Das Internet in Zeiten schwindender Demokratie

Das Netz wird restriktiver!

Eigentlich ein Paradox: Die Menge an Daten, Content, Videos, Podcasts, Blogs, Magazinen usw. im Internet steigt kontinuierlich, hat schon längst Ausmaße angenommen, die von uns gar nicht mehr fassbar sind, und doch wird das Internet immer restriktiver, enger und eingeschränkter.

Wie kann das sein?

Kürzlich hat Tumblr bekanntgegeben, dass man alles, was als pornografische oder sexuelle Inhalte gelten könnte („adult content“), ab dem 17. Dezember von der Plattform verbannen werde. Dazu gehört auch die sehr unglücklich gewählte Formulierung „Female-presenting nipples“, die stellvertretend für eine neue Prüderie und den schon immer dagewesenen verklemmten und abwertenden Umgang mit dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität steht. In Großbritannien ist es seit einiger Zeit Verboten, Pornografie zu produzieren, die „female ejaculation“ enthält, während die Männer abspritzen dürfen, wie sie lustig sind.

Tumblr ist ein soziales Netzwerk, dass auf Bilder und kurze Videos spezialisiert ist, ähnlich wie Instagram, aber blogartiger. Anders, als die meisten anderen großen sozialen Netzwerke, ist man dort bisher sehr locker gewesen, was die Regeln für pornografische und sexuell freizügige Inhalte angeht. Teilweise auch zu locker. Jedenfalls ist dort eine Szene entstanden, rund um SexarbeiterInnen und KünstlerInnen, die ihre Arbeit und ihr Werk dort präsentiert und sich mit Gleichgesinnten vernetzt haben. Tumblr hat eine halbe Milliarde Nutzer, und ca. 20 Prozent davon sollen unter die oben geschilderten Kriterien fallen.

Salman Rushdie soll einmal gesagt haben, man könne den Zustand einer Demokratie an ihrem Umgang mit Pornografie erkennen. Man schaue sich nur undemokratische Länder wie Iran oder China an und welche Strafen dort auf die Verbreitung und den Besitz von Pornografie stehen. Die in Großbritannien ausufernde Überwachung durch Geheimdienste, CCTV und die Einschränkungen in der Nutzung des Internets gehen auch mit der Einführung eines absurden Verbotskatalog für Pornografie einher.

Aber die meisten Einschränkungen kommen gar nicht von staatlicher Seite, sondern von den großen Technologiekonzernen selbst. Man denke nur an die albernen Zensurmaßnahmen bzgl. weiblicher Brüste auf Facebook, während Hass, Hetze und Hinrichtungsvideos weiterhin ungehindert verbreitet werden können. Hier zeigt sich der amerikanische Puritanismus, der auf den Calvinismus der Pilgerväter zurückgeht, die mit der Mayflower und anderen Schiffen im 17. Jahrhundert an der Küste Nordamerikas gelandet sind.

Diese Doppelmoral: Waffenvernarrtheit und Gewaltgeilheit (in Film und Fernsehen) auf der einen Seite, aber eine völlig verklemmte bis schädliche Einstellung zur Sexualität und dem weiblichen Körper auf der anderen. Ich muss an Mark Wahlberg denken, den strengen Katholiken, der sich für seine Rolle in Boogie Nights schämt, weil es dort um die Pornobranche geht, während er mit all den Ballerfilmen, in denen er mitgespielt hat, kein Problem hat.

Und bigott ist diese Moral auch noch, denn die Pornoindustrie ist ein Milliardengeschäft, das von Millionen von Amerikanern konsumiert wird, aber von den meisten nur still und heimlich, während sie es öffentlich weiterhin verdammen und sich zumindest dafür schämen. Oft sind es die lautesten Moralapostel, die hinter verschlossener Tür ein ganz anderes Leben führen (siehe den Fall Elliot Spitzer).

Bezahldienste wie Paypal erschweren Pornoseiten die Zahlungsabwicklung, was vor allem unabhängige Produzenten trifft, die nicht zur Pornhub-Youporn-Mafia von Mindgeek gehören, Sex-Positiv-Feministinnen, die zu fairen Bedingungen Pornografie für Frauen abseits des mysoginistischen Mainstreams produzieren.

An dieser Stelle sollte man aber auch erwähnen, dass es das Internet und vor allem solche Streamingsteiten wie Pornhub und Youporn sind, die die Pornoindustrie langsam in den Ruin treiben, weil durch deren Angebot niemand mehr für seine Pornos zahlt. Dazu empfehle ich die ausgezeichnete Netflix-Doku „Hot Girls Wanted“ und die erste Folge der dazugehörigen Serie.

Facebook war schon immer ein besonders prüder Verein, in der letzten Woche haben sie ihre Zensurmaßnahmen (ich weiß, kann eigentlich nur von staatlicher Seite ausgehen) verschärft und verbieten jegliche Form von Unterhaltungen (auch im Chat), in denen Sex oder Sexualität irgendwie erwähnt werden. Aber Hasskommentare gelten vermutlich weiter als „freedom of speech“.

Nicht nur Pornografie, Sex und Erotik betroffen

Doch es sind nicht nur die Themen Sex, Erotik und Pornografie von immer enger werdenden Restriktionen betroffen, sondern auch der ganz normale Netzalltag. Als Blogger habe ich eine Impressumspflicht, dort muss ich meine Anschrift und Telefonnummer (was ich nicht mache) angeben, was etwaigen Trollen es einfach machen würde, mir ihre geistigen Höchstleistungen in Häufchenform per Post zu schicken, würde ich über kontroversere und wichtigere Themen bloggen. Bisher blieben mir zum Glück selbst Trollkommentare erspart.

Dieses Jahr sorgte die Europäische Datenschutzgrundverordnung kurz DSGVO für Aufregung. Was eigentlich als Schutz des Verbrauchers vor Datenmissbrauch durch große Konzerne gedacht war, macht selbst dem einfachsten Hobbyblogger das Leben schwer.

So wie die Demokratie nach Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion weltweit eine Hochzeit erlebte, die langsam vorbei zu sein scheint, steht auch die Freiheit im Internet immer stärker unter Beschuss. Und so wie die Menschen ihre Autokraten inzwischen selbst wählen (siehe Brasilien, die Philippinen, Polen, Ungarn usw.), so begeben sie sich … so begeben wir uns in die Hände großer Konzerne und sozialer Netzwerke, die unsere Freiheit stückweise immer weiter einschränken, und wir unterstützen das auch noch. Zwar wird sich dann in lustigen Memes über manche Aktion lustig gemacht, es gibt wütende Beiträge wie diesen hier, aber wirklich konsequent gehen die wenigsten dagegen vor (und auch ich bleibe bei Facebook, wegen der guten Kontakte zu und dem Austausch mit Freunden und Bekannten).

Die leicht anarchistische Aufbruchstimmung der 1990er- und Nullerjahre ist vorbei, was einst ein Symbol der Freiheit und weltweiten Vernetzung mit Gleichgesinnten war, wird inzwischen von Konzernen und autokratischen Regierungen gegen uns verwendet. Man denke nur an das jüngst in China eingeführte Social Scoring. Wer gegen die von der Regierung vorgegebenen Gepflogenheiten verstößt, bei Rot über die Ampel geht oder sich kritisch gegenüber der Regierung äußert, bekommt Punkte abgezogen. Wer zu wenig Punkte hat, bekommt Schwierigkeiten, wenn er einen Flug, eine Bahnfahrt oder ein Hotel buchen möchte oder einen Termin im Krankenhaus. In der totalen Überwachung wird auch noch der kleinste Verstoß registriert und bestraft.

Viele Chinesen haben damit kein Problem, weil sie sowieso ein anderes Verständnis von Privatsphäre haben, wie jüngst der Science-Fiction-Autor Cixin Liu meinte. Doch für Minderheiten wie die Uiguren verschärft sich die Lage noch stärker und endet oft im Umerziehungslager. Und für die Sonderverwaltungszone Hongkong, der nach Übergabe durch die Briten an die Chinesen eingeschränkte Autonomie zugesagt wurde, werden diese Freiheiten auch immer weiter beschränkt.

Man könnte die Verknüpfung zwischen der Überwachung in China und der Geschäftsentscheidung von Tumblr, keine „Female-resenting nipples“ mehr zu erlauben, als etwas weit hergeholt betrachten, aber sie zeigt die ganze Bandbreite eines weltweiten Trends.

Ich empfinde das Internet immer noch als Bereicherung, ich kann auf meinem Blog meine Meinung frei äußern, auf Facebook Kontakt mit Freunden aus aller Welt und Epochen meines Leben pflegen, auf Twitter AktivistInnen aus aller Welt folgen und die New York Times auf dem Bildschirm lesen. Noch ist das Internet etwas, das verbinden kann, ein Ort, an dem sich Minderheiten und bestimmten Interessengemeinschaften und Communities kleine Freiräume schaffen können. Doch wenn wir nicht aufpassen, wird dieser Ort bald zu einem Gefängnis, das wir alle in der Hosentasche oder am Handgelenkt tragen werden.

4 Gedanken zu “Das Internet in Zeiten schwindender Demokratie

  1. Recht hast Du. Nur was machen?

  2. Toller Artikel, ich stimme Dir voll zu. ich unterstütze die Plattform Netzpolitik, die sich für digitale Freiheitsrechte engagiert und entsprechend über rechtliche Knebeleien und Zensur sowie über Gesetze berichtet, von denen man sonst nirgends hört. Sie leben von Spenden und haben arg zu kämpfen, deswegen kann ich sie nur uneingeschränkt weiterempfehlen, weil sie eben genau für die Aufklärung stehen.

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