„Becoming“ von Michelle Obama

Im Vorwort lässt Michelle Obama ein wenig ihr bisheriges Leben Revue passieren, bis hin zu der Erleichterung, die sie empfunden hat, nachdem ihr Mann aus einem hohen politischen Amt ausschied. Endlich mal wieder allein im Haus, barfuß rumlaufen, sich in den Garten setzen, ein Fenster aufmachen, um frische Luft reinzulassen, ohne dass gleich der Secret Service am Rad dreht. Man kann sich gut vorstellen, wie sie mit einem erleichterten, aber sicher auch wehmütigen Seufzer – angesichts des Nachfolgers ihres Mannes – vor dem Schreibtisch saß und begann, ihre Memoiren zu schreiben. Das Vorwort setzt die Stimmung, mit der sie auf ihr bewegtes, bisheriges Leben zurückschaut.

Los geht es mit der Kindheit in Chicago, den Eltern aus der Mittelschicht, die statt Regeln, auf den gesunden Menschenverstand ihrer Kinder setzten. Es muss eine schöne Kindheit gewesen sein, mit so lockeren und offenen Eltern aufzuwachsen, wäre da nicht die MS-Erkrankung ihres Vaters, die das Ganze ein wenig trübt. Von Anfang an schimmert ein unbändiger Ehrgeiz bei Michelle Obama durch, besser oder zumindest genau so gut zu sein, wie ihre Mitschüler und in die Fußstapfen ihres großen Bruders zu treten, der in Princeton studierte.

All das schreibt sie in klarer und präziser Sprache, mit einem unterschwelligen Humor, z. B. wenn sie schildert, wie sie auf Drängen ihres Bruders Feuerschutzübungen durchführen, als hätte Zwangsneurotiker Adrian Monk die Pläne dafür entworfen.

Sie wächst insofern privilegiert auf, dass sie aus einer intakten Familie kommt, die sich gegenseitig unterstützt und fördert. Keine Familie reich an Geld, aber reich an Wärme. Kontakt zur Politik bekommt sie schon früh, durch ihre beste Freundin Santita, deren Vater Reverend Jesse Jackson ist.

Man könnte ihre Schilderungen davon, wie sie mit harter Arbeit und Fleiß alles meisterte als arrogant und egozentrisch empfinden, ich finde es aber eher motivierend. Sie möchte jungen Frauen zeigen, was alles möglich ist.

Eindrucksvoll und mitreißend wird das Buch, wenn sie schildert, wie sie Barack Obama kennengelernt hat. Jemand, der der so angetrieben ist, dass er nachts wach im Bett liegt und über Einkommensungleichheit nachdenkt, gleichzeitig aber immer mit hawaiianischer Lässigkeit unterwegs ist, wenn es eigentlich schnell gehen soll. Sein Charisma beschreibt sie so anschaulich, dass man ihn sich gleich als Präsident zurückwünscht (was man die Tage wohl sowieso schon macht, wenn man nicht den Verstand oder seine Menschlichkeit verloren hat).

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Abneigung gegen Politik geht, die ihr auch nach acht Jahren im Weißen Haus erhalten geblieben ist. Auf eine Präsidentschaftskandidatur von ihr braucht man sich also keine Hoffnung machen. Das Opfer, das sie und ihre Familie, trotz aller Privilegiertheit, für die politische Karriere Barack Obamas gebracht haben, ist groß. Und doch scheinen sie es mit Humor genommen zu haben, auch wenn es anstrengend war.

Kleine Längen hat das Buch bei den Beschreibungen der ersten Wahlkämpfe, aber das scheint sie selbst zu merken und überspringt dann die restlichen. Das Weiße Haus beschreibt sie vor allem aus ihrer und aus der familiären Perspektive, welche Veränderungen sie in puncto Einrichtung und Kleidungsvorschriften einführte, der neue Gemüsegarten, die Großmutter der Kinder, die eine Etage weiter oben einzog, ihre zahlreichen Initiativen, die sie zur Verbesserung der Zukunftschancen von jungen Menschen und vor allem Mädchen anstieß.

Doch an manchen Stellen wird sie bemerkenswert offen, wenn es um die viele räumliche Trennung zu ihrem Mann geht, die durch seinen Beruf bestand; wenn sie beschreibt, wie sie beide zur Eheberatung gingen; die Fehlgeburt; künstliche Befruchtung; wenn ihr alles mal zu viel wurde. Doch die Selbstkritik und Selbstzweifel beschränken sich auf das Private, der politische Kurs ihres Mannes und der Regierung bleibt unangetastet, auch wenn das nachvollziehbar ist, vor allem aufgrund der aktuellen politischen Lage. Offen ist sie aber auch, was die Selbstzweifel bzgl. ihre eigenen beruflichen Weges angeht, der Frage, ob sie wirklich Anwältin sein möchte.

Sehr emotional wird es, wenn sie vom Tod ihres Vaters und dem einer guten Freundin schreibt. Hier blitzt auch schriftstellerisches Talent durch, denn diese Szenen baut sie sehr gut auf, so dass sie dann mit voller Wucht auf die LeserIn einstürmen. Zwiespältige Gefühle lassen eher Schilderungen der privilegierten aber auch sehr eingeengten Kindheit ihrer beiden Töchter zurück, die praktisch mit dem Secret Service auf den Fersen aufgewachsen sind.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen, die Biografie einer selbstbewussten, extrem ehrgeizigen und ambitionierten Frau, die sich aus einfachen Verhältnisse trotz einiger gesellschaftlichen Nachteile (schwarz, Frau) so weit nach oben gekämpft hat, dass sie ihre Position dazu nutzen konnte, anderen Menschen aus ähnlichen Verhältnissen Hilfe und Unterstützung anzubieten. Auch liefert das Buch interessante Einblicke in das, was Barack Obama antreibt.

Ich habe die englische Ausgabe gelesen, die deutsche ist fast zeitgleich erschienen, von gleich fünf (sehr fähigen) Leuten übersetzt worden. Das war sicher wieder so eine Hauruck-Aktion, in denen die 480 Seiten innerhalb weniger Tage übertragen werden mussten, was meinem Sinn von gutem Übersetzen widerspricht, bei dem man als Übersetzer erst mal ein Gefühl für die Stimmung und den Tonfall des Buches bekommt.

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