„Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Als ich in der Programmvorschau den Satz „Patricia ist eine Hexe, die mit Tieren sprechen kann“ las, erlosch mein Interesse schlagartig. Auch, dass das Buch für immer mehr Preise nominiert wurde, konnte mich nicht wirklich neugierig machen. Doch als es dann eines Tages im Briefkasten lag, dachte ich: Ach, warum eigentlich nicht?

Und siehe da, von der ersten Seite an, habe ich mich in dieses Buch verliebt. Anders kreiert hier ein Gefühl und eine Stimmung, die ich sonst nur aus den zauberhaften Filmen von Ghibli kenne. Zwei jugendliche Außenseiter mit besonderen Fähigkeiten: Patricia, die Hexe, die mit Tieren sprechen kann; und Laurence, der eine Zwei-Sekunden-Zeitmaschine gebaut hat und auch ansonsten ein ganz famoser Tüftler ist, wenn er nicht dank seiner Eltern gerade durch irgendwelche Survival-Camps gejagt oder aus Flugzeugen geschmissen wird.

Die beiden müssen sich durch einen von Mobbing und Schikane geprägten Alltag schlagen, mit Erwachsenen, die ihnen null Verständnis entgegenbringen und alles nur noch schlimmer machen. Es ist eine Geschichte über die Hilflosigkeit der Kindheit, in der man fremdbestimmt leben muss und den Launen einer Gesellschaft ausgesetzt ist, die ihren Sadismus nur schwer verbergen kann.

Und doch werden aus den beiden gebeutelten Teenagern zwei ganz bemerkenswerte Menschen, die die Traumata, ihrer Kindheit überwinden und versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Anders‘ Stärke ist es, eine magische Welt zu erschaffen, in der die Gefühle und die Ausweglosigkeit dieser Fremdbestimmtheit so plastisch vermittelt werden, dass es mich als Leser unglaublich wütend gemacht hat. Doch trotz der ganzen düsteren Stimmung ist es auch eine Welt, die mich von der ersten Seite an verzaubert hat, in der Magie (als Manifestation der Natur) und Wissenschaft aufeinandertreffen.

Am ehesten hat mich das Buch an die Werke von Nick Harkaway (Der goldene Schwarm) erinnert, zwar ohne Ninjas, dafür aber mit Assassinen. Diese leicht verschobene Wirklichkeit, in der es normal ist, kleine Zeitmaschinen zu bauen, und in der Hexen böse Investmentbanker für ihre Schandtaten mit Flüchen belegen.

Erfreulich ist auch, dass sich dieses Buch über Freundschaft, Liebe und den Weltuntergang abseits der üblichen Handlungsklischees bewegt und trotz aller Magie und futuristischer Technik eine realistische Freundschaft zwischen zwei Menschen zeichnet, die sich durchaus auch wieder voneinander entfremden und deren Beziehung zueinander sehr wechselhaft verläuft.

Ich will gar nicht mehr über dieses Buch verraten, lasst euch selbst überraschen und verzaubern. Die Geschichte, die zeitweise etwas planlos wirkt, wird am Ende zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt, in dem Magie, Technik und Wissenschaft als ganz natürliche Gefährten daherkommen. Und die Übersetzung von Sophie Zeitz liest sich ausgezeichnet und trifft den Tonfall der Jugendlichen hervorragend.

An dieser Stelle sollte ich noch erwähnen, dass ich als freier Mitarbeiter für Fischer Tor tätig bin und unter anderem dreimal pro Woche die SFF-News auf Tor Online erstelle. Gefälligkeitsrezensionen gibt es von mir aber nicht. Ich bespreche nur, was mich privat interessiert und begeistert.