Was für mich starke Frauen in Film, Serie und Literatur ausmacht

Im Zuge des Weltfrauentages kam in meiner Twittertimeline die Frage auf, was starke Frauenfiguren in Literatur, Film und Serie ausmachen, aber auch einiger Unmut über die Formulierung »starke Frauenfiguren«, denn man würde ja auch nicht von »starken Männerfiguren« schreiben.

An Letzterem ist sicher was dran, wer würde in einer Rezension von Stirb Langsam John Mclane als starke Männerfigur bezeichnen. Das ist eher der archaische Standard, den man nicht betonen muss, weil er als Selbstverständlichkeit gilt. Besonders betont werden eher komplex und ambivalent angelegte Männer, wie z. B. Tony Soprano, Don Draper oder Walter White (auf die ich später noch einmal zurückkommen werde).

Das aktuelle Paradebeispiel im öffentlichen Diskurs für eine starke Frau und Feminismus auf der Leinwand ist wohl Wonder Woman, die im gleichnamigen Film so wunderbar von Gal Gadot verkörpert wird. Aber ist sie das wirklich?

Diana ist eine Amazone, ein Übermensch, eine Halbgöttin, die Kugeln mit ihren Armschienen abwehrt, ein magisches Lasso schwingt und es am Ende des Films sogar mit Kriegsgott Ares aufnimmt. Nicht unbedingt repräsentativ für die Frauen in unserer Gesellschaft.

Eine starke Frau ist sie vielmehr im Kontext des Superheldenkosmos neben Superman, Batman oder Captain America, geschaffen in den 1940ern vom Psychologen und Feministen William Marsden und seiner Frau Elizabeth, eben als Gegenentwurf zum Übermenschen Superman. Eine Frau, die sich in einer Jahrtausende alten Männerprofession, dem Heldentum, durchsetzt.

Sie ist aber nicht das, was ich mir unter einer stark geschriebenen Frau vorstelle (auch wenn sie im Film ständig sexistische Konventionen infrage stellt). Trotzdem hat sie ihre Daseinsberechtigung und ist ein wunderbares Vorbild für unzählige Mädchen, die sich an Halloween nicht als Spider-Man oder Batman und schon gar nicht als Prinzessin im rosa Kleid kostümieren wollen.

Ähnlich gelagerte fiktionale Vorbilder sind Rey aus der neuen Star Wars-Trilogie oder Lara Croft (gerade mit neuem Film im Kino angelaufen). Beides Frauen, die sich schlagkräftig gegen fiese Männer und Bösewichte durchsetzen und die Welt oder eine weit entfernte Galaxis retten.

Was ich mir unter starken Frauen in der Fiktion vorstelle, sind eher die Gegenstücke zu den männlichen Aushängeschildern des Golden Age of Television, also zu Tony Soporano, Don Draper und Walter White. Damit meine ich aber nicht Carmela, Betty und Skyler, die zwar alle gut geschrieben sind und sich im Laufe der Serien teilweise von ihren Männern emanzipieren, aber doch in ihrem Schatten bleiben.

Eine stark geschriebene Frauenfigur ist für mich nicht unbedingt eine Frau, die schnell schießt, hart zuschlägt und rücksichtslos intrigiert, wie es Cersei Lannister oder Arya Stark in Game of Thrones tun, oder Lara Croft auf der Leinwand. Ich denke da eher an komplex und ambivalent geschriebene Frauen aus dem normalen Leben, die sich in einer Männerwelt durchsetzen, mit Intelligenz, Kreativität und einem starken Charakter. Frauen wie Cameron How und Donna Clark in Halt und Catch Fire, die sich in der von Männern dominierten Computerbranche nach oben arbeiten, Unternehmerinnen werden und alle Höhen und Tiefen erleben.

Starke Frauen sind für mich alleinerziehende Mütter oder Schwestern, wie Fiona Gallagher in Shameless, die sich gegen alle Widrigkeiten ihrer sozialen Herkunft und gesellschaftlicher Ressentiments durchschlagen, ohne den Mut zu verlieren. Eine Figur, die nicht frei von Fehlern ist.

Ich will mal anhand des Romans Die Nachtigall von Kristin Hannah erklären, wie unterschiedlich solche Frauenfiguren aussehen können. Das Buch spielt während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung in Frankreich. Hauptfiguren sind zwei sehr unterschiedliche Schwestern. Die rebellische Isabelle, die sich der Résistance anschließt und abgestürzte Piloten der Alliierten über die Pyrenäen nach Spanien schmuggelt, und Vianne, deren Mann an der Front kämpft, während sie versucht, sich mit ihrer Tochter in einem kleinen Dorf durchzuschlagen. Isabelle stürzt sich förmlich in die Gefahr, angetrieben durch die unermessliche Ungerechtigkeit der deutschen Besatzung. Vianne möchte einfach nur ihre Tochter schützen und überleben, versucht nicht aufzufallen, keinen Ärger zu machen, freundet sich mit dem deutschen Offizier an, der bei ihr im Haus einquartiert wird. Doch als Lehrerin wächst sie am Ende über sich hinaus und bringt jüdische Schüler in Sicherheit, als diese deportiert werden sollen. Zwei sehr verschiedene Persönlichkeiten, die auf unterschiedliche Weise stark sind.

Starke Frauen hat es in der Popkultur natürlich schon immer gegeben, man denke nur an Ellen Ripley in Alien, Prinzessin Leia in Star Wars oder Xena, die Kriegerprinzessin (ein Spin-Off zu Hercules), blieben aber eher die Ausnahme. Frauen galten in Hauptrollen als Kassengift. Doch die Zeiten ändern sich. Die drei erfolgreichsten Filme 2017 (Die Schöne und das Biest, Wonder Woman und The Last Jedi) haben Frauen in der Hauptrolle.

Auch im Comic gab es schon früh Gegenstücke zu Superman und Batman, Supergirl seit 1959, Batgirl seit 1961. Man beachte: »Girl« nicht »Woman«! Sie konnten aber nie den Erfolg ihrer männlichen Gegenstücke erreichen, da sie vermutlich nicht eigenständig genug und eher aus der Rippe ihrer männlichen Gegenstücke geschnitten wurden.

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, und das waren in den vergangenen Jahrtausenden vor allem Männer, weshalb in fast allen Heldensagen von Odysseus, über Herkules bis zum Affenkönig Sun Wukong in Die Reise nach Westen Männer die Helden sind, während die Frauen zurückbleiben oder Trophäen darstellen, die es am Ende der Heldenreise zu gewinnen gibt (so wie es heute noch in unzähligen Computerspielen der Fall ist).

Die Rollen von Frauen in der Geschichte wurden meist kleingeschrieben und kleingeredet. Man denke nur daran, dass Marie Curry den Nobelpreis nur erhalten hat, weil ihr man sich geweigert hat, den Preis alleine anzunehmen.

Weiter tolle Beispiele für starke Frauen in Film, Serie und Literatur sind für mich Erin Brokovich, Hidden Figures, Nurse Jackie, die teilweise auf echten Frauen beruhen, deren Leistungen vor diesen Werken weitestgehend unbekannt waren.

Ein weiteres gutes Beispiel dafür ist die ausgezeichnete Serie Good Girls Revolt (leider nach einer Staffel eingestellt), in der es um die Klage der Rechercheurinnen des Magazins Newsweek geht. In den 1970ern wurden die Artikel des Magazins ausschließlich von Männern geschrieben, Frauen durften nur die Laufarbeit übernehmen, betrieben dabei meist die ganze Recherche und schrieben die Artikel auch teilweise selbst. Trotzdem stand immer nur der Name eines männlichen Journalisten im Magazin. Natürlich wurden die Frauen auch deutlich schlechter bezahlt. Irgendwann hatten sie die Nase voll und probten den Aufstand bzw. klagten sich ihr ihnen zustehendes Recht gegen diese Diskriminierung ein. Das erforderte durchaus Mut, standen doch ihre Jobs und Karrieren auf dem Spiel. Die Serie arbeitet deutlich hervor, was für ein ambivalente Angelegenheit das für die Frauen war, wie schwer sich manche damit taten, und dass es manchmal ein paar mutige Vorreiterinnen geben muss, die den Rest motivieren.

Natürlich können auch Frauen die kämpfen starke Persönlichkeiten und komplexe Figuren sein, meist werden sie jedoch als sexy Fetisch für ein männliches Publikum inszeniert. Siehe die Brüste und knappen Outfits von Lara Croft in Tomb Raider, die engen Anzüge von Scarlett Johansson als Black Widow bei Marvel oder Motoko in Ghost in the Shell. Gegen eine erotische Ausstrahlung und attraktive Darstellerinnen ist natürlich nichts einzuwenden, aber das sollte nicht das Primärmerkmal der Figur darstellen.

Starke Frau heißt für mich nicht zwangsläufig, dass sie ein besserer Mensch ist, es besser macht als die Männer in vergleichbaren Positionen und Situationen. Claire Underwood aus House of Cards ist durchaus eine komplexe Figur, die sich in einer Männerdomäne nach oben kämpft, ein interessanter Charakter, aber kein überaus moralisch handelnder Mensch.

Über das Gejammer meist weißer Männer, Figuren wie Rey in Star Wars oder weibliche Ghostbuster würden ihre Kindheit, ihr Lieblingsfranchise, ihr Ego oder ihre Potenz zerstören, kann ich nur den Kopf schütteln. Misogynistisches Dreckschleudern von Personen, die nicht in der Lage sind, Frauen auf Augenhöhe mit Respekt zu begegnen.

Wie auch immer, Filme, Serien und Bücher ohne interessante, vielschichtige Frauen werden für mich zusehends uninteressant. Serien wie z. B. Sillicon Valley, die eigentlich nicht schlecht sind, verlieren durch das Fehlen vielschichtiger Frauen deutlich an Reiz für mich. Meine liebsten Serien der letzten zwölf Monate hatten immer auch oder sogar vorwiegend starke Frauen als Hauptfiguren.

Die unvergleichliche, und wunderbar von DeWanda Wise gespielte, Nola Darling in Spike Lees She’s Gotta Have It zum Beispiel, die selbstbewusst und offen Beziehung mit drei Männern gleichzeitig führt und versucht, ihren Weg als Künstlerin zu finden, dabei aber auch verletzlich bleibt.

Oder This Is us, mit der von Mandy Moore gespielten Rebecca, die ihre Gesangskarriere auf Eis legt, um die überraschenden Drillinge aufzuziehen, während ihr Mann Jack das Geld nach Hause bringt, die aber auf Dauer trotzdem nicht bereit ist, den Traum aufzugeben.

Zelda Fitzgerald (Christina Ricci) in Z – The Beginning of Everything, die ihm Schatten ihres berühmten Mannes F. Scott steht, der sich von ihren Tagebucheinträgen mehr als nur inspirieren ließ.

Die dritte Staffel von Love, in der die stets fröhliche Bertie endlich ihren großen Auftritt bekommt und Glück in der Liebe findet, ebenso wie ihre Mitbewohnerin Mikey, die weiter gegen die Sucht ankämpft, sich beruflich festigt und trotz ihrer leichten Abgefucktheit grundsympathisch bleibt.

Die traumatisierte Polizeichefin Laurène Weiss (Suliane Brahim) in Black Spot, die trotz aller Ängste hartnäckig gegen alle männlichen Widerstände ihre Linie durchzieht und jedes Verbrechen unerbittlich verfolgt.

The Expanse gewinnt in der zweiten Staffel deutlich hinzu durch die Figur von Gunnery Sergeant Roberta »Bobbie« W. Draper – gespielt von Frankie Adams -, die zwar ein Top ausgebildete Soldatin ist, ihre große Stunde aber hat, als sie sich gegen ihre verlogene Regierung und für ihr Gewissen entscheidet.

Bad Banks lebt enorm von seiner Hauptfigur, der ehrgeizigen jungen Bankerin Jana, grandios gespielt von Paula Beer, und der Intrigantin im Hintergrund, auf den Punkt genau verkörpert von Désirée Nosbusch.

Sämtliche Frauen in der Westernserie Godless, die sich nach einem Grubenunglück, das ihnen die Männer nahm, alleine an der Frontier durchschlagen müssen. Godless zeigt, dass es auch möglich ist, ein modernes, emanzipiertes Frauenbild glaubhaft in historischen Szenarien zu schildern. Das ist ja gern die Standardausrede für rückständige Frauenbilder in historischen Geschichten: »Das war damals eben so.« War es aber nicht überall und nicht immer. Und genau dort, wo es nicht der Fall war, liegen die interessanten Geschichten.

10 Gedanken zu “Was für mich starke Frauen in Film, Serie und Literatur ausmacht

  1. in The Expanse würde ich auch noch Chrisjen Avasarala erwähnen, die stellvertretende Untergeneralsekretärin der UN. In der Serie dargestellt von Shohreh Aghdashloo, in den Büchern besonders im 2. Band „Calibans Krieg“ eine hervorragende Figur. eine politisch mächtige Frau, die trotzdem Ehefrau ist, Mutter, die einen Sohn verloren hat und Großmutter, mit Geduld für Kinder. Ich find sie eine ganz tolle Figur.

  2. Sehr umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich finde es immer schwierig, Frauenfiguren danach zu beurteilen, ob sie gut geschrieben sind.
    Gerade in Serien hat jede Figur eine bestimmte Funktion. Rollen wie die der Teresa Lisbon in The Mentalist oder von Olivia Dunham in Fringe enthielten sowohl kämpferische als auch tiefergehende persönliche Momente. Reicht das schon?
    Mir gefallen Frauenrollen, die nicht ins Extrem gehen. Liegt vielleicht auch daran, dass ich entsprechende Geschichten nicht mag. Aktuelles Beispiel ist für mich Altered Carbon. Kristin Ortega konnte mich in den bisherigen Folgen nicht überzeugen. Letztlich wird sie auf die Geliebte der männlichen Hauptfigur getrimmt.

    • ja ich denke, das ist immer das größte Problem. Weibliche Figuren werden oft entweder auf eine bestimmte Rolle getrimmt oder sind nur Mann mit Brüsten. Ich find es immer erfrischend, wenn eine Protagonistin menschlich und real wirkt. Wenn sie nicht nur durch reines Sexappeal oder Schlagkraft überzeugt, sondern eben durch Vielschichtigkeit. Was meines Erachtens dabei oftmals ignoriert wird ist, dass dadurch, dass Frauen auf eine bestimme Weise geschrieben werden, auch die männlichen Figuren immer in eine bestimmte Schiene gepresst werden. Es vermittelt dadurch auch das Bild, dass Männer nur in einem begrenzten Rahmen (re)agieren können. Ehefrau/Freundin/Tochter entführt oder ermordet? Lass uns das mit Waffen und Gewalt lösen. laaaangweilig. Dass dabei auch männliche Figuren die nicht diesem Standard entsprechen besonders betont werden müssen, ist für mich ein deutliches Zeichen, dass wir noch weit vom Ziel entfernt sind.

    • Kommt natürlich auch auf die Art der Serie an. Ist es ein Procedural mit Fall der Woche, stecken die persönlichen Hintergründe natürlich zurück. Da braucht es dann viele Staffeln, bis es eventuell eine Entwicklung gibt, wie bei einer Dramaserie mit folgenübergreifender Handlung.

      Bei »The Mentalist« ist es ja eher die Jagd nach Red John, die diesen Bereich abdeckt. Ich mag Lisbon sehr, fand es aber immer schade, dass man so wenig über sie erfahren hat. Olivia Dunham hat mir auch sehr gefallen, in den späteren Folgen ab Staffeln 2 mit dem Alternativuniversum hat sie ja deutlich mehr Facetten erhalten und vor allem auch in den letzten Staffeln.

      Mulder und Scully sind da ja ähnliche Beispiele. Beide stehen stellvertretend für zwei unterschiedliche Fraktionen, die Skeptiker und jene, die dran glauben wollen. Da ist es wohl eher die Fülle an Folgen und Staffeln, die für eine komplexere Persönlichkeit sorgen, weil den Autoren gar nichts anderes übrig blieb.

      Zu den Elementen solcher Serien gehört es eben auch, dass die Zuschauer über mehrere Staffeln mitfiebern, ob die beiden Hauptfiguren irgendwann doch ein paar werden. Dann besteht aber auch die Gefahr, dass bald die Luft raus ist, weil die Chemie zwischen beiden zur Routine wird, wie z. B. bei „Castle“.

      Ortega in „Altered Carbon“ habe ich schon deutlich vielschichtiger empfunden – allein schon durch die Episode, in der sie ihre Abelita zurückbringt und ihre Familie -, auch wenn die Motivation, die sich gegen Ende offenbart, etwas einseitig ist, was ja leider auch für die Schurkin gilt

  3. Ich finde es gut, dass du dich so ausführlich mit diesem Thema auseinandersetzt – auch wenn ich nicht alles nachvollziehbar finde. Gerade Wonder-Woman zielt doch vor allem auf männliches Publikum – und wenn nicht, zeigt das doch nur, wie verschoben das Frauenverständnis ist. Starke Frauen setzen sich in historischen Männerdomänen durch – ja, gut, aber ist das nicht der falsche Anstatz? Gesellschaftskritisch würde ich sagen, wirkliche Veränderung kann nur durch Aufbrechen alter Strukturen kommen, nicht durch Vereinnahmung oder Eindringen in solche.
    Spannendes Thema.

    • Genau das sollte eigentlich mein Punkt sein. Dass ich Wonder Woman eben nicht als Paradebeispiel für stark geschriebene Frauen in Filmen ansehe. Dazu dann weiter unten die Gegenbeispiele aus Serien, die ich für besser halte. Dasselbe gilt natürlich umgekehrt. Nur weil ein Held draufloskloppen kann, ist er noch lange keine starke Männerfigur.

  4. P.S.: Naomi Alderman – Die Gabe.

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