Wir tanzen in den Ruinen unserer Jugend – ein Rant über mich und meine Generation

Wir tauchen hinab zu den Ruinen unserer Vergangenheit, unter einer dicken Taucherglocke, deren Sichtfenster uns dank Augmented Reality nur das zeigt, was wir sehen wollen: Eine romantisierte Illusion unsere Jugendjahre, die alles Negative ausblendet, so zuckersüß, dass wir in ihr kleben bleiben und im Zuckerrausch gar nicht merken, wie wir nicht nur den Blick für die Zukunft verlieren, sondern auch die Gegenwart nur noch verzerrt wahrnehmen.

Die 80er-Jahre liegen voll im Retrotrend, nicht nur in der Popkultur, wo Serien wie Stranger Things und Bücher/Filme wie Ready Player One die Nerdkultur dieser Dekade bis zum Exzess zelebrieren und zum neuen Goldenen Kalb stilisieren. Auch in der Politik: In Nicaraguar wird ein ehemaliger Rebell, der einst gegen eine brutale Diktatur kämpfte, selbst zum brutalen Diktator; Polen und Ungarn kehren zu autokratischen Regierungsformen zurück, ebenso wie Russland und die Türkei. In Deutschland sitzen wieder Nazis im Parlament, in Österreich und Italien sogar in der Regierung, während sich Großbritannien selbst zerfleischt und die Welt buchstäblich in Flammen steht.

Es heißt, in Zeiten der Krise, von Autokratien und Diktaturen würde die subversive Kunst aufblühen, die subtile bis flammende Systemkritik, und in gewissen Nischen tut sie das (im Hip Hop z. B.), doch im Mainstream, bei der Mehrheit herrscht eine Mischung aus Eskapismus in die eigene glorifizierte Vergangenheit und der Sehnsucht nach einfachen Antworten und Lösungen durch starke Männer und andere vermeintliche Superhelden.

Während der westliche weiße Mann glaubt, seine Männlichkeit unter Hipsterbärten und einem amazonenhaften Femnaziregime zu verlieren, das kurz vor der Weltherrschaft stehen muss – so erbittert und verbittert, wie der dinosaurierende Mann um seine Jahrhundertalten ehrlich mit Blut und Unterdrückung erworbenen Privilegien kämpft -, ist der Rest der popkulturellen Welt in puncto Diversität und soziale Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert angekommen und freut sich über schwarze Superhelden, Wonder Woman und weibliche Ghostbuster, schafft es aber trotzdem noch nicht, über einfache Lösungsansätze, die in der Regel mit Gewalt und Explosionen von einzelnen übermächtigen Menschen durchgesetzt werden, hinauszukommen.

Es ist nicht das Vorhandensein von Superheldenfilmen und Rertrotrends, das mich beunruhigt, sondern ihre Dominanz im kulturellen Bereich. Kino und Fernsehen waren schon immer Spiegel ihrer Zeit. In den 80ern spiegelte sich die Hard-Body-Politik Ronald Reagans auf dem vor Schweiß glänzenden, muskulösen Körper John Rambos und dem blutigen Unterhemd John McClanes wieder – als Antwort auf die vermeintliche Verweichlichung unter Erdnussbauer Jimmy Carter. Ein Jahrzehnt, in dem Männer wieder zu Männern wurden, nachdem John Travolta sie in den 70ern wie eitle Pfauen über die Tanzfläche hüpfen ließ. Ein Jahrzehnt, in dem Jungs noch Jungs sein durften, auf Schatzjagd in den Fußspuren von Chester Copperpot, und Mädchen nur für peinliche Kussszenen mitgeschleppt wurden.

Die Neunziger waren nicht nur das Jahrzehnt, in dem Filme wie Jurassic Park jene Tricktechnik perfektionierten, die jetzt all die Superhelden über die Leinwand fliegen lässt; und in dem John Travolta endlich so richtig cool wurde, als er mit Marsellus Wallaces Frau die Hüften schwang; es war auch das Jahrzehnt von Schindlers Liste, Fight Club, Die Truman Show oder Matrix – komplexe, bewegende Filme, die große Geschichten erzählten, die unsere Wirklichkeit infrage stellten und unsere Gesellschaft.

In den Nuller-Jahren folgte die große Verwirrung; ein Jahrzehnt nach Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigten sich die Tücken der neuen, instabilen Weltordnung mit nie dagewesenen Terroranschlägen und asymmetrischer Kriegsführung, auf die die kümmerlichen Reste des sogenannten Westens und die einstige Weltpolizei partout keine Antwort fanden und sich das Kino in einer Orientierungsphase befand, die nach anfänglicher Konfusion wieder im großen Kampf zwischen Gut und Böse mündete – ob mit Ring, Zauberstab oder Cape -, um aus Ratlosigkeit alte Lösungen für neue Probleme zu propagieren

Die Verwirrung der Nuller-Jahre ging im aktuellen Jahrzehnt in Apathie und Angst über, eine Verlorenheit in einer Welt, deren Technologie sich schneller entwickelt als unsere Fähigkeit diese zu verstehen. Also nutzen wir diese Technologie, um in eine Welt zurückzukehren, in der alles noch einfach war, als unserer größte Katastrophe aus einem Bandsalat bestand, der sich mit etwas Tesafilm flicken ließ und wir uns wie McGyver fühlen konnten.

Doch so sehr wir uns auch bemühen, Thomas Magnum trägt keinen Schnurrbart mehr – nicht mal einen computeranimierten -, und versucht nur noch cool zu sein, wird es aber nie sein, weil der echte Magnum nie darüber nachdachte, cool zu sein, sondern es einfach war. Und trotzdem kleistern wir unser Hirn mit falscher Coolness zu und verdrängen, wie falsch sich das alles eigentlich anfühlt, was wir aber nur merken könnten, wenn wir die richtige Pille nehmen würden – war es die rote oder blaue? – es aber lieber hinausmerkeln, bis es zu spät ist, – wie unser 10-Jähriges Ich, das nachts heimlich unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe Comics las oder ganz leise den drei Fragezeichen lauschte, in der Hoffnung, der Wecker für den Schulbus würde nie klingeln, wenn wir nur nicht einschliefen und damit keinen Tag älter würden.

8 Gedanken zu “Wir tanzen in den Ruinen unserer Jugend – ein Rant über mich und meine Generation

  1. hach…. Du hast ein Childish Gambino-Video verlinkt…hach *schmelz* Ich liebe Donald Glover, obwohl er mich erst bei Community als Künstler so richtig überzeugt hat.

    • Vor „Community“ kannte ich ihn gar nicht. Mir gefällt vor allem „Atlanta“, da hatte ich erst gar nicht erkannt, dass er das aus „Community“ ist.

      Das Video finde ich brillant, mit seinen – trotz aller Brachialität – subtilen Anspielungen auf den Rassismus in den USA (die Hose, seine Körperhaltung während des Kopfschusses und der Minstrelshowtanz).

  2. Schön, dass du doch noch blogst, ich schaue hier immer gerne vorbei:-)

    Ich muss aber gestehen, dass ich dir hier bei diesem Rant nicht ganz zu folgen vermag. Geht es dir um den gesellschaftlichen Wandel mit dem momentanen Mainstreamkino als Symptom oder Verursacher? Auf mich wirkt dieser Text sehr Zusammenhanglos und voller Wut, aber das Ziel dieser Wut erschließt sich mir nicht eindeutig

    • Hallo Heino, da ist keine Wut. Nur leichte Besorgnis. Mir scheint der Trend zu Superhelden und Retro einherzugehen mit einer politischen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung hin zu Vereinfachung, einfachen Antworten und Populismus. Ist natürlich ein etwas einseitige Polemik. Gleichzeitig gibt es ja auch einen Boom an anspruchvollen, komplexen und relevanten Serien (wenn auch mit viel kleineren Zuschauerzahlen). Mir scheint das eher eine symbiotische Beziehung zu sein, ohne klar ausmachen zu können, was jetzt Ursache und was Symptom ist. Der Text ist eher die Schilderung eines Gefühls, das mich aktuell erfasst, wenn ich mich mit unserer aktuellen Popkultur und vor allem dem Kino befasse.

    • Den Text schrieb ich, kurz nachdem ich die erste Staffel von „Californication“ (wieder)gesehen habe und Lust bekam, mal so einen pessimistischen, polemischen Blogartikel zu verfassen, wie Hank Moody für das Hell. A. Magazine. 🙂

  3. zitat heino:
    Schön, dass du doch noch blogst, ich schaue hier immer gerne vorbei:-)

    dem schließe ich mich ausdrücklichst an!

    gruß -TFA-

  4. Da hast du Hank aber gut gechannelt, auf mich wirkte das völlig anders. Mea culpa:-)

    Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, sehe ich da bei den Filmen eher den Wunsch nach reinem Eskapismus im Vordergrund. Seit 2001 ist die politische Weltlage extrem unübersichtlich, die Wirtschaftskrise und auch die Ereignisse der letzten 3 Jahre haben das eher verschlimmert. Da finde ich es nicht verwunderlich, dass die Kinogänger einfach mal 2 Stunden simple Unterhaltung mit klar unterscheidbaren Rollen konsumieren möchten, zumal das ja auch kein neues Phänomen ist. In den 80ern war das imo noch krasser, da die ähnlich simplen Streifen mit Norris, Stallone und Co. dazu noch brutalste Selbstjustiz als gerechtfertigte Lösung darstellten. Zumindest dahingehend zeigen sich die Superhelden-Filme deutlich harmloser oder hinterfragen das sogar (z.B. Civil War, BvS und sogar Deadpool 2). Ich merke allerdings auch, dass mir das Genre langsam wegen seiner Formelhaftigkeit auf die Nerven fällt. Das wird sich wie jede Mode totlaufen

  5. Hi Markus,
    schön, dass du wieder am Start bist! Und was deinen Rant angeht, kann ich nur sagen, dass ich – auch wenn ich im Vergleich zu dir ein alter Knacker bin 😉 – ein ähnliches Gefühl wie du habe, wenn ich mir anschaue, was gerade in der Welt – egal, ob in meiner kleinen, persönlichen oder in der großen weiten da draußen – passiert.

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