Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin

Hier gibt es die Geschichte als PDF. An Mobi und Epub arbeite ich noch, da WordPress diese Dateitypen nicht zum hochladen erlaubt. Muss erst mal rausfinden, wie man das umgehen kann (dass es geht, weiß ich).

Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin

Von Markus Mäurer

Mit Kindern und Jugendlichen bin ich immer gut klargekommen. Aber das hier ist anders. Hier stehe ich jetzt, in der nicht endenden wollenden schwarzen SUV-Soccer-MILF-Schlange der örtlichen High Society und warte darauf, jeden Moment von der Security überwältigt zu werden, obwohl ich auf der Liste stehe und ein Formular dabei habe, dass ich berechtigt bin, Tappie aus der Schule abzuholen – zum ersten Mal.
Auf einer normalen Schule dürfte er es schon schwer haben, aber hier unter diesen ganzen reichen Schnöseln, musste es die Hölle sein. So stelle ich es mir zumindest mit meinem durch Beverly Hills 90210 und Freaks and Geeks gefüttertem gefährlichen Halbwissen vor. Wo ich zur Schule gegangen bin, gab es keine Jocks, Nerds, Bullys und ähnlich starre Klassifizierungen. Eigentlich schade, denn dafür, dass ich im Basketballteam meiner Schule gespielt habe, hat sich keine Sau interessiert.
Wildes Gehupe und eine schrille Stimme lassen mich bemerken, dass die Schlange inzwischen weitergerückt ist. »Beweg deinen Arsch, du Penner«, ist hier der höfliche Hinweis, doch bitte mit dem Auto weiter vorzufahren.
Ich finde es ja etwas merkwürdig, Fünfzehnjährige jeden Tag persönlich in die Schule zu bringen und abzuholen, aber in einem hysterischen und von Angst getriebenen Land, in dem Kinder, die allein unterwegs sind, von der Polizei aufgegriffen werden, die dann direkt mit dem Jugendamt bei den Eltern anrückt, hält man sich besser an die Regeln.
Ich halte nach Tappie Ausschau. Durch eine genetische Fehlbildung hebt er sich mit seinem dünnen Haar, dem leicht verformten Kopf und den wenigen Zähnen deutlich von seinen Mitschülern ab. Das ist die gleiche Störung, wie bei dem Schauspieler Michael Berryman, dem er aber nicht wirklich ähnelt. Ansonsten ist Tappie ein ganz normaler und cooler Teenager, sofern ich alter Sack das noch beurteilen kann.
Heute fällt er mir aber besonders auf, weil er zielstrebig mit gesenktem Kopf auf meinen Wagen zugeht, dabei nicht auf die anderen achtet und ein ziemlich griesgrämiges Gesicht zieht. Wortlos steigt er ein, blickt stur gerade aus, tut, als wäre ich ein Robotchauffeur oder so, dem zwischenmenschliche Interaktionen am Arsch vorbeigehen. Ich bleib gelassen, sage kurz »Hi« und fahre schweigend los, bevor mich die hupende Meute hinter mir lyncht.
In den Straßenverkehr einfädelnd, breche ich endlich das Schweigen. »Also Mann, was ist los?«
Er zögert kurz, überlegt wohl, ob er die Schweigenummer konsequent durchziehen soll, legt dann aber zu meiner Überraschung wütend los.
»Die Anderen in der Schule hassen mich alle. Für die bin ich der Freak. Der Mongo. Heute hab ich Joslyn gefragt, ob sie mit mir zum Schulball geht. Mum hat mich dazu gedrängt. Hat gesagt, ich muss mich trauen, muss Mut haben, dann kann ich alles schaffen. Mann, was für ein Scheiß. Alles schaffen, am Arsch. Erst schleppt sie mich in dieses durchgeknallte Land, und dann zwingt sie mich auf diese Schule mit den ganzen reichen, verwöhnten Pissern. Mann, ey, dafür hasse sie. Hätte ich doch nie auf Mum gehört. Jetzt bin ich endgültig der letzte Volldepp.«
»Was ist den passiert?«
»Was passiert ist? Was soll schon passiert sein. Die haben mich natürlich alle ausgelacht. Scheiße. Das war das letzte Mal, dass ich mich von Mum zu so was überreden lasse.«
Oh Mann, da habe ich ja genau den richtigen Tag erwischt. Ich weiß genau, wie er sich jetzt fühlt. Das war es dann mit dem coolen Nachmittag unter Kumpels.
Den Rest der Fahrt schweigen wir, er blickt deprimiert aus dem Fenster und ich zermartere mir das Gehirn, wie ich die Lage vielleicht noch retten kann. Bei ihm zuhause angekommen läuft das übliche Prozedere ab, dass man aus so vielen amerikanischen Teenagerfilmen kennt: Autotür zuknallen, Haustür aufstoßen, Rucksack in die Ecke schmeißen, die Treppe hochstampfen, Tür zuschlagen und kurz darauf bringt Slipknot die Zimmerdecke zum Beben.
Ich setze mich erst mal auf einen der Hocker am Tresen der Wohnküche, stütze mein Kinn auf die rechte Hand und seufze tief. Als Sozialschwurbler wüsste ich jetzt eigentlich, was zu tun ist. Aber das hier ist privat, das ist anders. Da kann ich nicht als Jesuslatschen-Laberer auftreten. Ist eh nicht mein Ding. Bin mehr der Typ Arschtrittpädagoge. Aber das funktioniert auch nicht immer.

Kurz an der Tür geklopft, was er sowieso nicht hört, dann trete ich ein. Er sitzt mit angezogenen Beinen auf dem Bett, den Rücken an der Wand, die Ellenbogen auf den Knien liegend, den Kopf schlaff herabhängend – ein elender Anblick. Ich nicke ihm kurz zu und hocke mich neben das Bett auf den Boden. Für eine Weile starre ich schweigend aus dem Fenster, dann dreht er zu meiner Verwunderung die Musik ab. Ich sehe zu ihm rüber. »Was für ein Scheiß.«
Er schnaubt nur kurz. Ich blicke noch einmal kurz aus dem Fenster, dann wende ich mich ihm zu. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
»Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin.« Tappie zieht die Stirn in Falten, ich fahre fort.
»Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, hatte tolle Eltern, aber wir haben nie groß über unsere Gefühle gesprochen. Wir haben nie gesagt: ›Ich liebe dich‹, uns groß umarmt oder sonst wie erwähnt, wenn es einem nicht gut ging. Ich habe auch nie groß gezeigt, wenn ich glücklich war. Gefühle waren für mich etwas, das ich hatte, aber nie anderen mitgeteilt habe – weder positive noch negative. Ich hatte auch nie wirklich Mädchen in meinem Umfeld und meinem Freundeskreis. Immer Kerle. Dazu kommt, dass ich mich nie für wirklich gut aussehend gehalten habe – was ich auch nicht bin -, aber ich habe es da wohl in der Selbstwahrnehmung deutlich übertrieben. Trotzdem, ich war immer dürr, leicht abstehende Ohren«, ich packe meine beiden Ohrläppchen mit den Händen und wackel kräftig dran, »schiefe Nase«, tippe mir mit dem rechten Zeigefinger an den Rüssel, »und ein knochiges Gesicht, das mich unfreundlich aussehen lässt, wenn ich glaube, neutral zu gucken oder sogar leicht zu lächeln.« Dabei ziehe ich die Backen ein und versuche wie der Tod auszusehen.
»Quatsch Mann, du siehst doch normal aus.« Tappie sieht mich mit großen Augen an. Ich zucke mit den Schultern.
»So ist das halt mit dem Selbstbild. Du siehst doch auch okay aus, glaubst es aber nicht. Na ja, jedenfalls die Mädchen, die haben mich nie gemocht. In der sechsten Klasse hatten wir so ein Hausaufgabenheft, wo wir alles Mögliche reingeschrieben haben. Einmal haben wir bei diesem wirklich coolen Mädchen heimlich ins Heft geguckt. Die hatte da die Jungs aus ihrer Klasse, also uns, mit Noten bewertet – von eins bis sechs. Drei war noch ganz okay. Ich war der Einzige mit einer Vier. Selbst der Klassenfreak – beziehungsweise der, den wir damals leider dafür hielten, Kinder können grausam sein – hatte noch eine 3 bekommen. Ich glaube, diese unwichtige Sache hat mich stärker geprägt, als ich es lange zugeben wollte. Und so haben die anderen alle ihre ersten Mädchen kennengelernt, sind mit ihnen auf Partys ausgegangen; dann gab es diese Zettelchen, auf denen stand: Willst du mit mir gehen? Ja Nein Vielleicht . Und plötzlich gingen alle mit jemandem – nur ich habe nie so ein Zettelchen erhalten. Habe mich aber auch nie getraut, eins zu schreiben.
Später als Teenager mit sechzehn, siebzehn waren dann feste Freundinnen üblich. Nur bei mir eben nicht. Ich bin dann immer mit meinem Kumpel und seiner Freundin weggegangen, als fünftes Rad am Wagen; da hat es dann auf den Partys oder sonst wo nicht lange gedauert, bis ich alleine dastand, weil sie sich zum Knutschen in eine dunkle Ecke verdrückt haben. Und so habe ich dann angefangen mich auf Partys einsam zu fühlen.« Ich lege eine kurze Kunstpause ein und gebe eine Mischung aus Schnauben und Seufzen von mir.
»Ich war schon immer schüchtern und konnte schlecht auf fremde Menschen zugehen. Ich habe mich dann in mich selbst zurückgezogen, wie eine Schildkröte in ihren Panzer – und zwar nicht wie die Ninja-Turtles, sondern einfach, wie eine lahme, langweilige Schildkröte. Und irgendwann habe ich mich davongeschlichen.«
»Die Ninja-Turtles sind cool«, sagt Tappie. Schiebt aber noch rasch einen Satz hinterher. »Auch, wenn ich jetzt schon zu alt für so was bin.«
»Cowabanga.« Ich muss kichern und fahre fort.
»Dann kam die Uni, und ich dachte, jetzt würde sich alles ändern. Ich war in einem Studiengang mit achtzig Prozent Frauen, fand schnell Anschluss und Freunde, ging auf Partys, auch zu privaten, aber immer, bevor ich mich getraut hätte, jemanden anzusprechen, also eine Frau – und an der Uni gibt es jede Menge tolle Frauen, da musst du unbedingt hin -, hatte ich mich schon in meinen Schildkrötenpanzer zurückgezogen.«
»Am College gibt es die heißesten Bräute oder?«, sagt Tappie leicht verlegen. »Hab ich gehört. Die älteren Schüler reden darüber, wie sie denen dann eine gute Zeit verschaffen werden.«
»Die absolut heißesten, und die sind da alle auf Party und Spaß eingestellt. Na ja, jedenfalls, die Jahre verstrichen, und irgendwie passierte nichts. Ein paar Mal habe ich es versucht, habe unbeholfen versucht, Frauen zu fragen, ob sie mit mir mal einen Kaffee trinken würden – aber durch meine Unerfahrenheit habe ich mich so ungeschickt dabei angestellt, dass ich wirklich seltsam und unheimlich auf sie gewirkt haben muss. Mir hat das Gefühl, die Sensibilität dafür gefehlt. Ich hatte keinen Charme, ich wusste nicht, wie ich mit ihnen reden soll. Ich war wie ein verschrecktes Reh, das in das Scheinwerferlicht eines Autos blickt.
Also habe ich mich wieder zurückgezogen und eingeigelt. Einige meiner Freunde haben an der Uni ihre große Liebe gefunden, ich habe nur herausgefunden, was ich nicht kann.
Später bin ich dann in eine wirklich coole Großstadt gezogen, habe einen größeren Freundeskreis bekommen und bin auch mit einigen Frauen ausgewesen. Da habe ich mich zumindest ein wenig über Wasser halten können, aber dieses mangelnde Selbstwertgefühl; das Gefühl unattraktiv zu sein, das hat an mir genagt. Einerseits dachte ich, ich bin doch ein netter Kerl, ich habe so viel Liebe in mir, weiß aber nicht wohin damit. Andererseits überwog aber das Gefühl – die Frage: Was können die schon von mir wollen? Wieso sollten sie mich attraktiv finden? Ich habe denen doch nichts zu bieten.«
Tappie ist in den letzten Minuten ganz still geworden und starrt verlegen auf den Fußboden.
»Diese Gedanken waren Gift, die haben mich immer zurückgehalten, haben meine Wahrnehmung verzehrt, mich die Signale nicht sehen lassen, wenn eine Frau mich doch mochte. Deshalb habe ich mich nie getraut, den nächsten Schritt zu machen, am Ball zu bleiben. Und leider habe ich auch nie eine Frau getroffen, die das ihrerseits gemacht hätte. Die meisten haben sich natürlich nicht für mich interessiert, aber den anderen habe ich mit meiner zugeköpften Art, mit meiner Zurückhaltung und meinem kühlen Auftreten das Gefühl vermittelt, dass ich mich nicht für sie interessiere.
Und je älter ich wurde, desto weniger habe ich mich getraut, desto mehr habe ich mich zurückgezogen. Denn mit jedem weiteren Jahr dachte ich, dass es doch nicht normal ist, dass du noch keine Freundin hattest, dass du noch nie jemanden geküsst hast, dass du noch keinen Sex hattest. Und vor allem dachte ich, dass die Frauen das auch denken würden. Dass sie mich deshalb für merkwürdig halten würden, für einen Freak oder so. Dass ihnen das unheimlich sein würde. So sehen doch die Profile von Stalkern und Psychopathen in Criminal Minds und so aus. Die Sendung kennst du doch.«
Tappie nickt. »Klar Mann. In der Schule sehen die mich auch immer an, als wäre ich gerade der Klapse entsprungen, als würde ich jeden Moment Amok laufen.« Er sagt das recht flapsig, aber ich kann den Schmerz in seiner Stimme hören – und fahre deshalb fort.
»Und dann habe ich eine Frau kennengelernt, bei der alles anders war, bei der ich dachte: Wow! Das ist sie. Das ist die Eine. Ich weiß nicht, ob es so etwas wie Seelenpartner gibt, Menschen, die füreinander bestimmt sind. Aber wenn es sie gibt, dann ist sie es für mich. Das Gefühl hatte ich vom ersten Moment an – direkt beim ersten Mal, als ich sie gesehen habe. So etwas hatte ich noch nie zuvor gefühlt, und je mehr ich über sie erfahren habe, je mehr ich sie kennengelernt habe, desto mehr hat sich dieses Gefühl bestätigt.« Jetzt schlage ich theatralisch mit der Faust auf das Bett.
»Da wusste ich, wenn ich es jetzt nicht versuche, wenn ich jetzt nicht all meinen Mut zusammennehme, all diese negativen Gefühle, die Zweifel und Bedenken in einer dunklen Ecke vergrabe; wenn ich mich jetzt nicht traue, dann verpasse ich die Chance meines Lebens!
Und ich hatte Angst, Mann – und wie ich Angst hatte. So wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich habe mir vor Angst fast buchstäblich in die Hose geschissen, habe gezittert, konnte nicht schlafen und keinen klaren Gedanken fassen. Aber ich habe es trotzdem getan, ich bin über meinen Schatten gesprungen, ich habe sie gefragt, habe mich ihr geöffnet, bin mit ihr so ehrlich gewesen, wie noch nie zuvor in meinem Leben mit jemandem.« Inzwischen habe ich mich auf die Knie gehockt und blicke ihn noch direkter an.
»Und dann hat sie etwas getan, mit dem ich niemals gerechnet hätte, an das ich nicht einmal in meinen kühnsten Träumen gewagt hätte zu denken.« Jetzt lege ich eine bedeutungsschwangere Kunstpause ein, hoffe ich zumindest.
Tappie blickt wieder zu mir, die Augenbrauen fragend hochgezogen. Dann zuckt er mit den Schultern und dreht die Handflächen nach oben. »Ja, und? Was? Ist sie schreiend davon gelaufen, hat die Bullen gerufen, oder ihre Brüder? Das würden sie bei mir machen.«
Jetzt nähert sich mein Grinsen Breitmaulfroschniveau an. »Nee Mann, ganz im Gegenteil. Sie hat mich gemocht. Sie ist mit mir ausgegangen, hat mich zu sich eingeladen, hat gelächelt, wenn sie mich gesehen hat. Nicht dieses oberflächliche amerikanische Lächeln: Hey, wie geht es dir? Das man aufsetzt wie eine Maske, ohne, dass die Augen mitlächeln. Nein, sie hat gestrahlt, wenn sie mich gesehen hat. Ich konnte spüren, dass es ehrlich war. Ich hatte es gewagt, und wurde belohnt.« Jetzt trage ich eindeutig zu dick auf. Meine Schwärmerei muss ihm unheimlich peinlich sein. Vor allem, wenn gleich die Pointe kommt. Aber ich halt mich jetzt an mein imaginäres Skript und quassel weiter.
»Und mit der Zeit hat sie dann noch etwas viel Unglaublicheres getan. Einen Mann zu sich einladen, mit ihm alleine ausgehen, ihn seinen Kindern vorstellen – das ist eine Sache. Aber sie hat viel mehr getan. Sie hat mir mit ihren Kindern vertraut, hat sie mir anvertraut. Und das ist das größte Geschenk, das eine Mutter einem Mann machen kann. Denn die Kinder sind ihr das Kostbarste, sie sind ihr Schatz, den sie mit ihrem Leben verteidigen würde, um sie zu beschützen.« Meiiiin Schaaaatz, schnarrt ein haarlos schleimiges Teufelchen auf meiner Schulter. Aber weiter im Programm.
»Zu sehen, dass die Kinder mit dem neuen Freund klarkommen, sich mit ihm verstehen, das ist eine Sache. Da muss er sich bewähren. Aber ihm die Kinder anzuvertrauen, ohne dabei zu sein, das ist kein Test. Seine Kinder benutzt man nicht für einen Test. Wenn sie dir die Kinder anvertraut, dann hast du den Test schon bestanden. Dann hast du ihr Vertrauen. Nicht das Vertrauen, dass du nicht klaust, sie betrügst oder sonst was anstellst. Nein, sie hat mir das Wichtigste in ihrem Leben anvertraut.«
Und jetzt hebe ich den Finger, den ich hochgehoben hab. »Und das ist etwas, das ich nie vergessen werde, das ich ihr immer hoch anrechnen werde. Sie hat mir ihr wertvollstes Geschenk gegeben. Diese Frau war der großartigste Mensch, den ich je kennengelernt habe, warmherzig, liebevoll, witzig und voller Lebensfreude.
Sie hat mir also zwei unbezahlbare Geschenke gemacht. Sie hat mich gemocht und sie hat mir ihr Kostbarstes anvertraut: ihre Kinder.
Mehr kann man sich gar nicht wünschen. Allein dafür hat sich all das Warten gelohnt, all die einsamen Stunden und die Selbstzweifel. Mit zwei einfachen, aber doch so kostbaren Gesten, hat sie all das fortgewischt.
»Wow. Ziemlich coole Sache.«
»Ja allerdings, jedes Mal wenn ich daran denke, muss ich wieder wie ein Breitmaulfrosch grinsen. Und was meinst du? Wie viele Jahre ist das jetzt her?«
»Keine Ahnung. Nach dem Studium? Fünf Jahre?«
»Nee, von wegen. Sechs Monate!«
»Echt?« Er blickte mich zweifelnd an.
»Echt. Und was meinst du, wer das gewesen ist.«
Schulterzucken.
»Na, wer ist der großartigste, warmherzigste und liebevollste Mensch, den du kennst?«
»Meine Mom?«
»Allerdings. Also komm mir nicht nochmal damit, dass du sie hasst. Es war deine Mom, die mir das Kostbarste in ihrem Leben anvertraut hat. Den wertvollsten und coolsten Schatz, den man sich vorstellen kann. Dich!«
»Quatsch, Alter«. Verlegenes Lächeln.
»Quatsch? Glaubst du nicht, dass sie alles für dich tun würde? Dass sie ihr Leben für dich geben würde? Ich weiß, dass sie es tun würde. Sie hat dich bei sich aufgenommen, dich adoptiert, als sie selbst erst fünfundzwanzig war, als alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter. Ihre Karriere war gerade dabei so richtig durchzustarten. Damit hat sie das alles riskiert. Aber sie hat gesehen, dass du allein warst, dass sich sonst niemand um dich gekümmert hat. Sie hat etwas Besonderes in dir gesehen. Und zwar zurecht!« Ich tippe ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust. Alte Sozialpädagogenangewohnheit.
»Sie hat dich in ihr Herz geschlossen und dich trotz der schweren Umstände bei sich aufgenommen, und liebt dich genauso, wie ihre leibliche Tochter.« Ich mache eine kurze Pause. »Das hätten nicht viele gemacht. Es hat ja auch niemand sonst gemacht.
Und das zeigt mir, dass deine Mutter etwas ganz Besonderes ist. Warmherzig, liebevoll, aber auch richtig tough. Wenn sie eine Entscheidung getroffen hat, dann zieht sie sie durch, egal was andere sagen oder denken. Sie ist der Typ: gesagt, getan. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, dann kann sie niemand davon abhalten. Oder?«
»Allerdings«, sagt er nickend. »Wenn ich zwei Wochen Hausarrest habe, dann kann ich sie nicht davon abbringen, egal was ich versuche.«
Ich muss wieder grinsen.
»Und sie hat sich dich in den Kopf gesetzt, dir ein Zuhause zu geben, dich aufzuziehen und dich zu lieben.
Das muss manchmal richtig schwer gewesen sein, so ganz alleine, mit ihrer Musikkarriere, den vielen Auftritten, den Filmen, den Paparazzi, dabei ohne eigene Eltern, die sie unterstützen, ohne einen Mann und dessen Familie. Aber sie hat es getan, sie hat es durchgezogen.
Und sie ist dafür belohnt worden. Mit dem coolsten Sohn, den man sich vorstellen kann.« Okay, jetzt übertreib ich es wohl endgültig mit dem Kitsch, aber egal, ich bin jetzt in Fahrt.
»Ihr habt hier etwas ganz Besonderes. Ganze gleich was die anderen Kinder sagen, ob sie deine Mutter einen Freak nennen, ob sie sich über dein Aussehen lustig machen, darüber, dass du keinen Vater hast, und immer so komische Leute hier rumhängen. Ihr seid eine ganz besondere Familie, deren Band durch die Umstände hart wie Stahl geschmiedet worden ist. Ihr haltet immer zusammen, geht durch dick und dünn, seit ein verschworener Haufen. Das habe ich deutlich gemerkt.
Und ich bin jetzt der Eindringling.« Ich schlage mir mit der flachen Hand auf die Brust. »Ihr habt diese gemeinsame Geschichte, die ich niemals mit euch haben werde, die ich nie ganz verstehen werde. Du, deine Schwester, eure Mutter, Onkel Knight mit seiner Familie. Für euch alle bin ich jetzt der Eindringling, von dem ihr nicht wisst, wir ihr ihn einschätzen sollt, was ihr von ihm halten sollt.
Und ich verstehe das. Ich weiß, wie schwer es sein wird, mir einen Platz bei euch zu verdienen. Ein Teil eurer Familie zu werden. Vielleicht wird es nicht funktionieren, auch wenn ich fest daran glaube und es von ganzem Herzen hoffe. Ich weiß, dass ihr etwas Besonderes seid, und ich wünsche mir, ein Teil davon zu sein.
Aber das liegt an eurer Mutter. Für mich ist sie etwas Besonderes, der eine Mensch, auf den ich immer gewartet habe, von dem ich hoffe, Teil seines Lebens und damit Teil von euch zu sein.
Vielleicht wird es nicht hinhauen. Vielleicht bin ich für sie nicht der Eine, der besondere Mensch für eine Beziehung. Doch ich wünsche es mir wirklich. Ich weiß, dass eure Mutter auch daran glaubt, zumindest ein bisschen, sonst hätte sie mir euch nicht anvertraut. Und ich hoffe, dass es funktionieren wird, dass wir uns verstehen werden. Ich bin sicher nicht der erste Typ, mit dem sie ausgeht, und nicht der Erste, der versucht mit euch klarzukommen. Da waren bestimmt einige dabei, die es auf die eine oder andere Art versucht haben. Die sich eingeschleimt haben, versucht haben cool zu sein, Verständnis gezeigt haben. Aber ich glaube, ihr wisst, immer, wo ihr da dran seid. Viele tun nur so, geben sich cool, nett oder lässig, sind es aber nicht. Und Kinder haben für so was ein Auge. Die durchschauen doch sofort, ob man nur eine Nummer abzieht. Oder?«
»Allerdings. Da waren einige Typen.« So genau will ich es gar nicht wissen.
»Es gibt also viele Methoden, mit denen Männer versuchen, sich mit den Kindern ihrer Freundin gut zu stellen. Aber es gibt nur eine, die wirklich funktionieren kann: ehrlich sein! Und ich war jetzt ehrlich und offen, so wie ich es sonst noch nie zu jemandem gewesen bin.« Ich blicke ihm direkt in die Augen, und zu meiner Überraschung hält er dem Blick stand. »Deshalb hoffe ich einfach, dass wir gut miteinander auskommen werden. Ich find dich super und hänge total gerne mit dir ab.«
Tappie sitzt mit offen Mund da. Starrt mich an. Ich weiß nicht so recht, was er jetzt denkt. Ob er mich für einen totalen Vollidioten hält, ob ich mich lächerlich gemacht habe? Ob ich es total verkackt habe?
»Na ja, ich habe dir da jetzt so einiges vor den Latz geknallt und dich total zugelabert. Das solltest du erst einmal sacken lassen und in Ruhe darüber nachdenken. Ich muss jetzt sowieso runter. Ich habe versprochen etwas zu kochen, bevor deine Mum zurückkommt. Aber eins verspreche ich dir. Jetzt habe ich die ganze Zeit gequatscht – in Zukunft bin ich es, der dir zuhören wird. Wenn irgendwas ist, irgendein Problem – du kannst immer zu mir kommen. Und was du mir erzählt, das bleibt unser Geheimnis. Ehrenwort«
Ich halte ihm die Ghettofaust hin und zitterte dabei leicht – aber er lächelte und schlägt ein (gut, die Nummer funktioniert heutzutage noch). Also drehe ich mich um und gehe zur Tür hinaus.
Und dort steht sie, mit der rechten Körperseite an die Wand gelehnt – dieses ein Meter sechzig große Energiebündel, das jetzt mit glänzenden Augen zu mir aufblickt. Ich erschrecke total, das Herz rutscht mir in die Hose und ich grinse verlegen, während sich feine Schweißperlen auf meiner Stirn bilden.
»Wie viel hast du mitgehört?«, frage ich.
»Alles ab: ›Ich erzähl dir jetzt mal die Geschichte von meiner ersten Freundin.‹
Oh je.
Doch da fällt sie mir schon in die Arme und gibt mir die herzlichste Umarmung meines Lebens.