Kurzkritiken zu meiner Lektüre der letzten Wochen (Oktober 2019)

Da ich am 28. August ganz planmäßig ein neues Kreuzband ins linke Knie eingesetzt bekommen habe (siehe hier), hatte ich, und habe aktuell auch immer noch viel Zeit zum Lesen. Vor allem, da ich mehrmals täglich auf eine motorisierte Bewegungsschiene muss, die das Bein mit wahnsinniger Geschwindigkeit auf und ab fährt. Was mit dem richtigen Buch aber überhaupt nicht langweilig ist.

Neun Bücher, und nur eines von einer Frau. Das hat sich so ergeben, da mich einige dieser Bücher thematisch gerade besonders interessiert haben (Wie später ihre Kinder, Mondsplitter und Der Schattenprinz), sie mir auf Twitter empfohlen wurden und mir genau richtig für die OP erschienen (Sally Jones), oder sie mir zufällig ins Haus flatterten (Zwei Sekunden, Die kleine Inselbuchhandlung und Frida Kahlo durch meine Mutter; Die Frau vom Musée d´Orsay durch ein Gewinnspiel).

Nicolas Mathieu – Wie später ihre Kinder (übersetzt von Lena Müller und André Hansen)

Gelungenes und vielschichtiges Porträt über eine Jugend im ländlichen Frankreich während der 1990er. Genau mein Jahrzehnt, habe vieles wiedererkannt. Mit Figuren, die interessante Entwicklungen durchmachen. Sprachlich eher dezent, nicht so aufsehenerregend, wie manche Rezensionen suggerieren.

Jakob Wegolius – Sally Jones: Mord ohne Leiche (übersetzt von Gabriele Haefs)

Eine Gorilladame als Schiffsmaschinistin, die ihren Chef aus dem Gefängnis boxen will, der dort unschuldig für einen Mord sitzt, den es gar nicht gegeben hat. Ein Vorhaben, das sie von Portugal bis nach Indien führt; von melancholischen Sängerinnen, die ein ganzes Gefängnis verzücken, grummeligen Instrumentenbauern, unter deren harter Schale sich ein weicher Kern befindet; und polyamurösen Maharadschas, die ihre wahre Liebe in der Fliegerei finden. Ein kluges, herzliches und auch immer wieder abenteuerliches Jugendbuch, mit liebevollen Figuren und schurkischen Schurken. War für mich genau die richtige Lektüre für die Stunden und Tage nach meiner Knie-OP, aufgrund der einfachen, aber schönen Sprache und der großen Schrift. Und genau das Richtige, um sich vom Krankenbett aus auf Abenteuerreise zu begeben.

P. S. Der Carlsen Verlag hätte ruhig auf dem Buch erwähnen können, dass es mit Sally Jones: Eine Weltreise in Bildern ein Vorgängerbuch gibt, in dem die Herkunft von Sally erzählt wird. Auch wenn das inzwischen vergriffen ist.

David Gemell – Der Schattenprinz (übersetzt von Irmhild Seeland)

Gemell ist so was wie der Heilige Gral der Heroic Fantasy, der das He in Heroic brachte. Mit Helden, die Heldenhaftes tun, weil sie Männer sind. Eine Verkürzung, mit der ich David Gemell aber Unrecht tun würde, denn seine Bücher sind mehr als nur romangewordene Frank-Frazetta- oder Luis- Royo-Bilder. Neben den Männern werden auch die Frauen deutlich vielschichtiger und ambivalenter dargestellt und agieren ebenso wehrhaft und heldenhaft. Wobei Gemells Heldentum ein zweischneidiges Schwert ist, für das die von den Helden geretteten einen hohen Preis zu zahlen haben.

Jack McDevitt – Mondsplitter (übersetzt von Thomas Schichtel)

Spektakuläres, aber nie reißerisches Katastrophenszenario über die Zerstörung des Mondes und deren Folgen für die Erde. McDevitt entwirft ein breites Panorama, in einem für ihn eher ungewöhnlich dicken Buch, bleibt seinem unaufgeregten Erzählstil aber treu, ohne dabei Spannung einzubüßen. Die Übersetzung könnte allerdings mal eine gute Überarbeitung gebrauchen.

Janne Mommsen – Die kleine Inselbuchhandlung

Nettes kleines Buch, das in seichten Gewässern auf eine Nordseeinsel schippert, wo die Protagonistin ihre Midlife-Crisis nutzt, um ihren alten Job als Flugbegleiterin zu kündigen und eine Inselbuchhandlung zu eröffnen – und natürlich muss sie sich zwischen zwei Männern entscheiden. Es pilchert sehr in diesem Roman, aber auf so charmante Art, dass es mich nicht gestört hat. Und bei Büchern, in denen es um Buchhandlungen geht, kann ich sowieso nicht widerstehen.

Frederik Backman – Kleine Stadt der großen Träume (übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg)

Erzählt von einer kleinen Stadt in Schweden, die sich ganz dem Eishockey verschrieben hat und all ihre Hoffnungen auf die Jugendmannschaft setzt, die es ins Halbfinale geschafft hat. Ähnlich wie sein Vorbild Stephen King inszeniert Backman ein umfassendes Porträt der Stadt mit ihren unterschiedlichen Bewohnern, wobei ihm ganz wunderbare und originelle Figuren gelingen, deren Schicksal unter die Haut geht. Mit magischen Erzählmomenten, die manch Purist als Trickserei (z. B. mitttels Foreshadowing) bezeichnen würde, die den Autor aber aus der Masse herausstechen lassen und diesen Roman zu etwas Besonderem machen.

P. S. für das »Kleine« im Titel war die Taschenbuchausgabe wohl zu klein.

P.P.S. mit Wir gegen Euch ist bereits die Fortsetzung im Hardcover erschienen

Christian von Ditfuhrt – Zwei Sekunden

Eigentlich ein rasanter Politthriller mit originellem Ermittlerteam und überraschenden Wendungen, der aber trotz des rasanten Tempos einige unnötige Längen und Wiederholungen aufweist, die den Genuss der Lektüre allerdings nur leicht beinträchtigen. Das Ende hingegen wirkt etwas überstürzt, als hätte der Autor plötzlich festgestellt, dass der Abgabetermin vor der Tür steht, er aber eigentlich noch mehr Zeit bräuchte.

Carolin Bernard – Frida Kahlo und die Farben des Lebens

Wunderbares Buch über das Leben, die Kunst und die Liebe von Frida Kahlo, das sich vor allem auf ihre interessante und ungewöhnliche Beziehung zu ihrem Mann Diego Rivera konzentriert. Insgesamt vielleicht etwas knapp ausgefallen, aber ein schöner Einstieg, wenn man sich für Frida Kahlo und ihre Kunst interessiert.

David Foenkinos – Die Frau vom Musée d´Orsay (übersetzt von Christian Kolb)

Bewegende Geschichte über einen Mann, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, der sein altes Leben aufgibt und eine Auszeit braucht, um sich dem Drama stellen zu können, dem die ganze Geschichte zu Grunde liegt. Wobei er eigentlich nur eine Nebenrolle spielt, in einer Geschichte über eine junge Frau und ein Verbrechen. Foenkinos Stärke sind die Beschreibungen der Gefühlsnuancen in den Beziehungen der Figuren untereinander, seine Schwäche ist, dass er es mit den Beschreibungen übertreibt und zu sehr zum auktorialen Erzähler wird, obwohl dies gar nicht notwendig ist, was der Geschichte ein wenig ihre Eleganz nimmt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.