Wie der Wind sich hebt & The Kingdom of Dreams and Madness

Wie der Wind sich hebt ist der letzte Film des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki, und es ist vielleicht sein persönlichster. Der Film erzählt die Geschichte des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der vor und während des Zweiten Weltkriegs für Mitsubishi den Jagdflieger Mitsubishi A5M gebaut hat. Obwohl es sich dabei um ein Kriegsflugzeug handelt, stellt Miyazaki den jungen Ingenieur als Pazifisten dar, der ausschließlich vom Fliegen träumt, wegen seiner Kurzsichtigkeit aber kein Pilot werden kann. Wie historisch akkurat das ist, kann ich nicht beurteilen, aber mit dieser Figur drückt Miyazaki auch seinen eigenen Widerspruch aus – denn er selbst ist schon seit seiner Kindheit von den Zero Fightern der japanischen Luftwaffe, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem als Kamikazeflieger eingesetzt wurden, fasziniert. Anderseits ist er aber auch Antimilitarist und kritisiert die Regierung Abe heftig für ihre Aufrüstungspläne und das Bestreben, die pazifistische Verfassung zu ändern.

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Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs werden hier nur am Rande angedeutet, meist in den Traumsequenzen, in denen Jiro dem italienischen Flugzeugingenieur Caproni begegnet, und der zu ihm meint, dass keiner der Kampfpiloten, die da gerade in den Einsatz fliegen, zurückkommen würden. Im letzten Drittel des Films werden auch die Machenschaften der japanischen Geheimpolizei angedeutet. Und auch bei Jiros Deutschlandbesuch, sieht er einen wütenden Mob, der jemanden durch die Straßen verfolgt, was wohl auf die Schlägertruppen der SA anspielen soll. Miyazakis Kritik kommt nie direkt, sondern fast ausschließlich durch Bilder oder kleine Andeutungen, was vermutlich dem aktuellen politischen Klima in Japan geschuldet ist. In der Dokumentation The Kingdom of Dreams an Madness (siehe unten) erwähnt der Produzent Toshio Suzuki, dass wieder eine Art Zensur am Entstehen sei, und man bestimmte Themen nicht mehr im Film bringen könne. Ganz zu schweigen davon, dass eine geschichtliche Aufarbeitung wie in Deutschland nie stattgefunden hat. Für westliche Zuschauer, die nicht über die japanische Geschichte und die dortige Kultur Bescheid wissen, könnte der Film wie eine Verklärung oder Geschichtsklitterung wirken, wobei diese Vorwürfe auch von japanischen Kritikern kamen (während die Konservativem im vorwerfen, Japan zu verteufeln).

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In erster Linie ist es ein Film über die Leidenschaft fürs Fliegen und die Liebe eines jungen Paares. Eine längere Passage des Films spielt in einem Hotel in den Bergen und spielt direkt auf Thomas Manns Der Zauberberg an. Jiros Schwarm leidet an einer Lungenkrankheit und es gibt einen deutschen Gast, den Jiro als Hans Castorp bezeichnet. An dieser Stelle muss ich den Umgang der Macher mit den deutschen Sätzen loben, die hören sich alle an, als könnten die Sprecher tatsächlich einwandfreies Deutsch sprechen (was bei amerikanischen Produktionen ja nicht gerade selbstverständlich ist).

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Einen richtigen Plot hat der Film gar nicht, was auch nicht wichtig ist. Mein Nachbar Tortoro hat auch keinen, und ist trotzdem ein Meisterwerk und einer meiner Lieblingsfilme. Hier geht es eben um den getriebenen Jiro, der unbedingt ein tolles Flugzeug bauen will, auch wenn dabei seine Todkranke Frau vernachlässigt wird. Es gibt keine wirkliche Spannungskurve oder ein Erzählgerüst. Alles wirkt sehr episodenhaft und das Ende (das Myazaki ursprünglich etwas anders geplant hatte) wirkt abrupt.

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Besonders loben muss ich an der Stelle Miyazakis Idee keinen professionellen Schauspieler oder Sprecher für die Rolle des Jiros zu nehmen (die sollen alle furchtbar gewesen sein), sondern den in Japan bekannten Animeregisseur Hideaki Anno (Neon Genesis Evangelion), der eine ganz eigene Art zu sprechen hat, die sich deutlich von den eher gleich klingenden und intonierenden Sprechern unterscheidet, die man sonst so in Animes hört. Seine ruhige, nerdige Art zu sprechen wirkt (auch wenn ich das Wort für überstrapaziert halte) authentisch. Zur deutschen Synchro kann ich nichts sagen, die kenne ich nicht.

Wie der Wind sich hebt ist einer von Miyazakis schwächsten Filmen, was aber immer noch einen tollen Film bedeutet. Bis auf die Traumsequenzen kommt er dieses Mal ganz ohne phantastische Elemente aus, auch wenn ein wenig Zauberbergatmosphäre in der Luft liegt.

Im Trailer hört man die tolle Stimme von Hideaki Anno. Man kann auch englische Untertitel einstellen, oder einfach den deutschen Trailer auf youtube schauen.

The Kingdom of Dreams and Madness

Ist eine japanische Dokumentation aus dem Jahr 2013 über Hayao Miyazaki und das Studio Ghibli. Die Kamera begleitet den Regisseur und Zeichner während seiner Arbeit an dem Film Wie der Wind sich hebt, und zwar vom Erstellen des Storyboards (Miyazaki arbeitet ohne Drehbüher, allerdings gibt es seine eigene Manga-Vorlage) über die Sprecheraufnahmen bis zum fertigen Film und Miyazakis Ankündigung in Rente zu gehen.

Ich hatte immer gedacht, dass Hayao Miyazaki eher der Typ weiser, alter, zurückhaltender und schüchterner Mann sei, aber da habe ich mich geirrt. Er ist vielmehr ein kettenrauchender Getriebener, der sich in der Doku auch als ziemlich redselig entpuppt. Man erhält schon einen guten und selbstkritischen (und selbironischen) Einblick in seine Arbeitsweise und auch in seine Ansichten über die Welt („The world ist rubbish“), die natürlich stark von der noch nicht lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima geprägt ist. Wirklich persönliche Einblicke in sein Privatleben erhält man allerdings nicht. An einer Stelle fragt ihn die Dokumentarfilmerin, warum er seine Frau geheiratet habe, worauf er sehr kryptisch antwortet. Ansonsten bleibt das Privatleben außen vor. Miyazaki scheint für seine Arbeit zu leben. Er hat einen festen Tagesablauf, dem er an sechs Tagen der Woche folgt, am siebten Tage, sagt er, gehe er den Fluss säubern. Was immer das heißen mag. Umweltschutz spielt in seinen Filme häufig eine wichtige Rolle (am deutlichsten in Prinzessin Mononoke).

Aber auch Toshio Suzuki – Miyazakis langjähriger Gefährte und Produzent, der die treibende Kraft hinter den Filmprojekten ist – kommt ausführlich zu Wort, und erzählt viel über Miyazakis Werdegang und wie dieser von Isao Takahata entdeckt wurde, wie sie das Studio Ghibli zusammen gründeten und wie sie immer mehr miteinander stritten, so dass Takahata mit seiner Arbeit ans andere Ende von Tokio gezogen ist. Über Takahata – der zeitgleich an seinem letzten Film Die Legende der Prinzessin Kaguya arbeitete, es aber nicht so mit Abgabeterminen hat – wird viel geredet. Im Film taucht er aber selbst erst am Ende auf und viel erzählt er auch nicht.

Größtenteils wirkt es, als würden alle im Studio Ghibli in entspannter Atmosphäre unter einem humorvollen Chef arbeiten, aber so ganz scheint es in Wirklichkeit nicht zu sein. Allerdings gibt es nur eine einzige Mitarbeiterin, die sich dazu äußert, wie schwierig es sein kann, unter dem Perfektionisten Miyazaki zu arbeiten, der einem jederzeit über die Schulter gucken kann. Viele hätten aufgrund des Drucks wieder gekündigt. Miyazakis Sohn Goro (Der Mohnblumenberg) äußert sich in einer Konferenz (ohne den Vater) sehr selbstkritisch, er sei nur zufällig da hineingeraten und habe eigentlich gar keine Filme drehen wollen. So ganz schlau bin ich nicht daraus geworden, worum es in der Sitzung ging, aber es herrschte einen angespannte Atmosphäre.

Ein bisschen erzählt Miyazaki dann aber doch über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, wie sein Vater als Zulieferer für Flugzeugteile reich geworden sei, und wie Miyazaki selbst eine Leidenschaft fürs Fliegen und für Flugzeuge entwickelt habe.

Schaut man sich diese Doku und Wie der Wind sich hebt kurz hintereinander, entdeckt man viele Parallelen zwischen der Hauptfigur Jiro und Hayao Miyazaki. Beide sind rauchen viel, sind Workoholics, getrieben von ihren Ideen und einer widersprüchlichen Leidenschaft.

Es ist eine leise aber mitreißende Dokumentation, die mich dazu veranlasst hat, mir umgehend die beiden Filme Miyazakis zu kaufen, die ich noch nicht gesehen habe. Bisher hatte ich nur mein Nachbar Tortoro auf DVD, aber in den nächsten Monaten werde ich mir die restlichen Film noch anschaffen und hier im Blog besprechen, den die Filme aus dem Studio Ghibli und insbesondere die Filme von Miyazaki versprühen eine einzigartige Kinomagie, die ich in den ganzen Superhelden, SF und Actionblockbustern, die gerade unsere Kinos überschwemmen, schmerzlich vermisse.

Meines Wissens nach, gibt es die Doku noch nicht auf Deutsch. Ich habe die englische Fassung gesehen.

Nachtrag vom 24. April 2016: Wenn ich das richtig sehe, wird die Doku am 27. Mai als Blu-ray und DVD in Deutschland (OmU) erscheinen

Filme, die ich in letzter Zeit (den letzten Monaten) gesehen habe

Der Mohnblumenberg – Wunderbarer Ghibli-Film, der eine einfache aber mitreißende Geschichte mit beschwingtem Humor und liebenswürdigen Figuren erzählt.

Das Königreich der Katzen – Nicht ganz so guter Ghibli-Film, der aber trotzdem Spaß macht; denn Katzen gehen immer, vor allem wenn man erfährt, was sie so treiben, wenn man nicht hinschaut.

Inside Lewin Davis – Katzen gehen immer; auch in diesem melancholischen Film der Coen-Brüder über einen Folkmusiker in den 60er Jahren, der nichts auf die Reihe bekommt und von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt.

The Equalizer – In diesem durchgestylten und brutalen Actionfilm von Antoine Fuqua spielt Denzel Washington einen Heimwerkerkönig, der ganz ohne bärtigen Assistenten einen Haufen russischer Schurken mittels Werkzeugen und Heimwerkerbedarf ihrer Final Destination zuführt; was nicht unbedingt originell ist, aber zumindest auch nicht langweilig.

The Grandmaster – Meisterhaft bebildertes Kampfkunstepos über das Ende einer Ära im China des 2. Weltkriegs, das neben den großartig choreografierten Kämpfen eine ruhige aber durchaus dramatische Geschichte erzählt, die vielen Wuxia-Fans die gerne Kloppereien a lá Ip Man sehen, zu langweilig sein könnte.

House of the Devil – Atmosphärisch dichte Hommage an die Horrorfilme der 70er und 80er Jahre, in der im Prinzip nichts passiert, bei der ich mich aber trotzdem (zu meiner eigenen Überraschung) kaum gelangweilt habe, und bei der nur das Ende deutlich enttäuscht.

Only God Forgives – Nachdem mir Drive und Valhalla Rising sehr gut gefallen haben, kann ich mit diesem Werk von Winding Refn überhaupt nichts anfangen, da es zwar versucht eine kunstvolle Meditation über Gewalt zu sein, aber eigentlich nur gähnende Langweile unterbrochen von sinnloser Brutalität zu bieten hat.

300 – Rise of an Empire – Durchaus unterhaltsam inszenierte Quasifortsetzung von 300, die dem ersten Teil aber nichts Neues hinzufügen kann und deren Hauptfiguren alle etwas blass bleiben.

Genug gesagt – Sympathische und unaufgeregte Beziehungskomödie – mit James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen – die einem mit einem wohligen Gefühl zurücklässt.

Don Jon – Unterhaltsamer Beziehungsfilm über einen pornosüchtigen Hengst, dem es nicht gelingt, seine beiden Hobbys (Frauen und Pornos) unter einen Hut zu bekommen.

Mud – Ausgezeichnetes Krimi-Coming-of-Age Südstaatendrama mit einem Matthew McConaughey, der noch nie so gepflegt ausgesehen hat.

Drecksau – Eine Irvine-Welsh-Verfilmung, von der ich mir dank des Trailers eigentlich mehr erwartete habe, denn statt einer durchgeknallten Komödie bekommt man hier eher ein Psychodrama über einen sich in einer Abwärtsspirale befindenden korrupten Cop, der nach Trennung von seiner Familie langsam den Verstand verliert.

12 Years a Slave – Obwohl gut gespielt, hat er mir nicht gefallen, da mir bei Zusehen jegliches Zeitgefühl gefehlt hat und die 12 Jahre wirkten, als wären es nur wenige Monate.

Prisoners – Großartiges Entführungsrama um verschwundene Kinder und Selbstjustiz, das dank seiner herausragenden Hauptdarsteller unter die Haut geht und bis zum Ende spannend bleibt.

Riddick – Ganze netter Aufguss von Pitch Black, der aber eigentlich nur aus der Vin-Diesel-Show besteht, die nach der ersten Stunde ihren Reiz verliert.

American Hustle – Schicke Gaunerdramödie über Trickbetrüger in den 70ern, mit ausgezeichneten Darstellern, die allerdings von ihren Frisuren an die Wand gespielt werden.

John Dies at the End – Durchgeknallte Horrorkomödie von Don Coscarelli, dem ich für seinen nächsten Film ein ordentliches Budget wünsche, der sich aber auch so durch originelle Einfälle wie dem Wursttelefon zu helfen weiß.

Und zum Schluß noch einen Trailer zu dem Film aus der Liste, der mir am besten gefallen hat:

Fantasy Filmfest 2013 – Mein Fazit + Kurzkritiken

15 Filme habe ich in diesem Jahr auf dem Fantasy Filmfest gesehen. Darunter war erstaunlicherweise nur eine Gurke (Lords of Salem). Allerdings war auch kein richtiger Kracher dabei, der mich in pure Begeisterung versetzt hat. Die Filme bewegten sich mehr in einem Bereich von ganz in Ordnung über gut bis sehr gut. Einige bekamen natürlich den obligatorischen Festivalbonus, sprich sie wirkten in der Atmosphäre des FFF unter Gleichgesinnten besser, als wenn man sie zu Hause sehen würde (wie Fesh Meat z. B.).

Einige Filme habe ich leider nicht sehen können. Da ich mit meiner Diplomarbeit und einer Übersetzung nicht rechtzeitig zum FFF fertig geworden bin, musste ich 2 ½ Tage sausen lassen. Besonders leid, tut es mir um den durchgeknallten indischen Film Makkhi, in dem jemand als Fliege wiedergeboren wird und sich an seinem Mörder auf sehr kreative Weise rächt. Auch den koreanischen Thriller New World hätte ich gerne gesehen.

Insgesamt war es ein wirklich tolles Festival im sommerlichen Berlin. Eine so hohe Ausbeute an ungurkigen Filmen hatte ich bisher noch nicht. Da ist auch das Fehlen eines besonderen Highlights zu verschmerzen. Hätte ich eine Dauerkarte und mehr Filme gesehen, dann wäre die Gurkendichte vermutlich höher ausgefallen.

Ich hatte allerdings den Eindruck, dass die Filme insgesamt etwas schwächer besucht waren, als in den Vorjahren. Ich hatte nicht einen einzigen Film der ausverkauft war. Nicht einmal In the Name of the Son und Byzantiumam Freitag- bzw. Samstagabend oder der Eröffnungsfilm. Das hatte ich bisher noch nie. Sonst mussten die Leute sogar auf der Treppe sitzen. Vielleicht waren die Besucherzahlen ja gleichmäßiger auf die beiden Parallelvorstellungen verteilt, aber auch in Hamburg war dieser Besucherschwund zu beobachten.

Manche werfen dem Festival vor, dass es dadurch, dass es immer mehr Arthousefilme und solche die für ein Mainstreampublikum tauglich sind, ins Programm nimmt, an Profil verliert und damit auch an altem Stammpublikum. Eine Kritik, der ich, zumindest teilweise und trotz meiner guten Filmausbeute in diesem Jahr, zustimmen kann. Echte Kracher wie Martyrs, Ex-Drummer, High-Tension, Enter the Void  oder Tucker & Dale vs. Evil“ werden seltener. Harte Horrorschocker sucht man vergebens, ebenso wie Durchgeknalltes aus Südkorea oder Japan. Asien war insgesamt schwach vertreten.

Provokante Filme sind in diesem Jahr nur In the Name of the Son“ und Big Bad Wolves aufgrund ihrer Thematik. Radikale Filme, die auch in ihrer Machart radikal sind, gibt es nicht.

Das Filmfest konnte mich in diesem Jahr zwar gut unterhalten, aber es hat mich weder in Ekstase oder Begeisterung versetzt noch hat es mich vor den Kopf gestoßen, wie seinerzeit z. B. mit Martyrs. Ich sehe mir sehr gerne Arthousefilme und anspruchsvolle Dramen an, aber dafür kann ich auf die Berlinale oder in reguläre Kinovorstellungen gehen. Auf dem Fantasy Filmfest will ich extreme Filme sehen, die provozieren, schockieren und verwirren. Die mal so richtig auf die Kacke hauen, politisch völlig unkorrekt oder durchgeknallt sind.

Ich weiß natürlich nicht, was hinter den Kulissen des Filmfests abläuft, warum sie welche Filme zeigen, warum bestimmte Filme nicht laufen. Das kann alles sehr vielschichtige Gründe haben. Mein Fazit hier ist aus meiner Perspektive als langjähriger Festivalbesucher geschrieben, ohne irgendwelches Insiderwissen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es das Fantasy Filmfest noch gibt, und gehe weiterhin gerne dahin, bin aber auch ein wenig über die Auswahl der Filme bzw. die Richtung, die das Fest einschlägt besorgt. Ich würde mich freuen, wenn es wieder mehr extreme und provokante Filme wie in den vergangenen Jahren geben würde.

Hier meine Kurzkritiken, die ich ursprünglich während des Festivals im Forum von SF-Fan.de veröffentlicht habe. Wenn ihr auf den Filmtitel klickt, kommt ihr zur offiziellen Filmbeschreibung mit Trailer.

Fresh Meat – oder was passiert, wenn man Akademikern ihren wohlverdienten beruflichen Aufstieg verwehrt

Vier Gangster auf der Flucht verstecken sich im Vorstadtheim einer vierköpfigen kannibalistisch veranlagten Familie, nehmen diese als Geiseln und bleiben zum Essen.
Eine unterhaltsame schwarze Komödie, mit Splatterelementen, Slapstick und schlechtem Geschmack. Teilweise etwas zu überzogen, aber insgesamt sehr spaßig. Auch Familiendrama im Stil von „was ich schon immer nicht über meine Eltern wissen wollte“. Wie in meinem letztjährigen ersten Festivalfilm steht auch hier Fingerfood auf der Speisekarte. Die Neuseeländer wissen einfach, wie man gute Splatterkomödien dreht. Ein Film, wie fürs Fantasyfilmfest gemacht.

The Philosophers – oder warum die Apokalypse besonders Dichtern Kopfschmerzen bereitet

Eine Schulstunde in einer englischen Schule in Jakarta. Auf dem Stundenplan steht Philosphie. Ein Gedankenspiel. Was tun, wenn die Apokalypse vor der Tür steht und man einen Bunker mit nur 10 Plätzen für 20 Schüler hat. Jeder von ihnen bekommt einen Beruf zugewiesen, dann sollen sie nach Nützlichkeit darüber abstimmen, wer rein darf.

Das Gedankenspiel wird dabei in schönen, edel gefilmten Bildern vor dem Panorama einer atomaren Apokalypse gezeigt. Dass der Film dabei nicht langweilig wird, liegt an seinem Humor. Wenn Ihr von Beruf Dichter seid und der Weltuntergang vor der Tür steht … na ja, viel Erfolg.
Gegen Ende wird der Film etwas zu belehrend, außerdem fehlt eine richtige Dramaturgie, teilweise plätschert er so vor sich hin und philosophisch in die Tiefe geht er auch nicht wirklich. Trotzdem fand ich ihn ganz in Ordnung. Kann man sich ansehen, viele in der Berliner Vorstellung sollen ihn aber auch schlecht gefunden haben.

Odd Thomas – oder ich sehe was, was du nicht siehst

Stephen Sommers verfilmt Dean Koontz. Ob das was werden kann? Ja, und zwar richtig unterhaltsam. Odd Thomas ist ein seltsamer junger Mann, der in der kleinen Wüstenstadt Pico Mundo wohnt, eine bezaubernde Freundin namens Stormy hat und dessen Vater der Polizeichef ihn immer wieder aus Schwierigkeiten holt. In die gerät er immer wieder, weil er tote Menschen sehen (aber nicht hören) kann. Die führen ihn immer wieder zu ihren Mördern, die Odd dann schlagkräftig zur Strecke bringt, was seinen Vater immer wieder in Erklärungsnöte bringt. Was Odd auch sehen kann, sind Dämonen, die sich am Leid von Menschen ernähren. Als diese Viecher Pico Mundo plötzlich überrennen, weiß Odd, dass eine Katastrophe bevorsteht.

Die Stärke des Films sind seine beiden Hauptfiguren Odd und Stormy, die so liebevoll und skurril beschrieben werden, dass sie einem einfach sympathisch sein müssen. Odds Vorgehen wird konsequent, actionreich und sehr witzig inszeniert und die CGI-Effekte sind gut gelungen. Teilweise wirkt der Film schon etwas mainstreamig und vorhersehbar, aber das gelungene Ende, macht das wieder wett. Eine klare Empfehlung.

The Congress

In dem Film von Ari Folman (Waltz with Bashir) geht es um die Schauspielerin Robin Wright (die sich selbst spielt) und ihr letztes großes Engagement. Der alternde Star aus „Forest Gump“ und „The Princess Bride“, soll von ihrem Filmstudio Miramount komplett per Computer eingescannt werden, und diese virtuelle Robin Wright soll in Zukunft alle Rollen für sie übernehmen. Der erste und stärkste Teil des Films beschreibt die Zeit von diesem Angebot bis zum Einscannen. Dabei geht es vor allem um verblassenden Ruhm, falsche Entscheidungen, Wrights Kinder und die Beziehung zu ihrem Agenten (Harvey Keitel).
Das war für mich der beste Teil des Films, Robin Wright spielt großartig, Harvey Keitel hält einen tollen Monolog und ihr Familienleben wird sehr warmherzig und originell dargestellt. Außerdem ist es ein sehr witziger Seitenhieb auf die großen Hollywoodstudios und das Filmgeschäft.
Dann gibt es einen Bruch und die Zeichentricksequenzen fangen an. Das wirkt zunächst sehr beeindruckend und herrlich durchgeknallt, wie ein LSD-Trip, den Ralph Bakkshi entworfen hat. Für meinen Geschmack zieht er sich aber zu lange hin. Zwischendurch fand ich den Film total langweilig und am Ende auch nicht ganz stimmig. Keine Gurke, durchaus ein guter Film, für mich aber stellenweise zu langweilig und verwirrend, mit zu großen Brüchen in der Handlung.

In der Wiederholung wurde der Film, anders als am Eröffnungsabend, mit dem neuen Atmos-Sound von Dolby gezeigt, der mit seinen bis zu 160 Tonkanälen (in diesem Film waren es 48 oder so) tatsächlich ein sehr beeindruckendes Hörerlebnis erzeugt. In Berlin gibt es bisher nur drei Kinosäle, die dieses Soundsystem eingebaut haben.

Inwiefern der Film etwas mit der Vorlage von Stanislaw Lem zu tun hat, kann ich nicht sagen, da ich diese nicht kenne.

Europa Report

Eine bemannte Weltraummission zum Jupitermond Europa, rund um die Uhr gefilmt mit Big-Brother-Kameras. Doch nach einem Zwischenfall bricht der Kontakt zur Erde ab. Erst nach Ende der Mission bekommen die Zuschauer auf der Erde (also wir) das Filmmaterial zu sehen.

Found Footage wird vor allem gemacht, um kostengünstig zu produzieren, oft kommt dabei unlogischer Murks heraus. Bei „Europa Report“ geht das Konzept aber auf. Das Filmmaterial wirkt authentisch und man hat das Gefühl hautnah bei der Mission dabei zu sein. Dabei ist die Geschichte frei von dem ganzen Hollywoodmist mit Beziehungskisten und Bösewicht. Die Astronauten verhalten sich erstaunlich kompetent und erfrischend sachlich. Trotzdem gibt es einige spannende Szenen.

Europa Report ist beste und faszinierende Hard-SF, die auch aus der Feder von Ben Bova stammen könnte. Nach den ganzen Action-SF-Filmen des Jahres eine willkommene Abwechslung. Endlich mal wieder realistische SF.

I Declare War

Krieg der Knöpfe mit schwerem Geschütz. Eine Gruppe von Kindern spielt mit aus Holz zusammengebastelten Waffen, die in ihrer Fantasie zu echten Waffen werden, Krieg im Wald. Zwei Gruppen, zwei Basen, Capture the Flag und ganz viel zwischenmenschliches Beziehungsgeflecht unter den Kindern, von denen jedes seine eigenen Gründe hat, an der Schlacht teilzunehmen.
Der Film ist richtig gut, die Kinderdarsteller sind großartig und die Handlung wirklich spannend inszeniert. Jedes Kind hat seinen eigenen vielschichtigen Charakter, was von den Darstellern super rübergebracht wird. Ein Film für all diejenigen, die sich einen Teil ihrer Kindheit bewahrt haben und noch wissen, wie es ist, mit Spielzeuggewehren durch den Wald zu robben.

Haunter

Hier will ich nicht zu viel verraten. Edel gefilmter sehr spannend und gruselig inszenierter Haunted-House Film, mit viel Liebe zum Detail, bei dem nicht alles so ist, wie es scheint. Es konzentriert sich alles auf die von Abegail Breslan gespielte 16-jährige Haupfigur, die The Smith, The Curé und David Bowie hört (der Film spielt in den 80ern) und deren Bruder Packman spielt. Und Breslan überzeugt auf der ganzen Linie. Eine klare Empfehlung, auch wenn mir etwas gefehlt hat, dass ich nicht näher definieren kann.

In the Name of the Son

Das ist er also, der Film, wegen dem ich aufs Fantasy Filmfest gehe – der bitterböse, provokante Kracher, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Empfehlung vom Katholischen Filmdienst bekommen wird.
Eine bitterböse und tiefschwarze Komödie über Kindesmissbrauch und den Verlust des Glaubens einer tiefreligiösen Frau an die Institution der Kirche, die ihre Rache an den pädophilen Priestern – von denen einer ihren Sohn in den Selbstmord getrieben hat – selbst in die Hand nimmt.
Für mich bisher der beste Film des Festivals, bei dem einem das Lachen mehr als einmal im Halse stecken bleibt.

Nachtrag zu In the Name of the Son: hier war übrigens der Regisseur anwesend und hat sichtlich nervös aber durchaus sympathisch fleißig Fragen beantwortet.

Ich hänge mit meinen Kurzkritiken etwas hinterher, da ich in den letzten beiden Tagen noch meine Bachelorarbeit (die ich morgen abgeben werde) druckfertig machen musste.
Deshalb verweise ich beim Film Byzantium nur auf die Rezension vom Wortvogel (http://wortvogel.de/2013/08/fantasy-filmfest-2013-5-byzantium/), der ich mich hundertprozentig anschließe, und merke noch an, das Saoirse Ronan mal wieder eine beeindruckende Leistung abliefert. Allein wegen ihr hat sich der Film schon gelohnt.

Wrong

Ein knallhartes Entführungsdrama. Paul ist verschwunden und sein bester Freund Dolph gerät auf seiner verzweifelten Suche an den dubiosen Master Cheng. Schon bald brennt ein Auto, es fließt erstes Blut und es gibt einen Toten. Dolph findet sich in einem Strudel aus Sex, Verrat und Tannebäumen, kommt vom Regen in die Traufe und steckt so richtig in der Scheiße. „Wrong“ macht alles richtig und schickt den Zuschauer auf einen Psychotrip bis in die tiefsten inneren Abgründe. Muss man gesehen haben. Vor allem wenn man sich fragt, warum der eigenen Wecker nach 7:59 Uhr nicht auf 7:60 umspringt.

Drug War

Johnie To liefert wie immer einen erstklassigen Film ab. Anfangs sehr ruhig, fast wie eine Dokumentation vom Polizeialltag einer Anti-Drogeneinheit in der chinesischen Provinz. Dabei aber sehr unterhaltsam mit gutem Humor. Am Ende gibt dann aber noch die gewohnte Johnie-To-Schießerei, die wie immer ihresgleichen sucht. Diesmal nicht mit arschcooler Ästhetik überstilisiert wie in “Election” “Vengeance” oder “Exile”, sondern so knüppelhart und grausam, dass dem Publikum mehr als einmal ein ungläubiges Keuchen entfuhr (eher wie bei “Breaking News”). Bekommt von mir 9 von 10 Hahas

Love Eternal

Ruhiges Drama um einen sensiblen jungen Mann, der regelmäßig Damenbesuch erhält und sich am liebsten mit dem Tod beschäftigt. Dem Wortvogel Torsten Dewi hat er überhaupt nicht gefallen, ich fand ihn ganz schön und teilweise auch lustig. Tolle Filmmusik und einige makabre Szenen. Eigentlich ein tieftrauriges Drama, das viele vermutlich als langweilig empfinden werden.

Lords of Salem oder hässliche Hexen mit einer hygienischen Behinderung
Ein Film, der meine Erwartungen voll erfüllt hat. Denn durch die vielen schlechten Kritiken im Vorfeld rechnete ich bereits mit der wirren Hexenhokospus Gurke, in der es eigentlich nur darum geht, Sheri Moon Zombie in Szene zu setzen. Sieht man einmal nicht Sheri Mono Zombie, dann tanzen verschrumpelte, hässliche Hexen nackt ums Feuer oder spucken Neugeborenen ins Gesicht. Von Rob Zombie hatte ich mehr erwartet als ein lahmer Aufguss alter Hexen und Satanskinderfilme wie „Rosmary’s Baby“. „Lords of Salem weißt nicht den geringsten Funke Originalität auf. Hat man alles schon gesehen, und zwar besser, spannender und gruseliger.

Dirty Weekend

… ist eine witzige, schwarze low Budget Komödie um einen Lehrer, der seine Geliebte, die auch seine Schülerin ist, beim Romantikwochenende in Frankreich um die Ecke bringen möchte, was durch die Ankunft eines maskierten Verbrechers mit Goldschatz verkompliziert wird.

You’re Next

… ist ein knallharter Home-Invasion Thriller, der so richtig den Saal gerockt hat. Klare Empfehlung. Familienfeier auf einem abgeschiedenen Anwesen, das bald von maskierten Armbrustschützen Besuch erhält. Daraus entwickelt sich ein brutaler Survivalthriller, bei dem eigentlich nur eine Person Überlebensinstinkt entwickelt und damit zum Alptraum für die Killer wird. Sauspannend und mit vielen Schockmomenten. Der schreckhafte Zuschauer neben mir fuhr mehr als einmal zusammen und hat ängstlich die Hände vor die Augen gehalten.

Filmtipp: The Broken Circle Breakdown

Der erste Filmtipp des Blogs. Zunächst drei Vorbemerkungen:

Nr.1: Ich schreibe seit 10 Jahren Rezensionen für Seiten wie X-Zine (einfach meinen Namen in die Suche eingeben), Krimizeit, Roter Dorn (hier als Pogopuschel) und zuletzt nur noch für den Fantasyguide. Insgesamt über einhundert Buchkritiken und einige zu Hörspielen. Mit Filmen habe ich mich immer schwer getan. Da habe ich erst im letzten Jahr angefangen, in Pressevorführungen zu gehen und Kritiken zu schreiben: Young Adult (da steht ein falscher Name, die Rezi ist von mir), Prometheus, The Cabin in The Woods (spoilerfrei). Den richtigen Ton und Rhythmus habe ich noch nicht so recht gefunden, bemühe mich aber, besser zu werden.

Nr. 2: Inzwischen schaue ich immer weniger Filme und immer mehr Serien. Was vor allem an der Qualitätsverschiebung vom Film hin zur Serie bei Hollywoodproduktionen liegt. In diesem Jahr war ich noch nicht oft im Kino. Nur in „Life of Pi“, „Silverlinings Playbook“, „Oblivion“ und „Star Trek – Into Darkness“. Von Blockbuster-Actionkrachern habe ich momentan die Nase voll. Obwohl ich Superheldencomics mag, kann mir die ganze Superheldenschwemme, die dieses Jahr in die Kinos kommt, gestohlen bleiben. Ich habe viel mehr Lust auf die kleinen Charakterdramen wie „Silverlinings“.

Nr. 3: Mit belgischen Filmen habe ich bisher ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. „Man beißt Hund“, „The Alzheimer Case“, „Calvaire“, „Ex-Drummer“, alles Filme, die extrem aber auch handwerklich erstklassig inszeniert sind. Dementsprechend bin ich mit hohen Erwartungen in The Borken Circle Breakdown gegangen. Und diese wurden sogar übertroffen.

The Broken Circle Breakdown
Im Film geht es um die Beziehung von der Tätowiererin Elise und dem Ex-Punk und jetzigem Blue-Grass Sänger Didier. Es ist eigentlich eine klassische Liebesgeschichte, Boy meets Girl, sie wird schwanger, sie heiraten und leben glücklich, bis die Tochter Krebs bekommt.
Das alles erzählt der Film aber nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern zeigt das Paar parallel montiert in seinen schönsten und seinen schlimmsten Phasen im Wechsel. Das Verbindungsglied zwischen diesen beiden Phasen ist die Musik, die einen großen Raum in diesem Drama einnimmt. Sie singen frisch verliebt zusammen, nach der Geburt der Tochter, zu ihrem Geburtstag und auch in den schlimmsten Momenten. Elise steigt in Didiers Band ein und alle werden zu einer großen Familie.

Die Musikszenen sind großartig inszeniert, die Band ist klasse und die beiden HauptdarstellerInnen singen mit viel Gefühl und schönen Stimmen. Die Musik verleiht dem Film eine ganz eigene Dynamik und der todtraurigen Geschichte trotzdem eine gewisse Leichtigkeit mit vielen schönen Momenten.

Die von Regisseur Felix van Groeningen gewählte Erzählstruktur kommt virtuos und kraftvoll daher, lässt dem Zuschauer kaum Zeit zum Atmen und schleudert ihn von einer wunderschönen Szene sofort in eine, die ihn in Tränen ausbrechen lässt. Dabei gleitet der Film aber (bis auf eine Szene, mit einer Wutrede) nie in Pathos ab.  Man freut sich mit dem Paar über die große Liebe, lacht mit ihnen bei der Trauung durch den sehr witzigen Elvis-Imitator und leidet mit ihnen, wenn die kleine Tochter ihre Haare verliert.

Die größte Stärke des Films sind aber die Auslassungen, nichts wird ausgewalzt oder unnötig erklärt, der Film weiß genau, auf welche Momente er verzichten kann, weiß, wie der Zuschauer die Auslassungen verstehen wird. Das ist wie bei den Texten von Hemingway, 20 Prozent des Textes liegen sichtbar an der Oberfläche, aber 80% liegen darunter, findet sich zwischen den Zeilen.

Mich persönlich hat The Broken Circle Breakdown tief bewegt. Ich habe lange keinen Film gesehen, der so ergreifend war; todtrauriger, aber auch wunderschön und virtuos inszeniert ist, was seine emotionale Wirkung nur noch mehr entfaltet.

Eine Warnung zum Schluss: Das ist kein Film für junge verliebte Paare und frischgebackene Eltern!

Nachtrag: Der Film läuft aktuell noch in einen Kino (vermutlich hauptsächlich in Programmkinos), ich habe ihn in der Kulturbrauerei in Berlin gesehen. In der deutschen Fassung, ich vermute das Original ist auf Flämisch.

Und hier noch der Trailer, der aber nur die fröhliche Zeiten zeigt: