„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“

Hier gibt es die Geschichte im PDF-Format, das ich auch empehle, da dort die Formatierungen besser sind. Und hier geht es zum Blogeintrag mit einer kurzen Inhaltsbeschreibung.

„Im Foltercamp der geschändeten Frauen“
Von Markus Mäurer

»Das ist echt kranker Scheiß. Die schlagen nem lebenden Äffchen den Schädel ein und löffeln sein Gehirn aus. In nem richtigen Restaurant. Direkt am Tisch«
»Wie bei Indiana Jones.«
»Genau, aber der Affe lebt ja noch. Der schaut mit seinem kleinen ängstlichen Gesicht in die Kamera.«
»Das ist doch gefaked.«
»Nee, is es nich. Das is echt. Die zeigen auch, wie einer auf’m elektrischen Stuhl gebrutzelt wird. Bis er qualmt. Und der eine, der springt von nem Hochhaus. Ist dann nur noch Mus.«
»Von welchem Film redet ihr?«
»Gesichter des Todes«, antworteten Martin und ich wie aus der Pistole geschossen.
René nickte in ehrfurchtsvollem Schweigen. Dann spuckte er auf den Boden und meinte: »Das ist echt kranker Scheiß. Und den habt ihr gesehen.«
»Ich nicht, nur der Martin’ne«, antwortete ich.
René blickte Martin anerkennend an und spukte erneut auf Boden. »Wo haste den denn gesehn?«
»Beim langhaarische Bombenleger.«
»Das erklärt natürlich einiges«, meinte René und grinste wissend.
Es war die erste große Pause und wir saßen zurückgezogen auf der Schlachtbank. Das war eine Bank in einer kleinen Ecke am Rande des tiefer gelegenen zweiten Schulhofs, leicht außerhalb der Sichtweite der Pauker, die sich vom Gebäude nicht weiter entfernten, als man spucken konnte. Faule Säcke eben.
Die Schlachtbank war die Ecke der Freaks. Metaller mit ekligen T-Shirts (Sammelbestellung bei EMP) von Slayer und Cannibal Corpse, auf denen zerfetzte Frauen von Zombies mit Messern die Babys aus dem Leib geschnitten wurden – Butchered at Birth -, langen, fettigen Haaren, Militärhosen und immer zwei dröhnende Stöpsel im Ohr.
Dazu die Skater, mit ihren weiten Homeboy-Hosen, Carhatt-Jacken und umgedrehten Baseballmützen auf dem ungekämmten Haupthaar. Die sich cool gaben, es aber meist nicht waren.
Aber die waren immer noch besser dran, als die armen Socken, deren Eltern, Markenklamotten verboten hatten. Die mussten mit schlecht sitzenden Jeans, Biolatschen und Pullovern von S.Oliver rumlaufen. Peinlicher ging es kaum. Die waren sozial so stigmatisiert, dass sie gar nicht erst versuchen brauchten, sich zu den Coolen zu gesellen. Manchmal schlich einer der No-Name-Typen um eine solche Gruppe herum, blickte verstohlen rüber und versuchte sich durch kleiner werdende Kreisbewegungen heranzupirschen. Sie wurden stets erwischt und landeten, anders als Oscar, mit dem Kopf nach unten in der nächsten Mülltonne.

Es war eine reine Jungsecke, Mädchen machten einen großen Bogen um diese picklige Versammlung von Krähen. Es wurde viel auf den Boden gespuckt; existentialistische Anmerkungen wie »Alter Schwede« und »Geilomat« lagen ständig in der Luft.
Man gab sich grimmig und erwachsen. Prollig eben.
»Gesichter des Todes ist natürlich nicht schlecht«, sagte René und grinste dabei schelmisch.
»Nich schlecht?«, erwiderte Martin, »das is der oberaffengeile Scheiß des Jahrhunderts«, im Tonfall eines unheiligen Propheten, dessen Glaube gerade besudelt worden war. »Hast wohl einen an der Klatsche.«
»Nicht schlecht heißt doch ganz gut, aber eben nicht der Oberhammer. Der läuft in vier Tagen im Lichtspielbunker.«
Martin und ich starrten ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»In vier Tagen, habe ich gehört, soll dort der krasseste Scheiß überhaupt laufen. Der Film soll in vierunddreißig Ländern verboten sein. Den zeigen sie den Navy Seals vor Kampfeinsätzen, um sie so richtig abzuhärten. Und – wartet, jetzt kommt‘s – der läuft in ganz Deutschland nur in einem Kino. Für nur eine einzige Vorstellung. Im Lichstpielbunker. Angola-Kai soll ihn im letzten Urlaub unter Einsatz seines Lebens über die vietnamesische Grenze nach Thailand geschmuggelt haben, und von dort in seinem Hintern durch die Flughafenkontrolle zurück nach Deutschland. Und er will ihn in einer Guerillavorstellung ein einziges Mal zeigen und dann verbrennen.«
»In seinem Hintern?«, fragte ich. »Wie soll das gehen? Hat der ’n Arschloch wie ’n Videorekorder.«
Martin und ich brachen in hysterisches Gelächter aus.
»Quatsch, das ist doch ein 16-mm-Streifen, ihr Filmspacken. Der hat den Film zusammengerollt und gefaltet in eine Plastiktüte getan und sich dann hinten reingesteckt. Wie im Knast.«
Wir konnten uns vor Lachen gar nicht mehr einkriegen. Während mir die Spucke nur so aus dem Mund spritzte, brachte ich mühsam hervor: »Na, dann kann der Film ja nur Scheiße sein.«
»Wenn Angola-Kai euch die Geschichte persönlich erzählt hätte, so wie dem Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach, dann würdet ihr nicht so ein Gehampel veranstalten.«
Das brachte Martin und mich schlagartig zum Schweigen. Mit Angola-Kai war in der Tat nicht zu spaßen. Der Typ war voll Hardcore. Soll schon im Dschungel gekämpft haben. Als Fallschirmjäger für die NVA in Angola, so wie Otto im Kongo.
»Der Bruder vom Cousin von Karlsson auf dem Dach? Wer soll das denn sein? Der muss doch dann auch der Cousin von Karlsson auf dem Dach sein?«, fragte ich verwirrt.
»Was weiß ich? Jedenfalls ist das Karlsson im Keller. So nennen die den«, meinte René.
»Was für ’n Film soll das denn sein«, fragte Martin.
»Im Foltercamp der geschändeten Frauen.«

Der bestialische Gestank von tausend Eierfürzen lag in der Luft. Ein irrer Zausel mit wildem Rauschebart sprang nervös kichernd zwischen blubbernden Reagenzgläsern hin und her. Sein weißer Laborkittel war von zahlreichen Flecken in den unmöglichsten Farben bedeckt und löchrig wie ein Schweizer Käse. Aus dem jüngsten Loch verdampfte ein letzter Rest Säure und auch der Rauschebart wies qualmende Lücken auf.
Es war die erste Stunde an einem Dienstagmorgen: Chemie beim irren Igor, wie der leicht verwirrte Lehrer von seinen Schülern (und auch einigen Kollegen) genannt wurde.
»Wusste du, dass der irre Igor früher Chemiewaffen für Sadam Hussein entwickelt hat?«, fragte ich.
»Geh weg. So‘n Scheiß glaubste doch selber nicht«, antwortet Martin, der mit mir zusammen (wie immer) in der letzten Reihe saß, die sich seit der Verkettung unglücklicher Umstände (wie die Schulleitung diesen Vorfall nannte, der den Klassenstreber Julius Bochte seine buschigen Augenbrauen gekostet hatte), größter Beliebtheit erfreute.
»Mein Nachbar hat uns beim letzten Grillabend erzählt, der Igor wäre früher so ein ganz toller Professor an der Uni gewesen, mit Chancen auf den Nobelpreis usw. Aber dann soll er erwischt worden sein. Hat irgend so ein Kampfgas, das dir das Fleisch von den Knochen ätzt, für den Irak entwickelt. Echt wahr. Deshalb muss er jetzt so Schwachköpfe wie uns unterrichten und soll endgültig den Verstand verloren haben.«
Vom irren Igor unbemerkt, öffnete sich die Tür zum Klassenzimmer und René huschte in geduckter Haltung herein. Er ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und hockte sich mit ernstem Gesichtsausdruck neben uns.
»Na, verpennt? Haste gestern Nacht wieder zu lange gewichst?«, begrüßte Martin ihn, auf seine im eigene charmante Art.
»Quatsch, ich hab den Karlsson auf dem Dach getroffen.«
»Was haste denn da oben gemacht?«, kicherte Martin. Im nächsten Augenblick ertönte weiter vorne ein lauter Knall, kurz darauf das Klappern einer Dose, die auf dem Boden landete.
»Igor und sein Knallgasexperiment«, meinte ich kopfschüttelnd.
»Vergiss den Igor, wir haben ein Problem«, meinte René vollkommen ernst. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller habe gesagt, dass Angola Kai einen nur in die Vorstellung reinlässt, wenn man ihm einen ultra-krassen Film mitbringt, den er noch nicht kennt. Sonst kannste das Foltercamp knicken.«
»Scheiße. Was soll‘n der Mist.« Seit René gestern von dieser legendären Vorstellung im Lichtspielbunker erzählt hatte, war ich ganz aufgeregt und hatte mir bis in die tiefe Nacht hinein in allen blutigen Details vorgestellt, wie die Frauen im Foltercamp geschändet wurden. Das musste der Hammer sein. Diesen Film wollte ich unbedingt sehen – koste es, was es wolle.
»Fuck«, Martin haut mit der Faust auf den Tisch. »Angola Kai kennt doch jeden Scheiß, wie soll‘n wir da ’nen Streifen finden, den der nich kennt?«
»Es soll eine Liste geben«, erwiderte René. »Karlsson auf dem Dach meint, Karlsson im Keller weiß, wie wir an die Liste kommen können. Dachkarlsson will uns heute nach der Schule in den Keller mitnehmen.«

»Das is nich‘ dein ernst?«, stöhnte Martin«
Entgeistert starrten wir auf einen verrosteten, eckigen Opel Kadett, an dessen Steuer eine kleine Frau mit schwarzer Dauerwelle und irrem Blick hinter den dicken Brillengläsern saß. Die Familienähnlichkeit zu Karlsson war nicht zu übersehen. Und Karlsson, der eigentlich Robert Meier hieß, wurde nicht umsonst Karlsson auf dem Dach genannt. Mit seiner dicken Knollennase, der Verhütungsbrille und dem krausen Haar ähnelte er seinem Vorbild aus der Fernsehserie sehr, es fehlte nur noch der Propeller auf dem Rücken. Sein eigentliches Markenzeichen war aber die lange, grüne Jacke mit den tausend Taschen, die unzählige Variationen von Keksen, Schokoriegeln, Lebkuchen und Dingen, die ihr gar nicht wissen wollt, enthielten. Würden Keksologen die Sedimentschichten des sandsteinharten Gebäcks in diesen krümeligen Textilhöhlen untersuchen, sie könnten die Trends des Weihnachtsgebäcks der letzten zehn Jahre rekonstruieren.
»Na, kommt schon Leute. Meine Mutter nimmt euch mit zu mir und kocht sogar Spaghetti für euch, danach können wir dann in den Keller«, meinte Karlsson begeistert.
»Scheiße«, seufzte ich, «aber wenn wir an die Liste wollen, müssen wir wohl Opfer bringen.«
Kurze Zeit später hockten wir zusammengequetscht auf der Rückbank der alten Rostlaube und zitterten vor Angst. Anschnallen war unter diesen beengten Verhältnissen nicht möglich, einen Gurt hatten wir aber auch nicht entdecken können. Karlsson saß gelassen neben seiner Mutter und freute sich sichtlich, dass er drei Freunde mit nach Hause bringen konnte.
Frau Meier war so klein, dass sie kaum über das Lenkrad blicken konnte, was aber keinen Unterschied machte, da sie sowieso die ganze Zeit stolz zu ihrem Sohn rüberschaute oder den Kopf nach hinten zu uns Jungs drehte und dabei so wahnsinnig kicherte, wie eine Hexe in einer Besenfabrik. Der klapprige Kadett bewegte sich dabei in wilden Schlangenlinien über die Landstraße, unbeeindruckt vom Gegenverkehr, in wahnsinniger Geschwindigkeit.
Ich saß eingequetscht in der Mitte, die Knie bis zu den Ohren hochgezogen und blickte mit bleichem, schweißüberströmten Gesicht starr geradeaus. Ich sah mein gesamtes kurzes Leben, nicht an mir vorbeirasen.

Wer würde mich vermissen, wenn ich vom Metall dieser Klapperkiste zerquetscht und durchbohrt am nächsten Baum landen würde? Meine Eltern? Stets bemüht, meine Wünsche zu erfüllen, aber doch irgendwie distanziert. Meine besten Freunde sicher nicht, die wären mir dann nämlich näher als mir lieb ist – zumindest in Körperteilen. Die Verwandtschaft, die immer nur feststellt, wie groß ich doch geworden bin, sich hinter meinem Rücken aber die Frage stellt: »Was soll aus dem Jungen nur mal werden?« In den sechzehn Jahren meines bisherigen Lebens hatte ich doch kaum Spuren hinterlassen, niemanden beeindrucken können, noch nicht mal jemanden so verärgert, dass bei der Nachricht meines Todes ausrufen würde. »Endlich hat es diesen Drecksack erwischt!« Ich war nur einer dieser namenlosen Statisten, die unter einer Gummimaske zu Hunderten sabbernd als Zombies durch die Gegend schlurften. Ein Red-Shirt ohne Sprechrolle, kurz vor der nächsten Außenmission.

Das Quietschen der Reifen riss mich aus meinen Gedanken und brachte mich zurück in den Wahnsinn, der gerade meine Realität darstellte. Die vom Kadett aufgescheuchten Hühner, die sich nur knapp vor dem rasenden Stinkomobil hatten retten können, flatterten empört über den Hof.
»Sind die Hühner flach im Teller, war der Traktor sicher schneller«, entfuhr es René flapsig lachend.
Die Meiers wohnten mitten in einer Kleinstadt, in der die Häuser dicht an dicht standen, doch sobald man ihren Innenhof betrat, fühlte man sich wie auf einem Bauernhof. Hühner gackerten, Ziegen mähten, im Zwinger bellte ein Rottweiler, die Katze verkroch sich hinterm Hühnerstall, eine Entenfamilie trippelte über den Asphalt und der Geruch war nicht gerade eine Verbesserung zu den faulen Eiern aus der Chemiestunde.
»Stört das die Nachbarn eigentlich nicht?«, flüsterte ich Karlsson beim Aussteigen zu.
»Was meinst du?«, fragt er erstaunt.
»Na die Tiere und der Gestank?«
»Welcher Gestank?« Er zuckte nur mit Schultern und blickte mich fragend durch seine verschmierten Brillengläser an.
»Hab gehört, die Nachbarn soll’n sich mehr über Meiers selbst beschweren, als über die Tiere«, flüsterte mir Martin zu, als Karlsson seiner Mutter ins Haus folgte. Wir trippelten wie die Enten hinterher. Über eine knarzende Treppe ging es in den zweiten Stock. Oben angekommen drehte sich Frau Meier zu uns um und sagte: »Nun mal rein in die gute Stube, ich werde mich gleich ums Essen kümmern.« Das irre Grinsen lag noch immer auf ihrem Gesicht des Todes. Wir schauten uns beunruhigt an; anscheinend war ich nicht der Einzige, der das als Drohung verstanden hatte.
Wir traten in eine völlig überhitzte Wohnung ein, der lange Flur ging auf der linken Seite in ein Wohnzimmer über. Mein umherschweifender Blick blieb sofort auf den unzähligen Stapeln aus VHS-Kassetten hängen. Ich stupste Martin und René an und deutete mit einem Nicken auf die Bänder.
»Das müssen Hunderte sein.« René stand der Mund offen wie ein Scheunentor. »Hätte ich dem Karlsson gar nicht zugetraut«, wisperte er.
Während wir die Schuhe auszogen und unsere Jacken aufhängten, sah ich aus dem Augenwinkel, wie er unauffällig rüberschlich und den Fund genauer betrachtete. Stirnrunzelnd kehrte er zurück. »Das glaubt ihr nicht. Das ist der krankeste Scheiß, den ich je gesehen habe. Ehrlich!.«
»So ihr lieben Kinder, ich mach mich gleich in der Küche ans Werk. Roooobeeeeert kann euch ja so lange sein Zimmer zeigen.«
Wir folgten Karlson in entgegengesetzter Richtung zum Wohnzimmer, durch den schmalen dunklen und mit allerlei Kram vollgestellten Flur. Ganz am Ende öffnete er eine Tür und führte uns hinein. Das Zimmer erinnerte eher an einen Wandschrank. Quer hätten wir uns hier nicht ausgestreckt hinlegen können und auch längs keine zwei von uns hintereinander. Das Bett nahm den größten Teil ein, hinten am Ende stand ein weißer Vogelkäfig mit zwei piepsenden Wellensittichen. Was aber unseren Blick bannte, war das Bett beziehungsweise, das was darauf lag – Süßigkeiten: Mohrenköpfe, Jaffa Cakes, Prinzenrolle und eine Menge zur Unkenntlichkeit zerbröseltes Zeugs, das aussah, als wäre gerade das Krümelmonster darüber hergefallen; das alles lag auf seiner Bettdecke, ohne Verpackung, ohne Schüssel, einfach so mit Krümeln, Schokolade usw.
»Hihi, ich räum das mal grade weg.« Karlsson schnappte sich die Decke, faltete sie zusammen und trug sie mit dem ganzen Kram darauf zu Tür hinaus. Wir drei schauten uns kopfschüttelnd an, aber Martin und mir brannte eine ganz andere Frage auf der Zunge.
»Was für’n kranken Scheiß haste denn da g’sehen«, wollte Martin wissen. »Ne Pornosammlung. Tittenfick im Treppenhaus, Bananfick in Mosambik. Na sag schon.«
René setzte ein breites Grinsen auf. »Von wegen, das sind ganz andere Pornos. Perverser Scheiß, der wirklich verboten gehört.«
»Tierpornos?«, hakte ich nach.
»Nee, Alter. Forsthaus Falkenau. Die haben Forsthaus Falkenau aufgenommen. Und zwar auf jeder einzelnen Kassette.«
»Leute, das wird mir hier langsam unheimlich«. Auf Martins Gesicht lag echte Sorge. »Erst fährt die durchgeknallte Alte wie in Death Race 3000, dann dat Keksmassaker auf dem Bett und jetzt och noch der Forsthaus-Falkenau-Overkill. Fehlt nur noch, dat gleich Papa Leatherface mit ner Kettensäge reinkommt. Und dann will uns Karlsson auch noch in’n Keller bringen. Ich weiß ja net, wie es euch geht, aber ich mach mir langsam Sorgen, dass wir hier das nächste Mittagessen sein werden.«
René runzelte die Stirn. »Das passt zu dem, was ich über den anderen Karlsson gehört habe. Den im Keller.«
»Was ist den mit dem«, fragte ich nach.
Der heißt Karlsson im Keller, weil der tatsächlich im Keller lebt. Und zwar rund um die Uhr, so richtig angekettet, wie Sloth in Die Goonies«.
»Du hast sie doch nicht alle.«
»Frau Meier erinnert aber wirklich an Mama Fratelli«, wandte Martin ein. Und damit hatte Karlssons Mutter auf ewig ihren Spitznamen weg.

Das Essen stellte sich als erstaunlich genießbar raus, wobei ich aber nicht wissen wollte, aus was die Fleischbällchen hergestellt wurden. René hatte drei Portionen verschlungen und unseren unfreiwilligen Aufenthalt in Meiers Küche unnötig verlängert, aber jetzt wurde es ernst: Es ging endlich zu Karlsson in den Keller.
»Wie tief geht n’das noch runter«, fragte Martin’ne. »Reise zum Mittelpunkt der Erde oder was?«
Die schmale und steile Kellertreppe zog sich ewig hin und das flackernde Licht der Glühbirne wirkte nicht gerade beruhigend. Etwas anderes als ein düsteres Verlies konnte sich gar nicht an ihrem Ende befinden. Wer immer da hauste, machte definitiv einen auf Kasper Hauser.
»Ist nicht mehr weit«, antwortete Karlsson auf dem Dach. Und da standen wir auch schon vor einer schweren Metalltür am Ende eines kurzen Flurs.
»Willkommen im Führerbunker«, sagte René.

»Wow«, entfuhr es mir, »hätte nicht gedacht, dass der Führer so gemütlich im Untergrund residiert.« Keller-Karlssons Zimmer war riesig, mit weichem Teppichboden ausgelegt, einem Ledersessel und zwei Sofas. Im Zentrum befand sich ein pervers großer Fernseher, um den herum zahlreiche Videorecorder und Boxen arrangiert waren. Die Wände waren ausschließlich mit prallgefüllten Regalen voller Videokassetten tapeziert. Da hatte sich Karlssons Cousin Karlsson sein eigenes kleines Lichtspielbünkerchen eingerichtet. Er selbst thronte breit grinsend in seinem Sessel und streichelte die weiße Katze auf seinem Schoss. »Gentleman, was führt euch in mein Reich«, begrüßte er uns.

Nachdem wir ihm kurz die Lage geschildert hatten, erklärte er sich bereit, uns zu helfen.
»Den ersten Film auf der Liste – Men Behind Sun – könntet ihr von Fluppen-Flo bekommen. Der spielt heute Abend ein Konzert mit seiner Band Atemwegserkrankung in der Kaschemme. Die stellen dort ihren neuen Song Lungenbrötchen vor.«
»Lungenbrötchen?«, wiederholte René kichernd.
»Da soll Flo zehn Minuten lang auf der Bühne eine Fluppe nach der anderen quarzen und sich dazu die Lunge aus dem Hals husten. Soll wohl so eine Art Punk-Perfomance-Kunst sein«, erklärte Keller-Karlsson. »Aber wenn ihr mich fragt, hat der einfach einen an der Klatsche. Doch ich habe halt gehört, dass er Men Behind Sun haben soll.«
»Was soll’n das für’n Film sein, mit so ’nem komischen Titel?«, fragte Martin.
»Japanischer Rotz. Ein Foltercampfilm, aber ultrakrass«, antwortete Keller-Karlsson.
»Die Geschichte der Foltercampfilme ist eine Geschichte voller Missverständnissen«, dozierte René.
»Jetzt geht das wieder los, bevor das hier in einen Vortrag ausartet, sollten wir lieber die Liste weiter durchgehen«, sagte ich.
»Ach quatsch«, meinte René. »Wir gehen heute Abend auf das Konzert, besorgen uns den Film und gut is.« Er stand auf und ging Richtung Tür.
»Na, wenn ihr noch Fragen zu den Filmen auf der Liste habt, ruft einfach an. Wenn ich nicht gerade am Wichsen bin, gehe ich vielleicht sogar ran.« Kelller-Karlsson brach in ein schallendes Gelächter aus, das dem seiner irren Tante stark ähnelte.

Als wir uns kurz nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Weg zur Kaschemme befanden – unsere Eltern dachten, wir würden bei einem der jeweils anderen lernen -, philosophierten wir mal wieder über unser Lieblingsthema.
»Ich weiß ja gar nicht, wieso alle so auf die Foltercampfilme abfahren? Klar, krasser Scheiß, und den mit den geschändeten Frauen will ich auch unbedingt sehen, aber dramaturgisch sind die ja nu nich grade der Renner«, sagte ich.
»Besser als so ein Zombiefilmdreck«, erwiderte René.
»Dreck, wieso sind Zombiefilme Dreck?«
»Die sind doch voll lahm. So langsam, wie die durch die Gegend schlurfen, werden die noch von meiner Uroma mit ihrem Rollator überholt. Es sollte mal einer einen Zombiefilm mit schnellen Zombies machen, die dich wie tollwütige Rotweiler durch die Straßen jagen.«
»Das ist es doch gerade. Die sind so langsam, aber trotzdem eine Bedrohung. Denn es sind viele und sie sind hartnäckig. Auf kurzer Strecke flitzt du denen davon, aber die bleiben dran, die kommen immer weiter hinterher, und du rennst und rennst, wirst immer müder, aber die nicht, die werden nicht müde, die kommen hinter dir her, wie das Duracell-Häschen. Das ist wie der Gladiatorenkampf in Das Leben des Brian, da rennt der Spargeltarzan mit Ausdauer so lange vor der fetten Kampfmaschine weg, bis die zusammenklappt. Nur die Zombies klappen nicht zusammen, die kommen immer weiter, und es werden immer mehr. Die brauchen keine Luft und keine Nahrung, und alles was sie wollen, ist dein Gehirn.«
»Da brauchst du dir ja keine Sorgen machen, bei dir finden die eh nichts.«

»Wenn wir da reinwollen, müssen wir erst am Schrank vorbei«, sagte Martin, als die Kaschemme in Sichtweite lag.
»Hä, was’n für’n Schrank?«, fragte ich.
»Na der da, auf zwei Beinen, der Mann ohne Hals, mit ’ner Abrissbirne als Kopf. Der macht hier die Security und lässt keine Spacken rein.« Martin deutet auf eine riesige schwarze Gestalt, die vor der Tür zur Kaschemme aus der Masse der wuselnden jungen Leute wie ein dunkler Leuchtturm herausragte.
»Ach du scheiße, der hat doch früher bestimmt den Undertaker in der WWF verkloppt.« Ich sah unsere Chancen, den Film von Fluppen-Flo zu ergattern dahinschwinden. Ich blickte nach unten. »Wenn der Turnschuhe aussortiert, sind wir am Arsch.«
»Wozu braucht’n die Kaschemme nen Türsteher? Ist ja nicht grade n‘ Edelschuppen«, sagte Martin.
»Ich glaub, um die Glatzen draußen zu halten«, antwortete René. »Die ham hier früher wohl mal Ärger gemacht. Zecken klatschen und so.«
»Jedenfalls hab ich üble Geschichten über’n Schrank gehört. Der soll mal ’nem Typen ein Auge ausgestochen haben – mit ’nem Strohhalm!«
»Ich weiß, was wir machen«, sagte René mit einem unheilvollen Grinsen auf dem Gesicht. »Ich geh jetzt schnurstracks auf den Schrank zu und hau im auf’s Maul. Im darauffolgenden Getümmel schleicht ihr euch schnell vorbei und in die Kaschemme rein.«
»Du hast sie wohl nicht alle.« Ich blickte René entsetzt an. »Der reißt dir den Kopf ab und scheißt dir in den Hals.«
Aber da war René schon losgezogen und ging tatsächlich geradewegs mit entschlossenem Gesichtsausdruck auf den Schrank zu.«
Ich tauschte einen Blick mit Martin aus, dem der Arsch ähnlich auf Grundeis zu gehen schien, wie mir. Aber das war unsere Chance. Ich packte ihn am Ärmel und zog ihn Richtung Eingang mit. René hatte sich dem Schrank inzwischen genähert und blies zur Attacke. »Hey, yo Schrank, dir werd ich jetzt die Kauleiste rekonfigurieren.«
Der Schrank blickte wenig beeindruckt auf den dürren Halbstarken hinab, der ihn inzwischen erreicht hatte. René stürzte nach vorne und – ich traute meinen Augen nicht – fiel dem Schrank in die Arme. Na ja, es war eher eine kurze männliche Umarmung, dann klatschten sie sich ab. René drehte sich zu uns um. »Hey, Jungs, kommt rüber, ich möchte euch meinen Cousin vorstellen. Das ist Dennis, der finanziert sich sein Sozialpädagogikstudium an der Tür.«
»Sozialpä …«

Nach dem wir alle dem Schrank die Hand geschüttelt hatten, bzw. er uns die Hände zerquetscht hatte, betraten wir die Kaschemme. Trotz des dämmrigen Lichts entdeckte ich Fluppen-Flo dank seines leuchtend grünen Haars sofort an der Theke, wo er mit einem Stuppi in der Hand rumlümmelte, während seine Bandkollegen die Instrumente und das Equipment aufbauten.
»Hey Flo, alles klar«, rief ich und bahnte mir den Weg durch den schon gut gefüllten Raum.
»Aller Roger in Kambodscha, Jens«, erwiderte Fluppen-Flo und wir schüttelten uns auf Männerart die Hand. Martin und René taten es mir gleich. Flo musterte uns eingängig. »Alter, was treibt den die drei Freaks von der Krankstelle hierher. Seid ihr extra wegen mir gekommen? Wollt ihr ein Autogramm haben? Oder mit euren Schlüpfern nach mir werfen, wenn ich gleich auf der Bühne stehe.«
»Äh«, meinte ich, »also eigentlich …«
»… eigentlich sind wir in geheimer Mission unterwegs«, unterbrach mich René. »Wir sind auf der Suche nach ganz heiklem Material. Darf keiner sonst mitbekommen. Aber wir haben gehört, dass du ein Spezialist bist, der uns weiterhelfen könnte.«
»Ach so ist das. Solche Typen seid ihr also«, erwiderte Flo mit einem süffisanten Grinsen auf dem Gesicht.
»Also, die Sache ist so«, fuhr René fort. »Wir sind auf der Suche nach etwas ganz besonders Seltenem. Einem Film, der einem die Haut von den Knochen ziehen soll. Und du sollst uns da weiterhelfen können.«
»Wo habt ihr denn so was gehört, mit solchen Schweinereien hab ich nichts zu tun.«
»Na, der Cousin vom Karlsson auf dem Dach …«
»Ach, Keller-Karlsson, sagt das doch gleich. Ihr seid also hinter Men Behind Sun her, dem ultrakrassen Foltercampfilm? Was wollt ihr denn damit.«
»Das ist geheim«, warf ich schnell ein. Nicht das Flo noch selbst auf die Idee kam, sich mit dem Film den Eintritt in den Lichtspielbunker zu erkaufen.
»Ach so, geheim. Na, da ließe sich eventuell was machen. Ich brauch nämlich noch ein paar Statisten für den Auftritt gleich.«
»Häh«, krächzte Martin. »Wat‘ für Tisten.«
»Atemwegserkrankung ist nicht einfach eine Punkband«, erklärte Flo. »Wir sind Perfomancekünstler mit sozialkritischer Aussage.«
»Häh?« Martin’ne, wer sonst.
»Für unseren neuen Song Lungenbrötchen brauch ich noch ein paar Leute, die sich zu uns auf die Bühne stellen, und mehrere Fluppen gleichzeitig paffen, um die Bühne so richtig einzunebeln. Und ihr kommt dafür genau richtig.«
»Aber wir rauchen doch gar nicht«, sagte ich.
»Wollt ihr jetzt den Film, oder nicht?«
»Ja, schon«, entgegnete ich. »Nur für das eine Lied?«
»Klar, nur ein Song. Dann seid ihr erlöst. Deal?«
Wir sahen uns kurz an und nickten dann widerwillig. »Also gut, Deal.«

Eine Viertelstunde später standen wir alle auf der Bühne. Flo hatte jedem von uns zwei Packungen in die Hand gedrückt und gemeint, jeder solle direkt fünf Fluppen auf einmal quarzen, damit die Kaschemme so richtig schön eingenebelt würde. Er selbst stand mit einem einzigen Lungenbrötchen am Mikrofon und zog daran wie ein vornehmer Genießer, im Hintergrund schrammelten seine Bandkollegen einen undefinierbaren und ohrenbetäubenden Lärm, während Flo ins Mikrofon hustete, krächzte, röchelte, würgte und kreischte. Zwischen durch schrie er immer wieder wie ein Berserker »Luuuuuungenbrötchen« in die Menge und ermunterte sie, ebenfalls zu quarzen. Und so hatte sich die Kaschemme innerhalb kürzester Zeit mit einem Nebel des Grauens gefüllt, der einem die Luft raubte, die Augen tränen ließ und das Leben vermutlich um fünf Jahre verkürzte.
Nach fünf Minuten und zehn Zigaretten später schrammelte die Band weiter vor sich hin. Ich trat unauffällig an den Gitarristen Peter Potenz (Künstlername) heran und fragte brüllend: »Ey Alter, wie lange dauert das denn noch.«
»Häh.«
Ich holte tief Luft – schwerer Fehler! – hustete heftig und versuchte es noch einmal »Wie laaange noch?«
»Ach so. 20 Minuten. Lungenbrötchen ist ein episches Stück in drei Akten. Kichern, krächzen, kotzen.«
Nach fünfzehn Minuten war dann kotzen angesagt, und Martin entleerte den Inhalt seines Magens ins Publikum. Die Band spielte weiter, Fluppen-Flo sprang jubelnd auf und ab und schrie: »Right in their faces, right in their faces.«

Am nächsten Morgen saßen wir in der ersten großen Pause auf der Schlachtbank, Martin wirkte immer noch etwas blass und starrte beschämt zu Boden.
»Leute, was haben wir das Haus gerockt, das war der Hammer gestern Abend!«.
Ich blickte auf, Fluppen-Flo näherte sich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
»Ihr habt da ne saugeile Show abgeliefert, vor allem du Martin – ne.«
Martin spuckte Flo nur vor die Füße und tat so, als hätte er ihn nicht weiter bemerkt. Aber Flo konnte sich gar nicht beruhigen.
»Das war voll die Perfomance-Art gestern, und du Martin, mit deiner Spezialeinlage hast du die vierte Wand zum Publikum durchbrochen – nein, was sage ich, durchkotzt. Mann war das geil, wie der Tommy in Voll Normal am Buffet – ey so voll kotz, würg, spei, mitten in die Fresse. Die Show war legendär, auch wenn wir jetzt Hausverbot in der Kaschemme haben. Aber das hier habt ihr euch wirklich verdient.«
Flo kramte einen rechteckigen, schwarzen Gegenstand aus seinem Rucksack und gab ihn mir. »Voilà – Men Behind Sun, wie verabredet. Ein Flo bezahlt immer seine Schulden, wenn auch nur in Gulden. Das ist die japanische Originalfassung mit holländischen Untertiteln. Ist bei dem Film aber eh egal, da kommt es nur auf das Gemetzel und die Folterszenen an. Wie auch immer, ich sag euch Bescheid, wenn Atemwegserkrankung ihren nächsten Auftritt haben, dann seit ihr doch wieder dabei, oder?«
Jetzt sprang Martin mit hochrotem Kopf auf und packte Flo am Kragen. »Alter verpiss dich bloß, mit deiner Krankheit von Band will ich nix mehr zu tun ham.«
»Contenance mein Lieber, Contenance.« Flog grinste immer noch und trat vorsichtig den Rückzug an, nachdem Martin in losgelassen hatte.
Ich blickte die Jungs an und hielt die Videokassette hoch. »Kollegen, wir haben es geschafft, das hier ist unsere Eintrittskarte ins Foltercamp der geschändeten Frauen.«

Zurück in Karlssons Kellerverlies präsentierten wir dem Schlüsselmeister stolz die Kassette. Er nahm sie misstrauisch entgegen und betrachtete sie eingehend von allen Seiten.
»Leute, wollt ihr mich verarschen?«
»Was’n los, ist doch die Echte – mit Originalhülle. Ist zwar Japanisch, mit holländischen Untertiteln, aber da soll es ja nur auf das Gemetzel ankommen«, sagte René.
Keller-Karrlson hielt die Kassette René direkt unter die Nase. »Das hier ist Betamax, du Honk. Ihr könnt doch nicht mit einer Betamax-Kassette bei Angola-Kai antanzen. Das Format ist schon vor Jahren ausgestorben.«
»Wat für’n Max?«, fragte Martin.
»Mensch, du Trollo, dachte du bist ein Experte. Das ist wie Video 2000, ein altes Videokassettenformat, das es eine Zeitlang gab, bis sich VHS als Standard durchgesetzt hat. Das kannst du mit einem VHS-Videorecorder gar nicht abspielen. Und die Betamaxrecorder hat doch heute kein Mensch mehr. Höchstens die Deppen, die seit 10 Jahren im Bunker hocken, weil sie denken, der Atomkrieg wäre ausgebrochen.«
»Scheiße«, seufzte ich. »Was sind denn die anderen Filme auf der Liste?«
»Umsonst«, sagte Martin, dann brüllte er es: »Umsonst! Dat war alles umsonst.« Er sah aus, als wenn ihm gleich Dampf aus den Ohren schießen würde. Aber besser als sein Frühstück aus … na ihr wisst schon.
»He, he, kotz dich nur aus, Alter«, spöttelte Keller-Karlsson. »Aber kommen wir zum Geschäftlichen. Noch ist alles drin, noch gibt es zwei Filme auf der Liste, die eure Eintrittskarte in den Bunker bedeuten können. Und ich weiß auch, wo ihr eine davon heute Abend bekommen könnt.« Er holte die Liste hervor und deutete mit dem Zeigefinger auf den zweiten Film. »Ilsa – She Wolf of the SS. Kennt ihr den?«
René kannte ihn natürlich. »Auch so’n Foltercampfilm, spielt in einem deutschen KZ. Mit ’ner scharfen Tussi als Foltermeisterin«, sagte René. »Hab davon gehört, der ist doch verboten.«
»Indiziert«, erwiderte Karlsson, »das ist ein Unterschied. Einfach zu kriegen ist der trotzdem nicht. Aber ich habe natürlich so meine Quellen. Ich weiß, wo ihr den noch heute Abend bekommen könntet.«
Er sah uns eindringlich an.
»Das könnte etwas schwierig werden, aber es ist machbar. Ihr wisst doch sicher, dass in Koblenz gerade Jahrmarkt ist.«
Wir nickten alle.
»Jedenfalls, dort arbeitet ein alter Freund von mir. Bernd, wird aber von allen nur ›der Bomber‹ genannt.«
»Häh, warum das denn, ist der mit dem Bombenleger verwandt«, wollte Martin wissen.
»Ist doch egal, und jetzt halt die Klappe, sonst kommt ihr nie in die Pötte.« Keller-Karlsson boxte Martin auf den Arm.
»Was müssen wir tun«, fragte ich.
»Na nach Koblenz auf den Jahrmarkt fahren und euch bei den Schaustellern nach dem Bomber durchfragen. Der ist ganz in Ordnung, wenn ihr ihm ein wenig zur Hand geht und meinen Namen erwähnt, lässt der bestimmt mit sich reden. Wir waren früher Zimmernachbarn auf dem Internat, bevor er dann ganz bei seiner Familie auf dem Jahrmarkt eingestiegen ist. Ist ein Pfundskerl, der jetzt durch die ganze Republik tingelt.«
»Okay«, sagte René, »Koblenz, Jahrmarkt, Bomber, Ilsa. Das bekommen wir hin.«

Also fuhren wir drei mit dem Bus nach Koblenz, eine recht umständliche Angelegenheit, da wir zweimal umsteigen mussten. Wann der letzte Bus zurückfahren würde, wussten wir auch nicht. Die Zeit vertrieben wir uns natürlich mit unserem Lieblingsthema. »Wisst ihr, was ich gestern Abend noch zum Einschlafen gesehen habe?«, fragte ich rhetorisch. »Captain America, von Albert Pyun.«
»Captain America! Also wirklich«, empörte sich René, »der ist doch das beste Beispiel dafür, dass Superheldenfilme immer scheiße sind.«
»So ein Quatsch. Wer sagt das denn?«
»Ich sage das. Schau dir doch mal die Spider-Man-Verfilmung aus den 70ern an oder den Punisher mit Dolph Lundgren.«
»Und was ist mit den Batman-Filmen von Tim Burton. Die sind doch klasse.«
»Die sind die Ausnahme von der Regel. Superhelden sind als Thema tot. Da wird es in den nächsten 20 Jahren keine vernünftige Verfilmung geben. Die sind genauso unverfilmbar, wie der Herr der Ringe.«
»Also der Zeichentrickfilm …«
»Ach hör mir auf mit diesem avantgardistischen Blödsinn, der mittendrin einfach aufhört. Bakshi hätte bei Crumb bleiben sollen.«
»Also Hulk war doch ganz witzig. Lou Ferrigno is der King«, warf Martin ein.
»Lou Ferrigno. Willst du mich verarschen. Den werden wir nie wieder auf der Mattscheibe sehen.«
»Mal was anderes, welche Filme stehen denn heute Abend an, wenn wir vom Jahrmarkt zurück sind?«, fragte ich.
»Peter-Jackson-Abend mit Meet the Feebles, Bad Taste und Braindead. Immerhin ein Regisseur, der sich nicht an Hollywood verkauft«, antwortete René.

»Ilsa wollte’r ham. Der Karlsson hat euch jeschickt. Die liescht bei mir im Wohnwachen, die scharfe Braut. Mer könnten ins Jeschäft kom‘, aber da müsste mir ener von euch zur Hand jeh’n.« Der Bomber war mit seinem Dialekt nur schwer zu verstehen, aber irgendwie konnte ich raushören, dass er uns weiterhelfen könnte.
»Was sollen wir tun?«, fragte ich.
»Du bisset also. Joa, könnt jeh’n. Lange Arme haste ja, wenn och bißken dürr. Pass uf, inner Stunde hab ich Vorstellung, da hilfste mir.«
»Okay …?«, sagte ich. Nach der Aktion in der Kaschemme schwante mir nicht Gutes, aber was soll auf dem Jahrmarkt schon groß passieren.

Des Bombers rote Donnerfaust sah ich nicht kommen, spürte sie aber mehr als deutlich. Der Gong hatte noch nicht richtig geläutet, da schickte mich dieser Hüne schon auf die Bretter. Mir dröhnte der Schädel, für einen Moment wurde mir ganz schwarz vor Augen, und mindestens eins davon auch blau. Irgendwo weit entfernt, gedämpft durch eine Käseglocke, hörte ich René brüllen. »Aufstehen, du Schlappschwanz. Zeig ihm, wo der Hammer hängt. Für Ilsa, für das Foltercamp. Na los, nur eine Runde. Du musst schweben wie ein Schmetterling und zustechen wie eine Biene.«
Nur eine Runde! Das war die Abmachung, die der Bomber irgendwie mit mir abgeschlossen hatte, ohne dass ich da viel zu sagen hatte. Von wegen Schießbude. Der Kerl war Kirmesboxer, und ich sollte die Besucher animieren, es auch mal zu versuchen. Drei Runden lang, wenn ich eine davon durchhalten würde, ohne K. O. zu gehen, gehörte Ilsa uns.
Also rappelte ich mich auf und versuchte es mit der gleichen Taktik, wie der spindeldürre Kerl, der in der Kindervorstellung in Das Leben des Brian vor dem Gladiator davonlief, bis dieser eine Herzkasper bekam. Wie Urkel gegen King Kong Bundy – oder war das Bud? – tanzte ich mit meinen gummiartigen Gliedern schlackernd im Kreis, während der Bomber mehrmals ins Leere schlug. Und da passierte es, mir bot sich eine Öffnung in seiner Deckung und ich verpasste ihm mit all meiner Kraft einen Schlag in den Magen.
Bäm, ein stechender Schmerz durchfuhr mein Handgelenk, als hätte ich gegen eine Betonwand geschlagen. Der Bomber sah mich an wie der Hulk, wenn er gerade von einem schmierigen Schurken gekitzelt wurde, bevor er dann das Gesicht zu einer wütenden Fratze verzog und den Halunken durch die nächste Mauer warf.
Und so kam es, wie es kommen musste, während ich noch mein schmerzendes Handgelenk betrachtete, traf mich der nächste Schwinger und schickte mich in die Seile, in denen sich meine Arme verhedderten, was ich aber kaum mitbekam, da sich mein Bewusstsein gerade teilweise aus der Realität verabschiedet hatte.
Weit entfernt hörte ich eine Glocke läuten – etwa zu meinem Begräbnis? War ich tot? Wo war ich überhaupt? Aus irgendeinem Grund konnte ich nur durch mein rechtes Auge sehen: Ich kniete auf einem Holzboden, hing irgendwie vornüber, konnte meine Arme nicht bewegen. Was war hier los? Dann packte mich jemand, zerrten an meinen Armen und sagte: »Geil alter, du hast es geschafft, Rocky, Ilsa gehört uns.« Dann gingen die Lichter endgültig aus.

»Alter, was ist denn mit dir passiert«, johlte Keller-Karlsson.
»Was mir passiert ist, willst du wissen. Dein lieber Internatsfreund ist mir zur Hand gegangen. Da ist passiert!« Ich war stinksauer. »Kannst froh sein, dass mir noch schwindelig ist, sonst würde ich dir jetzt die Fresse polieren.« René legte mir eine Hand auf die Schulter. »Janz ruhisch, Brauner, et läuft. Wir haben, was wir wollten, dank deines heroischen Einsatzes.«
Er reichte Karlsson die Kassette, auf der mit Edding gekritzelt »Ilsa« stand. »Hm, kein Original, aber egal, Hauptsache der Film ist drauf. Habt ihr schon nachgesehen?«
»Nö«, antwortete Martin. »Sin, direkt zu dir. Nich, dass dem Film noch was passiert.«
»Na dann woll’n wer mal.« KK zog die Kassette aus ihrer Hülle und legte sie in einen der zahlreichen Videorecorder seines Heimkinos ein.
»Ja, das ist er doch«, rief René begeistert. »Dyane Thorne als Ilsa.«
»Ihr Vollidioten«, entfuhr es Karlsson. »Das ist Ilas – die Tigerin, der Gurkenteil der Reihe. Ihr benötigt aber Ilsa – She Wolf of the SS. Mit der billigen Fortsetzung brauchen ihr bei Angola-Kai gar nicht erst antanzen.«
»Das ist doch jetzt ein Scherz«, knurrte ich. »Sag, dass das ein Scherz ist!«
»Sorry, Alter«, sagte Karlsson.
»Du hast uns nie gesagt, dass es noch andere Ilsa-Filme gibt.«
»Das gehört doch wohl zu Allgemeinbildung.«
René und Martin mussten mich zurückhalten, damit ich dem Kerl nicht an die Gurgel ging.
»Und was nu?«, fragte René.
»Kennt ihr Guinea Pig?«, kam die Gegenfrage von Karlsson
Wir warfen uns andächtige Blicke zu.
»Das ist doch Snuff«, sagte René.
»Heißt es zumindest. Aber wenn ihr mich fragt, ist das einfach eine Marketingmasche, um dem Film den Hauch von etwas Verbotenem zu verleihen«, entgegnete René.
»Was für’n Pik?«, fragte Martin.
»Guinea Pig, das ist so ein japanischer Folterfilm, in dem junge Frauen zu Tode gequält werden. Soll angeblich echt sein«, erklärte René.

Es regnete in Strömen, während wir uns um Laufschritt der angegebenen Adresse näherten. »Da muss es sein«, sagte René.
»Was’n das für ’n Laden?«, fragte Martin.
»Kann bei dem Regen, mit meinem zugeschwollenen Auge nix erkennen«, antwortete ich.
»Gehen wir rein und finden es raus«, sagte René.
Wir stürmten durch die bimmelnde Tür und rutschten fast mit unseren nassen Schuhen auf dem glatten Boden aus. Ein bärtiger Mann mit komischen schwarzen Dingern in den Ohren und eine junge Frau mit blauen Haaren, kaum älter als wir, starrten uns an. Wir glotzten zurück und tropften den Boden voll Regenwasser.
»Tut uns leid«, sagte René. »Mit dem Regen und so.«
»Schon gut«, antwortete der Typ, »wir müssen hier eh noch das Blut wegwischen.«
»Äh, also wir …«, stammelte Martin und zog sich langsam zur Tür zurück.
»Wie kann ich euch helfen?« Der Mann erhob sich und man konnte die Muskeln sehen, die sich unter dem engen Longsleeve spannten.
»Bis du Pistol-Pete?«
»Wer will das wissen?«, fragte er in bester Wildwestimitation mit finsterem Gesicht, während er ein komisches Gerät vom Tisch in die Hand nahm und damit auf uns zielte, über dessen Funktion ich mir keinen Reim machen konnte. Aber es hatte etwas Beunruhigendes.
»Also, wir …«, jetzt geriet auch René aus dem Tritt. »Keller-Karlsson hat uns …«
»KK, Mensch, sag das doch direkt. Dann kann es ja nur um Filme gehen.«
»Genau«, entgegnete René. »Wir sind auf der Suche nach Guinea Pig.«
»Ohhh, der ist ganz schön selten und kostbar.«
»Wir brauchen ihn wirklich dringend.« René hatte jetzt seinen Dackelblick aufgesetzt. »Mein Freund hier«, dabei zeigte er auf mich, »musste schon richtig dafür einstecken, auf unserer Suche.«
Pistol Pete warf mir einen mitleidigen Blick zu. »Wenn das so ist. Aber der Film hat trotzdem seinen Preis.«
»Also viel Geld haben …«, setzte René an.
»Nee, nee«, unterbrach Pete ihn, »ich habe da was ganz anderes im Sinn.« Er legte den Arm um die junge Frau. »Das hier ist Jennifer, mein Lehrling sozusagen. Sie hospitiert jetzt schon eine ganze Weile hier im Laden, macht sauber, räumt auf, schaut zu. Was fehlt, ist die Reifeprüfung. Das Gesellenstück. Und dafür benötigt sie ein Testobjekt.«
Ich blickte mich erstmals richtig um. »Ist das hier ein Friseursaloon?« Doch dann sah ich die ganzen Bilder und Fotos von Motiven an den Wänden hängen.
Pete lachte. »Nicht ganz.« Er hob das spitze Gerät in seiner Hand hoch. »Ein Tätowierstudio. Und Jenny braucht ein lebendes Objekt, um ihr erstes Tattoo zu stechen.«
Martin und ich blickten sofort zu René.
»Was guckt ihr mich denn so an?«
»Ich habe gestern ja wohl schon genug eingesteckt«, sagte ich.
»Und ich hab mir auf der Bühne die Seele aus’m Leib gekotzt. Jetzt bis du ma dran«, sagte Martin.
»Ich lass mich doch nicht …«
»René«, sagte ich, während ich ihm beide Hände auf die Schultern legte, »zum Wohle der Vielen muss der Einzelne schon mal zurückstecken und Opfer bringen. Denk an den Film, an den Lichtspielbunker und das einmalige Erlebnis, das uns bevorsteht.«
»Richtisch«, stimmte Martin zu. »Jetzt hama schon so viel durchgemacht und sind fast am Ziel. Schwanz einziehen is nich.«
»Ach Scheiße«, fluchte René, »Gruppenzwang, aahhhh. Ihr Arschkrüppelwichsspacken«
»Also ich würde mich auch ganz doll darüber freuen, wenn du da mitmachst«, flötete Jenny mit aufreizendem Blick Richtung René, dessen Augen sich weiteten.
»Also, na ja, ich bin ja schon ein Gentleman. Aber nur ein ganz kleines Tattoo. Ja?«
Jenny strahlte. »Natürlich, muss ja klein anfangen.«
»Und irgendwo, wo man es kaum sieht«, sagte René.
»Klar«, stimmte Pete zu, »am besten am Rücken, so knapp über dem Hintern, da sieht das kein Mensch.«
Während Pete René, der inzwischen Jacke und T-Shirt ausgezogen hatte und auf einer Liege mit dem Bauch nach unten lag, mit Desinfektionsmittel vorbereitete, ging ich zur leicht nervös wirkenden Jenny und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
»Klar«, antwortete sie. »Ich such mir nur grad noch die Vorlagen raus.«
Als die Nadel erstmals Kontakt mit Renés Haut aufnahm, entfuhr ihm ein spitzer und gar nicht männlicher Schrei. »Scheiße, tut das Weh. Und halt mal, was für ein Tattoo wird das überhaupt. Ich will das doch erstmal sehen.«
»Keine Sorge«, sagte Jenny, »das wird eine Überraschung, und zwar eine, auf die alle Mädels abfliegen werden.«

»Was’n das für ’ne Scheiße«, rief René, als er vor dem Spiegel stand und versuchte, die frische Tätowierung über seinem Steißbein zu erkennen.
»Tja, wie meintest du doch«, sagte ich, »schweben wie ein Schmetterling, zustechen wie eine Biene.«
Ein wirklich süßer, blauer Schmetterling und eine Biene, die eher Willy ähnelte als Maja, prangten nur an bester Schlampenstempelposition direkt über Renés Hintern. Nicht sehr groß, mit leicht unsicherer Linienführung, aber doch deutlich erkennbar.

Keller-Karlsson musste so heftig lachen, dass im der Sabber sintflutartig aus dem Mund flog. »Ist das geil. Der sieht ja aus wie Willy. »Maja, wo bist du.«
»Hier ist der Film.« Ich reichte ihm die Kassette, die wir von Pistol-Pete erhalten hatten. Karlsson schob sie in einen seiner unzähligen Recorder, und nach einigem Vorspulen sagte er: »Yo, Jackpot, das ist unsere Eintrittskarte in den Lichtsspielbunker.«
»Was heißt denn hier ›unsere‹?«, fragte René.
»Na, ich komm natürlich mit.«
»Was! Du hast doch nur faul im Keller gehockt, während wir all diese Torturen auf uns genommen haben«, brüllte René.
»Gentlemen, ohne mich wärt ihr doch gar nicht so weit gekommen. Ohne mich wüsstet ihr überhaupt nichts von der ganzen Sache. Und ohne mich kommt ihr auch gar nicht rein.« Er grinste uns feixend an.
Als wir wieder aus dem Keller raus waren, meinte Martin: »Das hat der doch von Anfang an geplant. Hat sich ’n paar Deppen gesucht, damit er sich nich die Finger schmutzig machen muss. Der Wichser.«
»Ach was soll’s«, seufzte ich. »Hauptsache, wir können den affentittengeilsten Schocker des Jahrhunderts sehen.«

Der Freitag kam, und in Keller-Karlssons Schlepptau gelangten wir in den legendären Lichtspielbunker, der mitten im Wald lag und tatsächlich nur durch eine Luke im Boden zu erreichen war. Ein echter Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie geil war das denn.

Nach drei Stunden kamen wir wieder raus.
»Hm«, meinte René, »das war ja jetzt nicht so der Bringer.«
»Nee«, sagte ich.
»Da war voll der Beschiss.« Martin lief schon wieder rot an. »Ein Film sollte auch halten, was der Titel verspricht. Aber da wurde ja weder gefoltert noch geschändet.«