„Die Chroniken von Azuhr: Der Verfluchte“ von Bernhard Hennen

Als Bernhard Hennen im Oktober 2016 bei mir im Dorf eine Lesung durchführte, erzählte er von seiner neuen Trilogie, die bei Fischer Tor erscheinen solle. Viel verriet er nicht, nur das Grundkonzept der Welt, bei dem ich aber dachte: »Nicht schlecht, das könnte was werden.«

Im Februar 2017 sagte mir dann Fischer/Tor-Programmchef Hannes Riffel, ich solle vergessen, was damals erzählt wurde, man habe so einiges geändert. Da dachte: »Oha, ob das was wird?«

Und es wurde. Schon der 75 Seiten lange erste Teil hat mich so richtig umgehauen. Mit einem so unerbittlichen Auftakt hatte ich nicht gerechnet. Danach normalisiert sich die Handlung um den Erzpriester Nandus, seinen rebellischen Sohn Milan und einige richtige Rebellen in der mediterranen Hafenstadt Dahlia, doch eine gewisse Kompromisslosigkeit bleibt der Geschichte erhalten. Erfrischenderweise hält sich die Magie über weite Teile des Buches noch zurück, so dass es vor allem um Diebe, Meuchelmörder und Spione geht, die in finstrer Nacht über Dächer schleichen, um Geheimnisse zu stehlen.

Das liest sich in den ersten zwei Dritteln fast wie ein historischer Roman, nur eben in unbekannten Gefilden und einem ganz interessant durchgemischten Weltenbau mit Anleihen bei den florentinischen Handelsfürsten wie der Medici in der frühen Renaissance und den Dogen von Venedig, dazu eine Brise chinesisch-mongolischer Einflüsse.

Im letzten Drittel schwächelt der Roman ein wenig. Ab dem Punkt, ab dem es mit den Mären so richtig losgeht (auf die ich hier aus Spoilergründen nicht weiter eingehen werde, erinnert aber ein wenig an die Kaltfeuer-Reihe von Celia S. Friedman), da verliert er für mich teilweise seine Ernsthaftigkeit, seinen bisher teils gnadenlosen Ton. Nicht, dass ich was gegen Humor einzuwenden hätte, aber die Art, wie der historische Realismus, mit dem Hennen bis dahin an die Geschichte herangegangen ist, gebrochen wird, ist für mich ein Bruch mit der Immersion, die die Geschichte für mich bisher so gut funktionieren lies. Nicht jener Teil in Arbora – der ist gut umgesetzt -, doch die Episoden an den Brücken und mit dem Wagen/Speer im Schwertwald (für jene, die das Buch schon gelesen haben).

In einem Interview bezeichnet Bernhard Hennen dies auch noch als seine Lieblingsszene, und für sich stehend ist die auch sehr witzig und der naive Riese sehr unterhaltsam, für mich hat es aber nicht zum Ton des restlichen Romans gepasst

Das trübt den Spaß an der Lektüre aber nicht wirklich, auch wenn die Geschichte gegen Ende etwas zerfasert wirkt, bekommt sie rechtzeitig den Bogen und fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild.

Im Herzen des Romans steht der Konflikt zwischen Vater und Sohn, also zwischen Nandus und Milan. Milan soll Erzpriester werden, ist auf seinen knallharten Vater, der ihm keine schöne Kindheit bescherte, nicht gut zu sprechen und begehrt gegen ihn auf (unter anderem indem er sich erst in eine Konkubine verliebt, dann in eine Rebellin) – teils mit drastischen Folgen. Ein zeitloses Thema, doch Bernhard Hennen spricht durchaus auch aktuelle Themen an, wie asymmetrische Kriegsführung, und wie man ihr begegnen soll, oder die Macht von Fake News und alternativen Fakten. Da es sich um eine Fantasyroman handelt, darf eine Prophezeiung aber natürlich nicht fehlen, ob diese jetzt unter Fake News fällt oder eher in den Bereich Zukunftsprognose, müsst ihr selbst herausfinden. Dem Roman merkt man jedenfalls an, dass er bis ins Details ausgezeichnet recherchiert ist und vieles aus der realen Welt und unserer Geschichte mit phantastischen Elementen mischt. Mir hat er so gut gefallen, dass ich tatsächlich versucht sein könnte, auch Band 2 zu lesen. Und mit Mehrteilern habe ich es ja inzwischen nicht mehr so.

Loben möchte ich an dieser Stelle auch noch die tolle Aufmachung mit einem effektiv genutzten und hübsch gestalteten Klappenbroschur, dem blauen Farbstich und der schicken Karte, so macht da Buch auch optisch im Regal was her.

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