„The Borrowed“ von Chan Ho-Kei (übersetzt von Jeremy Tiang)

Schon seit meiner Kindheit bin ich Fan des Hongkong-Kinos. Angefangen hat es mit Jackie Chan und weiteren Martial-Arts-Filmen aus dem Hause Shaw Brothers. Bald folgten Fantasyfilme wie a Chinese Ghost Story und ähnliche Werke aus dem Dunstkreis von Tsui Hark sowie die knallharten Actionfilme von John Woo und Co. Doch so richtig entflammt wurde diese Liebe zu Hongkong erst durch die Filme von Wong Kar-Wai, als ich 1996 im Alter von 16 Jahren Fallen Angels sah, gefolgt von Chungking Express, As Tears Go By und meinem Lieblingsfilm von Wong: Days Of Being Wild, in dem Kameramann Christopher Dolye das Hongkong der 60er Jahre in so betörend schönen Bildern einfängt.

Dementsprechend war ich natürlich sofort Feuer und Flamme, als ich von Chan Ho-Kei The Borrowed las, das nicht nur ein genialer Krimi sein soll, sondern auch ein breites Panorama von Hongkong seit dem Zweiten Weltkrieg zeichnet. Und das tut es. In sechs Episoden wird aus dem Berufsleben des genialen Polizeiermittlers Inspector/Superintendend Kwan, der in der ersten Geschichte einen Fall löst, obwohl er im Koma liegt. Dieser Episode merkt man an, dass sie vom cleveren japanischen Krimi á la Keigo Higashino beeinflusst ist. Von da an macht Autor Chan dann Sprünge in die Vergangenheit, um jeweils entsprechende und besonders herausstechende Stationen aus Kwans Berufsleben, die sich stilistisch stark unterscheiden, aber immer sehr klug konstruiert sind und viel Einblick in das gesellschaftliche Leben Hongkongs liefern.

Die Perspektive wechselt, nicht immer weiß man gleich, aus welcher Perspektive die jeweilige Geschichte erzählt wird, oft benutzt Chan auch die auktoriale Erzählebene. Bei den überraschenden Wendungen geht er ähnlich wie Jeffrey Deaver vor: Lange gaukelt er der Leserin vor, sie würde der Perspektive des Ermittlers vollständig folgen und alles wissen, was er weiß. Entscheidende Informationen lässt er dann aber geschickt aus, damit der Ermittler am Ende und auch auf Etappen zwischen durch, überraschende Erkenntnisse und schließlich die Lösung präsentieren kann.

Doch nicht jede Episode folgt dem klassischen Ermittlungsprinzip. Einmal wird ein Kind entführt und es entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nichts ist, wie es scheint. Ein anderes Mal überwacht die Polizei ein Hochhaus, in dem sich die meistgesuchten Gangster Hongkongs aufhalten, was schon fast zu einem Belagerungsszenario führt, wie in Johnie Tos Breaking News. Und in der letzten Episoden geht es um politische Unruhen im Hongkong der 1960er-Jahre, als viele Kommunisten (von China gestützt) gegen die britische Kolonialmacht aufbegehrten und es für die Polizei Bombenanschläge zu vereiteln gilt.

All die Episoden sind – mal abgesehen vom Ermittler Kwan – geschickt lose miteinander verknüpft, manche Personen treten häufiger auf, andere nur ein, zweimal, aber mit großer Wirkung, die sich vor allem auch dadurch entfaltet, dass die Episoden eben in umgekehrter chronologischer Reihenfolge erzählt werden.

The Borrowed biete einen faszinierenden und spannenden Einblick in die Geschichte Hongkongs von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart, und ist nebenbei auch ein verdammt cleverer Krimi mit denkwürdigen und charmanten Figuren. Die Filmrechte hat übrigens Wong Kar-Wai erworben.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Das Auge von Hongkong erschienen (dabei lautet Kwans Spitzname »Eye of Heaven«), leider nur in der Übersetzung der englischen Übersetzung von Jeremy Tiang. Und da ich nicht so auf Übersetzungs-Stille-Post stehe, habe ich mir die englische Fassung gekauft.

Eigentlich sollte diese Besprechung noch ausführlicher werden, da ich mir aber Anfang der Woche einen Korbhenkelriss im Meniskus zugezogen habe und momentan nur bedingt einsatzfähig bin, nutzte ich die wenige Zeit am Computer aktuell für meinen Brotjob. Weshalb es hier auf dem Blog in den nächsten Wochen weiterhin ziemlich ruhig bleiben könnte.

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