Öffentliche Kritik an Übersetzungen, was bedeutet das für Übersetzer?

Ich habe gerade Nathan Hills Geister in der deutschen Übersetzung gelesen, die auf Zeit.de von Marie Schmidt als »Katastrophe« bezeichnet wird. Ich muss sagen, ich fand die Übersetzung auch ziemlich holprig. Statt »Fahnen schwingend« stand dort an drei Stellen »Fahnen Schwinglend« (es gibt jemandem mit dem Namen Schwingle im Buch, so dass ich einen falschen Gebrauch der Ersetzenfunktion vermute), da steht »das UCLA« für die University of California, und auch viele Redewendungen und Idiome wurden teilweise zu wörtlich übersetzt. Als Übersetzer, der selbst schon Erfahrung mit enormem Zeitdruck bei solchen Brocken gemacht hat, erkenne ich, dass es wohl schnell gehen musste, damit es zeitnah zum Original erscheint.

Meine Frage an die ÜbersetzerInnen (und LektorInnen): Begrüßt ihr solche Kritiken in den Rezensionen (auch auf die Gefahr hin, dass es einen selbst mal erwischen könnte)? Vom Verband der Übersetzer (und Kolleginnen und Kollegen) kommen oft Klagen, wenn der Übersetzer nicht erwähnt wird, wenn nicht erwähnt wird, dass der tolle Stil auch der Übersetzung geschuldet ist. Dann muss aber auch umgekehrt erwähnt werden, wenn sich die Übersetzung nicht gut liest. Auch, wenn die Rezensentin natürlich nicht erkennen kann, woran es gelegen hat (Zeitdruck, zu viele Übersetzer, schlechtes Lektorat usw.).

Ist meine Hoffnung naiv, dass die Verlage durch solche öffentlichen Kritiken an Übersetzungen vielleicht ein wenig umdenken, und solch anspruchsvolle Bücher (der Autor hat zehn Jahre daran geschrieben), innerhalb kürzester Zeit übersetzen lassen? Die Hoffnung, dass man als Übersetzer die Zeit für einen Text bekommt, die er eigentlich benötigt (was durchaus häufig der Fall ist, aber eben nicht immer und vermutlich immer weniger)?

In den meisten Kritiken wird auf die Übersetzung übrigens gar nicht eingegangen, auch in den Amazon-Besprechungen taucht kaum welche auf? Zeigt das, dass die Verlage (bzw. manche, aber natürlich nicht alle) mit ihrer Strategie Erfolg haben, auch mangelhafte oder schwächere Übersetzungen zu veröffentlichen, ohne, dass sich das auf die Verkaufszahlen auswirkt (weil die meisten Leser es gar nicht merken, und weil den professionellen Rezensenten Zeit und/oder Lust haben, sie mit dem Original zu vergleichen, sofern sie der Ausgangssprache mächtig sind)? Vermutlich leider schon.

Meiner Meinung nach könnte diese oft fehlende Übersetzungskritik dazu führen, dass sich die Bedingungen für uns Übersetzer (und Lektoren) eher noch verschlechtern (auch wenn es finanziell vielleicht lohnender ist, wenn man mit einer Übersetzung schnell durch ist).

 

P.S. mir ist klar, dass es heikel ist so ein Thema als Übersetzer öffentlich zu diskutieren, aber es brennt mir unter den Nägeln. In meinem bisher relativ kurzen Berufsleben habe ich schon alles gehabt: super wenig Zeit für viel Text, angemessen Zeit und so viel Zeit, wie ich möchte. Zu viel Zeit muss auch nicht immer gut sein, wenn die Arbeit am Text dann z. B. zu weit auseinander liegt und man noch Sachen dazwischen schiebt.