Kurzkritiken August 2017

Da es mir momentan an Muse für längere Kritiken mangelt, berichte ich von meiner jüngsten Lektüre nur in Kurzform. Zumindest zu Paris wird es aber noch irgendwann eine längere Besprechung geben.

Michael Chabon – Telegraph Avenue (engl. Version)

Ein Roman, dessen rasante und verspielte Sprache einen im wilden Jazzrhythmus so wirbelnd über die Seiten mitreißt, dass man die Zeit darüber ganz vergisst und plötzlich schon einige hundert Seiten dieses Werks über Musik, Blaxplotation, Hebammen, Kung-Fu und Familie hinter sich hat, ohne dass einem dabei die Puste ausgeht.

Thankmar von Münchhausen – Paris: Geschichte einer Stadt seit 1800

Extrem aufwendig recherchierte, stilistisch brillante, thematisch breitgefächerte und pointiert formulierte Geschichte der Hauptstadt Frankreichs, die für die Geschichte der Republik eine viel wichtigere Rolle gespielt hat, als es in föderalistisch organisierten Ländern der Fall ist. Pflichtlektüre für alle, die sich für Paris interessieren

Abir Mukherjee – Ein Angesehener Mann

Spannender und exotischer Krimi über einen britischen Ermittler in Kalkutta nach dem 1. Weltkrieg, der sich äußerst kritisch mit der Kolonialgeschichte des Empires auseinandersetzt. Hätte ruhig noch etwas opulenter formuliert werden können, aber für einen Debütroman ein beachtliches Werk. Gut übersetzt von Jens Plassmann.

Virgine Despentes – Das Leben des Vernon Subutex

Scharfsinniges Porträt eines Pariser Plattenverkäufers und seiner Freunde, die ihm unter die Arme greifen, als er seinen Laden schließen muss, aber nicht verhindern können, dass er immer weiter in die Obdachlosigkeit abrutscht. Weit weniger provokant als Despentes‘ Debüt Baise-moi, dafür viel intelligenter und cleverer inszeniert, mit eindrucksvollen Charakterstudien über das Wesen des aktuellen Frankreichs. Die sprachliche Klarheit der Übersetzung von Claudia Steinitz liest sich ganz wunderbar. Im Februar 2015 habe ich übrigens die ausgezeichnete Doku Mutantes: Punk Porn Feminism von Despentes besprochen (man muss etwas runterscrollen).

Philip Winkler – Hool

Nicht so clever und komplex, wie Clemens Meyers Als wir träumten, nicht so humorvoll wie Sven Regeners Neue Vahr Süd oder sprachlich so brillant wie Heinz Strunks Der goldene Handschuh, trotzdem ein sehr lesenswerter Roman über eine Hannoveraner Hooligan, dessen Freunde sich mit dem Erwachsenwerden weiterentwickeln, während er selbst in den Hooliganträumen seiner Jugendjahre hängen bleibt und die Welt nicht mehr versteht. Sprachlich interessant, weil der Ich-Erzähler auch außerhalb der wörtlichen Rede Umgangssprache verwendet. Vor allem die Charakterstudie von Heiko Kolbes Familie ist dem Autor gut gelungen, sowie die eindrücklichen Schilderungen eines Milieus, das den meisten Lesern des Buchs vermutlich völlig fremd sein wird.

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