„Sorry For Your Loss“ – Serientipp

Manche Serien kommen praktisch aus dem Nichts und hauen mich aus dem Stand so richtig aus den Socken. Dazu gehört auch Sorry For Your Loss, in der die Geschichte der jungen Leigh Shaw erzählt wird, die vor kurzem ihren Mann verloren hat und jetzt wieder bei ihrer Mutter lebt und in deren Fitnessstudio zusammen ihrer alkoholabhängigen Schwester arbeitet. Und genau darum geht es in der Serie: das Alltagsleben mit Trauer, Abhängigkeit, Depressionen und anderen Hindernissen, die einem das Leben in den Weg stellt. Sorry For Your Loss erzählt auf sehr einfühlsame Weise, voller Tragik, aber doch sehr leichtfüßig, was solche Problematiken und Schicksalschläge für das Leben bedeuten.

Die Serie geht sehr realistisch und offen mit dem Thema Trauer um, mit den teils widersprüchlichen Gefühlen, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen entstehen. Glaubt man den Kommentaren auf Facebook zu den einzelnen Folgen, finden sich viele Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben, in der Serie wieder. Der Fokus liegt auf Leigh, doch in Episode 2 wird z. B. rührend gezeigt, dass auch die erweiterte Verwandtschaft einen Freund verloren hat, sie ihre Trauer aber nur versteckt zeigt, um Leigh gegenüber gefestigt und unterstützend aufzutreten.

Elizabeth Olsen spielt Leigh sehr eindrucksvoll mit ihren unterschiedliche Formen und Phasen der Trauer, wie sie mit dem Verlust umgeht und was sie nach außen vorspielt, während sie eigentlich die ganze Zeit wütend ist. Ihre anfängliche Unfähigkeit, die gemeinsame Wohnung wieder zu betreten; wie sie dann versucht, den PIN-Code für sein Handy herauszufinden; und was die darauf gespeicherten Sprachnachrichten bei ihr auslösen.

Ein zweites großes Thema der Serie ist die Depression und der Umgang damit. Triggerwarnig: sie nimmt kein gutes Ende. Beeindruckend und realistisch ist die Schilderung der Unfähigkeit eines an Depression erkrankten Menschen, anderen begreiflich zu machen, wie es sich eine Depression anfühlt bzw. die Unmöglichkeit es zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn man es selbst nie erlebt hat.

Von der Erzählstruktur erinnert Sorry For Your Loss an This Is Us, wenn auch in einem kleineren Rahmen und mit zwei Zeitebenen, die klarer strukturiert sind und näher beieinander liegen, setzt aber auf ähnliche Offenbarungsmomente, in denen die Rädchen bzw. Plotlinien zusammenlaufen und sich ein logisches Ganzes ergibt.

Ein weiteres Highlight ist die durchgehend ausgezeichnete Darstellerriege. Allen voran natürlich Elizabeth Olsen, die Leigh mit einer herzzerreißenden Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke spielt und eine Figur voller faszinierender Facetten erschafft, nicht frei von Fehlern, und deshalb so viel nahbahrer. Kelly-Marie (Loan) Tran spielt ihre Schwester, die in der ersten Folge noch wie ein Funny Sidekick wirkt, schnell aber auch Tiefe erhält, die sie oft unter einem verschmitzten Lächeln und einem trockenen Humor versteckt, die in den entscheidenden Momenten aber durchschimmert. Leigh verstorbener Ehemann Matt wird in den Rückblenden Mamoudou Athie gespielt, sehr ruhig und zurückgenommen, mit Humor und innerer Zerrissenheit aufgrund seiner Erkrankung. Sein Bruder Danny, wird von Jovan Adepo gespielt, kommt zunächst noch tough und unnahbar daher, als jemand, der die Frau seines Bruders nicht leiden kann, ein Eindruck, der wie so viele erste Eindrücke in dieser Serie, täuscht.

Hinzu kommen viele kleine Details, die zeigen, wie viele Gedanken sich die Serienmacher gemacht haben. Während der Flitterwochen liest Leigh z. B. Lauren Goffs Fates und Furies, ein Roman, in dem es um eine ähnliche Thematik geht und das als böses Omen dient. Viele Andeutungen werden geschickt gesetzt und erst mit der Zeit realisiert man, was da wirklich vor sich geht, dann setzt die Erkenntnis aber um so wuchtiger ein.

Ursprünglich wurde die Serie von Kit Steinkellner für den PayTV-Kanal Showtime entwickelt, landete dann aber bei Facebook Watch, die dieses Jahr ins Seriengeschäft eingestiegen sind. Leider ging Sorry For Your Loss dort, trotz hervorragender Kritiken, ziemlich unter. Es war vermutlich keine gute Idee, jede Woche eine Doppelfolge zu veröffentlichen. Ich habe die Serie jetzt innerhalb von zwei Tagen durchgesehen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Hätte ich immer eine Woche auf neue Folgen warten müssen, wäre das Seherlebnis vermutlich nicht so intensiv und mitreißend gewesen.

Sorry For Your Loss ist genau die Art von Serie, wie ich sie am meisten liebe. Mit echten Menschen und Problemen aus dem wahren Leben, ohne irgendwelchen übernatürlichen Firlefanz, ohne Psychopathen, Serienkiller, Gangster usw. Eine Familiengeschichte wie Parenthood, This Is Us, SMILF oder Six Feet Under, und eine Liebes- und Beziehungsgeschichte wie in Love – und zwar verdammt gut geschrieben.

Eine deutsche Fassung scheint es nicht zu geben, auch keine Untertitel.

English Summary: An extremely well written show about grief and depression, and how to cope with it, but still funny and empowering.

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