„An guten Tagen siehst du den Norden: Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden“ von Sören Kittel

Einem Buch, das die Kapitelüberschrift Heidi Kang wird nicht gefoltert hat, kann man doch nicht widerstehen? Oder? Man sollte es jedenfalls nicht, denn Sören Kittel liefert hier einen faszinierenden, witzigen und herzlichen Blick in die Gesellschaft und Kultur Südkoreas. Ein Land, in dem es als unhöflich gilt, sich fürs Anrempeln zu entschuldigen, weil man damit erst auf die Tat aufmerksam macht. Es bleibt also vieles unausgesprochen, in dieser Nation, über der eine permanente Traurigkeit liegt, die als Han bezeichnet wird.

Ein Land, das nach konfuzianischer Harmonie strebt, wo sich alle ständig gegenseitig anlügen, um beim Gegenüber keine schlechten Gefühle zu erzeugen, da man ja auch für die Gefühle der anderen verantwortlich sei. Ein Land, das auf mich aus der Ferne deshalb angespannt wie ein Schnellkochtopf wirkt, weil gleichzeitig auch alles ppalli ppalli, also schnell, schnell gehen muss. Ohne mit dieser gesellschaftliche Konvention zum Lügen vertraut zu sein, dürfte es den Meisten aus dem Westen z. B. schwerfallen, das Ende des koreanischen Erfolgsfilm Old Boy zu verstehen. Ich weiß noch, wie ich im Kino saß und dachte: »Der ganze Aufstand wegen einer solchen Kleinigkeit?!«. Doch in koreanischem Denken ist die ganze Handlung wohl vollkommen logisch nachzuvollziehen. Auch half mir das Buch dabei, zu verstehen, warum im Zombieapoklypsenfilm Train to Busan eben jene Stadt Busan die letzte Bastion ist, die den einfallenden Horden Widerstand leistet, sowie einst beim Überfall Nordkoreas 1958.

Ein Land, das rasend schnell aus der Diktatur zur Industrie und High-Tech-Nation aufstieg, während sich die Führer gleichzeitig von Geomanten beraten lassen, damit die Gebäude auch im richtigen Energiefluss stehen.

Geschickt webt Kittel die Geschichte Koreas in seine Treffen mit Koreaner und in Korea lebenden Ausländern ein, immer nur kleine Häppchen, die nie in Infodump ausarten und zur Umgebung passen, in der er gerade unterwegs ist. Dabei richtet er sich, in seiner Suche nach dem Han, ausgehend von der Stadt Seoul nach den Himmelsrichtungen: Westen, Süden, Osten. Der Norden bekommt keinen eigenen Teil, ist aber wie in Korea stets präsent und Thema.

Kittel trifft viele junge Menschen, denen das starre Korsett der koreanischen Gesellschaft, all diese Verpflichtungen und Traditionen gegenüber den Älteren, dem Arbeitgeber und der Familie das Leben schwer machen: Unverheiratet zusammeleben ist verpönt, mit dem Chef muss man abends immer noch einen trinken gehen, alleinerziehende Mütter werden geächtete usw. Konformismus steht an der Tagesordnung und wird zur Staatsmaxime erhoben. Individualismus, Selbstverwirklichung, das Streben nach Glück, all das wird in Südkorea nicht gerne gesehen. Dort herrscht noch militärsicher Drill bis in den Alltag hinein.

Mit Sängerin Yozoh hat sich Kittel auch getroffen.

Also ergreifen viele junge Koreaner die Flucht und ziehen ins Ausland. Die Uni bietet da eine gute Möglichkeit, meine direkte Zimmernachbarin im Studentenwohnheim kam auch aus Südkorea, ist immer still und zurückhaltend gewesen, nur wenn ihre koreanischen Freundinnen zu Besuch waren, hörte man lautes Gelächter aus ihrem Zimmer.

Das ist der Preis den dieses Land für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg bezahlt. Bauprojekte werden im Handumdrehen umgesetzt, Flughäfen und ganze künstliche Städte (Songdo) entstehen fast über Nacht. Einher geht dies mit einem stark ausgeprägten Nationalismus, dem Streben, das Korea besser sein will als die anderen.

Auch einher geht dabei ein wohl aus einem Minderwertigkeitsgefühl und den vielen Jahrhunderten der Fremdbestimmung (Protektorat von China, japanische Besatzung) entstandener Rassismus. Es gibt z. B. Abende, an denen in manchen Bars und Restaurant keine Ausländer erlaubt sind, weil man mal unter sich bleiben möchte, nicht immer Englisch reden will.

Ich bin noch nie in Südkorea gewesen, und vor der Lektüre dieses Buches wusste ich relativ wenig über das Land. Koreanische Filme schaue ich schon seit über einem Jahrzehnt sehr gerne. Der erste, an den ich mich bewusst erinnere, ist Save the Green Planet, ein irrer Genremix aus Verschwörungsthriller, schwarzer Komödie und Science Fiction. Es folgten Werke von Kim-Ki duk (Bin-Jip), Park Chan-wook (Oldboy), Thriller wie The Chaser oder I Saw the Devil, Horror wie The Wailing oder Train to Busan, oder historische Filme wie Sword in the Moon und The Assassin.

All diesen Filmen, und auch allen anderen, ist gemein, dass sie eine gewisse Härte enthalten, etwas leicht Abgründiges, selbst bei den Komödien lauert da etwas Düsteres unter der Oberfläche, das ich nie so ganz greifen konnte. Dieses Buch von Sören Kittel hat mir dabei geholfen, dies und die koreanische Gesellschaft etwas besser zu verstehen.

Ein faszinierender Blick in eine Kultur, die auf den ersten Blick der japanischen sehr zu ähneln scheint, bei genauerem Hinsehen jedoch einige gravierende Unterschiede aufweist, die Kittel als kluger Beobachter dokumentiert und analysiert.

Ein Jahr lang hat Sören Kittel in Südkorea gelebt und auch die Sprache halbwegs gelernt, was gerade in dieser verschlossenen Gesellschaft von enormem Vorteil ist. Eine gewisse Trinkfestigkeit dürfte auch nicht geschadet haben. Aber einige Koreanerinnen haben sich Kittel gegenüber geöffnet, gerade weil er Ausländer ist, weil sie endlich mal bei jemandem Dampf ablassen können, der sie nicht dafür verurteilt so egoistisch zu sein, auch mal das eigene Glück im Blick zu haben.

P. S.
Als das Buch geschrieben wurde, war übrigens noch Park Geun Hye, die Tochter des ehemaligen Diktators, noch Präsidentin, inzwischen steht sie wegen Korruption vor Gericht. Kommt auch nicht oft vor, dass mächtige Politiker oder Industrielle vor Gericht landen, doch die Zeiten scheinen sich langsam zu ändern.

Und was die Arbeitszeit angeht, da wurde jetzt die maximale Wochenarbeitszeit von 68 auf 52 Stunden gesenkt (zumindest offiziell).

7 Gedanken zu “„An guten Tagen siehst du den Norden: Südkorea zwischen Geistern und Glasfassaden“ von Sören Kittel

  1. Interessant, das Buch werde ich mir auch holen. „Save the green planet“ war auch mein erster koreanischer Film, zeitgleich mit „Whispering corridors“. Der beste mir bekannte Film aus Südkorea ist aber „Bystanders“, der diesen gesellschaftlichen Druck besonders bei Schülern thematisiert und auch stark kritisiert.

    • „Bystanders“ habe ich gesehen, auf dem Fantasy Filmfest, wenn ich mich nicht alles täuscht, wo ja viele gute koreanische Filme laufen. „Oldboy“ habe ich damals noch im alten Residenz in Köln gesehen.

    • Dieses Unverständnis dafür, dass asiatische Filme oft anders inszeniert sind, weil diese Kulturkreise anders funktionieren, findet man leider häufig. Da hört und liest man dann häufig, die Filme seien zu Pathetisch, es wäre zu viel Dram, zu aufgesetzt usw. Was Südkorea angeht, erklärt das Buch von Sören Kittel gut, warum koreanische Filme anders funktionieren und was die dortige Gesellschaft und Kultur so besonders macht.

    • Auf Amazon Prime habe ich gestern „Die Taschendiebin“ („The Handmaiden“ von Park Chan-wook gesehen, der ist auch großartig, basiert allerdings auf einem englischen Roman.

  2. Ich lese das Buch momentan, es ist wirklich sehr gut geschrieben und die Einblicke in das koreanische Leben sind hochinteressant. Leider hat sich Dumont bei der Fehlerkorrektur recht wenig Mühe gegeben, das schmälert den guten Eindruck etwas. Aber insgesamt ist es bisher eine hochinteressante Sache. Danke für den Tip:-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.