London by Book (1): Roger Akroyd, King Solomon’s Carpet and Radio Girls

Da ich meine Reise nach London im Mai canceln musste, bin ich zumindest literarisch in die britische Hauptstadt gereist. Physisch war ich während eines Schüleraustauschs 1995 für einen Tag dort. Das Programm war eher Bescheiden, mit Besuchen am Buckingham Palace, in Westminster Abbey und bei Madame Tussauds (ultralangweilig, wie kann man sich nur für so alberne Wachsfiguren interessieren). Gelesen habe ich natürlich schon zahllose Bücher, die in London spielen, da es sich um die meist verschriebene Stadt der Welt handeln dürfte.

The Murder of Roger Ackroyd von Agatha Christie

Auf dem Weg dorthin habe ich aber vorher noch einen kleinen „Abstecher“ nach King’s Abott gemacht. Ein Dorf, das südlich von London liegt, wenn ich richtig aufgepasst habe. Aber auch nur auf der literarischen Landkarte, da es nur im Roman The Murder of Roger Ackroyd existiert, meinem tatsächlich ersten Roman von Agatha Christie. Und was für einer! Die Auflösung, so viel soll verraten sein, ist schon ein echter Knaller, und dürfte seinerzeit tatsächlich bahnbrechend gewesen sein. Mit diesem Roman ist Christie berühmt geworden, und es wundert mich, dass ich die Auflösung tatsächlich noch nicht kannte. Was daran liegen könnte, dass das Buch bisher nur zweimal verfilmt wurde. 1932 mit Basil Rathbone und 2000 mit David Suchet. Letzterer Film soll ganz furchtbar sein, wie mir mein Literaturanwalt des Vertrauens mitteilte.

Christies Stil kommt erstaunlich frisch und spritzig daher, der Aufbau zunächst ganz klassisch. Roger Ackroyd wurde ermordet, ein Haus voller Verwandter, Freunde und Angestellter liefert den illustren Kreis der Verdächtigen, und Hercule Poirot, der sich in King’s Abott eigentlich zur Ruhe setzen wollte, den exzentrischen Ermittler, der aus jedem die Wahrheit herauskitzelt, dabei aber nie seine guten Manieren vergisst. Unterstützt wird er vom Dorfarzt Shepard, der hier, ähnlich wie Doktor Watson bei Holmes, ein Journal über die Ermittlungen führt und Poirot auch meist begleitet.

Natürlich hat jeder der Verdächtigen ein mehr oder weniger düsteres Geheimnis zu verbergen, und nichts ist, wie es zunächst scheint. Trotz ihres Alters eine sehr erfrischende Lektüre. Wenn auch an einer Stelle eine antisemitische Äußerung des Erzählers negativ auffällt.

King Solomon’s Carpet von Barbara Vine

Nachdem der Mordfall gelöst war, ging es weiter nach London. Und womit bewegt man sich dort am besten fort? Mit der U-Bahn natürlich, umgangssprachlich die Tube.

Mit King Solomon’s Carpet ist ein legendärer Teppich König Salomons gemeint, der jene, die ihn betreten, an jeden gewünschten Ort bringen soll. In Barbara Vines (Ruth Rendells) Roman bezieht sich das auf die Londoner Metro, dem ältesten U-Bahn-System der Welt, an das sie eine Hommage geschrieben hat, in dem sie die Leben zahlreicher Menschen beschreibt, die von ihr auf die eine oder andere Weise beeinflusst werden.

Zwar geht es auch um eine Bombe und einen Anschlag, trotzdem ist das Buch weder Krimi noch Thriller. Es erzählt von den Menschen aus dem Umfeld des U-Bahn-Enthusiasten Jarvis, der um die ganze Welt reist, um sich die verschiedensten U-Bahnsysteme anzusehen. Er lebt in einer alten Schule, deren Zimmer er an eine illustre Gästeschar vermietet, die teils aus Verwandten besteht, teils aus Fremden. Alle haben sie einen Bezug zur U-Bahn, die jungen Musiker, die dort auftreten, der Schuljunge, der lieber schwänzt und auf U-Bahndächern surft. Und auch eine zwielichtige Gestalt mit dem Charme eines Verführers und unlauteren Absichten.

Ich muss gestehen, aufgrund des Titels dachte ich, dass es auch um einen Schatz gehen würde, den der U-Bahn-Fan Jarvis sucht. Da habe ich mich geirrt, es geht einzig um die Analogie zum Transportmittel, das einen überall hinbringen kann. Jarvis selbst ist zwar der Angelpunkt der Geschichte, taucht aber kaum auf, da er in der Weltgeschichte herumreist. Trotzdem eine tolle Hommage an Londons berühmtes Transportmittel, die aber ein wenig braucht, bis sie in die Gänge kommt.

Radio Girls von Sarah Jane Stratford

In Radio Girls erzählt Sarah Jane Stratford von den Anfangsjahren der BBC, die zunächst noch British Broadcasting Company hieß, bevor sie in Corporation umbenannt (und eine Körperschaft öffentlichen Rechts) wurde und in den ersten Jahren noch in Savoy Hill an der Strand ein Gebäude mit dem Institute of Electrical Engineers teilte. Im Fokus steht die historische Persönlichkeit der Hilda Matheson, die als Leiterin des politischen Talks-Programms von Anfang an für kontroverse und aufklärende Sendungen sorgte. Während des 1. Weltkriegs hatte Matheson, angeheuert von T. E. Lawrence (of Arabia), für den MI5 gearbeitet und selbst in Italien einen jungen Journalisten namens Benito Mussolini engagiert.

Erzählt wird die Geschichte aus Perspektive der fiktiven Sekretärin Maisie, die mit Hilda als Mentorin bis zur Produzentin aufsteigt. Geschildert wird eine von Männern dominierter Welt, in der sich Frauen jedes Fitzelchen Gleichberechtigung mit viel Mühe erkämpfen müssen. Ganz gleich ob es ums Berufsleben geht, oder das Wahlrecht. Als dieses für Frauen eingeführt wurde, durften nur jene wählen, die über dreißig waren, verheiratet oder Grundbesitz besaßen. Arbeiteten sie bei der BBC und heirateten, wurden ihnen aber wiederum gekündigt. Denn anständige Ehefrauen mussten sich natürlich ganz dem Wohl des werten Gatten verschreiben und durften nicht durch so etwas Anstößiges wie Berufstätigkeit davon abgelenkt werden.

Neben dem Gesellschaftsporträt der damaligen Zeit Ende der 1920er, das das Leben einer einfachen Angestellten ebenso umfasst wie die betuchteren Adelskreise, gibt es auch noch eine kleine Spionagegeschichte und Nazis, die versuchen, Einfluss auf die BBC zu nehmen, um die Briten auf ihre Seite zu ziehen.

Ein spannendes und mitreißendes Buch, gut geschrieben und recherchiert.

Eigentlich wollte ich im Mai noch viel mehr Bücher lesen, die in London spielen, aber das hat natürlich nicht hingehauen. Auf der Leseliste stehen noch By Gaslight von Steven Price und The Night Circus von Elin Morgenstern. Eventuell noch Mother London von Michael Moorcock. Aber momentan brauche ich etwas Abwechslung. Weitere Teile der literarischen London-Reise folgen aber auf jeden Fall noch dieses Jahr.

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