Was macht ein gutes Fantasycover aus? (Teil 1)

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Titelillustration von Marc Simonetti. Quelle: Penguin-Randomhouse

Im Forum der Bibliotheka Phantastika wird regelmäßig über neue Cover bzw. Titelbilder von (vor allem, aber nicht nur) Fantasybüchern diskutiert. Und als gero kürzlich Folgendes zu dem Cover von Michael J. Sullivan schrieb:

Ich persönlich finde das Cover großartig, und es ist für mich mal wieder ein Beweis, dass „gemalte“ Cover (egal, ob konventionell mit Öl- oder Acrylfarben oder am PC entstanden) diesen nachbearbeiteten Fotos, die momentan auch in der Fantasy ziemlich in sind, weit überlegen sind (sofern der Künstler was kann, schon klar ;)). Cover wie dieses gewähren mMn einen Blick in eine andere Welt, wohingegen sowas – das ist jetzt ein willkürlich gewähltes Beispiel, ich hätte auch ein Dutzend andere Bilder nehmen können – für mich den Eindruck vermittelt, da sind ein paar LARPer zum nächsten Auftritt unterwegs.

habe ich mich gefragt, was für mich ein gutes Cover ausmacht? Es heißt ja: don’t judge a book by it’s cover. Und da ist natürlich was dran. Ich kaufe mir kein Buch, nur weil es ein tolles Cover hat. Und ich lasse auch kein Buch liegen, weil mir da eine ästhetische Scheußlichkeit vom Buchdeckel ins Gesicht springt.

Aber wenn ich eine Buchhandlung gehe, in der mehrere hundert oder sogar über tausend Bücher in den Regalen stehen, dann kann ich mir nicht zu jedem einzelnen den Klappentext und die ersten Seiten durchlesen. Da muss ich eine Vorauswahl treffen. Ist mir der Name des Autors bekannt oder ich habe sogar ein paar Rezensionen zu dem Buch gelesen, werde ich natürlich dadurch schon beeinflusst. Aber bei mir völlig unbekannten Autoren und Bücher findet die erste Auswahl eben durch das Cover und den Buchtitel statt.

Um mir ins Auge zu fallen, sollte beides möglichst ansprechend gestaltet sein, um sich von der Masse der anderen Bücher, die mit den Füßen scharrend um meine Aufmerksamkeit buhlen. Da reicht es nicht, einfach den Arm zu heben und zu rufen: »Hier, nimm mich, nimm mich.« Gerade in der Fantasy muss mir das Cover nicht nur optisch gefallen. Es muss mich verführen, mir eine Geschichte versprechen. Und zwar nicht irgendeine, sondern eine voller Abenteuer, Mysterien, Dramen und Spannung.

Warum gerade in der Fantasy? Das hat sich wohl über die Jahrzehnte so entwickelt. In anderen Genres wie dem Krimi oder der allgemeinen Belletristik sind mir die Cover nicht so wichtig, dort haben sie auch oft wenig mit dem Inhalt zu tun. Aber in der Fantasy hat sich, wenn ich mich nicht täusche, vor allem ab den 70er Jahren durch Künstler wie Michael Whelan oder Frank Frazzetta eine Tradition der ansprechenden Bildgestaltung auf den Covern von Fantasybüchern entwickelt, die – zumindest im Idealfall – ein wenig von der Magie der von ihnen bebilderten Geschichte widerspiegeln.

Ich versuche, das Thema mal anhand von einigen älteren Beispielen aus meinen Bücherregalen zu erläutern, die ganz gut die Tradition der Fantasycover auf dem deutschen Buchmarkt wiederspiegeln. Wobei diese Betrachtung natürlich völlig subjektiv und von meiner eigenen Lesehistorie in den 90er Jahren stark beeinflusst ist.

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Das hier ist das erste Fantasybuch, das ich je gelesen habe. Nach langem Stöbern in einer Buchhandlung, dem Lesen vieler Klappentexte und dem Betrachten vieler Cover entschied ich mich für Der Lehrling der Magiers von Raymond Feist. Eine Entscheidung, die goldrichtig war. Denn damit begann eine Leidenschaft, die bis heute anhält.

Der Titel deutet ja schon darauf hin, dass es um einen Magierlehrling als Hauptfigur geht. Da liegt es nahe, dass es eben jener Junge ist, der hier über einem großen und geheimnisvoll wirkenden Buch brütet, während die brennenden Säbel drohend über seinem Kopf schweben. Das verheißt auf den ersten Blick Abenteuer und Magie. Und genau das bekommt man auch. Über den trantütigen Blick des jungen Mannes lässt sich allerdings streiten.

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Auch die Bilder von Teil 2 und 3 (die ebenfalls von Ferenc Regös stammen) passen zu den jeweiligen Geschichten und versprechen Abenteuer (junger? Mann mit Reisekleidung, Schwert und Bogen vor malerischer Flusslandschaft) und Spannung (düstere Gestalten in Kapuzenumhängen mit gefährlich langen Dolchen vor einer auf einem Berg thronenden Festung). Wobei mich die Dolche durch die unterschiedliche Griffhaltung etwas irritieren.

Das sind jetzt alles keine wirklich Meisterwerke der Titelbildgestaltung, aber sie liefern brauchbare Hinweise auf den Inhalt und wecken Neugierde. Vor allem, wenn man sie mit der völlig nichtssagenden und überhaupt nicht zum Inhalt passenden Covergestaltung der aktuellen Neuauflagen vergleicht, die für alle drei Bände ähnlich aussieht, nur mit anderen Farben und ein paar Abweichungen in Details.

Die Midkemia-Saga 1 von Raymond Feist

Die Midkemia-Saga 1 von Raymond Feist

Damals Mitte der 90er Jahre, als wir noch kein Internet hatten, und ich auch keine Ahnung von irgendwelchen Fantasymagazinen, waren Cover und Klappentext so ziemliche meine einzigen Entscheidungshilfen bei der Bücherauswahl.

Die kam dann auch bei einem meiner nächsten Fantasybücher zum Tragen. Den Sammelband mit 6 Romanen um Elric von Melnibone von Michael Moorcock. Bis heute eines meiner liebsten Bücher, dass ich, ähnlich wie jene von Feist, schon mehrfach gelesen habe.

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Hier war es die bleiche Gestalt, mit den dämonischen roten Augen, dem finsteren Blick, der martialischen, schwarzen Rüstung und dem verdammt großen Schwert, die mein Interesse weckte. Ach ja, und natürlich die Drachen. Auch hier passt das Bild zum Inhalt, zeigt es doch den tragischen Titel(anti-)helden Elric von Melnibone, unglücklicher Herrscher eines Volkes von dekadenten Drachenreitern. Ein Cover (von Rodney Matthews, das direkt auf den ersten Blick keine optimistische High Fantasy verspricht, sondern düstere, ambivalente Sword & Sorcery.

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Ähnliches gilt auch für die beiden Kane-Titelillustrationen von Frank Frazetta, mit seinen muskolösen Barbaren, die allerdings nicht so ganz mit der Titelfigur korrespondieren.

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An den Titelzeichnungen zu Die vergessenen Reiche (Forgotten Realms) von Larry Elmore erkennt der erfahrene Fantasyleser sofort, dass es sich um Rollenspielfantasy handelt (also Fantasy, die auf Pen-&-Paper-Rollenspielen wie Dungeons and Dragons basieren), sieht man doch hier die einzelnen Teilnehmer der Heldengruppe abgebildet. In diesem Fall der Barbar Wulfgar, der Dunkelelf Drizzt, der Zwerg Bruenor und der Halbing Regis. Man ahnt sofort, dass diese Truppe gemeinsam Abenteuer in unwirtlichen, von schneebedeckten und zerklüfteten Gegenden erleben werden. Oder besser gesagt, dass man diese Abenteuer als Leser gemeinsam mit den Helden erleben wird.

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Ähnlich sieht es bei den Titelbildern der Drachenlanze aus, wobei man hier die Zeichnungen von Larry Elmore leider durch die wappenförmige Gestaltung des Covers viel zu sehr einschränkt und abschneidet; was man wohl getan hat, um ein wiedererkennbares Design der Serie zu schaffen. Auch hier werden Teile der Heldengruppe abgebildet.

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Auf den Titelbilllustrationen von Geoff Taylor zu David Eddings weitaus familienfreundlicheren High-Fantasy-Saga sieht man zwar auch Mitglieder der Heldengruppe, aber deutlich weniger martialisch dargestellt, mit einem Schwerpunkt auf den fantastischen Landschaften, in die er Leser bei der Lektüre abtauchen darf.

Solche Landschaftsillustrationen sind mir persönlich (neben opulenten Städten) die liebsten Fantasycover, da nichts so sehr Abenteuer verspricht, wie exotische, atemberaubende Landschaften. Die verhältnismäßig geringe Größe der Figuren vor diesen gewaltigen Landschaften verdeutlicht die Herausforderung, die diese Landschaft in ihrer Unermesslichkeit und mit all ihren Gefahren für die Protagonisten auf ihrer Heldenreise darstellen.

Eigentlich sollte das hier nur ein kurzer Beitrag darüber werden, was mir an Fantasycovern gefällt, und was nicht. Doch ich merke gerade, dass es da doch einiges zu sagen bzw. schreiben gibt, und ich, wenn ich meine Vorlieben erläutere, auch ein wenig auf die Genrehistorie auf dem deutschen Buchmarkt eingehen muss, so weit ich sie erlebt habe (also ab Mitte der 90er Jahre ungefähr). Und da ein einzelner Blogeintrag nicht zu lange werden sollte, wird es noch mehrere Teile zu dem Thema geben. Hier schließe ich jetzt erst mal mit einigen der ersten Cover ab, die mich geprägt haben, bevor es dann im nächsten Teil zu einigen Büchern geht, die ich mir gekauft habe (und die mir sehr gefallen haben), obwohl ich ihre Cover nicht so toll fand.

Zu den hier gezeigten Cover sei noch gesagt, dass ich sie jetzt nicht alle so gut fand, dass ich sie mir als Poster an die Wand hängen würde, aber jedes einzelne von ihnen hat etwas in mir angesprochen. Mit den Jahren hat sich mein Geschmack auch ein wenig verändert.

3 Gedanken zu “Was macht ein gutes Fantasycover aus? (Teil 1)

  1. Bin zwar kein ausgesprochener Fantasy-Fan, aber ich mag diese alten, handgemalten Cover sehr. Hab ich auch schon auf Heftromanen der Siebziger und frühen Achtzigerjahre immer bewundert – heutzutage hat die durchschnittliche Qualität meines Erachtens nachgelassen. Wobei ich nichts gegen diese „neumodischen“ auf ein bestimmtes Element (wie z.B. oben der Helm) habe, wenn sie gut gemacht sind.

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