwerg sein.

Curt stürzte nach vorne und feuerte seine Strahlenpistole ab. Aber einer der Legionäre, ein zwergenhafter Erdenmensch mit einem gemeinen Gesicht, hatte eine Handvoll sich windender Kreaturen hervorgezogen und warf sie nach Captain Future. (Hamilton, 36)

Der Zwerg der Legion kam herüber und blickte unheilvoll auf Curt hinab. Er war ein Erdenmensch mit einem zerfurchten, abscheulichen Gesicht und bösartigen schwarzen Augen, der die besten Jahre bereits hinter sich hatte. (Hamilton, 40)

Diese Zuschreibung negativer Eigenschaften aufgrund von bestimmten äußeren Merkmalen liegt vor allem am heteronormativen Charakter der US-amerikanischen Gesellschaft (wobei fast alle Gesellschaften einen solchen Charakter haben). Es gibt bestimmte Vorstellungen davon, was als »normal« gilt. Alles, was von dieser gesellschaftlichen Norm abweicht, wird als negativ angesehen.

Auch in dieser Hinsicht hat sich inzwischen viel (aber noch nicht alles) getan. Als Übersetzer kann ich da nichts machen. Auch da muss ich auf die Kompetenz des Lesers vertrauen. Wenn man allerdings denkt, dass dies ausschließlich ein »Zeichen der damaligen Zeit« ist, der täuscht sich. Auch in aktuellen Büchern lassen sich Beispiele für die Definition des Charakters über das Äußere finden. Kürzlich habe ich »Percy Jackson – Diebe im Olymp« gelesen. Auch dort wird eine Mehrzahl (nicht alle) der Fieslinge über ihre hässliches Äußeres definiert. Hinzu kommt, dass die Charaktereigenschaften der Figuren über ihre soziale Herkunft definiert werden. Die Kinder von Ares sind natürlich alle kriegerisch usw. So, wie die Kinder von Akademikern studieren gehen und die von Arbeitern auf den Bau oder in den Einzelhandel. Soziale Determination, und das von einem Autor, der Lehrer war.

Bei Captain Future weiß der Leser in der Regel aber, was in erwartet. Das ist Pulp-Literatur aus den 40er Jahren. Da gibt es keine ausgefeilten Figuren mit psychologischem Tiefgang (wobei es das in den späteren Geschichten durchaus gibt), sondern stereotype Menschenbilder, also einfache Figuren die Abenteuer erleben.

Als Übersetzer versuche ich, dem gerecht zu werden. Ich versuche das Flair des Originals beizubehalten, passe die Sprache aber zumindest teilweise einer zeitgemäßeren Ausdrucksweise an, die auf den heutigen Leser so wirkt, wie das Original auf den damaligen Leser.

Wie oben schon erwähnt, sehe ich »Captain Future« nicht als sexistischen oder diskriminierenden Text, wenn er auch einige Elemente enthält, die unter diese Kategorien fallen. In einem solchen Fall habe ich es als Übersetzer leicht. Der Text ist zwar etwas antiquiert, aber harmlos. Wie sieht es aber aus, wenn man einen wirklich sexistischen Text vorliegen hat?

Es ist schwierig, diese Frage hypothetisch zu beantworten. Ich würde es wohl ablehnen, einen solchen Text zu übersetzen. Kürzlich ist meine Übersetzung von Edward Lees »Das Schwein« erschienen. Ein Text, der sehr kontroverse Reaktionen hervorgerufen hat, extreme sexuelle Gewalt gegen Frauen enthält, aber trotzdem erstaunlich viele positive Kritiken von Frauen erhält. Warum ich mich entschieden habe, dieses Buch zu übersetzen, werde ich in einem separaten Blogeintrag erklären.