Buchempfehlung: Der Nomadengott von Gerd Scherm

Zur Füllung des Sommerlochs und weil ich kürzlich in der Tut-Ench-Amun-Ausstellung war, hier eine Buchrezension zum Thema. Ist ursprünglich beim Fantasyguide erschienen. Die Printausgabe ist vergriffen, das E-Book aber bei Heyne erhältlich.

 

Rezension von einem Gott, der lieber anonym bleiben möchte

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Da kann ich ein Lied von singen. Mach ich aber nicht. Ich schreibe lieber darüber. Die Meisten, die davon träumen, ein Gott zu sein, sehen natürlich nur die schönen Seiten. Allmacht, Allmacht und Allmacht. Aber wie heißt es so schön: „Von nichts kommt nichts“. Und bis zur Allmacht ist es ein weiter Weg. Erst mal muss man Leute finden, die an einen glauben. Der eine oder andere Blitz ins Hinterteil kann da schon hilfreich sein. Das alleine reicht aber nicht, man braucht auch ein Konzept, das den Glauben widerspiegelt. Dazu auch noch Regeln, an die sich die Gläubigen halten müssen. Man will als Gott ja schließlich eine Autoritätsperson sein. Und seine Autorität kann man am besten unter Beweis stellen, indem man Leute bestraft die gegen die Regeln verstoßen haben. So etwas schürt Angst, und die wiederum stärkt die Autorität. So läuft es heute im Religionsbusiness, und so lief es schon vor Tausenden von Jahren. Nur, dass früher die Konkurrenz unter den Göttern sehr viel größer war. Nehmen wir z. B. das Jahr 1500 v. Chr. Damals gab es allein in Ägypten an die 50 Götter oder göttliche Wesen. Von A wie Aker (Erd- und Totengott) bis U wie Unut (Unterweltsdämonin) tummelten sich zahlreiche Götter und Möchtegerngötter, die alle um die Gunst der Gläubigen buhlten. Jeder von ihnen hat die eine oder andere Marktnische abgedeckt. Das heißt, es gab für jeden Scheiß einen Gott.

Ja, das waren noch Zeiten. Damals ging richtig die Post ab, und es hat noch richtig Spaß gemacht, ein Gott zu sein. Ich denke oft wehmütig an diese Zeit zurück. Damals haben Leute noch nicht direkt geglaubt, dass sie verrückt sind, wenn man ihnen erschienen ist. Heute laufen sie direkt zum Psychiater und lassen sie mit Medikamenten vollstopfen. An uns Götter von damals erinnert sich kaum noch jemand. Bis auf ein paar Historiker, die mit Glauben aber nicht viel am Hut haben, kennt niemand mehr die alten Namen. Da ist es sehr zu begrüßen, wenn ein moderner Schriftsteller Geschichten von damals erzählt. Gerd Scherm ist so einer.

Sein Buch „Der Nomadengott“ erzählt, was damals wirklich bei uns abgegangen ist.

Auch damals schon war gutes Führungspersonal selten. Einer von diesen Pfeifen war Suchos der Krokodilgott. Der hat es tatsächlich geschafft, seinen Ankh, das Symbol der Göttlichkeit, zu verlieren. Nicht auszudenken, was alles passieren könnte, wenn ein Mensch dieses mächtige Artefakt finden würde. Viel auszudenken brauchten wir uns auch nicht, denn der Ankh wurde natürlich von einem Menschen gefunden. Und zwar von Raffim einem reichen und geldgierigen Hyksos. Der freute sich natürlich über die neue Macht, musste aber bald enttäuscht feststellen, dass ihm die wirklich interessanten Kräfte – also die zerstörerischen – versagt blieben. Er musste sich damit zufrieden geben Menschen zu heilen und Tote wieder zum Leben zu erwecken. Dazu kam auch noch, dass die Hyksos zu dieser Zeit keinen guten Stand in Theben hatten. Sie hatten zwar alle gute Arbeit und waren zum Teil recht wohlhabend, waren aber dadurch bei den Ägyptern nicht gerade beliebt. Menschen suchen seit jeher einen Grund anderen für etwas die Schuld zu geben, und auch Ägypter waren damals sehr einfallsreich. So kam es dann, dass die Hyksos sich in Tajarim (Touristen) umbenannten, und unter der Führung des Schreibers Seshmosis Theben verließen. Zu diesem Zeitpunkt war die sonst recht langweilige Götterwelt, wegen des verlorenen Ankh in heller Aufruhr. Meine Kollegen reagierten manchmal doch etwas hysterisch. Auf jeden Fall wurde Apsis der Stiergott Undercover zu den Hyksos geschickt, um den Ankh im Auge zu behalten. Aber er war nicht der einzige Gott, der den Tajarim seine Aufmerksamkeit schenkte. Denn für junge aufstrebende Gottheiten war dieses heimatlose Volk ein gefundenes Fressen. Also erschien ein solches Nachwuchstalent Sehsmosis und machte selbigen zum Propheten. Und während weiter im Norden ein gewisser Moses sich mit seinem Volk auf eine lange Reise begab, begaben sich die Tajarim zusammen mit ihrem neuen Gott auf eine Besichtigungstour durch ein gefährliches Ägypten, und erlebte einige haarsträubende Abenteuer. Aber davon kann euch Gerd Scherm besser erzählen, denn schließlich ist er der Schriftsteller, und ich bin der Gott. Ich lasse von mir erzählen.

Und erzählen, das kann Gerd Scherm. Man könnte fast meinen, er sei damals auch dabei gewesen. Aber vielleicht hat ihm ja auch einer meiner göttlichen Kollegen davon erzählt. Ich frage mich sowieso was die heute so alles treiben. Ich habe sogar gehört, einige von ihnen sollen sich dazu herabgelassen haben, selber unter einem Pseudonym Bücher zu veröffentlichen. Aber egal, wer Gerd Scherm auch in Wirklichkeit ist, erzählen kann er, und zwar sehr witzig und detailgetreu. Ich habe mich vor Lachen kaum eingekriegt. Da gab es doch einige Sachen die ich über meine Kollegen noch gar nicht wusste. Das Buch ist jedenfalls eine gute Möglichkeit mehr über das alte Ägypten zu erfahren. In einem lockeren Schreibstil und ohne unnötige langweilige historische Erklärungen unterhält es göttliche und menschliche Leser gleichermaßen. Und wer schon immer mal wissen wollte wie so eine heilige Schrift wirklich entsteht, sollte auf jeden Fall zugreifen.

Jetzt muss ich aber Schluss machen, es wird Zeit meine Pillen zu nehmen.

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