Haus mit dünnen Wänden

Von meiner ehemaligen Berliner Wohnung.

Das Haus: ein hässlicher Klotz, versteckt in einem Hinterhof, mit schmutzigen Wänden und verschmierten Fenstern, aus denen müde Gesichter blicken. Zwei Eingänge, einer links und einer rechts, mit quietschender Tür, der Lack längst rissig. Die Stufen im Treppenhaus mit Müll geschmückt; drei Stockwerke bis zur Wohnung. Der Flur bedrückend eng, klaustrophobisch; das Bad eine Kammer. Das Zimmer groß, die wellig roten Bodenbretter knarzen bei jedem Schritt. Die Fenster alt, schwer zu öffnen, der Wind pfeift durch die Ritzen. Die Küche klein, eine Spüle ein Herd, Platz für einen Tisch und ein Regal. Die Wände: dünn.

Mein neues Leben, in der großen Stadt, die angeblich niemals schläft. Ob hier alle Wände dünn sind?

Der Umzug ging schnell, musste schnell gehen. Meine Eltern halfen. Das Dorf rasch verlassen, die Bücher die Treppe hochgeschleppt. Das Bett aufgebaut, ein Schreibtisch, ein Fernseher, Kleiderschrank und Sofa, auf dem Boden ein orangefarbener Teppich, der die wrackartigen Planken verdeckt. Nachdem die Bücherregale stehen, alles eingeräumt ist und die Filmposter an der Wand hängen, sieht es fast gemütlich aus.

Nachts liege ich im Bett, der Mondschein nur leicht gedimmt durch die Vorhänge, keine Rollläden. Der Blick an die weiße, hohe Decke hilft dabei, mich auf die Geräusche aus der Umgebung zu konzentrieren: das Heulen der Sirenen, das Klappern leerer Bierflaschen, dröhnende Motoren bei nächtlichen Straßenrennen, lautes Poltern vom nahen Verladebahnhof, explosionsartige Geräusche deren Ursprung verborgen bleibt.

All das wird bald zu Hintergrundrauschen, so wie auf dem Land das Rascheln der Blätter im Wind, das Schuhuen der Eulen in der Nacht, das Rauschen der Autobahn in der Ferne. Alles, was das Gehirn nach einer Gewöhnungszeit automatisch ausblendet. Es bleiben die Geräusche im Haus, der Soundtrack der Leben meiner Nachbarn.

Eine ploppende Bierflasche, deren Kronkorken nach kurzer Flugphase klappernd auf den nackten Dielen landet. Das rhythmische Wummern basslastiger Musik. Gelächter. Späte Ruhe, durchbrochen von heftigem Husten im Winter, den Soundeffekten einer Erkältung.

Lange bevor ich meine Nachbarn zu Gesicht bekomme, bin ich bereits vertraut mit all den Klängen, die sie von sich geben. Rauschende Klospülungen, zugeschlagene Türen, quietschende Schritte nasser Schuhe auf Linoleumstufen, schepperndes Geschirr. Elektrisches Summen von Türklingeln, das Mark und Bein durchdringt, wie ein Folterer mit Autobatterie.

Die Wände im Haus, nicht nur schief, auch dünn.

Die Wohnung, meine Festung der Einsamkeit, der eigene Safe Space, penetriert vom Schall aus den Nachbarwohnungen. Meist nervig, invasiv, manchmal auch wunderschön. Wenn das Klavier der Meisterpianistin aus der Südsee erklingt, Rachmaninoff, Chopin, Schostakowitsch, stundenlang, im Sommer, bei über 30 Grad im Zimmer, und doch so erfrischend.

Vergessen ist die laute Stimme aus der Wohnung unter mir, basslastig, tief, rau und aggressiv, nur übertönt vom ohrenbetäubenden Lärm aus den Boxen: türkische Diskomusik und stotternder, deutsche Assihiphop, der den Fußboden vibrieren lässt.

Die Klangwelten der Großstadt wabern durch den Äther, der soundgewordene Wahnsinn Berlins verdichtet in Schallwellen: ratternde Trolleys auf vermülltem Asphalt; klackernde Stöckelschuhe leichtbegleideter Fashion-Week-Victims; ängstliches Schlurfen zukünftiger Opfer; verstohlenes Trippeln verhasster Dealer; das ewige Klirren verarmter Pfandflaschensammler; das Lachen und Brüllen jener, die es nur mit konstantem Alkoholzufluss in der Eckkneipe durch den Tag und die Nacht schaffen; das Trommeln, Pfeifen und Raunen, jener, die gegen alles oder nichts demonstrieren, Chemtrails, Impfgehirnwäsche und die Deutschland GmbH, das wahnsinnige Funkeln der Augen in schrillen Kadenzen auf die Stimme übertragen.

Die Großstadt, ein Füllhorn an Klängen und Geräuschen, von denen jedes eine eigene Geschichte erzählt, denen ich lausche, ob ich will oder nicht, in meinem Haus mit dünnen Wänden.

6 Gedanken zu “Haus mit dünnen Wänden

  1. Und ein Pratchett mitten im Regal! ❤

    • Das Foto ist entstanden, als das Buch gerade erschienen ist. Und das Cover hat mir so gut gefallen, vor allem auch im Vergleich zu den neuen deutschen, dass ich es einfach gut sichtbar platzieren musste.

      • Die Goldmann-Cover gefallen mir auch nicht. Die von Piper find ich total nett aber da gibt es leider nicht alle Bände. :/ mit ein Grund warum ich Pratchett bisher fast nur als Ebook habe, weil die deutschen Editionen alle nicht zusammenpassen. Ein Paar von Goldmann und Piper hab ich allerdings auch im Regal. Ich hoffe trotzdem noch auf eine einheitliche Ausgabe all seiner Romane.

      • Ich mag die älteren Cover von Josh Kirby, mit den Wimmelbildern.

  2. Ja, ja, und hinter dem Pterry hast du dann die Eriksons versteckt. 😉

    Ansonsten – stimmungsvoller Text. Ich habe ähnliche Erinnerungen an Berlin (auch wenn die Geräusche damals zum Teil anders waren) aus einer Zeit vor vielen, vielen Jahren, in der ich einen Kumpel besucht habe, der auf diese Insel mitten im Meer des realen Sozialismus 😉 gezogen war, um vorm Bund zu fliehen. Und ich war ganz froh, als ich nach drei Wochen wieder in meinem Dorf war …

    • Danke. Genau genommen verstecken sich die Eriksons hinter „Monty Pythons Flying Circus“. 😉 In meinem aktuellen Bücherregal können sie aber vollkommen frei atmen und sich schön der Öffentlichkeit präsentieren. Zu meinem ersten Berlin-Besuch arbeite ich gerade an einem Text in der Rubrik „Lesezeichenarchäologie“, da ich kürzlich ein Lesezeichen aus der Ufo-Buchhandlung wiederentdeckt habe. Dieser Besuch (Anfang der 2000er) hat mir auch noch keine Lust auf die Großstadt gemacht.

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