Das American Museum of Natural History (New York 2 von X)

Der erste Tag nach meiner Ankunft in New York führt mich an einen Ort unsagbarer Schrecken; ein Ort, in dessen düsteren Kellergängen und Gewölben ein unglaubliches Gemetzel stattfand; wo jene, die um ihr Überleben kämpften, im Blut der bereits gefallenen ausrutschten. Zumindest in der Fiktion, im Roman Relic von Douglas Preston und Lincoln Child, der einerseits eine Hommage an das American Natural Museum of History darstellt, wo Preston fünfzehn Jahre lang arbeitete, andererseits ein ultraspannender und blutiger Monsterthriller ist, der mir als Leser Furcht einflößte, gleichzeitig aber den Wunsch weckte, unbedingt dieses riesige Museum, das 1869 eröffnet wurde, zu besuchen.

An diesem Mittwochmorgen birgt das Museum keine Schrecken, nur fröhliches Kindergeschrei zahlreicher Schülergruppen in den Hallen voller konservierter Kindheitsträume. Wer aus meiner Generation ist nicht aufgewachsen mit dem Was ist Was-Dinosaurier-Buch, den Dinos („Nicht die Mama! Nicht die Mama!“), Jurassic Park und dem Sense of Wonder, dem faszinierten Staunen für die Wunder der Welt. Hier liegen sie in dieser riesigen Schatzkammer, all das Wunderbare, das unsere Welt und unser Universum hervorgebracht hat. Riesige Dinosaurierskelette, nicht minder gewaltige Meteoriten aus den Tiefen des Alls, lebensechte Panoramen mit ausgestopften Tieren von sämtlichen Kontinenten und das Erbe unzähliger Völker und Kulturen, die diesen Planeten zu einem vielfältigen und reichhaltigen Ort machen, den es mit Abenteuergeist zu erforschen gilt.

Die Tierpanoramen sollten aber auch als Mahnmal dienen, denn die Tiere haben ihre Körper nicht nach ihrem natürlichen Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt. Sie wurden erbarmungslos gejagt von Mitarbeitern des Museums, in einer Zeit, als die Großwildjagd nicht nur bei rechten Spinnern als Heldentat galt. Nur Jumbo, der riesige Elefant, kam bei einem Unfall mit einem Zug ums Leben, nachdem er von P.T. Barnums Zirkus ausgebüxt war.

In Dinosaurs in the Attic erzählt Douglas Preston die abenteuerliche und faszinierende Geschichte des Museums, die turbulente Entstehungszeit und welch kuriose Mitarbeiter und Bewohner das ehrwürdige Haus einst beherbergte. Zum Beispiel den Schimpansen Judy, der wie ein menschliches Kind aufgezogen wurde und neugierig durch die Museumsflure streifte. Die Insektenforscherin, die ihre entlaufenen Skorpione mit der bloßen Hand und dem Hinweise einfängt, sie könnten einen nicht stechen, wenn man sie am Schwanz packt. Von den Expeditionen nach Asien, wo Banditen am Straßenrand lauerten; in die Arktis, in einem unglaublichen Unterfangen, den riesigen und tonnenschweren Meteoriten zu bergen.

An diesem heißen Sommertag ist es ausgerechnet in der Südamerikabteilung eiskalt. Während man Dschungeldörfer und die Bauten einstiger Hochkulturen betrachtet, sorgt die Klimaanlage für eine frostige Atmosphäre, in der es jeden Besucher, der durch die Glastür tritt, augenblicklich schüttelt.

Am Besten gefällt mir die Margarete Mead Hall for the Pacific People, wo angenehme Temperaturen herrschen. Ich hatte schon immer ein Faible für die polynesischen Inselvölker und ihre Kulturen. Aber auch die Dinosaurier haben es mir angetan und all die schummrigen Gänge mit Überbleibseln der vielfältigen Kulturen des Orients.

Das Gedränge wechselt ständig von angenehm leer zu dicht gedrängt und hektisch, wenn wieder eine Schülerhorde an mir vorbeistürmt. Da heißt es dann, schnell vorbeizuhuschen. Fünf Stunden verbringe ich in den Eingeweiden des Museums, kann mich gar nicht sattsehen an all den Wundern unserer Welt; einer Natur, wie wir sie schon längst zerstört haben; und all den untergegangenen Zivilisationen.

Zur Stärkung geht es in die Cafeteria, wo ein reichhaltiges Selbstbedingungsbüffet darauf wartet, gejagt und gesammelt zu werden. Keine Sterneküche, aber besser als all die Verpflegungsstationen in den Museen, die ich in den kommenden Tagen noch besuchen werde, wenn auch in Schulkantinenatmosphäre.

Das Beste habe ich mir für den Schluss aufgehoben. In Dinosaurs In The Attic erzählt Preston auch die Geschichte von Murf the Surf, einem charmanten aber auch eiskalten Verbrecher, der mit Kollegen 1964 den Stern von Indien und weitere kostbare Edelsteine aus dem Museum stahl. Eine kuriose und faszinierende Geschichte, durch die ich mich besonders auf die Halle mit der Bezeichnung Gems und Minerals freute, nur um mit enttäuschter Miene vor der Mitteilung zu stehen: Wegen Renovierung geschlossen.

Trotzdem trete ich nach fünf Stunden hochzufrieden in die schwülheiße Nachmittagsluft hinaus, der nasse Asphalt zeugt noch vom Regen, der hier irgendwann in jüngster Zeit niedergegangen sein muss. Ich gehe noch ein wenig in den Central Park hinein, schauen, wo sich das Metropolitan Museum befindet, doch auf halber Strecke komme ich zum Schluss, dass die Zeit bis zum Baseballspiel der Yankees etwas knapp werden könnte, denn aufgrund des kürzlichen Niederschlags fahre ich lieber ins Hotel zurück, um mir eine Regenjacke zu holen. Aber dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Das Museum liegt ungefähr auf halber Höhe westlich des Central Parks, der Eintritt kostet 23 Dollar. Ich bin mit dem New York Pass für eine Woche (270 Dollar), der die meisten Attraktionen New Yorks beinhaltet, schneller reingekommen. Wie bei allen beliebten Museen lohnt sich, direkt morgens um 10.00 Uhr da zu sein, um durch zunächst noch relativ leere Flure und Hallen streifen zu können.

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