„The Fisherman“ von John Langan

Ich muss gestehen, dass ich aufgrund des Gemäldes von 1870 auf dem Cover, dachte, es ginge um zwei Fischer in historischem Setting. Stattdessen sind es zwei Hobbyangler, die bei IBM im Büro arbeiten. Beide haben ihre Familie verloren und finden in der Trauer durch das Angeln zueinander (und kommen einem lokalen Mythos auf die Spur). Abe ist der Ich-Erzähler, bei dem ich mich sofort wohl gefühlt habe. Er hat eine tolle Erzählstimme, sehr literarisch aber ohne irgendwelche Sperenzchen.

Schrieb ich schon mal, nachdem ich die ersten fünfzig Seiten gelesen hatte. Zu früh, wie ich dann feststellen musste, denn es gibt eine Geschichte in der Geschichte, die immerhin 150 Seiten umfasst und in der zweiten Hälfte den 19. Jahrhunderts spielt. Und in der kommt zumindest ein Fischer vor, der allerdings nach etwas ganz anderem fischt, als man es erwartet – einem Brocken von gar biblischen Ausmaßen. In einigen Besprechungen wurden Bezüge zu Lovecraft erwähnt, die aber wirklich minimal sind, ein bisschen Charles Dexter Ward, was das historische Setting angeht, aber das war es dann schon. Die übernatürlichen Elemente gehen eher in Richtung Bibel und Mythen aus der vorchristlichen Zeit.

Die Themen Tod und Trauer haben eine lange Tradition in Horror- und Schauergeschichten. Bietet sich ja auch irgendwie an, da Tod genrebedingt eine große Rolle in zahllosen Variationen spielt. Die Trauer ist der Rahmen oder rote Faden, der durch die Geschichte führt, mit übernatürlichen Elementen hält sich Langan über weite Strecken angenehm zurück und deutet den mythologischen Überbau mit Secret History usw. nur dezent an. Fast schon zu dezent, da hätte ich gerne mehr von gelesen. Aber die Geschichte funktioniert auch so und beschränkt sich dadurch auf das Wesentliche.

The Fisherman hat in diesem Jahr den Bram Stoker Award und den British Fantasy Award gewonnen, und zwar zurecht, hebt sich diese gefühlvoll und zugleich schaurig erzählte Geschichte doch angenehm von den üblichen Lovecraft-Epigonen ab. Allerdings bleibt zu befürchten, dass sie keinen deutschsprachigen Verlag finden wird. Sie hätte gut in die einstmals Phantastischen Bibliotheken von Suhrkamp oder Dumont gepasst, bei Fischer könnte man es gut neben Albert Sánchez Piñol bringen.

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