„In einer anderen Welt“ – Bericht vom Übersetzungsworkshop in Straelen

Disclaimer: Das Copyright sämtlicher in diesem Beitrag verwendeten Fotos liegt bei Mo Zuber

Anschlüsse sind in der Literaturübersetzung von großer Bedeutung. Wird der Anschluss zwischen zwei Sätzen verpasst, gerät der Leser ins Stolpern, der Lesefluss wird gebremst und Zeit geht verloren. Kommt dies öfters vor, könnte der Leser den Roman entnervt abbrechen.

Anschlüsse bei der Deutschen Bahn besitzen ebenfalls eine große Bedeutung, und meistens funktionieren sie nicht. Auf meinem Weg zum Übersetzungsworkshop in Straelen (wird ohne das e ausgesprochen) musste ich in Köln am Hauptbahnhof umsteigen – Zeit dafür: 8 Minuten. Verspätung meines ICE aus Montabaur: 15 Minuten.

Fuck!

Aber kein Problem, denn von Köln fahren fast alle 10 Minuten Züge, so dass ich immer noch eine Stunde zu früh in Duisburg ankam. Um 14.00 Uhr wurde unser kleines Übersetzergrüppchen (12 ÜbersetzerInnen und zwei SeminarleiterInnen) mit dem Bus abgeholt. Dann ging es über das flache Land mit seinen zahllosen Feldern vorbei an der Bofrostfabrik hinein in die winzigen, verwinkelten Straßen der kleinen Stadt am Niederrhein, mit den putzigen Backsteinhäusern und der großen Kirche, die alles überragt.

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Straelens Kirche

Nach einer herzlichen Begrüßung bekamen wir unsere Zimmer. Das Europäische Übersetzerkollegium besitzt eine Bibliothek mit 125.000 Titeln, und obwohl es aus sechs miteinander verbundenen Häusern besteht, mangelt es an Platz, so dass die Bücher auch auf den Gästezimmern gelagert werden, was für zusätzliche Atmosphäre sorgt. Mich hat es zur deutschen Literatur mit dem Buchstaben B wie Benn, Brecht und Bernhard verschlagen. Zum Glück kam keiner der im Haus residierenden Übersetzer auf die Idee, mitten in der Nacht etwas in einem dieser Bücher nachschlagen zu müssen.

Nach der allgemeinen Begrüßung um 15.30 ging es um 16.00 Uhr bereits mit dem ersten Text los. Jeder der zwölf Teilnehmerinnen hatte eine Übersetzungsprobe von ca. 6 Seiten plus Originaltext eingereicht. Für jeden Text gab es dann 90 Minuten Zeit, um ihn in der großen Runde zu besprechen.

Das Europäische Übersetzerkollegium in Straelen

Das Europäische Übersetzerkollegium in Straelen

Den Anfang macht direkt ein echter Brocken. »Toll the Hounds« von Steven Erickson in der Übersetzung von Tim Straetman alias Gerd Rottenecker. Über dessen Teilnahme habe ich mich besonders gefreut, nicht nur, weil mir miteinander befreundet sind, und ich Erikson total gerne lese, sondern auch, weil mit ihm ein alter Hase am Seminar teilnahm, der einen wahren Schatz an Erfahrung mitbrachte.

»Toll the Hounds« ist der achte Band der zehnbändigen Fantasyreihe »Das Spiel der Götter«, von der jeder Band um die 1.000 Seiten hat. Gerd übersetzt schon seit Jahren daran und hat sich damit wohl die schwierigste Übersetzungsaufgabe in der Fantasy überhaupt ausgesucht. Die Bücher sind nicht nur sehr dick, sondern extrem komplex, mit einem längeren Personenregister als »Game of Thrones«, unzähligen Handlungssträngen und einer anspruchsvollen Sprache, deren sprechenden Namen teilweise unübersetzbar sind (siehe Whiskeyjack). Es kann passieren, dass man in Band 2 einen Begriff übersetzt, mit dem man zunächst nicht viel anfangen kann, der in Band 7 aber plötzlich auf eine Weise wichtig wird, der die Übersetzung aus Band 2 aber nicht gerecht wird.

Für Gerd ist die Übersetzung von Erikson sozusagen ein Lebenswerk und man kann die Arbeit und das Können, die er in sie investiert nicht hoch genug schätzen. Würde er damit aufhören, es gäbe niemanden, der diese Übersetzungsarbeit adäquat fortsetzen könnte. Und das Traurige ist, für eine solch aufwendige und hochkomplexe Übersetzung wird man nicht besser bezahlt, als für eine 08/15-Fast-Food-Literaturübersetzung.

Bei dem Seminartext dieses erfahrenen Übersetzers ging es vor allem um kleinere sprachliche Probleme. Zum Beispiel der Frage, ob eine Kutsche Federn hat, die mit einem dröhnenden Aufprall aufeinander knallen können. Oder ob es »wirre Wogen« geben kann, ob man nicht lieber »wilde Wogen« daraus macht (es ging übrigens nicht um Wasser, sondern ein Meer aus Untoten). Ob man aus »hauptsächliche Aufgabe« besser »vordringlichste Aufgabe« macht. Das Wort »Szene« (»Plötzlich verschwamm die Szene«) warf die Frage auf, ob man »Scene« so wörtlich übersetzen könne (nicht nur in diesem Text, sondern allgemein).

Aufgrund der teils strapaziösen Anreise und der Komplexität des Textes haben wir gerade mal die Hälfte der Textprobe geschafft, was aber auch nicht schlimm war. Denn es ging nicht darum, den konkret vorliegenden Text zu verbessern, sondern ganz allgemein auf Übersetzungsprobleme hinzuweisen und für Lösungsalternativen zu sorgen.

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Der mit Glas überdachte Innenhof wird als Biblothek genutzt

Um 18.30 Uhr ging es dann zum Abendessen. An dieser Stelle muss ich dem Europäischen Übersetzerkollegium ein großes Lob für die Verpflegung aussprechen. Es gab jeden Tag Frühstück, kaltes Büffet zum Mittagessen und eine warme Mahlzeit zum Abendessen. Dazu eine Getränkeversorgung rund um die Uhr. Wobei die Übersetzer der hohen Literatur ausschließlich von Wasser und Wein zu leben scheinen. Für uns gab es abends immer reichlich Wein, was dazu führte, dass wir jeden Abend noch ein Stückchen länger zusammensaßen. Am letzten Abend bin ich erst um 3.30 Uhr ins Bett gegangen.

Am zweiten Seminartag gab es dann das volle Programm. Direkt um 9.00 Uhr ging es mit dem ersten Text los, insgesamt waren es drei an diesem Tag und um 16.00 gab es dann einen Vortrag einer Lektorin/Redakteurin des Lyx Verlags. Der war hochinteressant und besaß überraschend viel Selbstironie und Offenheit bezüglich des Verlagsprogramms und der Abläufe bei der Buchproduktion. Mitunter war er aber auch sehr ernüchternd.

Freitag und Samstag gab es ebenfalls das volle Programm mit teilweise bis zu vier Texten pro Tag. Ich werde hier jetzt nicht jede Übersetzung einzeln durchgehen und auch nicht die Namen der ÜbersetzerInnen und der Bücher nennen, sondern nur allgemein über die Arbeit des Übersetzungsworkshops berichten. Zu meinem eigenen Text wird es noch einen gesonderten Eintrag geben.

Die Bandbreite an phantastischen Texten war groß. Die die Seminarleitung hat sie grob (der besseren Übersicht halber) in folgende (Sub-) Genre eingeteilt: Urban Fantasy, klassischer Horror, moderne Science Fiction, literarisches Märchen, magischer Realismus, epische Fantasy, klassische Science-Fiction (das ist mein Text), Fantasy-Jugendbuch, moderne Phantastik und Jugendbuch-Dystopie.

Nicht alle der eingereichten Texte haben schon einen Verlag, aber die meisten. Es ist durchaus üblich, dass man sich als Teilnehmer auch mit einem Text bewerben kann, für den man (noch) keinen Auftrag hat.

Where the magic happens ...

Where the magic happens …

Die Bandbreite an Genres führte auch zu einer Fülle an unterschiedlichen Übersetzungsproblemen bzw. Fragestellungen. Gemein war aber allen Texten die Arbeit an der Sprache.

Hier mal ein paar Beispiele:

In einer der Fantasyübersetzungen geht es nicht nur um Drachen, sondern auch um Phönixe. Also den Feuervogel, der sich aus seiner eigenen Asche erhebt. In diesem Fall geht es um ein ganzes Volk von Gestaltwandlern, die sich eben in Phönixe verwandeln können. Phönix hört sich im Plural schon blöd an. Aber was macht man bei der Unterscheidung zwischen männlich und weiblich? Eine elegante Lösung konnte während des Seminars nicht gefunden werden. (Pip darf nicht sterben!!!)

Ein Jugendbuch, das von einer Computerspielautorin im Stil eines Computerspiels geschrieben wurde, sorgte für besondere Schwierigkeiten. Die Hauptfiguren werden wie Computerspielcharaktere beschrieben und haben sogar jeweilige Eigenschaftsklassen, nach denen sie auch benannt werden. Da gibt es z. B. Weeper oder Rager. Wie macht man daraus vernünftige deutsche Namen, die sich für die jugendliche Zielgruppe nicht völlig uncool anhören?

Ein echter Brocken für die Übersetzerin ist ein amerikanischer Hard-SF-Roman, der sowohl sprachlich anspruchsvoll geschrieben ist, als auch unzählige Fachausdrücke und Abwandlungen von selbigen enthält. Da gibt es z. b. Menschen, die sich mit wissenschaftlichen (teils operativen) Methoden optimieren lassen, um bessere (intellektuelle) Leistungen erzielen zu können. Die Menschen, die das nicht machen lassen, werden als »baselines« bezeichnet. Eine direkte Übersetzung gibt es dafür nicht. In der Medizin ist die Baseline der Stand vor Behandlungsbeginn bzw. der Ausgangspunkt vor Beginn des Experiments. Was macht man daraus? Normalo passt nicht, weil die Optimierten inzwischen der Normalfall sind.

Ansonsten ging es vor allem um stilistische Fragen. Gibt es nicht ein passenderes Wort? Sollte man die Satzstellung umbauen? Geht das nicht flüssiger? Stimmen hier die Bezüge? Usw.
Dazu natürlich auch die Frage, ob das Wort hier auch richtig übersetzt wurde. Ich hatte z.B. vision als Vision übersetzt, obwohl es um die Anfangsszene eines Films ging. Da bin ich zu schnell durch den Text durch und habe mich von einem falschen Freund täuschen lassen, ohne darüber nachzudenken, dass der Satz mit der deutschen Vision überhaupt keinen Sinn ergibt.

Das Seminar hat bei mir vor allem den Blick für Details geschärft. Dafür, dass sich der Text in der deutschen Fassung flüssig lesen muss, so als hätte ihn ein deutscher Autor auf Deutsch verfasst.

Insgesamt waren es tolle fünf Tage. Nachdem ich fast den ganzen Sommer in meinem Sozialpädagogenberuf durchgearbeitet und daneben noch TV-Dokus übersetzt habe, war dieses Seminar wie ein Urlaub in einer anderen Welt. Neben der konkreten Arbeit an den Texten ging es vor allem um die Kontakte und zahlreichen tollen Gespräche mit den anderen ÜbersetzerInnen. Das war eine tolle Truppe, die für eine tolle Arbeitsatmosphäre gesorgt hat und stets konstruktiv bei der Sache war. Es waren ohne Ausnahme nur nette Menschen dabei, dazu die dichte Atmosphäre des ehrwürdigen Kollegiums – besser kann ein Übersetzungsworkshop gar nicht ablaufen.

Im nächsten Teil geht es dann um die konkrete Arbeit an meiner Übersetzung.

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P.S. auch auf der Rückfahrt passte es nicht mit den Anschlüssen. In Köln kam ich aus Duisburg wenige Minuten zu spät an; der ICE nach Montabaur war weg, der nächste würde erst in 2 Stunden fahren. Als blieb ich in der regionalen Bimmelbahn sitzen und fuhr bis Koblenz weiter, wo ich dann abgeholt werden konnte. Also, auch wenn es nicht so läuft wie geplant, findet sich meistens doch eine Lösung.

P.P.S. Gesponsert wurde der Workshop übrigens vom Deutschen Übersetzerfonds, der sämtliche Kosten übernommen hat.