Sinkende Leselust durch eingefahrene Leseroutine und eine Pause von der Phantastik

Von den neun Büchern, die ich in der letzten Zeit gelesen:

Laird Barron – Occultation
William Wells – Sun Detective
Sven Regener – Wiener Strasse
Linus Geschke – Tannenstein
Sibylle Berg – GRM Brainfuck
Adam Horowitz und Mike Diamond – Beastie Boys Book

oder angefangen habe zu lesen:

Ada Palmer – Too Like The Lightning
Marlon James – Black Leopard, Red Wolf
Max Gladstone – Empress Of Forever

hat mich nur das Beastie Boys Book so richtig begeistern können – und zwar so, dass ich die 600 Seiten innerhalb weniger Tage verschlungen habe. Was mich zu der Erkenntnis brachte, dass ich mit einer Lektüreauswahl in einer Routine gelandet bin, die zu steigender Leseunlust führ. Zwar habe ich noch jeden Tag gelesen, aber deutlich weniger Seiten bei steigendem Serienkonsum.

Es sind alles keine schlechten Bücher. GRM Brainfuck z. B. hat mich über die ersten 400 Seiten ob seines herausragenden Stils und seines scharfsinnigen analytischen Blicks auf unsere Gesellschaft stark begeistert. Doch über die letzten 200 ermüdete mich das gleichbleibende Schwarz-in-schwarz-Zeichnen, und der zutiefst dystopische Charakter der Erzählung. Warum ich der Dystopien müde bin, habe ich kürzlich auf Tor Online in dem Artikel Schluss mit der Schwarzseherei! Warum Zukunft wieder ein positiv besetzter Begriff werden muss aufgeschrieben.

Auf Empress Of Forever hatte ich mich schon ein halbes Jahr lang gefreut, da ich Gladstones Craft-Sequence großartig und super originell finde. Doch der Funke wollte nicht so recht überspringen. Ich bin jetzt bei 80%, aber die rasante Space-Fantasy mit toll ausgearbeiteten Figuren ist mir irgendwie zu abstrakt geraten, was Weltenbau und teilweise auch den Ablauf mancher Szenen angeht.

Black Leopard Red Wolf von Booker-Prize-Gewinner Marlon James ist stilistisch wunderbar geraten, ein originelles Fantasyszenario mit starken afrikanischen Einflüssen abseits der üblichen eurozentrischen Mittelalterfantasyklischees. Und doch konnte es mich bisher nicht so recht packen, und ich hänge bei 10% (ca. Seite 100) fest.

Dass es selbst so herausragend geschriebenen Werken der Fantasy und Science Fiction nicht gelingt, mich zu begeistern, bringt mich zu dem Schluss, dass sich bei mir aktuell Ermüdungserscheinungen in Sachen Phantastik bemerkbar machen. Ich beschäftige mich beruflich so viel mit Phantastik, und das durchaus mit Begeisterung, dass ich privat jetzt mal etwas thematische Abwechslung brauche. Weshalb ich dem Genre für eine Weile in Sachen Literatur den Rücken kehren werde. Solche Phasen habe ich alle paar Jahre immer wieder mal. Die halten dann oft einige Monate an. Von den 22. Büchern, die ich dieses Jahr schon komplett gelesen habe, waren es nicht die 10 Phantastikbücher, die mich begeistern konnte, sondern Krimis (The Borrowed/Das Auge von Hongkong, wobei ich hier mit Sun Detective und Tannenstein zwei nicht so dolle erwischt habe)), historische Romane (Die goldene Stadt), zeitgenössische Belletristik (Das Leben des Vernon Subutex 2 und 3, hier konnte mich überraschenderweise Wiener Straße von einem meiner Lieblingsautoren überhaupt nicht begeistern) und Sachbücher (Wütendes Wetter).

Als Folge der Begeisterung für das Beastie Boys Book, werde ich mich jetzt erst mal verstärkt Sachbüchern widmen, vor allem mit (auto)biografischen Elementen. Ich liebe Bücher über Menschen, die Sachen machen, die ich mich nicht trauen würde. Aus der Band-Biografie habe ich drei Lesetipps mitgenommen:

Tania Aebi – Maiden Voyage
Luc Sante – Low Life: Lures and Snares of Old New York
Ada Calhoun – St. Marks Is Dead

Tania Aebi gehörte zum Freundeskreis der Beastie Boys in deren Jugendjahren. Als sie 18 war, stellte ihr Vater sie vor die Wahl, ihr entweder das College zu bezahlen, oder ein Segelboot. Wenn sie sich für das Segelboot entscheiden würde, müsste sie damit aber auch allein um die Welt segeln. Und ratet mal, was sie getan hat …

Die anderen beiden Bücher erzählen die Historie zweier Bezirke von New York, für die ich mich seit meinem Urlaub dort im letzten Jahr besonders interessiere, da mein Hotel auf der Lower Eastside lag, wo ich mich sehr wohl gefühlt habe. Beide AutorInnen haben ausgezeichnete Gastkapitel zum Beastie Boys Book beigetragen.

Wenn ich in meinen Lesegewohnheiten zu eingefahren bin, hilft es, diese ein wenig zu ändern, mich selbst mit der Lektüreauswahl zu überraschen, mich spontan für Bücher zu entscheiden, die mich jetzt gerade besonders ansprechen, und diese dann auch direkt zu lesen. Statt Monate im Voraus bestimmte Titel zu planen, nur weil sie gerade im Genre angesagt sind und ich auf dem neuesten Stand bleiben möchte. Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, keine neuen Bücher mehr zu kaufen, was ich auch ein Quartal lang durchgehalten habe. Aber nur Bücher zu lesen, die schon lange bei mir im Regal stehen, nimmt mir das Überraschungsmoment und verhindert, spontanen Leselaunen zu folgen und auch mal Bücher zu Themen zu lesen, die mich eigentlich nicht interessieren (da habe ich mir mal Stephen Frys Mythos: The Greek Myths Retold für die nähere Zukunft notiert)

Ob es was hilft, mein Leseverhalten zu ändern, zu anderer Lektüre zu greifen, als in den letzten Monaten und Jahren, wieder mehr zu lesen und weniger TV/Streamingserien zu schauen … wir werden sehen. Ich hoffe aber, dadurch wieder mehr Begeisterung beim Lesen zu haben, und nicht einfach nur routiniert was runterzulesen, was ganz okay ist, aber aktuell nicht zu meiner Lesestimmung passt. Manche Bücher liest man einfach zur falschen Zeit.

Wie sieht es bei euch aus? Kennt ihr sowas?

5 Gedanken zu “Sinkende Leselust durch eingefahrene Leseroutine und eine Pause von der Phantastik

  1. Kenne ich sehr gut. Habe gerade eine ähnliche Krise, wo ich erstaunlich wenig lese.

  2. Willkommen im Club, Kamerad! Ich werf mal unaufgefordert »Aus hartem Holz« (Barkskins) von Annie Proulx in den Ring. Großartiger historischer Roman der phantastischer ist als viele Phantastik.

    • Ihre „Schiffsmeldungen“ haben mir seinerzeit sehr gut gefallen. „Auf hartem Holz“ hatte mich aber, obwohl ich deine Schwärmerei mitbekommen habe, nicht so angesprochen. Aber mal schauen, wollte eh mal wieder was von Proulx lesen.

  3. Ging mir ebenfalls schon häufiger so. Sachbücher, insbesondere Reiseberichte wie „Zwei nach Shanghai“ sind dann auch oft mein Mittel zur Wahl. Aber meistens wird die Leselust einfach wieder dadurch geweckt, dass ich unverhofft einen Roman entdecke, der richtig Spaß macht zu Lesen. 2017 war das beispielsweise „Ready Player One“; ohne Frage hat das Buch handwerklich einige starke Schnitzer, aber es war endlich mal wieder was zum Durchsuchten. Danach ging es mir ähnlich mit einigen Bänden der „Flüsse von London“-Reihe, und kürzlich hatte ich das mit dem ersten Band von „Nevernight“. Für mich habe ich festgestellt, dass diese Wirkung bei mir tatsächlich oft „Hype-Bücher“ auslösen, die ich eigentlich meide, weil sie mir viel zu mainstream sind 😉 Aber na ja, hat wohl doch (selbst abseits des Marketings …) seine Gründe, warum gerade diese Bücher so erfolgreich werden …

  4. Geht mir auch immer mal wieder so, wobei ich schon seit ewigen Zeiten Bücher, die mir nicht gefallen, konsequent abbreche (warum sollte ich dem guten Geld – um das es mir manchmal durchaus leid tut – auch noch gute Zeit hinterherwerfen?); je nachdem, warum ich sie abgebrochen habe, starte ich allerdings manchmal später einen zweiten oder sogar noch einen dritten Versuch. So gesehen, finde ich eigentlich immer was, das mir Spaß macht – ich muss halt manchmal nur länger suchen. 😉
    Außerdem lese ich zwar hauptsächlich Phantastik (oder, anders gesagt, eigentlich immer auch Phantastik, da ich meistens mehrere Sachen parallel lese), aber eben auch immer nebenbei was anderes. Oft Sachbücher (z.Zt. gerade „Kino der Blicke“ über den französischen Kriminalfilm, und „Feast of Laughter“ 1, den ersten einer Reihe von Essaybänden über R.A. Lafferty) und Comics (das geht nur leider furchtbar ins Geld), gelegentlich auch historische Romane und Krimis (da habe ich gerade einen Manchette hinter mir).

    Was deine aktuellen SF- & Fantasytitel angeht, habe ich „Black Leopard Red Wolf“ auch erst mal abgebrochen (nach etwas über 200 Seiten), aber eigentlich nur deswegen, weil mir wieder mal klar geworden ist, dass es (zumidest für mich) nicht clever ist, ein anstrengendes bzw. forderndes Buch zu lesen, wenn ich gleichzeitig ein anstrengendes bzw. forderndes Buch übersetzen muss. Stilistisch ist BLRW stellenweise brillant, aber es fordert einen eben auch in mehrfacher Hinsicht. (Ich würde es ja am ehesten als „The Book of the New Sun“ meets „Blood Meridian“ in einem afrikanisch-mythologischen Setting bezeichnen, was zwar auch nicht ganz richtig ist, aber immer noch deutlich besser als das – nur aus Werbezwecken verwendete, schon klar – „An African Game of Thrones“.) Sobald ich meine Übersetzung aus dem Haus habe, will ich aber weiterlesen, denn da ist schon ein erzählerischer Sog, dem ich mich gerne wieder überlassen würde (und dann gelegentlich das Buch zuklappen und mich … irgendwie nicht gut fühlen).

    Der Gladstone liegt noch im Warenkorb, und Ada Palmers „Too Like the Lightning“ habe ich schon vor längerer Zeit aus bestimmten Gründen im Schnelldurchlauf gelesen und mir schon lange vorgenommen, nochmal ein bisschen drin rumzuschmökern und dann mit dem nächsten Band der Terra-Ignota-Serie weiterzumachen.

    Was Phantastik angeht, lese ich gerade „Ahab’s Return“ von Jeffrey Ford (kann und wird einem gefallen, wenn man Ford generell mag) und zwischendurch immer mal wieder eins der „Nyumbani Tales“ von Charles R. Saunders (ein bisschen S&S muss immer mal wieder sein ;)). Der letzte SF-Roman, den ich ganz gelesen habe, war „Finders“ von Melissa Scott.

    Was ich als Nächstes lese, weiß ich vorher nur selten (es sei denn, ich „muss“ was lesen). Hier liegt und steht noch so viel ungelesenes oder angelesenes Zeug rum – und es kommt ja dummerweise auch noch immer wieder was dazu 😉 -, dass ich eigentlich immer irgendwas finde. Das Problem ist eher, zu den Büchern auch die entsprechende (Lese-)Zeit zu finden …

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