Buchempfehlung: House of Leaves

Hier ein Artikel über das wohl komplexeste und gruseligste Werk, das ich je gelesen habe. Erschien ursprünglich im von Michael Schmidt herausgegebenen Horrormagazin Zwielicht 2. Die Printausgabe dürfte vergriffen sein, als E-Book ist es noch erhältlich. An dieser Stelle nochmal meinen Dank an Christian Weis, der den Text durch seine Tipps lesbarer gemacht hat.

»House of Leaves – Das Haus« von Mark Z. Danielewski

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Ein großes, verwinkeltes Haus, das von außen fast den Eindruck erweckt, es sei lebendig. Innen mit alten verstaubten Möbeln, knarzendem Holzfußboden, seit Jahren verschlossenen Zimmern, unheimlichen Porträtgemälden, kalten Luftzügen und Flüstern in den Wänden. Ein Haus, das eine Geschichte hat. Meist keine gute. Und natürlich neue Bewohner, die die Geschichte des Hauses nicht kennen, unbedarft einziehen, sich über die vielen Zimmer freuen und es zunächst noch genießen, im ersten eigenen Haus zu wohnen.

Bis es dann losgeht. Oft sind es die Kinder, die zuerst bemerken, dass hier etwas nicht stimmt. Sie sehen Personen, die nicht da sein dürften, hören Gespräche, die niemand führt. Dann fallen plötzlich Türen zu oder Möbel verändern ihre Position. Die Alpträume beginnen. Lange qualvolle Nächte auf durchgeschwitzten Laken. Eltern, die einem zunächst nicht glauben. Es beginnt subtil, fast unscheinbar, nur Streiche, die einem die Fantasie spielt. Aber es steigert sich, bis man unzweifelhaft zu der Erkenntnis kommt, dass es im neuen Eigenheim spukt.

Die Spukhausgeschichte ist eine der ältesten Formen des Horrorgenres, die es fast schon so lange existiert wie es Häuser gibt. Seitdem entstanden unzählige Bücher und Filme in den unterschiedlichsten Variationen. Der bekannteste Roman ist wohl Shirley Jacksons Klassiker »Spuk in Hillhouse«, der als »Bis das Blut gefriert« verfilmt wurde.

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Will Navidson ist Dokumentarfilmer und Pulitzerpreisträger. Als er mit seiner Frau und den zwei Kindern in ein neues Haus zieht, setzt er unwissentlich eine Reihe von unheimlichen Ereignissen in Gang. Sein Haus ist nicht das typische Spukhaus, wie ich es oben beschrieben habe. Es spukt nicht, es gibt keine kalten Stellen oder schreckliche Verbrechen, die dort begangen wurden. Das Haus passt einfach nicht. Eines Tages stellt Navidson fest, dass das Haus innen größer ist, als es nach den äußeren Maßen sein dürfte. Damit beginnt alles. Plötzlich ist ein Gang da, der nicht da sein sollte; der sich verändert und der zu einem riesigen Labyrinth wird. Von dem Gang geht keine Gefahr aus, kein Monster lauert in seinen Schatten. Er ist einfach nur da. Navidson stürzt sich mit dem Enthusiasmus eines besessenen Höhlenforschers auf diesen Korridor. Er will, nein, er muss ihn unbedingt erkunden.
Zusammen mit seinem Bruder, einem befreundeten Collageprofessor und zu guter Letzt einem renommierten Abenteurerteam, stößt er in die Tiefen des Abgrundes vor, der unter ihm lauert. Als Basislager dient das Wohnzimmer, von hier aus geht es immer weiter, zunächst in ein undurchsichtiges Labyrinth von Gängen, dann weiter, eine schier endlose Treppe hinab in ein finsteres Höhlensystem – die Kamera immer mit dabei.

Obwohl uns Navidson mit in seinen Abgrund zerrt, sind wir nicht direkt dabei. Nein, wir erfahren von dem Dokumentarfilm nur aus zweiter Hand. Der mysteriöse und blinde Zampano hat eine wissenschaftliche Abhandlung über den »Navidsonrecord« und seine Entstehung geschrieben. Wie er den Film sehen konnte, bleibt ein Geheimnis. Seine intensiven Beschreibungen ziehen uns Leser direkt hinein in das unheimliche Geschehen. Er schafft es, eine gelungene Mischung aus packender Erzählung und wissenschaftlicher Abhandlung zu schreiben, die mit unzähligen Fußnoten voller fiktiver und realer Zitate gespickt sind, und somit dem Ganzen Authentizität verleihen. Zampano dringt nicht nur in den Abgrund vor, sondern auch in die Psyche Navidsons, der wie ein Getriebener immer weiter muss.

Doch Zampano ist längst unter ungeklärten Umständen verstorben. Seine Geschichte und die Geschichte seines Manuskripts erfahren wir durch die eingeschobenen, teils seitenlangen Fußnoten von Johnny Truant, die er neben Zampanos Fußnoten ergänzt hat. Truant hat das Manuskript entdeckt und sich damit intensiv beschäftigt. Was ein wenig überrascht, da er wie ein typischer, ungebildeter Loser wirkt – mit seiner Arbeit als Nadelreiniger in einem Tattooshop, seiner Liebe zu einer Stripperin und den schäbigen Sauftouren mit seinem Freund Lude, auf denen er versucht, die Leute mit Lügengeschichten zu beeindrucken. Mit der gleichen Besessenheit, mit der sich Navidson in das Haus stürzt und Zampano in seine Abhandlung, stürzt sich Truant auf das Manuskript, beginnt eigene Recherchen anzustellen. Und ganz langsam hält das Grauen auch in seinem Leben Einzug.

Auf der vierten Ebene gibt es noch die Fußnoten der Herausgeber, die unter Truants Randbemerkungen stehen.

Das Buch ist wie das Haus. Der Leser ist wie Navidson, der sich in das unbekannte Mysterium stürzt. Ein Labyrinth voller Verschachtelungen, subtiler Hinweise und unerklärlicher Phänomene.
Das Buch ist ein Kunstwerk. Ein Experiment, von einem Autor, der sich viel Mühe gemacht hat, nicht einfach nur eine Geschichte zu erzählen, sondern ein Haus in einem Buch zu erschaffen, in das es den Leser förmlich hineinzieht. Ein Abgrund von einem Buch, das auch in den Leser zurückschaut. Neben den oben erwähnten Verschachtelungen der vier Erzählebenen verändert sich das Buch mit jeder Seite, wird immer undurchsichtiger, bis die Buchstaben anfangen, ein Eigenleben zu beginnen. Sie tanzen kreuz und quer über die Seiten, stehen auf dem Kopf und auf der Seite und spiegeln Navidsons besessene Odyssee wieder.
Dadurch entsteht ein Labyrinth im Kopf des Lesers, das viele sicher überfordert oder zu sehr anstrengt. »Das Haus« ist keine leichte Lektüre. Es verlangt seinem Leser höchste Konzentration ab, und die Bereitschaft Konventionen zu überschreiten. Das Buch ist nicht einfach eine unterhaltsame Lektüre, wie ein kurzer Wochenendausflug. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis.

Danielewski gelingt es dabei, seine Erzählwerkzeuge der Form des Inhaltes anzupassen, sie zu einer einmaligen Symbiose zu verschmelzen. Er ist ein genialer Architekt, der ein Monument aus Wörtern um den Leser herum konstruiert. Dabei orientiert er sich nicht an irgendwelchen Konventionen des Horrorgenres, die er weit hinter sich lässt. Er hat hier ein Werk erschaffen, das alle Genregrenzen sprengt und von vielen Kritikern mit Werken wie »Ulysses« von James Joyce oder »Die Enden der Parabel« von Thomas Pynchon verglichen wird. Ein unglaublich komplexes Werk, das jede Menge Wissen enthält, als habe der Autor all sein Können hineingesteckt. Ein Kraftakt, nicht nur für den Leser. Zehn Jahre hat Danielewski an diesem Brocken gearbeitet; eine lange Zeit, die man dem Roman anmerkt.

»Das Haus« ist kein Buch, das einfach so runter geschrieben wurde, weil jemand einen guten Einfall hatte, und Danielewski ist kein Autor, der schreibt, weil er gerade nichts Besseres zu tun hat. Er wurde 1966 als Sohn des polnischen Regisseurs Tad Danielewski und Priscilla Machold geboren. Ihm war früh klar, dass er Romane schreiben will und deshalb studierte er Literatur in Yale und Latein in Berkley, da ihm dies helfen würde einen Roman zu schreiben.
Mit seinem Nachfolgewerk »Only Revolutions« begibt sich Danielewski in ein anderes Genre und schildert die Geschichte zweier verliebter Teenager.

Auch wenn »Das Haus« noch im alten Jahrtausend entstand und im März 2000 erschien, hat es das Horrorgenre in ein neues Jahrtausend und auf eine neue Ebene befördert. Einen solches Werk hat es vorher nicht gegeben. Danielewski fordert viel von seinem Leser, und wer bereit ist, dies zu geben, darf sich auf eine vollkommen neue Erfahrung freuen, die einem das Fürchten lehrt, wie man sich vorher noch nicht gefürchtet hat. Nach der Lektüre des Romans habe ich die deutsche Ausgabe von Klett-Cotta in ein Bücherregal direkt meinem Bett gegenüber gestellt, und jeden Morgen beim Aufwachen und den ersten Strahlen des Tageslichts klafft dort im Regal dieser schwarze Abgrund, der finsterer ist als alles um ihn herum; der noch Monate nach dem Lesen des Romans einen starken Sog ausübte, der mich nicht loszulassen schien.
Danielewksi hat die Messlatte so hoch gelegt, dass es vermutlich weitere Jahrzehnte dauern wird, bis ein neuer Autor sie erreicht.

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