Der erste Tag auf der Lower East Side (New York 1 von X)

Die Lower East Side

New York riecht ganz eigen. Nach acht Stunden in einer fliegenden Sardinnenbüchse, sowie einer Stunde in einer heißen und verschwitzten Schlange an der Grenzkontrolle (eine gute Überbrückung der Wartezeit aufs Gepäck, nur leider ohne Toilette) und einer Taxifahrt mit einem redseligen und sympathischen Ägypter, steige ich aus auf den heißen Asphalt der Lower East Side und bemerke als Erstes diesen eigentümlichen Geruch, der mir in dieser Mischung noch nie begegnet ist (einzig São Paulo roch relativ ähnlich).

Sind dies die olfaktorischen Impressionen einer Stadt, die niemals schläft, oder einer Stadt, die niemals duscht? Nicht so unangenehm, wie die gelegentlichen unverkennbaren Ausdünstungen der Kanalisation, die hier und da einem gammligen Gespenst gleich durch die Luft wabern. Aber auch nicht so angenehm, wie Asphalt nach einem Sommerregen, oder die Gewürzabteilung eines Wochenmarkts in Chinatown.

The Big Apple, Melting Pot oder Salad Bowl, ehemals New Amsterdam und Manna-hata (wie es bei den Algonkin hieß), das Tor zur Welt, wo einst alle Einwanderer über Ellis Island eingeschleust wurden. „Concrete jungles where dreams are made of“. Aufgewachsen mit Serien wie Hill Street Blues und NYPD, mit Filmen wie Manhattan, Frühstück bei Tiffany’s, Mean Streats und In den Straßen von Brooklyn, träume ich schon von klein auf, einmal die große liberale Metropole zu besuchen, in der Hip-Hop und Punk erfunden wurden und Steve Buscemi in so manchem Schlamassel landete. Dreißig Jahre und einen Abschluss in Nordamerikastudien sollte es dauern, bis ich endlich das Land meiner Träume betrat.

Die heiße Luft flimmert über dem Asphalt, die Stadt kocht, brütet und dampft, wie im Summer of Sam, jenem Sommer 1977, als nicht nur eine Hitzewelle die Stadt heimsuchte, sondern auch der Son of Sam, ein Serienkiller, der acht Menschen umbrachte – später eindrucksvoll verfilmt von Spike Lee.

1977 galt New York als krimineller Moloch, die Bronx ein Trümmerfeld wie Dresden 1945, Gangs wie die Young Lords und die Black Spades führten Krieg miteinander, während nebenher der Hip-Hop erfunden wurde (auch Pionier Afrika Bambata, einst ein Black Spade). Die Zeiten sind vorbei, seit die Polizei anfing, eine Null-Toleranz-Politik zu fahren, die die Stadt einerseits sicherer machte, andererseits eine übergriffige und rassistische Stop-and-Frisk-Maßnahme mit sich brachte.

Mit all dieser Geschichte im Hinterkopf spaziere ich durch die Lower Eastside, die im Süden in Chinatown und im Norden hinter Little Italy (ehemals Kleindeutschland) endet, westlich die Bowery, östlich den East River in Blickweite, mit einigen Apartmentkomplexen zwischen dem hippen Teil des Viertels und dem Fluss – Sozialbauwohnungen, Projects genannt, offiziell als Public Housing bezeichnet. Der einzige Teil von Manhattan, dem ich mich lieber nicht nähere, auch, weil ich dort nichts zu suchen habe.

Zwei junge Frauen tasten sich in einem gefährlichen Tanz auf der beidseitig befahrenen, mehrspurigen Straße immer weiter an die Fahrbahn heran, von Spur zu Spur – während um sie herum SUVs und Trucks vorbeidonnern -, um es ja noch bei Rot über die Straße zu schaffen. Kaum haben sie die andere Seite erreicht, schlendern sie wieder gemütlich, als hätten sie alle Zeit der Welt, vor mir her, nachdem die Ampel auf Grün umspringt und ich wieder zu ihnen aufhole. Die Herausforderungen des Alltags, die das Routineleben würzen und zu kleinen Erfolgerlebnissen führen und dem Wissen, der Stadt und ihrer Regelwut ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Mein erster Streifzug durch New York führt mich in ein kleines indisches Restaurant, nur zwei Querstraßen über meinem Hotel gelegen, mit nur wenigen Sitzplätzen, auf engem Raum operierend, wie fast alle Läden im vollgestopften Manhattan. Weil es aber so viele Bars, Cafés und Restaurants gibt, sind sie außerhalb der Hochzeiten trotzdem nicht überfüllt und ich finde sofort einen Platz im MasalaWala. Es ist genau so, wie man es aus Serien und Filmen kennt: Junge bis mittelalte attraktive Menschen, stets gut oder hipp gekleidet, unterhalten sich angeregt, während sie eine gehobene aber nicht überteuerte Küche genießen.

Über viele Jahrzehnte, nein Jahrhunderte, ist die Lower Eastside ein Arbeiterviertel für zahllose Einwanderer gewesen. Im Tenement Museum kann man sich ihre Wohnverhältnisse im 19. und 20. Jahrhundert ansehen. Einst lebte hier das Volk der Lenape, bis es von den holländischen Siedlern vertrieben wurde, die dort ihre Farmen, die sogenannten Boweries, errichteten, bis diese schließlich einer urbanen Nachbarschaft mit Straßen wichen, während Manhattan und dessen Einwohnerzahl im Zuge der Industrialisierung immer weiter wuchs.

Kultige Orte gab es dort schon immer, wie Katz’s Delicatessen, das seit 1888 dick belegte Sandwiches verkauft, durch Meg Ryans Orgasmusszene in Harry und Sally berühmt wurde und berüchtigt ist, für den ruppigen Umgangston. Ich sehe es mir nur von außen an. Ein weiterer Klassiker ist das Feinkostgeschäft Russ and Daughter, das seit 1914 besteht und seit 2014 auch einen Restaurantableger hat, der in den einschlägigen Magazinen sehr empfohlen wird.

Seit Mitte der 2000er-Jahre hat sich die Lower Eastside zu einem hippen Viertel – inklusive aller Gentriefzierungsfolgen – entwickelt, wo abseits des Touristentreibens das junge, wohlhabende New York das Leben genießt, feiert und exquisit diniert. Das exklusive Beauty & Essex (Reservierung erforderlich), das direkt bei meinem Hotel um die Ecke liegt, verbirgt sich hinter der Fassade eines Pawnshops, erst wenn man den angeblichen Verkaufsraum durchschritten hat, öffnet sich die Tür zu einem luxuriösen Interieur. So läuft es mit vielen Läden, die in sind und nur den Einheimischen bekannt. Die Lower Eastside ist voll davon.

Samstagnachmittag 16.00 Uhr, die Sonne brennt bei 33 Grad im Schatten, ich kehre gerade aus dem wunderbar kühlen Metropolitan Museum of the Art zurück, wo ich fünf Stunden lang Kunst aus zahlreichen Jahrhunderten und aller Herren Länder betrachtet habe. Von der U-Bahn-Station ist es noch ein ordentliches Stück durch die Bowery und dann die Lower East Side, die Bürgersteige sind gerammelt voll von ausgehwütigem Volk. Kein freier Tisch in den unzähligen Bars und Cafe, die Luft erfüllt von einer Kakaphonie aus Stimmen, die sich angeregt unterhalten. Das Viertel pulsiert nur so vor Leben, Coktails und Bier werden in rauen Mengen konsumiert. Selbst in Berlin findet man das in dieser Intensität erst ab 20.00 Uhr.

Erstaunt und schwitzend bahne ich mir einen Weg durch die Menschenmassen, die in ausgelassener Stimmung der Hitze trotzend von Bar zu Bar flanieren oder in langen Schlangen vor Eisdielen und anderen Geschäften mit selbstgemachten Produkten stehen. Nicht weit von meinem Hotel finde ich mit dem Soulvlaki GR ein kleines Stück Griechenland, passend zum Wetter, und lasse mir in mediterranem Ambiente ein Souvlakigericht im Pitabrot schmecken. Eines der wenigen Restaurants, in denen keine Klimaanlage läuft. Am Nebentisch sitzt ein Mann mit Matrosenmütze, ein Accessoire, das in NY aktuell in Mode zu sein scheint, es wird mir noch öfters begegnen.

Nachts ist im Viertel die Hölle los, besonders in meiner Ecke um die Rivington Street, Stanton, Orchard und Exxex, und vor allem Samstagnacht, da schiebt sich bis fast in den Morgengrauen hinein ein stetiger Strom an huppenden Autos durch die sonst eher durchschnittlich befahrenen Einbahnstraßen, die Musik bis zum Anschlag aufgedreht.

Hotel on Rivington

Das Hotelzimmer im Hotel on Rivington ist der Hammer, vor allem die Aussicht. Liege ich auf dem Bett, kann ich durch die zweiseitige Glasfront, die von der Decke bis zum Boden geht, links das World Trade Center sehen, und dann den Blick über die halbe Stadt bis nach rechts zum Empire State Building schweifen lassen. Oft sitze ich abends bei Sonnenuntergang noch zwei, drei Stunden auf dem Bett und genieße die Aussicht, nicht nur auf die Skyline, sondern auch auf das lebhafte Treiben an der Straßenecke unter mir.

Ungefragt erhalte ich ein kostenloses Upgrade und lande im 15. Stock in einem sogenannten Corner-King-Zimmer. Die Aussicht hat allerdings ihren Preis, tagsüber knallt die Sonne voll auf die Glasfront, selbst mit Klimaanlage ist es im Schlafzimmer kaum auszuhalten – nix mit Mittagsschläfchen. Dafür bleibt das Wohnzimmer, das durch einen offenen Flur mit dem Schlafzimmer verbunden ist angenehm kühl. Zwischen den beiden Räumen liegt noch das Badezimmer, das ähnlich freizügige Aus- und Einblicke gewährt. Wer schon immer vor halb New York duschen wollte, ist hier genau richtig. Die Minibar ist exzellent bestückt, auch für Pärchen, die gerne etwas Rodeo reiten (siehe Bild über Bett, leider nicht so gut zu erkennen).

Der Service ist ausgezeichnet und die Minibar lässt sich als Kühlschrank nutzen, den Wäscheservice ziehe ich in Erwägung, benötige ihn dann aber doch nicht. Das Hotel liegt deutlich über meiner üblichen Preisklasse, aber der Preis lohnt sich. Noch nie habe ich es so genossen, Zeit auf meinem Hotelzimmer zu verbringen. Bei 35 Grad im Schatten ist es einfach schön, in ein klimatisiertes Zimmer zurückzukehren, auch wenn ich die Anlage nur wegen des Zimmerservice laufen lasse, ansonsten aber eher ein schlechtes Gewissen habe.

Das Hotel liegt günstig, die U-Bahnstation Exxex/Delancy-Street ist nur ein paar Meter entfernt, auch auf der Canal Street ist man schnell. Fast alle meiner Ziele lassen sich von hier gut erreichen. Die Metrokarte für ca. 20 Dollar ist günstig an jedem Automaten in den Stationen zu erhalten, viel unkomplizierter als der Kaufprozess in Paris. Die U-Bahn-Wagen sind klimatisiert, die Stationen selbst, obwohl sie unter der Erde liegen, aber brütend heiß. Mit der Subway werde ich erst am zweiten Tag fahren.

Am ersten Tag, nach dem kleinen Spaziergang und dem indischen Essen, genieße ich einfach die Aussicht aus meinem Zimmer und denke darüber nach, dass ich endlich in den USA bin. Nicht als ungebetener Hausgast bei den Tanners, als Quarterback auf der Polk High, mit Jason Pristley und Shannen Doherty zur Schule gehend oder Weihnachten mit den Griswalds feiernd, so wie ich es mir als Kind erträumt habe, aber immerhin in New York, trotz Trump und all den unschönen Entwicklungen in der amerikanischen Politik und Gesellschaft, die mir zunächst noch die Reiselaune verdarben. Scheiß drauf, in New York werde ich mich nicht unwohl oder unwillkommen fühlen, werde nichts vom Liar in Chief merken, keinen Hass und keine Gewalt erleben, sondern fast ausschließlich freundliche und hilfsbereite Amerikaner, manchmal etwas grummelig, meist aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

4 Gedanken zu “Der erste Tag auf der Lower East Side (New York 1 von X)

  1. Cool! Toll, dass Du hier wieder darüber berichtest.

  2. Gangs of New York fällt mir da noch ein und die Five Corners, das ist ganz in der Nähe! Viel Spaß!

  3. Pingback: Das American Museum of Natural History (New York 2 von X) – translate or die

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.